Charakterinterview: Eske

Höflich erhebt sich Eske, als ich eintrete und reicht mir selbstsicher die Hand. Ein goldbraunes Gesicht mit weichen Zügen schaut mir entgegen; sie muss sich viel in der Sonne aufhalten. Ihre vollen Lippen, rundlichen Wangen und Augenbrauen, die über ihren dunkelblauen Augen einen Bogen beschreiben, zeichnen ein freundliches Antlitz. Auf ihrem Nasenansatz wölbt sich ein Höcker, ebenso wölben sich ihre kastanienbraunen Haare unter dem Kopftuch in die Stirn. Gekleidet ist Eske praktikabel. Über einem gestrickten und ungefärbten Kleid trägt sie eine gut sitzende lederne Jacke aus dunklem Braun, passend dazu schlichte Stiefel. Nur ihr Kopftuch und der Gürtel, den sie sich um die Hüfte geschlungen hat leuchten in vielen verschiedenen Grün- und Gelbtönen.
Nach einer höflichen Vorstellung kann das Interview auch schon beginnen.

Wie ist dein Name?
„Eske Lammfeld“, entgegnet Eske. Ihre Irritation versucht sie sich nicht anmerken zu lassen, schielt jedoch auf das Papier vor mir. Die Versicherung meinerseits, einige Fragen seien nur für das Protokoll, lässt sie lächeln.

Wie alt bist du?
„Ich bin zweiundzwanzig geworden.“

Hast du Familie?
Eske nickt. „Zwei Geschwister. Meine ältere Schwester betreibt den Hof unserer Mutter mit ihrem Mann. Dort lebt auch mein kleiner Bruder.“
Und deine Eltern?
„Meine Eltern sind tot.“
Wie kam es dazu?
Ein langes Schweigen zeigt, Eske spricht nicht gerne darüber. Sie entscheidet sich jedoch dennoch ein paar Worte zu verlieren. „Meine Mutter starb vor fünf Jahren, wenn Ihr mich fragt, an einem gebrochenen Herzen. Mein Vater war ein Friedenskämpfer und verschwand zwei Monate, bevor beim Bruder zur Welt kam.“

Hast du einen Spitznamen oder wäre ein Spitzname undenkbar für dich?
„Jose, ein alter Freund, hat mich immer Izzi genannt.“ Sie verdreht grinsend die Augen. „Ich habe es gehasst! Und wisst Ihr was?“ Verschwörerisch lehnt sie sich über den Tisch und meint. „Ich war trotzdem glücklich, als er es wieder getan hat, als wir uns nach Jahren wieder sahen.“

Wo ist dein Zuhause?
„Wenn etwas mein Zuhause ist, dann sicher unser Hof. Manchmal bedaure ich, nach Daasberg gekommen zu sein, um zu malen. Selbst jetzt habe ich manchmal Heimweh, obwohl ich mich meistens nur mit Lorent, meinem Schwager, gestritten habe.“
Ist der Hof weit weg?
Eske zuckt mit den Schultern. „Das kommt darauf an. Mit der Kutsche etwas zwei Tage, plus mehrere Stunden Fußweg. Es ist also nicht so weit, dass ich meine Sehnsucht nach einen Geschwistern nicht stillen könnte, wenn ich wollte.“

Beschreibe die wichtigste Tat, die du jemals in deinem Leben vollbracht hast.
„Ich habe meinen Bruder aus dem Fluss gezogen. Er wäre fast ertrunken.“ Die Art, wie sie das sagt, macht deutlich, sie rühmt sich nicht gerne selbst. „Mutter sagte, den gedankenlosen Mut hätte ich von Vater.“

Welche speziellen Eigenschaften besitzt du?
Eske pustet sich nachdenklich in die Stirn und schiebt sich die Haarsträhnen beiseite, die ihr dadurch in die Augen fallen. „Manch einer behauptet, ich sei die beste Malerin diesseits des Dhamhier.“
Und was glaubst du selbst?
Ein Lächeln huscht über ihre Lippen und sie hebt beide Hände, um mir ihre Handflächen zu zeigen. „Ich behaupte, nur wenige hochgelobte Maler schaffen es, sich beim Geldverdienen die Hände zu verbrennen. Nein, vom Malen alleine kann ich leider nicht leben. Ich helfe in Joses Tonbrennerei aus.“ Sie lässt die Hände wieder sinken. „Wirklich gut bin ich nur darin, mir Szenen einzuprägen, um sie dann zu malen, obgleich sie bereits verschwunden sind.“

Was ist die deine größte Schwäche?
„Den blinden Mut habe ich schon erwähnt?“ Eske kichern nervös. „Ich denke, es ist nicht unbedingt von Vorteil, sich blind irgendwo hineinzustürzen, nur weil man glaubt, jemand braucht Hilfe.“
Hast du schon schlechte Erfahrungen damit gemacht?
Eske schaut kurz nach unten und meidet einige Zeit den Blickkontakt. „In dem Sommer, an dem ich meinem Bruder aus dem Dhamhier gezogen habe, bin ich noch in ein Kinderspiel hineingeplatzt, weil en Kind um Hilfe rief – im Spiel natürlich. Danach haben sie mich nicht mehr so bewundert, sondern haben mich geneckt und nur noch schnippisch Heldin genannt.“

Was könnte dich dazu veranlassen, dein bisheriges Leben umzukrempeln oder es hinter dir zu lassen?
Bei der Antwort fangen ihre Augen an zu leuchten. „Ein Patron. Wenn sich ein Gönner fände, der meine Malereien so sehr schätzt, dass er mich finanziert und ich nicht nebenbei Tontöpfe brennen und mit den immer den gleichen Blumen und Schnörkeln bemalen müsste, würde ich sogar zu den Elfen oder Zwergen ziehen.“

Bist du vielleicht schon mal in mysteriösen Machenschaften verwickelt gewesen?
„Nicht, dass ich wüsste.“

Was würdest du niemals tun?
Eske kratzt sich am Kopf. „Gibt es nicht viele Dinge, die man niemals tun würde? Ich würde zum Beispiel niemals ein Kind schlagen oder jemanden ermorden.“

Sag mit etwas über deine Freunde.
„Puh, da könnte ich viel erzählen. Jose kenne ich schon von klein auf, seine Eltern haben eine Bäckerei im Nachbardorf. Er hat ein paar Jahre vor mir sein altes Leben verlassen um anderswo sein Glück zu finden. Eigentlich habe ich ihn nur durch Zufall hier in Daasberg getroffen, als ich auf der Suche nach Arbeit war. Er und seine Verlobte Editha haben die Töpferei übernommen. Edithas Eltern sind gut betucht, ich glaube, insgesamt haben sie drei Töpfereien in der Familie. Aber sie stellen wirklich feinstes Porzellan her.“ Einen Augenblick hält sie inne und überlegt. „Ach so. Also, Jose und Editha sind mir gute Freunde geworden. Ebenfalls Horesk, ein alter Haudegen mit verkrüppeltem Fuß. Er trainiert und sortiert die Anwärter für die Stadtgarde aus. Er ist sehr direkt, aber das mag ich. Ansonsten ist niemand erwähnenswert.“

Wohin möchtest du auf jeden Fall einmal reisen?
Ihre Stimme bekommt etwas Schwärmerisches. „Zum Königsschloss und der Magierakademie. Es sollen sehr beeindruckende Bauwerke sein und ich stelle es mir wunderbar vor, sie auf der Leinwand im Sonnenuntergang zu verewigen! Außerdem muss jeder Maler die Eisgipfel von Ehrenhorst eingefangen haben.“

Was denkst du über Magie?
Eske zuckt mit den Schultern. „Ich finde sie faszinierend, aber ich verstehe sie leider nicht.“

Wovor hast du Angst, bzw. was ist deine schlimmste Befürchtung?
„Ich weiß nicht“, meint Eske leichthin und runzelt die Stirn. „Ich glaube, darüber habe ich mir noch nie richtig Gedanken gemacht.“

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