Heimsuchung, Kapitel 11: Konfrontation

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Sananka betrat die Akademie erst kurz nach der Mittagszeit. Zwei Stunden würde sie gleich an den Schwertübungen teilnehmen, danach hatte sie etwas Zeit, Kleidung zu flicken. Ein ordentlich gefalteter Stapel lag auf dem Tisch bereit. Gerade hängte Sananka ihre Nähtasche über eine Stuhllehne in der Zeugkammer, da kam Cathlyn herein. Mit ärgerlichem Blick langte sie nach Sanankas Kragen. Sananka reagierte rasch genug, zog einen Arm aus ihrer Jacke und entwand sich dem Griff. Verblüfft stand Cathlyn mit der Jacke in der Hand dort und Sananka grinste. „Das war nicht nur Glück.“
Der Blick, mit dem Cathlyn sie maß, war eine Mischung aus Verständnislosigkeit und unverhohlenem Hass. Sananka lachte trocken und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich lass dich nicht mehr auf mir herumtrampeln.“
Dass Cathlyn nicht die schnellste Denkerin war, wusste Sananka schon lange. Sie war nicht dumm, aber nicht in der Lage mit Überraschungen umzugehen. Und genau das konnte Sananka ausnutzen; das war Cathlyns größte Schwäche.
„Das werden wir ja sehen!“, stieß Cathlyn zwischen den Zähnen hervor und warf die Jacke zu Boden. Erneut ging sie auf Sananka los und holte aus. Doch Sananka wich nicht zurück, sondern trat einen Schritt auf die Gardeschülerin zu. Sie bückt sich, hob ihre Kleidung auf und tauchte gleichzeitig unter dem Schlag hindurch. In einer fließenden Bewegung legte sie die Jacke zu ihrer Tasche auf den Stuhl und wandte sich wieder Cathlyn zu. Die Tür hatte sie nun im Rücken. „Ich hoffe, du hast viel Ärger wegen des zerrissenen Hemdes bekommen.“ Sananka grinste zynisch, drehte sich um und ließ Cathlyn stehen. Kaum war sie im Flur, lief sie schneller und war bereits an der nächsten Ecke, als Cathlyn wütend aus der Zeugkammer platzte. Hier kamen Sananka schon andere Gardeschüler entgegen. Und hier würde sich Cathlyn keine Blöße geben.
Die Hände in den Hosentaschen schlenderte Sananka hinaus auf den Platz und grüßte ein paar Schüler. Kurz danach stapfte Cathlyn hinterher. Sananka sah sich die Übungsschwerter auf dem Waffenständer an. „Das … du kleines Miststück!“, war das erste, was Cathlyn von sich gab.
Sananka drehte sich zu ihr um und tat, als wisse sie nicht, wovon sie sprach. „Äh, meinst du mich?“
„Klar meine ich dich! Du bist ein hinterhältiges Miststück!“
Sananka schüttelte unwissend den Kopf. „Was habe ich gemacht?“
„Das weißt du ganz genau!“
„Ach ja?“
Cathlyn kam drohend auf sie zu und Sananka wich an den Waffenständer zurück. Die Gardeschülerin ragte vor ihr auf, zwischen ihnen war nur das Übungsschwert, das Sananka in den Händen hielt. Doch wie erwartet, hielt jemand Cathlyn ab. Einer der besseren Schüler griff nach Cathlyns Schulter und Sananka hatte Mühe, nicht zu feixen. „Komm Cathlyn, wir wissen alle, dass du sie nicht leiden kannst und du ihr die Gedärme aus dem Leib prügeln könntest.“ Es war Jeydon, der Prüfling, den sie neulich noch auf dem Markt getroffen hatte.
„Und alles nur wegen einem Jungen“, kicherte Haje.
Cathlyn riss sich los und funkelte die anderen Gardeschüler an. „Ihr habt keine Ahnung! Sie ist nicht das, was sie vorgibt, zu sein.“
„Sie ist eine Schneiderin, die kämpfen will“, lachte jemand. Die Tatsache, dass Sananka sich bei den Übungen nicht besonders gut anstellte, hatte immer schon für Belustigung unter den Schülern gesorgt. Jetzt würde es ihr helfen, Cathlyn in die Schranken zu weisen.
Endlich schien auch Cathlyn zu verstehen, was hier vor sich ging. Fassungslos sah sie zwischen den Anwesenden hin und her. Sananka hob die Schultern und grinste schief.
Verärgert schrie Cathlyn ihren Frust heraus, stapfte zu dem Waffenständer und nahm eines der Schwerter. Mit der Spitze deutete sie auf Sananka. „Ich möchte heute mit ihr üben!“
„Das wird Meisterin Ituren nie zulassen“, sagte Jeydon. Einige andere nickten und sogar Enyo meldete sich nun zu Wort. „Ituren lässt dich nicht mal gegen mich antreten.“
„Das ist mir egal!“ Sie blicke Sananka ärgerlich an. „Komm schon! Drückst du dich jetzt?“
Sananka sah sich zwischen den Gardeschülern um, als wisse sie nicht, was das zu bedeuten hatte. Sollte sie nun wirklich Prügel einstecken, nur um Cathlyn dumm dastehen zu lassen? Najesas Tarnung funktionierte bestens, aber ab und zu durfte sie gewinnen. Zwar war sie im fairen Schwertkampf Cathlyn sicherlich nicht gewachsen. Doch mit kleinen Tricks konnte sie siegen, ohne ihre wahren Fähigkeiten zur Schau zu stellen. Und wenn Cathlyn wütend war, machte sie Fehler.
Der Gedanke gefiel Sananka und sie wischte sich mit einer Hand über das Gesicht, um ein Lächeln zu verbergen. Stattdessen sah sie Cathlyn mürrisch entgegen. „Du hast einen verdammt schlechten Tag, hmm? Was ist passiert? Hat Kyle wieder den Helden gespielt und dir gesagt, dass du aufhören sollst, auf mir herumzuhacken?“, höhnte sie und verdrehte die Augen.
„Es geht nicht um Kyle!“, hielt Cathlyn dagegen.
„Klar.“ Sananka schüttelte die blonden Locken. Zustimmendes Kichern unter den Schülern bestätigte Sanankas Worte. „Es ging ja nie um Kyle. Aber weißt du was? Ich habe ihn nie darum gebeten, sich als Beschützer aufzuspielen. Im Gegenteil: Du kannst ihn haben.“
In Cathlyns Blick funkelte es. Sie wütend zu machen, war so einfach.
„Aber ich glaube, er will dich nicht. Er ist nämlich einer von den Guten, du nicht.“
„Du Aas!“ Hätte Jeydon nicht noch bei ihnen gestanden, hätte sich Cathlyn bestimmt sofort auf Sananka gestürzt. „Du weißt ganz genau, dass das nichts mit Kyle zu tun hat!“, blaffte sie und gab Jeydon einen Stoß.
„Ach nein?“
„Schneiderlein, hör auf!“, warnte nun auch Jaydon und griff nach Cathlyns Arm.
„Warum?“, fragt Sananka und ließ prüfend ihr Schwert durch die Luft sausen. „Besser, sie verprügelt mich hier, als irgendwo in einer Gasse.“ Auffordernd sah sie Cathlyn an. „Na schön, aber hau nicht zu fest zu, ja?“
Cathlyn riss sich mit einem Ruck von Jeydon los und folgte ihr auf das Feld. Sananka verkniff sich das Lächeln.
„Hältst du das für eine gute Idee?“ Enyos sah sie mit großen Augen an.
Sananka hob die Schultern und nahm ihre Kampfposition ein. „Na, mehr als ein paar Knochen brechen kann sie mir hier ja nicht, oder?“
Doch zu einem Angriff kam es nicht. Jeydon und Haje stellten sich Cathlyn in den Weg. „Was willst du damit beweisen?“, fragte er Cathlyn.
„Ich will euch zeigen, dass sie mehr kann, als sie zugibt. Sie ist nicht das hilflose Schneiderlein!“
„Nein, bin ich nicht.“ Sananka schob sich zwischen den beiden Schülern vorbei. „Und ich will auch nicht, dass mich jemand beschützt, verdammt noch mal.“
„Deswegen ist sie hier“, hallte Meisterin Iturens dunkle Stimme über den Platz. Die hochgewachsene Schwertkämpferin musste bereits eine Weile zugesehen haben und maß Sananka mit einem scharfen Blick, ehe sie sich Cathlyn zuwandte. „Sie ist hier, um zu lernen, sich zu verteidigen. Du bist Gardeschülerin und Prüfling noch dazu. Du wirst ausgebildet, die Stadt zu beschützen. Menschen wie sie. Du wirst nicht gegen sie antreten. Cathlyn, dein Partner für heute wird Enyo sein. Lerne zu respektieren, dass es nicht jedem so leicht fällt wie dir. Sananka, du übst mit Belyn.“
Cathlyn warf Sananka einen Blick zu. Wäre er ein Dolch, hätte er mehrfach auf sie eingestochen und ihr danach die Kehle durchgeschnitten. Auch, wenn Sananka Cathlyn lieber vor aller Augen vorgeführt hätte, sie hatte zumindest einen Teilsieg errungen.
Die Schwertübungen mit Belyn, einem breiten und kräftigen aber dafür langsamen Jungen, erwiesen sich als einfacher, als Sananka gedacht hatte. Mit dem Versuch, seine Schläge zu parieren, ließ sie sich mehrmals zu Boden drängen. Die zwei Stunden vergingen rasch und die Schüler wurden zu Leibesübungen verdonnert, während Sananka sich mit schmerzenden Armen auf den Weg in die Zeugkammer machte.
Nach einer Begutachtung der Kleidung wählte sie eine Handvoll aus, die sie erledigen konnte, bevor die Gardeschüler zum Abendessen gingen. Cathlyn würde garantiert noch einmal hier auftauchen und hoffentlich vor Wut in Flammen aufgehen, wenn Sananka fort war. Stich um Stich setzte Sananka und malte sich aus, wie sehr sie Cathlyn damit wohl reizte. Den ersten Ärmel hatte sie bereits in eine wieder ansehnliche Form gebracht, da erschien jemand in der Tür. Kyle blieb im Türrahmen stehen und sah sie an, ohne etwas zu sagen. Was er wollte, konnte sie nur vermuten. Sie hätte ihn nicht am Tatort ansprechen und zulassen sollen, dass er von ihrer Anwesenheit erfuhr. Im Nachhinein ärgerte sie sich über sich selbst. „Was?“, fragte sie.
Kyle schloss die Tür hinter sich. „Warum warst du gestern da?“
Also hatte sie recht. Sananka grinste, auch wenn ihr nicht danach zumute war. „Weil ich gerne abends durch die Stadt stromere und ab und zu sogar mal in eine Taverne gehe.“
„Und warum warst du so lange beim Tatort?“
Sananka hob die Schultern und nahm die Schere zur Hand. „Da ist eine Taverne in der Nähe, da war ich drin, nachdem ich Pela gesehen hatte.“ Mit einem Schnitt war der Faden durchgetrennt und Sananka legte das Hemd zur Seite. „Dann kam jemand aufgeregt reingerannt und hat davon erzählt, dass was passiert sei und, naja, ich war neugierig.“ Sie sah von der Hose auf, die sie nun auf dem Schoß liegen hatte. „Sonst noch was, Herr Inspektor?“
Kyles Kiefer bewegte sich, als knirsche er mit den Zähnen. Da hatte sie also einen Nerv getroffen. Hatte er gehofft, sie würde nicht merken, dass er sie befragte? Dennoch seufzte sie. Auch, wenn sie ihn ansonsten belog, zumindest konnte sie in Einem die Wahrheit sagen: „Hör mal, ich war ganz schön durch den Wind, als ich Pela gesehen habe. Ich wollte einfach nur, keine Ahnung, ich habe mich setzen wollen und irgendwas trinken. Das ist alles.“
Langsam nickte Kyle und fand endlich seine Sprache wieder. „Also bist du dir sicher, dass es Pela ist?“
„Ja, bin ich“, presste sie den Satz an einem Pfropfen in ihrer Kehle vorbei, der ihn lang und dünn machte – selbst in ihren Ohren klangen die Worte verloren. Sie schluckte. Natürlich war sie sich sicher. Sie beobachtete den Geist mittlerweile seit mehreren Nächten. Trotzdem saß jedes Mal ein Bienenschwarm in ihrem Magen, der von dem kalten Wispern davon schwirren wollte und ihr mit Stichen befahl, das gleiche zu tun. „Leider. Es ist Pela.“
Erst, als Kyle sich bewegte, wurde Sananka klar, wie steif er die ganze Zeit dagestanden hatte. Erneut nickte er und tat einen Schritt auf sie zu. Was immer er zu sagen hatte, es fiel ihm schwer. „Wärst du bereit, Pela auf der Westwache zu identifizieren?“
„Was?“ Mit Vielem hatte sie gerechnet, doch nicht mit dieser Bitte.
„So lange nicht klar ist, wessen Geist die Stadt heimsucht, kann sie nicht aufgehalten werden.“
Eine Vorstellung davon, wie das aussehen mochte, hatte Sananka. Geister wurden verbannt und Verbannung bedeutete Vernichtung. „Und du meinst, es würde helfen, wenn denen jemand sagt, dass es Pela ist?“
Erneut nickte Kyle, musterte den Boden und murmelte sogar ein „Bitte“.
Sananka öffnete den Mund, wusste aber im ersten Moment nicht, was sie dazu sagen sollte. Pela hatte um Hilfe gerufen, ehe sie gestorben war. Sie rief noch immer um Hilfe. Jedes Mal, wenn sie erschien, drang das verzweifelte Flüstern zu ihr durch und zerrte an ihrem Verstand. Sie wollte diesen Dämon zur Verantwortung ziehen, sie suchte Dennet. Also schüttelte Sananka den Kopf. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Sag du es ihnen doch einfach.“
„Ich habe sie nicht selbst gesehen.“
„Gibt es nicht noch andere Zeugen? Ich meine, sie wimmert die ganze Zeit, das muss doch jemand gehört haben.“
Kyles Blick traf den ihren. „Vielleicht. Das werde ich jetzt herausfinden“, sagte er zögern.
Es war nur eine flüchtige Falte auf seiner Stirn und dieser Tonfall, der Sanankas Befürchtung bestätigte: Pela sprach zu niemand anderem. Die nächsten Worte wählte Sananka mit Bedacht. „Ich werde es mir überlegen, ja? Ich habe nämlich keine Lust, mich über das Waisenhaus ausquetschen zu lassen.“
„Danke.“ Mehr sagte Kyle nicht, ehe er ging und Sananka mit einem wirbelnden Gedanken zurückließ. Sie hätte Kyle nicht sagen dürfen, dass es Pela war. Sie hatte nicht über Konsequenzen nachgedacht und dem Drang nachgegeben, es jemandem zu erzählen. Nun blieb ihr keine Zeit. Kyle hatte ihr etwas Wichtiges verraten. Als sie die Erkenntnis festhielt, leuchtete sie so klar wie die magischen Lampen: Allein sie schien Pelas Hilfeschrei zu vernehmen. Und allein sie konnte ihr helfen.

 

 

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#NaNoWriMo-Vorbereitung: Maezaye DiVentin (Charakterinterview)

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Die Klinke der Tür bewegt sich, dennoch dauert es mehrere Sekunden, ehe die Frau endlich eintritt. Ihr Blick schweift durch den Raum, fixiert die beiden Stühle, die vor dem Schreibtisch stehen. Als Erstes fällt mir der handtellergroße Pyrit auf, den sie in einer Kette eingefasst um den Hals trägt. Bedachten Schrittes geht sie mir entgegen und ordnet den grünen Mantel, der ihre Hosen wie ein langer Rock umflattert. Sie faltet die Hände und lächelt. „Einen von den Göttern gesegneten Abend“, grüßt sie knapp und wartet darauf, dass sie platz nehmen darf. Die Rüschen ihres Hemdes streifen über die Lehnen des Stuhls, als sie sich setzt und beide Hände flach auf die Lehnen legt ohne sich anzulehnen. So schaut sie mir mit unruhigen grünen Augen entgegen und wartet auf die angekündigten Fragen.

Wie ist Euer Name?
„Maezaye DiVentin“, entgegnet die Frau und schaut zu, wie ich den Namen notiere. Mit einem Finger reibt sie sich über die blasse Narbe an ihrem Kinn, die sich hell von ihrer Haut abhebt und die auch die Strähnen ihrer roten Haare nicht verbergen können. „Gestattet mir eine Frage“, beginnt sie und wirft einen Blick auf das Namensschild auf dem Schreibtisch. „Informationesinspektorin Gordon. Welchem Zweck genau dient diese Befragung?“

Es handelt sich um eine allgemeine Datenerhebung. Die Daten dienen nur Eurer Charakterisierung und werden für nichts anderes verwendet.
Meazays runzelt die Stirn, nickt aber.

Ihr habt Familie?
Maezaye nickt erneut. „Sicher. Mein Vater Erest DiVentin, meine Schwester Tiziana DiVentin. Ebenfalls in unserem Hause zu Gast sind derzeit meine Tante Faelicita DiVentin und ihr Sohn, mein Cousin, Yincent DiVentin.“

Eure Mutter lebt nicht in Eurem Hause?
„Meine Mutter verstarb vor einigen Jahren bei einem tragischen Unfall“, entgegnet Maezaye sachlich und lächelt. Ihre Finger umfassen die Stuhllehne jedoch etwas fester.

Mein Beileid. Was ist Eure Berufung?
Maezayes Lächeln wirkt eingefroren, als sie antwortet. „Bedauerlicherweise war es mir nicht erlaub, mein Studium der arkanen Künste nach dem Tod meiner Mutter weiterzuführen. Derzeit habe ich keine Berufung.“

Wie finanziert Ihr Euch?
„Mein Vater betreibt ein florierendes Handelsgeschäft.“

Ich habe noch ein paar persönlichere Fragen, wenn Ihr gestattet.
Ein spöttischer Zug umspielt das Lächeln. „Waren die letzten Fragen nicht bereits persönlich genug?“

Was sind Eure Stärken und Eure Schwächen?
„Als Stärke dürfte sicherlich mein Verstand gelten“, entgegnet Maezaye nüchtern. „Meine offensichtlichste Schwäche ist sicherlich mein mentaler Hintergrund.“

Verstehe. Ihr wart die letzten Jahre in therapeutischer Behandlung?
Es dauert einen Augenblick, ehe sich die Antwort einen Weg durch das festgefrorene Lächeln gesucht hatte. „Das ist kein Geheimnis.“

Aus welchem Grund?
Das Lächeln fällt in sich zusammen. Maezayes Finger zeichnet erneut die Narbe nach, ehe sie sich nach vorne beugt. „Verzeiht, Informationesinspektorin Gordon, doch da Ihr wisst, dass ich eine Therapie genieße, ist Euch sicherlich ebenfalls der Grund dafür geläufig.“

Halluzinationen. Doch vielleicht könntet Ihr das näher spezifizieren?
„Ich sehe in manchen Gesichtern hin und wieder irreale Fratzen“, erklärt Maezaye knapp. Ihr Tonfall wird zwar kühl, ihre Haltung im Gegenzug jedoch entspannter, nachdenklicher.

Seit wann habt Ihr diese Halluzinationen?
„Seid meiner Kindheit.“

Hattet ihr diese bereits vor dem tragischen Unfalltod Eurer Mutter?
„Ja.“ Maezaye verengt die Augen und fährt sich erneut mit dem Zeugefinger über ihre Narbe. „Und falls Eure nächste Frage lautet, ob diese Halluzinationen im Zusammenhang mit dem Tod meiner Mutter stehen, so lautet auch diese Antwort: Ja.“

Eine letzte Frage: Was ist Eure Lieblingsfarbe?
Irritiert blinzelt Maezaye und richtet den Oberkörper wieder gerade auf. „Grün“, entgegnet sie und betrachtet mich kritisch. „Ein klares und sattes Grün

Vielen Dank, für Eure Kooperation. Allerdings muss ich Euch bitten, Euch für weitere Fragen bereitzuhalten.
„Weitere Fragen?“ Die Skepsis über dies Warnung schlägt sich nicht nur in ihrer Stimme nieder. Wieder werden ihre Augen enger und sie neigt sich nach vorne.

Wie gesagt: Es ist ein reines Routineverfahren.

Maezaye nickt und erhebt sich. „Nun, nichts gegen Euch, werte Informationsinspektorin, doch ich hoffe, es werden keine weiteren Fragen zu meiner Person aufgeworfen und eine weitere Begegnung mit Euch bleibt mir erspart“, entgegnet sie freundlich und verabschiedet sich. Wieder hält sie mit der Klinge in der Hand inne, als warte sie auf etwas, ehe sie die Raum verlässt.

Song: Stream of Passion – Autophobia

Heimsuchung, Kapitel 10: Gewissheit

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Inspektor Andree zu Lerenzen ließ auf sich warten. Wie befohlen war Kyle zur Westwache gelaufen und hatte Verstärkung angefordert. Dass er völlig verschwitzt dort ankam, wunderte allerdings niemanden. Auch auf der Wache war viel los und nur zwei Gardisten wurden zu dem neuen Tatort geschickt. Kyle musste den Magierinspektor selbst benachrichtigen. Jetzt stand er vor dessen Haus und wartete. Die Ungeduld zerrte an ihm. Die Toten würden nicht weglaufen, aber Kyle wusste, dass magische Spuren irgendwann verschwanden; sicherlich auch die von Geistern. Er wusste, er sollte den richtigen Moment abwarten, doch er musste herausfinden, ob Sananka die Wahrheit gesagt hatte.
Endlich, nach einer schier endlosen Wartezeit, trat Inspektor zu Lerenzen aus der Tür. Trotz der langen Zeit, die Kyle hatte warten lassen, sah er aus, als sei er gerade aus dem Bett gestiegen. Das Hemd unter seinem Magiermantel war zerknittert und seine Haare hatte er ebenfalls nicht gekämmt. „Du bist der Neue, der Gardeschüler mit der undeutlichen Schrift, richtig?“ Eine Bestätigung wollte er wohl gar nicht haben. „Lilly hält große Stücke auf dich. Was ich, um ehrlich zu sein, nicht ganz verstehen kann.“
Bevor er weitersprechen konnte, fuhr eine Kutsche auf den weiten Hof und er forderte Kyle auf, einzusteigen. Der behäbige Magier folgte, ließ sich nieder und kam erst jetzt auf die Idee, seine weißen Haare zu ordnen. Als die Kutsche los rollte, sah er Kyle durchdringend an. „Lilly sagt, du hast einen scharfen Verstand.“
Kyle wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Doch er witterte die Gelegenheit, ihm genau jetzt Fragen zu stellen. „Wisst ihr mittlerweile mehr über diese Magie?“
„Ah, sieh an. Und du kommst gleich zum Punkt.“ Inspektor zu Lerenzen lächelte schmal und nickte. „Ich weiß nur, dass es eine ungewöhnliche Magie ist. Sie entstammt nicht einem lebenden Geschöpf.“
Also war Inspektor zu Lerenzen der Theorie bereits auf der Spur. „Dann könnte es ein Geist sein?“, hakte Kyle nach und erntete einen skeptischen Blick aus zusammengekniffenen Augen.
„Nun, das wäre möglich.“ Der Magierinspektor fuhr sich über den kurzen Bart. „Eine Heimsuchung dieser Art geschieht jedoch nicht sehr oft. Das hängt mit dem magischen Potential zusammen. Ohne Magie kein Geist.“
„Jemand könnte einen Geist beschworen haben?“ Kyle runzelte die Stirn.
Der Inspektor schob einen der Vorhänge beiseite und warf einen Blick aus dem Fenster. Die Kutsche verließ das Viertel der Elehi und bog gerade in die Hauptstraße ein. So würden sie direkt auf dem Wagenweg in Düsterturm treffen.
„Ich versuche, es dir zu verdeutlichen“, wandte sich der Magierinspektor wieder an Kyle. „Es gibt mehr Magie, als viele wissen. Ausgebildete Magier wie ich sind nur diejenigen, die aus einem gleißenden Potential schöpfen können, aber viele Menschen tragen einen Funken in sich. Geister können somit von Magiekundigen beschworen werden oder die Person, die zu eine Geist wird, hatte ein ungenutztes Potential, das hell genug war, die Seele nach dem Tod hier festzuhalten. Zumeist sind es starke Obsessionen oder auch Traumata, die dazu führen.“
Magisches Potential, ein Funke Magie. Kyle verstand, was passiert sein musste; so klar, dass sich die Härchen an seinen Armen aufstellten. Er wusste, was Pela im Weisenhaus zugestoßen war und was sie in den Wahnsinn getrieben hatte – oder besser wer. Wenn sie also diesen magischen Funken gehabt hatte … Kyle führte den Gedanken nicht zu Ende und fragte stattdessen: „Wie halten wir sie auf?“
“Sie?“ Der Inspektor verengte die Augen und musterte Kyle eindringlich. „Gibt es neue Erkenntnisse, die du versäumt hast, mir mitzuteilen?“
Im ersten Moment wollte Kyle lügen und behaupten, eine der Zeuginnen, die er befragt hatte, hätte von einer Geisterfrau gesprochen. Doch spätestens wenn Inspektor zu Lerenzen die Aufzeichnungen durchging, würde die Lüge entlarvt. Die Vermutung des Jungen hatte er nicht notiert.
“Na?“, hakte der Inspektor nach.
Kyle seufzte. „Eine der Schaulustigen sagte mir, sie hätte einen Geist gesehen – als ich heute Verstärkung holen ging. Sie hat nicht gesagt, wie sie heißt, und ich hatte kein Schreibbrett dabei.“ Kyle zwang sich, statt seiner Hände sein Gegenüber anzusehen. “Ich sagte ihr, sie soll sich auf der Westwache melden“, fügte Kyle hinzu und der Magierinspektor nickte.
„Ich hoffe, sie wird ihre Aussage offiziell vorbringen. Ohne es in einem Protokoll festgehalten zu haben, könnte der Punkt schwierig zu bestätigen sein. Dennoch werde ich die Magie auf eine mögliche Geistererscheinung prüfen.“ Der Inspektor sah nachdenklich aus dem Fenster und begann weiter über die Feinheiten von Geisterbeschwörungen und den Analysen von magischen Spuren speziell zu Geistern zu dozieren. Kyles Frage ließ er unbeantwortet. Aber Kyle hörte ohnehin nicht mehr hin. Warum nur schützte er Sananka? In seinem Inneren keimte dieser Zweifel. Er war nur so dünn, wie ein Grashalm, doch er hatte Wurzeln geschlagen. Kyle fürchtete, Sananka war nicht nur Schneidergesellin. Und er fürchtete, sie steckte tiefer in dem Geschehen drin, als ihm bewusst war.
Dann sagte der Inspektor etwas, das Kyles Aufmerksamkeit an sich riss. „Entschuldigt, was war das?“
Kaum hatte Kyle nachgehakt, wurde die Stimme des Magierinspektors tadelnd. „Lilly mag große Stücke auf dich halten. Mir jedoch bist zu mit zu wenig Ernst bei der Sache.“
“Entschuldigung, Sir“, tat Kyle der Höflichkeit genüge und sah den Inspektor wartend an. Dieser wirkte zwar nicht zufrieden, aber Kyle nahm an, dass er sich selbst gerne reden hörte. „Ich sagte: Im Falle, dass es sich um einen natürlichen Geist handelt, ist es unabdingbar herauszufinden, wessen Seele Eredenthor heimsucht und was ihn quält. Darauf aufbauend können die Gardemagier einen Bannzauber erarbeiten. Andernfalls müssten wir den Geisterbeschwörer ausfindig machen und davon ausgehen, dass bis dahin weitere gefährliche Geisterscheinungen in der Stadt spuken und Menschen zu grausamen Taten treiben.“
Kyle nickte. Wenn Sananka recht hatte, würde sich dieser Auftrag erledigen, sobald sie wussten, wer Pela war und was ihren Verstand zerbrochen hatte. Doch Kyle konnte dem Magierinspektor nicht von dem Waisenhaus erzählen. Die Wunden sollten verschlossen bleiben, der Felsen darüber sollte sich keinen Millimeter mehr bewegen. Er brauchte eine andere Möglichkeit, Inspektor zu Lerenzen auf die richtige Spur bringen, ohne seine eigene Vergangenheit auszubreiten. „Was ist mit der Toten aus der Anstalt? Könnte sie nicht der Geist sein?“
“Jemand aus dem Sanatorium meinst du?“
Kyles Zunge wollte die nächsten Worte lieber verschlucken, als auszusprechen. „Pela Junghaus. Sie hat sich ein paar Tage, bevor der erste Übergriff stattfand das Leben genommen. Ihr Bild hing auf der Westwache.“
“Junghaus sagst du?“ Kyle mochte nicht, wie der Inspektor ihn ansah. Seine verengten Augen hatten etwas lauerndes. „Du heißt doch auch Junghaus, nicht? Warst du mit ihr etwa verwandt?“
Kyle schüttelte heftig den Kopf. „Sie kam aus dem Junghaus-Waisenhaus.“
“Wie du ebenfalls“, stellte er fest. Zu Kyles Erleichterung ging er nicht darauf ein. „Junge, vielleicht hast du uns da einen wertvollen Hinweis geliefert!“ Die Kutsche hielt und er sah hinaus. „Wir sind da.“

Der Morgen war bereits angebrochen, als Kyle endlich die Abschrift des Protokolls fertig hatte. Müde und verärgert über diese Strafmaßnahme von Seiten Hauptfrau Gonners händigte er ihr die Akte aus. Sie musste merken, wie verkrampft seien Finger waren, doch sie bedankte sich lediglich. Ohne einen Blick hineinzuwerfen, legte sie die Mappe beiseite und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Sie verschränkte die Arme, und sah ihn ernst an. „Ich möchte noch mit dir reden, Kyle. Bitte schließ die Tür und setz dich.“
Plötzlich wurde Kyle flau im Magen. Er war froh, dass er sich zunächst abwenden konnte und sie nicht sah, wie er resignierend die Augen schloss. Warum hatte er sich nur in diesen Fall verwickeln lassen? Ergeben nahm er sich einen Hocker und stellte ihn vor den Schreibtisch der Hauptfrau. Die anderen Tische der Schreibstube waren zwar vollbepackt mit Akten, aber niemand außer ihnen war hier.
„Kyle, Inspektor zu Lerenzen hat mir berichtet, du hättest die Vermutung geäußert, es könnte sich bei dem Täter um einen Geist handeln“, eröffnete sie. „Er sagte auch, du hättest die Theorie, der Geist könnte diese Pela Junghaus sein, die du identifiziert hast. Wie kommst du darauf?“
„Es wäre naheliegend“, begann Kyle schleppend. Er versuchte fieberhaft, eine vernünftige Erklärung zu finden und gleichzeitig zu sprechen, doch das fiel ihm schwer. Um Zeit zu gewinnen erläuterte er knapp, was er auch dem Inspektor bereits bezüglich Sanankas Information gesagt hatte. „Pela hat eine Zeit in der Anstalt verbracht und, nun, sie starb kurz zuvor“, schloss er mit einem vagen Schulterzucken.
„Sicher, aber es gab mehrere Tote zwischen ihrem und dem ersten gemeldeten Vorfall.“
„Auch in Düsterturm?“
„Deine Geistertheorie hat Inspektor zu Lerenzen bereits bestätigt.“ Die Hauptfrau lehnte sich nach vorne und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. „Ich verstehe, dass du mir vielleicht nicht sagen willst, wie gut du Pela Junghaus kanntest und ob ihr eine gemeinsame Vergangenheit habt. Wegen deines Hinweises habe ich jemanden ins Junghaus Waisenhaus geschickt. Dennet Schafherr, der Leiter, behauptete, er erinnere sich nicht an alle. Aber Pela habe er in Erinnerung.“
Kyle konnte sich über diese Worte ein bitteres Lächeln nicht verkneifen.
„Er habe so viele Waise und versuche sie zu pflegen und als Lehrlinge unterzubringen“, fuhr die Hauptfrau fort. „Manche fänden die Disziplin im Waisenhaus so schrecklich, dass sie flöhen und es auf eigene Faust versuchten – wie Pela.“
Pela und wegelaufen? Das konnte sich Kyle nicht vorstellen und so schüttelte er den Kopf. Sie hatte Privilegien gehabt und sie hatte damit vor den anderen Kindern angegeben. Was aber mit ihr passiert war, wusste Kyle nicht.
„Was denkst du darüber?“
Kyle sah die Hauptfrau überrascht an.
„Ich denke er lügt“, fuhr sie fort, als Kyle nicht antwortete. „Aber ich denke auch, er hat sie nicht in den Wahnsinn getrieben, denn sie hatte das Waisenhaus bereits vor Jahren verlassen.“
Kyle spürte, wie sie versuchte, seine Reaktion zu durchschauen. Ihm wurde bewusst, dass er die Hände zu Fäusten geballt und den Schreibtisch betrachtete. Abrupt hob er den Blick und zwang sich, die Hauptfrau anzusehen. Ihre rote Nase war dunkler als noch vor ein paar Wochen.
„Du weißt nicht zufällig, wohin Pela damals verschwunden ist?“
Kyle schüttelte den Kopf. „Nein.“ Seine Stimme war rau. Er kam sich wie in einem Verhör vor. „Ich weiß nicht, wo sie war.“
Auch, wenn er nicht weiter sprach, schien Hauptfrau Gonner zu wissen, was er hatte sagen wollen. „Aber du glaubst, Dennet Schafherr weiß es.“ Jetzt stand sie auf und ging um den Schreibtisch herum. „Dann werde ich ihm persönlich einen Besuch abstatten. Er wird schon reden.“ Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Ich möchte, dass du dir heute Mittag die Zeugen erneut vornimmst und ihnen das Bild von Pela zeigst. Vielleicht kann einer von ihnen sie identifizieren. Irgendjemand muss sie gesehen haben. Dann würden wir nicht auf gut Glück in diese Richtung ermitteln.“
„Aye, Mam“, sagte Kyle mit trockenem Mund. Damit wurde er entlassen und machte sich auf den Weg zurück zur Gardeakademie. Er sollte sich ausruhen und doch bezweifelte Kyle, dass er schlafen konnte. Das erste Mal wusste er die Einzelzimmer, die die Prüflinge zugeteilt bekamen, zu schätzen. So sah ihn niemand weinen.

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Mein Schreibmonat: September 2017

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Nachdem ich letzte Woche ja etwas anderes auf dem Herzen hatte, folgt meine kleine monatliche Zusammenfassung erst heute 🙂 Viel zu berichten gibt es jedoch nicht. Es gab viel zu tun, doch nur wenig Produktives.

 

Monsterjäger im NaNoWriMo 2017

Nachdem mein Blogroman gestartet ist, stand der September im Zeichen der Vorbereitungen für den nächsten NaNoWriMo. Es gab weitere Charakterüberlegungen, Geplotte und auch eine Szene zum Hintergrund der Protagonistin Maezaye, deren Überarbeitung derzeit in den letzten Zügen liegt.
Und in drei Wochen geht es schon los!

 

Restplanung für Oktober

  • NaNoWriMo-Vorbereitungen 😉 Für viel mehr bleibt mir ohnehin keine Zeit.

Heimsuchung, Kapitel 9: Zeugen

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Erneut befand sich Kyle mit einem Schreibbrett in der Hand bei einem Tatort. Es war der dritte Mord. In den letzten Nächten war eine Schlägerei gemeldet worden, doch bei keinem der Beteiligten hatte Inspektor zu Lerenzen magische Spuren entdecken können. Jetzt war eine weitere Frau ermordet worden. Die Täterin war eine Nachbarin. Zitternd und blutbeschmiert stand diese vor Hauptfrau Gonner und stammelte etwas von Tanzmusik und Beschwerde. Aber die Worte gingen zunehmend im Stimmengewirr der Gäste unter, die mit der Erschlagenen gefeiert hatten. Es schien, als sei die gesamte Familie der Toten anwesend und habe sich in den drei Zimmern der Wohnung verschanzt. Dazu kam eine Frau mitsamt ihres unablässig schreienden Säuglings, die offensichtlich zu der Täterin gehörte. Auch wenn sich die ganze Schar in den Nebenzimmern aufhielt, die Türen waren weit geöffnet. Die neugierigen Bewohner des Hauses, die sich auf dem Flur drängten und die lautstark von Drodt fortgeschickt wurden, krönten die herrschende Unruhe.
Auf einen Wink von Hauptfrau Gonner trat Kyle mit ihr ein paar Schritte von der Täterin fort. „Kyle, nimm die Aussage der Mütter und Kinder auf, damit sie gehen können.“ Sie deutete auf den Nebenraum, wo ein zweiter Wachmann die Zeugen im Auge behielt. Die Hauptfrau verschränkte die Arme und sah zu der Täterin. „Frau Hant muss in der Wache vernommen werden, sie ist jetzt zu verwirrt. Wenn du fertig bist, gehst du zur Westwache und holst Verstärkung. Und sie sollen den Inspektor aus dem Bett holen.“
Kyle nickte und ging zu den Augenzeugen. Doch der Versuch, dort die Aussagen aufzunehmen, scheiterte kläglich. Zum Glück gab es in der Familie des Opfers nur eine Frau mit zwei Kindern. Sie brachte kaum ein Wort heraus, so sehr war sie damit beschäftigt, den kleineren der Jungen zu beruhigen. Er weinte nicht, aber er jammerte in einem fort. So nahm Kyle zuerst den älteren Jungen beiseite. Ren, wie er sagte.
„Es hat ziemlich heftig geklopft und Großma ist dann zur Tür gegangen“, berichtete er aufgeregt. „Sie hat aufgemacht und ich habe mit Willi gespielt. Dann hat meine Großma geschrien und da war plötzlich überall Blut, aber meine Ma hat mich da weggeholt und Onkel Aden ist hin, um Großma zu helfen, aber dann war sie schon tot.“ Wenige Worte notierte Kyle zu der Aussage. Er sprach, als ginge es um nicht anderes als einen verlorenen Geldbeutel, statt den Tod seiner Großmutter.
Abschätzend sah Kyle Ren an. „Und wie alt bist du?“
„Sechs.“
Kyle vermerkte auch das hinter dem Namen. „Wartest du hier bitte, solange ich mit deiner Mutter spreche?“ Der Junge nickte eifrig und Kyle wandte sich der Frau mit dem zweiten Kind auf dem Arm zu. Der Kleine weinte jetzt heftig und vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. Seine Mutter schniefte ebenfalls, aber in ihrer Stimme lag Wut. „Ganye hat sie erschlagen, ohne Vorwarnung!“ Unaufhörlich streichelte sie dabei den Kopf des Jungen.
Auf so etwas wurden sie in der Akademie nicht vorbereitet. Kyle wusste nicht, wie er der Frau helfen konnte. Also mahnte er sich selbst, ruhig zu bleiben, und stellte weiterhin Fragen. Es dauerte eine Weile, bis er herausgefunden hatte, dass es eine Verlobungsfeier gewesen war. Die Zeugin hatte sich mit ihrer Tante unterhalten, als der Mord passierte. „Zuerst lässt mich mein Jorne alleine und jetzt folgt ihm auch noch Irna“, schluchzte sie zuletzt und brach in Tränen aus.
Kyle sah die beiden unschlüssig an und war sich sicher, dass er hier nicht mehr erfahren würde. Der Kleine mochte laufen können, doch sicher hatte er noch weniger von dem Geschehen begriffen, als sein Bruder. Der kam nun wieder dazu und legte seiner Mutter traurig eine Hand auf den Arm.
Einen Blick zu Hauptfrau Gonner eröffnete Kyle, dass sie zu beschäftigt war, um ihm auszuhelfen. Also entschied er selbst: „Gut, Ihr und Eure Kinder könnt gehen“, sagte er der Zeugin in einem Moment, in dem sie etwas bei sich zu sein schien. „Die Stadtgarde wird sich bei Euch melden, sollten sich noch weitere Fragen ergeben.“
Die Frau nickte und drückte den Jungen fest an sich. Kyle sah sich nach der zweiten Mutter mit ihrem Säugling um. „Ma, da ist jemand draußen am Fenster!“, krähte da der Sechsjährige neben ihm.
Alarmiert folgte Kyle Rens Fingerzeig und trat hinüber. Die Nacht war schwül, der Fensterladen war geöffnet. Doch bis auf einen Schimmer blaues Mondlicht entdeckte Kyle nichts. Einen dunklen Hof, eingekeilt zwischen Häusern lag zwei Stockwerke unter ihm. Von hier konnte er über die Dächer der Stadt sehen, bis hin zum Düsterturm. In den meisten Stuben brannte noch Licht. Die unkontrollierte Mordserie ließen nun wohl niemanden schlafen. Aber was immer dem Jungen aufgefallen war, es war fort.
„Da war jemand.“ Kyle zuckte zusammen, als Ren an seinem Ärmel zog und auf das Dach nebenan zeigte. „Jemand ganz Schwarzes. Ich habe nur die Augen gesehen.“
„Bist du sicher?“
Ren nickte eifrig. „War das ein Mensch?“
„Was sollte es sonst gewesen sein?“, fragt Kyle verblüfft und sah Ren an.
Der Junge schaute mit klaren Augen zurück. „Na, ein Geist natürlich.“
„Wie kommst du darauf, dass es ein Geist war?“
Ren deutete auf ein schmales Regal, in dem ein paar zerfledderte Bücher standen. „Großma hat mir Geistergeschichten vorgelesen. Die von dem stummen Geist im Moor.“
Kyle betrachtete den Schrank, dann Ren und seufzte innerlich. „Danke, Ren“, sagte er und drehte ihn zu seiner Mutter hin. „Jetzt hilf deiner Mutter, damit ihr alle nach Hause gehen könnt, ja?“
Ren machte ein langes Gesicht. Doch seine Mutter erhob sich von ihrem Stuhl und offensichtlich zog er es vor, nicht alleine hierzubleiben. Kyle schaute ein letztes Mal aus dem Fenster. Der Silbermond verbarg sich hinter Wolken, nur der blaue Mond beschien die Dächer und einen schmalen Streifen des Innenhofs. Es war nicht unwahrscheinlich, dass der Junge wirklich etwas gesehen hatte. Aber was? Seufzend wandte sich Kyle der zweiten Mutter mit ihrem Neugeborenen zu.
Auch diese Vernehmung zog sich unendlich lang und brachte keinen neuen Erkenntnisse. Obwohl sich die Stube allmählich leerte, dröhnte Kyle mittlerweile der Schädel. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, doch es gelang ihm nicht. Er klopfte mit dem Stift auf das Brett, während die Frau erzählte, und war froh, als er das letzte Wort geschrieben hatte. Dann bat er sie zu warten und informierte Hautfrau Gonner.
Diese warf einen Blick auf die Aufzeichnungen und runzelte die Stirn. „Kyle, selbst ich kann das kaum entziffern. Ich weiß, hier ist viel los, aber beim Festhalten der Aussagen musst du dir deutlich mehr Mühe geben.“ Sie sah ihn tadelnd an. „Du wirst dich später in der Wache hinsetzen und es ordentlich abschreiben.“
Kyle spürte, wie es in seinem Bauch brodelte. Dieser Mord, dieser Abend war der Frustrierendeste, den er bei der Garde bisher erlebt hatte. „Aye, Mam!“, sagte Kyle und zwang sich, zu abzuwarten, bis sie ihn endlich fortschickte. Er wollte mehr tun als nur die verdammte Schreibarbeit.
„Na schön, jetzt bring …“ Sie versuchte den Namen der Frau mit dem Neugeborenen auf dem Papier zu lesen und fluchte, als es ihr nicht gelang. „Wie-auch-immer-sie-heißt mit ihrem Kind nach unten. Nicht, dass ihr die Leute vor der Tür noch den Kopf abreißen.“
Kyle tat, wie geheißen und begleitete die Mutter und Säugling hinaus. Im Hausflur tummelten sich viele Menschen, verärgerte und neugierige Nachbarn. Drodt, der noch immer vor der Tür stand, ließ sie durch und machte gleichzeitig mit barschen Worten klar, dass die Zeugin nicht zu behelligen war. Dennoch musste Kyle auf der Treppe einen Mann zurechtweisen, sie nicht anzufassen.
Erst, als sie hinter der Tür ihrer eigenen Wohnung verschwand und Kyle ein Schloss einrasten hörte, löste sich seine Anspannung. Mit weiten Schritten verließ er das Gebäude. Auch hier lungerten Gaffer herum und einer davon stach Kyle sofort ins Auge: Sananka. Sie lehnte gegenüber an der Wand, hatte die Arme verschränkt und sah ihm entgegen.
Ohne es zu wollen, entlud sich sein Ärger direkt in seiner Stimme: „Was hast du hier zu suchen?“
Sie zuckte ungerührt mit den Schultern und sah zu den erleuchteten Fenstern hinauf. „Naja, ich bin zufällig hier vorbeigekommen und dachte ich schau mal, was hier los ist.“
„Das hier geht dich nichts an! Genau, wie all die anderen, die hier herumlungern.“
„Ach was.“ Sananka verdrehte die Augen. „Eigentlich hatte ich vor, dir eine Information zu geben, die dich bei diesen Übergriffen sicherlich ins Grübeln bringen wird. Aber wenn du nicht willst.“
Kyle ballte die Hände zu Fäusten. Was konnte sie schon wissen? Sie lungerte noch immer nachts in den Straßen der Stadt herum, obwohl sie es nicht mehr nötig hatte. Sie tat es immer als Gewohnheit ab, doch Kyle war sich mittlerweile sicher, da steckte anderes dahinter. Aus welchem Grund sollte er sie sonst so oft an den Tatorten entdecken? Kyle atmete er tief durch und ließ das Brodeln in seinem Bauch abschwellen, um wenigstens vernünftig mit ihr zu reden. Danach würde er zügig zur Wache laufen und damit all den Ärger loswerden. „Na gut“, sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Was weißt du?“
Sie sah ihn lange an und Kyle war sich nicht sicher, ob sie überlegte, oder ob es ihr letztlich so schwer über die Lippen ging: „Es ist Pela.“
Kyle verstand nicht, aber ehe er nachfragen konnte, fuhr Sananka fort. „Der Geist ist Pela. Ich habe sie gesehen, Kyle, bevor sie in das Haus eingedrungen ist.“
Im ersten Moment wusste Kyle nicht, wovon sie sprach. Doch hatte der Jungen eben nicht ebenfalls von einem Geist gesprochen? „Bist du sicher, dass es ein Geist ist?“ Noch während er die Frage stellte, fing die Wut in seinem Magen an, kühler zu werden. Mit Sanankas Nicken brannte sie plötzlich wie Feuer und war trotzdem kalt wie Eis.
„Sie hat mich direkt angesehen, Kyle“, sagte Sananka. „Und sie hat durch mich hindurchgesehen als wäre ich nicht da.“
Irrte er sich oder lag Bitterkeit in ihren Worten? Kyle sah sie unschlüssig an. „Was hat das zu bedeuten?“
„Woher soll ich das wissen?“ Sananka schüttelte heftig die blonden Locken und hob in einer hilflosen Geste die Hände. „Du bist doch der angehende Gardist. Finde raus, was das zu bedeuten hat.“
Mehr hatte sie nicht zu sagen. Sie verabschiedete sich nicht mal, als sie sich umdrehte und davonging. Aber Kyle wusste, was er zu tun hatte: Er musste mit Inspektor zu Lerenzen sprechen.

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#WirschreibenDemokratie – ein paar Gedanken

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#WirSchreibenDemokratie. Wir schreiben. Ich bin Autorin. Wenn ich denke, etwas zu können, dann schreiben. Ich kann schreiben und ich habe sogar eine eigene Meinung. Also kann ich auch meine Meinung auch äußern.

Die Idee des Hashtags kommt aus dem Nornennetz als Reaktion auf die Ergebnisse der Bundestagswahl.

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Wieder einmal eröffnete mir das Ergebnis: Filterblasen sind schön. Filterblasen gaukeln einem vor, dass sich schon alles in die richtige Richtung wendet. Schließlich sind doch so viele Menschen, mit denen ich kontakt habe, der gleichen Meinung wie ich.

Aber da sich wirklich durchweg (zu) viele Menschen in ganz Deutschland entschieden haben, eine Partei zu wählen, deren Einstellung ich wirklich nur als menschenverachtend und damit auch „assozial“ bezeichnen kann, stehe ich da und verstehe es nicht.

Ich kann die Intention der Protestwähler verstehen, wirklich. Auch ich habe mich schwer damit getan, mich dafür zu entscheiden, welcher der links angesiedelten Parteien ich denn nun meine Stimme geben soll. Die letzten Jahre war Politik ein großer Einheitsbrei – und ich habe nicht das Gefühl, dass irgendwer das umsetzt, was er zuvor zur Wahl behauptet hatte. Trotzdem. Was ich nicht verstehe, ist, wie man deswegen Menschen seine Stimme geben kann, die so offensichtlich Hetze gegen andere Menschen betreiben – und die sicherlich nicht die Meinung von all denen vertreten, die sie gewählt haben. Das zumindest hoffe ich inständig. Und ich hoffe gerne, denn auch wenn ich ständig enttäuscht werde, ich bin einfach gutgläubig.
Eine Freundin sagte mir, die AfD sei die einzigen, die die Ängste der Menschen thematisieren, die durch die vielen Geflüchteten in Deutschland und die Terroranschläge aufkamen. Das mag sein, aber Angst ist ein schlechter Entscheidungsträger.

Was also tun? Sich mit diesen beängstigenden Dingen, diesem verqueren Denken beschäftigen? Ja, ganz genau! Und zwar nicht auf einer Ebene, die jemandem einen langen Aufsatz vorsetzt, mit vielen Fachworten und Thesen gespickt. Nein, das geht viel einfacher: Zum Beispiel mit Humor, wie viele Satiriker zeigen. Es geht aber auch mit Geschichten.
Aus Geschichten kann man lernen. Auch aus Fantasy-Geschichten, wie die Blogreihe Phantastische Realität Anfang des Jahres auch wunderbar aufgezeigt hat. Geschichten können dafür sorgen, dass sich die Menschen, die sie lesen, mit Gedanken auseinandersetzen müssen, an die sie sonst keine verschwenden. Rassissmuss, Ausbäutung, Sexismus und vieles andere; all das findet sich in Geschichten wieder. Es ist die Art, wie ein Autor seine Meinung äußern kann. Es ist die Art, wie ein Autor Menschen vielleicht doch zum Nachdenken und Reflektieren animieren kann.
Es gibt so viele kluge Menschen da draußen, die versuchen andere Menschen zum Denken anzuregen. Denn genau das braucht es doch: selbstständiges Denken, statt Mitläufertum. Ein Auseinandersetzen mit Thematiken, statt festgefahrene Einstellungen.

Das Wahlergebnis mag erschreckend gewesen sein, doch noch haben diese Menschen mit diesem verqueren Denken nicht gewonnen. Da sind noch andere. Und es werden mehr. Selbstständiges Denken kann man nämlich lernen. Vielleicht werde ich dieses Mal ja nicht enttäuscht. Und wenn doch, tue ich das, was ich immer tue: weiter machen und weiter auf den Menschenverstand pochen.

In dem Sinne schließe ich mit einem meiner Lieblingslieder: Schandmaul – Bunt und nicht braun.

 

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Heimsuchung, Kapitel 8: Herausforderung

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Der Mord war in aller Munde. Schon als Sananka sich am Morgen des Folgetages für die Lehrstunden auf den Weg in die Akademie machte, tuschelten die Leute. Heute lastete die Müdigkeit schwer auf ihr, doch das durfte sie nicht an ihren Pflichten hindern. Wie gewöhnlich überquerte Sananka den Markt und lauschte dem Geschwätz der Menschen. Da war von einem weiteren Familiendrama die Rede, von einem bösen Magier und auch von Geistern und Dämonen. Schritt um Schritt ging Sananka, den Blick auf ihre Füße gerichtet, und konzentrierte sich auf die Stimmen um sie herum. Hier und dort schnappte sie etwas von der Bluttat im Exotenladen auf und fügte sich die Informationen zusammen. In der Nacht des Mitteltags hatte eine Frau ihren Vater in seinem Laden erschlagen. Bei dieser Aussage hüpfte ihr die Angst in die Magengrube, ihr wurde schlecht. Ja, sie erinnerte sich daran, auf einen Haufen Schaulustiger gestoßen zu sein. Nur hatte ihr niemand genau sagen können, was passiert war. Doch das Drama der letzten Nacht hatte in einer Nebenstraße des Wagenwegs stattgefunden.
Plötzlich drängte sich jemand neben sie. Sananka wich instinktiv zur Seite und rempelte einen bulligen Mann an, der ihr eine Verfluchung entgegenwarf und davon stapfte. Dann blickte Sananka in Keps grinsendes Gesicht. Er hielt mit ihr schritt, als sie weiter ging und fragte: „Hey, wie geht’s meiner Lieblingsschneiderin?“
„Die hat es eilig. Willst du was?“
Kep schlängelte sich an einigen Leute vorbei, ehe er erneut aufschloss. „Naja, ich habe dich neulich Abend im Wagenweg gesehen und dachte, da der ja nun so gefährlich ist, frag ich lieber mal nach, wie’s dir geht.“
„Aha. Du siehst, mir ist nichts passiert“, entgegnete sie und sah stur in ihre Gehrichtung.
„Das sah gestern Abend anders aus.“
„Ich war gestern Abend nicht da.“
„Dann weißt du gar nicht, was gestern passiert ist?“
„Mensch Kep, jetzt sag schon, was du zu sagen hast.“ Sananka warf ihm einen Seitenblick zu und suchte nach Anzeichen in seinem Gesicht, ob er wirklich wusste, dass sie den Mord beobachtet hatte.
Kep grinste schelmisch. „So macht es aber weniger Spaß.“
Darauf verdrehte Sananka nur die Augen und schlängelte sich zwischen zwei Ständen hindurch, um den Markt in eine Seitenstraße zu verlassen. Kep folgte ihr. „Der zweite Irrenmord“, sagte er. „Ich dachte, vielleicht interessiert es dich, dass dein blonder Gardefreund zugezogen wurde.“
„Was?“ Sananka blieb abrupt stehen und drehte sich zu Kep um. „Was soll das heißen, er ist zugezogen? Von wem?“
„Das frag ihn doch selbst. Ich weiß nur, dass er in die Ermittlungen eingebunden ist.“
Sananka öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Auch nicht, als Kep ihr auf die Schulter klopfte. „Nur keine Sorge. Die Information kostet nichts. Das hättest du sowieso bald alleine rausgefunden. Außerdem: Hattest du es nicht eilig?“
Grinsend wandte er sich um und wollte schon erneut im Getümmel des Marktes verschwinden, aber Sananka hielt ihn zurück. „Warte mal!“
Betont liebenswürdig drehte er sich zu ihr um. Das Grinsen lag noch immer auf seinen Zügen. „Ja?“
Sananka zögerte einen Augenblick. Sie wusste nicht, ob das eine gute Idee war, doch wenn ihr jemand die Antworten beschaffen konnte, die sie brauchte, dann Kep. „Ich brauche Informationen über wispernde Wände.“
Kep ließ sich einen kleinen Moment zu lange Zeit, ehe er lachte und die Arme verschränkte. „Ich bin zwar gut darin, Informationen aufzutreiben, aber dazu gehört ein bisschen mehr, als nur meine Ohren aufzusperren.“
„Na schön, dann sag mir, wo ich die Informationen finde. Sag mir zum Beispiel, wie ich in die Bibliothek des Magierrats komme. Oder gib mir einen Kontakt zu jemandem, der sich mit so etwas auskennt.“
„Wispernde Wände?“, fragte er mit einem Stirnrunzeln und weit weniger unbefangen als sonst. „Das ist ein sehr merkwürdiger Auftrag.“
Auch Sananka verschränkte die Arme. „Hast du ein Problem damit?“
Kep musterte sie erneut und schürzte die Lippen. „Was bekomme ich dafür?“
„Hmm, ich könnte dich eine Weile über Najesas Angelegenheiten auf dem Laufen halten“, schlug Sananka vor und neigte abwartend den Kopf zur Seite.
„Sechs Mondläufe.“
Sananka lachte auf. „So viel Mühe wird dich das sicher nicht kosten. Sechs Wochen.“
„Zehn!“
„Acht.“ Sananka ließ die Arme wieder sinken und hob mahnend einen Zeigefinger an. „Und ich erwarte die Informationen so schnell wie möglich, verstanden? Und kein Wort zu Najesa.“
Kep grinste und vollführte einen militärischen Gruß. „Aye, Fräulein Schneidern.“

Kyle war nicht in der Akademie. Zwar erkundigte sich Sananka nicht danach, doch die anderen Schüler sprachen ohnehin davon, dass Kyles Betreuerin bei der Garde ihn bei der Klärung der Mordfälle dabei haben wollte. Wie der Mord auf dem Markt war es das beliebteste Thema unter den Gardeschülern. Es war eine Ausnahme, dass sich ein Prüfling in der Regelzeit gleich derart gut anstellte, dass er von den Pflichten in der Akademie entbunden wurde. Besonders Cathlyn schien sich darüber zu ärgern und fauchte sogar Haje an.
Schon, als Sananka auf den Übungsplatz trat, hörte sie den Streit zwischen Cathlyn und Haje. Noch bevor Sananka ergründen konnte, worum es ging, ließ Haje Cathlyn einfach stehen und Cathlyn suchte sich ein anderes Ziel. Ihr Blick traf Sanankas. Zum Glück wies der Ausbilder Cathlyn zurück auf ihren Platz und begann den Unterricht. Bei den Übungen im waffenlosen Kampf musste Jeydon Cathlyns Launen ertragen. Während Sananka mit den jüngeren Schülern immer wieder die gleichen Bewegungen wiederholte, wanderten ihre Gedanken erneut zu den Geschehnissen der letzten Nacht. Wie zum Hohn zogen dunkle Wolken auf und ein feiner Nieselregen tauchte die Lehrstunde in unangenehme Nässe.
Am Ende der Übungsstunde lobte der Ausbilder sie für die gute Leistung und Sananka rang sich ein Lächeln ab. Die ganze Zeit war sie abgelenkt gewesen, sie hatte vergessen, absichtlich Fehler einzubauen.
In der Zeugkammer zog sie sich um und hängte die Sachen zum Trocknen über ein freies Regalbrett. Sie hatte nicht einmal bemerkt, wie durchnässt sie war. Schnell streifte sie sich frische Kleidung über, die sie hier in einem Schrank hatte deponieren dürfen. Dann betrachtete Sananka den Stapel Wäsche, der zum Flicken bereit lag, und setzte sich daneben auf den Tisch. Ihre Finger waren noch genauso klamm wie ihr Innerstes. Nach einer Weile hörte Sananka Schritte den Flur herunterkommen und seufzte innerlich. Sie wollte jetzt mit niemandem reden. Kurz darauf stand Cathlyn in der Tür und Sananka verdrehte die Augen.
Cathlyn grinste hämisch. „Uh, das tapfere Schneiderlein bei der Arbeit.“
„Lass mich in Ruhe.“ Ihrer Stimme fehlte jede Schärfe. Sie hatte heute nicht die Kraft, zu streiten.
„Oh, schade. Dein Beschützer ist gar nicht da und kann mich nicht daran hindern.“ Cathlyn riss ihr das Hemd aus der Hand, an dem Sananka gerade arbeitete – eines, mit ausgefransten Stickereien am Kragen, die mehrere Zierknoten bildeten. Es gehörte dem Akademieleiter.
„Hör auf!“ Sananka griff hastig danach. Leider war Cathlyn kräftiger und der Ruck zog nicht nur Sananka vom Tisch, sondern zerriss auch den Stoff.
Cathlyn lachte und ließ das Hemd los. „Ups.“
Einen Augenblick starrte Sananka das andere Mädchen an und wünschte sich, Pela hätte sie erwischt und ihr das wenige Hirn aus dem Schädel geprügelt. Aber das konnte sie ebenfalls. Ohne Vorwarnung trat Sananka zu und traf Cathlyn direkt in den Bauch. Diese hatte nicht damit gerechnet, taumelte zurück und prallte gegen ein Regal. Es schepperte, als die Kisten darauf ins Wanken gerieten. Cathlyn hustete und presste sich die Arme auf den Unterleib, um sich wieder zu fangen.
Sananka war mit einem Schritt bei ihr und heftete sie mit beiden Händen so fest an die Querbalken des Schranks, wie sie konnte. Cathlyn sah ihr ins Gesicht. „Ich sagte, lass mich in Ruhe!“
Jetzt schwand Cathlyns Überraschung und wandelte sich in Wut. „Du … kleines Aas!“
Im Gegensatz zu ihr hatte Sananka mit dem Rückschlag gerechnet. Cathlyn war Rechtshänderin. Im selben Moment, als Cathlyn nach Sananka griff, ließ Sananka mit ihrem linken Arm los und wich zur Seite. Cathlyns Finger streiften kaum ihre Bluse und sie taumelte. Den Schwung nutzte Sananka aus und schleuderte Cathlyn einmal um sich herum, sodass sie erneut an das Regal knallte. Wieder schepperte es und eine der Kisten ganz oben kippte. Sananka sprang zurück, die Holzkiste landete auf Cathlyns Kopf. Ein Schlag auf den Schädel steckte auch sie nicht einfach so weg. Sie stöhnte vor Schmerz auf und ging in die Knie.
Sananka ballte die Hände zu Fäusten und atmete tief durch. Es wäre ein Leichtes gewesen, Cathlyn nun weiter zu traktieren, weiter auf sie einzuschlagen, wie der Mann in der Gasse auf die Frau. Aber für Cathlyn gab es eine bessere Strafe. Etwas, das viel schlimmer für sie war, als nur von der schwächlichen Schneiderin verprügelt zu werden. Sananka lächelte. Ohne ein Wort wandte sie sich ab und verließ die Zeugkammer. Selbst, wenn Cathlyn jetzt benommen am Boden saß, sie würde es nicht lange bleiben und dann zum Krankenzimmer gehen. Und wenn Cathlyn erklären musste, wer dafür verantwortlich war, würde sie niemals zugeben, dass ausgerechnet Sananka sie überrascht und besiegt hatte. Das würde ihr ohnehin niemand glauben.

 

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