Kennenlernen (Lailah / Sananka)

„Jetzt … jetzt kommt schon, du!“
Der ärgerliche Ausruf ließ Lailah aufschauen und das Pferd, das sie an den Zügeln neben sich führte, zum Stehen bringen. Einer der Wagen des Händlerzuges stand quer vor dem Platz, an dem er die Nacht überdauern sollte, das davor gespannte Pferd schnaufte gemütlich und bewegte sich nicht von der Stelle, so sehr sich die Frau – vermutlich seine Besitzerin – auch bemühte und an dem Tier zog.
„Das nächste Mal, nehme ich einen anderen! Ganz bestimmt!“, zeterte die Frau.
Lailah verdrehte die Augen und sah sich um. Andere Hilfe war nicht in Sicht und so würde das nie etwas werden. „He, zerrt nich’ so an ihr.“ Mitsamt des Pferdes schritt Lailah zu der Frau und deren Wagen. „Ihr seid viel zu grob.“ Auffordernd streckte Lailah ihr eine Hand entgegen.
„Ich bin nicht grob“, maulte die Frau, übergab die Zügel aber bereitwillig an Lailah. „Ich hab’s nur nicht mit Pferden … und allem anderen, was mehr als zwei Beine hat.“
Lailah ließ das Zugpferd ihren Geruch aufnehmen, streichelte ihm den Hals und flüsterte ihm leise beruhigende Worte zu. So gemütlich, wie es dort stand, war es wohl eher Faulheit und Bockigkeit, als Misshandlung von Seiten der Frau, die es hatten stehen bleiben lassen. „Das hab ich geseh’n“, meinte Lailah, als sie jetzt in jeder Hand ein Pferd führte. Der Karren kam ratternd in Bewegung.
Die Frau schloss nach kurzem Zögern zu Lailah auf. „Hey, danke“, sagte sie und lief ein paar Schritte neben einem der Pferde. Der Versuch, über das Tier hinweg zu Lailah zu schauen schlug allerdings fehl und die Frau entschloss sich rückwärts vor Lailah zu gehen, um diese ansehen zu können. „Die Viecher mögen mich nicht“, sagte sie und grinste. Jetzt konnte Lailah sie das erste Mal richtig betrachten: Blonde Locken fielen ihr um die Schultern, sie trug eine blaue Jacke und Hosen sowie feste Stiefel, alles fein säuberlich geordnet und neu. Nur ihr Grinsen irritierte Lailah. Die schmalen Lippen verliehen dem Gesicht der Frau zusammen mit den hohen Wangenknochen etwas wieselhaftes.
„Glaub ich nich’“, entgegnete Lailah und schüttelte den Kopf. „Wenn Ihr Euch anders verhalt’n tun würdet, dann würden die auch hör’n.“
„Wenn ich mich anders verhalte? Ich weiß ja nichtmal, was ich falsch mache.“ Dabei hob die Frau unschuldig beide Hände an und streckt Lailah eine entgegen. „Ich bin übrigens Sananka.“ Erst da viel ihr auf, dass Lailah keine Hand frei hatte und ließ die ihre einfach wieder sinken.
Lailah musste selbst grinsen. „Lailah heiß ich. Lailah Winterlen.“ Einen Moment überlegte sie und musterte die Frau noch einmal. „Du bist die Schneiderin, hab’ ich recht?“
Sananka nickte und unterzog Lailah ebenfalls einer Musterung. „Und du bist keiner von den andern Händlern“, stellte sie fest.
„Nur Pferdemädchen, ja“, gab Lailaih mit einem schiefen Lächeln zurück. „Nicht das tollste, aber man tut immerhin nen bisschen was an Geld verdienen.“
„Ach, gibt schlimmeres.“ Sananka zuckte mit den Schultern und schien sich nicht viel daraus zu machen. Überhaupt kam sie Lailah eher vor, als komme sie aus ähnlichen Verhältnissen, wie sie selbst. Zumindest sprach sie so und … Lailah hielt den Wagen an und spürte, wie ihr die Röte in die Wange stieg. „Oh, ich hätt’ Ihr sag’n sollen, oder? Tut mir Leid!“, entschuldigte sie sich und blinzelte. Sananka kicherte. Die Schneiderin klopfte ihr sogar auf die Schulter, als sie die Zügel ihres Pferdes selbst wieder nahm. „Ach was, Sananka und ein Du ist mir sowieso lieber“, versicherte sie und zwinkerte. „Also, danke nochmal. Ich denke, die letzten Meter wird der schon mit mir mitkommen.“
„Na fein, schönen Abend noch“, brachte Lailah irritiert hervor, als der Karren an ihr vorbei rollte. Vielleicht konnte sie sich später noch etwas mit der Schneiderin unterhalten. Sie schien nett zu sein.

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