Interview mit Lailah

Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend klopft Lailah an die nur angelehnte Tür. Unschlüssig reibt sie sich über den Oberarm, ehe sie beschließt einzutreten. Der Raum kommt ihr unangenehm und erdrückend vor, so geleckt und gehoben. Alles erschien so offiziell und sobald etwas offiziell war, hatte sie ihrer Meinung nach nichts dabei zu suchen.
„Ich sollte herkommen, weil mich wer was fragen will“, erklärt sich Lailah kaum, dass sie den Raum betreten hatte und zieht sich sogleich die braune Kappe vom Kopf. „Lailah heiß ich, Lailah Winterlen.“
In zerschlissenen braunen Hosen und Hemd, einer geflickten Weste und wirren schwarzbraunen Haaren, war sie hier wirklich fehl am Platz. In ihren weichen Gesichtszügen sticht die Hakennase scharf hervor, geprägt von einem Schmollmund, dessen Lippen sie jetzt fest zusammenpresste. Mit ihren gerade sechzehn Jahren hatte sie schon einiges getan, aber letztlich war sie doch nur eine kleine Arbeiterin. Dennoch sieht man ihr an, wie unsicher sie sich auf den angebotenen Stuhl setzt.

1. Bist du mit deinem bisherigen Leben zufrieden?

Lailahs Blick huscht unversehens auf die Fragestellerin. Gleich darauf hebt sie die Schultern. „Was heißt zufried’n? Is’ ja nich’ so, dass ich nix zu tun hätt’, aber das is’ ne verdammt harte Arbeit, fünf Mäuler zu stopfen.“ Einen Moment schweigt das Mädchen, doch dann verschwindet der kleinlaute Tonfall aus ihrer Stimme und ein Lächeln erscheint. „Kann’s nicht ändern, aber ich würde ja so gerne mal Reisen und so richtig was an Abenteuern erleben“, sagt sie verträumt und senkt den Blick zu der Kappe, die sie unablässig zwischen ihren Händen dreht.

2. Hast du Vorbilder?

Lailah hebt sowohl den Blick, als auch die Kappe an und nickt grinsend. „Mein Onkel! Der war nen fahrender Sänger und der hatte schon so einiges Erlebt. Er hat mir die Kappe geschenkt, als er’s letzte Mal hier war …“ Damit trübt sich ihr Blick auch schon wieder und das Grinsen wird traurig. „Naja, danach war’s vorbei. Weiß nich’ genau, was passiert is’, aber irgendwann kam die Nachricht, dass er tot is’. Soll auf nem Schiff gewesen sein und beim Sturm über Bord gegangen.“
Erneut schweigt Lailah einen Moment und fügt an: „Jedenfalls is’ er mein Vorbild, weil er’s hier rausgeschafft hat.“

3. Was ist dir das Wichtigste auf der Welt?

„Na, meine Familie“, antwortet Lailah, als müsse ihr Gegenüber das doch wissen. „Meine Brüder und meine Ma.“

Und dein Vater?

Nun verfinstert sich Lailahs Blick deutlich und ihr Mund weist einen bitteren Zug auf. „Ach, lasst mich mit dem Suffkopf in Ruhe“, gibt sie ärgerlich zurück und winkt großspurig mit beiden Händen ab. „Mich wundert’s, dass der noch am Leben is’ und sich nich’ schon zu Tode gesoffen hat und immer wieder kommt und fragt, ob ich ihm bei seinen Spielschulden mal aushelfen kann.“

4. Was nervt dich am Meisten?

„Wenn mir einer sagt, ich würd’ was nich’ können, weil ich nen Mädchen bin.“ Missmutig verdreht Lailah die Augen. „Is’ doch schließlich Blödsinn und wenn das dann auch noch von wem kommt, der nur halb so viel Arbeiten tut, wie ich das machen tu, dann ärger ich mich erst Recht. Und so Typen gibt’s, jede Menge sogar.“

5. Was ist deine schlimmste Befürchtung?

„Äh, ich weiß nich’ … Ich glaub, über so was mag ich mir gar keine Gedanken mach’n“, entgegnet Lailah zögerlich und fährt sich durch die kurzen Haare, den Blick dabei wieder auf ihre Kappe gerichtet, nachdenklich und deutlich unangenehm berührt. „Ich glaub’, ich würd’s nicht aushalten, wenn einem meiner Brüder was passiert. Die sind doch alle noch so klein und vor allem Lars is’ ja fast noch nen Säugling. Na gut, nich’ mehr ganz, aber trotzdem, der hat ja erst das Laufen gelernt und so. jedenfalls …“ Lailah holt noch einmal tief Luft, um den Gedanken auszuführen und dann schnell wieder beiseiteschieben zu können. „Wär’ das wirklich das schlimmste.“

6. Was ist dein größter Wunsch?

Lailah grinst schief und nestelt nervös an ihrer Kappe. „Eigentlich hab’ ich das ja schon gesagt, oder? Ich will Abenteuer erleben und so … Naja, aber wer braucht ich ja nich’ zu wiederholen, oder?“

7. Welche Ziele hast du?

„Ziele? Also, nich’ Wünsche, sondern das, was ich wirklich erreichen kann?“, versichert sich das Mädchen und nickt verstehend auf die Bestätigung. „Ich kann nur versuch’n von einer Arbeit zur nächsten zu komm’n, die ebend besser bezahlt is’ und so. Nächstes Ziel wär’ dann wohl so was wie nen Stall auf dem richtigen Gutshof. Aber is’ schwer zu finden. Vielleicht find ich ja noch ne Arbeit für Abends.“ Lailah unterstreicht die Worte mit einem Schulterzucken. „Mein Ziel is’ halt, dass ich genug Geld verdienen tu, um Leo auf ne Kriegerakademie zu schicken, Lucky und Lars nich’ vernachlässigen muss und meiner Ma irgendwie ne Freude machen kann.“

8. An was glaubst du? Wofür kämpfst du?

„Na, ich glaub’ an die Götter, wie die meisten Leute halt.“ Eines schrägen Blicks ob der seltsamen Frage konnte sich Lailah nicht verkneifen. „Und kämpf’n tu ich dafür, dass’es meine Brüder bloß nich’ so schwer haben, wie ich. Die sollen nich’ schon so früh wie möglich auch Geld verdienen müss’n, um was im Magen zu haben. Die soll’n machen können, was sie woll’n.“

9. Was hasst du am Meisten?

Lailah seufzt schwer. „Was für ne Frage … was weiß ich, da gibt’s ziemlich viel, was ich nicht leid’n können tu. Zum Beispiel hasse ich so Leute, die sich einbilden ganz toll zu sein, obwohl sie’s nich’ sind und die zu doof sind das zu sehen. Ich hasse es, wenn jemand meint, Mädchen sein nich’ so gut, wie Jungs oder überhaupt mag ich Unehrlichkeit und so überhaupt nich’. Kennt ja jeder, was die sagen, die nich’ da leben: das Pack aus’m Hafenviertel, sind alles Betrüger und Halsabschneider, die nur an sich selber denken, Raufbolde, Hehler, Mörder.“ Wieder verdreht Lailah die Augen. „Mir fällt bestimmt noch ne ganze Menge mehr ein, was ich hasse, wenn ich weiter plapper’.“

10. Über was freust du dich?

„Hmm, weiß nich’ …“, sagt Lailah nachdenklich und kratzt sich am Kopf. „Wenn mich jemand zum Bier einläd, freu’ ich mich, wenn ich nen bisschen Zeit finde, um durch die Stadt zu stromern oder in ne Taverne zu gehen. Oder wenn ich meine Ruhe hab, wenn ich bei den Pferden im Stall bin. Oder wenn meine Ma mal wieder Honigkuchen gebacken hat, obwohl wir für so was eigentlich kein Geld haben.“ Beim letzten Satz breitet sich wieder ein schiefes Grinsen auf Lailahs Schmollmund aus.

11. Was zeichnet dich aus, woran kann man dich unter Tausenden erkennen?

„Mich?“, fragt Lailah erstaunt. „Gar nich’ … Ich kann nix wirklich, ich seh’ nich’ gerade gut aus, ich tu nich’ singen oder tanzen können oder so was. Da is’ nix besonderes an mir.“

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2 Kommentare zu „Interview mit Lailah

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