Begegnungen (Jonathan)

Jona fuhr mit seinem Mountainbike den Waldweg hinab, während Mel neben ihm herrannte. „Hast du schon einen Plan?“, fragt der Hund.
„Äh, nein, eigentlich nicht.“ Bevor der Weg steiler abfiel, bremste Jona, schlitterte aber trotzdem in die Kurve dahinter. Er riss den Lenker herum und verhinderte um Haaresbreite, dass er an die alte Stadtmauer prallte, die den Weg auf einer Seite begrenzte. Mel jaulte auf, als er zur Seite springen musste, um nicht vom Vorderrad getroffen zu werden.
„Tschuldige!“, meinte Jona und hielt ganz an. Mel schüttelte sich, es schien ihm aber nichts passiert zu sein.
„Du solltest mit deinem Hunde vorsichtiger sein!“
Jona zuckte zusammen und sah zur Mauer hinauf. Ein Mädchen mit dunkelbraunen Haaren, einem T-Shirt mit viel Glitzer und einer Knielangen Hose saß darauf und ließ die Beine baumeln. „Äh, hallo“, entgegnete Jona verwirrt.
Das Mädchen grinste und sprang von der Mauer herunter. „Auch hallo. Und du?“, wandte es sich nun an Mel, bückte sich und streckte ihm eine Hand entgegen. Mel tat, was Hunde so tun und wedelte mit dem Schwanz, als sie auf ihn zukam. „Wie heißt er?“
„Mel“, sagte Jona und unterdrückte ein Seufzen. Sie konnte ihn also sehen. Und berühren auch, denn nun kraulte sie Mel hinter den Ohren.
„Oh, du bist ein guter Junge“, säuselte sie, bevor sie sich aufrichtete und Jona ansah. „Du bist Jonathan, richtig? Ich bin Sofia.“ Als Jona sie nur verständnislos ansah, seufzte sie. „Aus deiner Parallelklasse? Wir waren letzte Woche zusammen auf dem Schulausflug.“ Nun gab sie etwas von sich, das Jona nicht verstand, das für ihn aber nach Italienisch klang, und schüttelte den Kopf. „Du erinnerst dich nicht. Schade. Ich habe dich schon oft mit deinem Hund gesehen. Er wartet ja sogar vor der Schule auf dich.“
Erst, als Mel neben ihn lief und ihn mit der Schnauze anstuppste, schaffte es Jona, die Verwunderung abzuwerfen. Sie war die erste Person hier auf der Erde – neben seiner kleinen Schwester – die Mel sehen konnte. Und so langsam erinnerte er sich auch, Sofia schon begegnet zu ein. „Ähm, ja, stimmt. Gehört deinem Vater nicht der Italiener im Lärchenweg?“
„Naja, eigentlich gehört er meinen Großeltern, aber mein Onkel leitet ihn, nicht mein Vater.“
„Oh …“
„Mein Vater ist Restaurator“, fuhr sie fort, ohne auf seine nicht sehr geistreiche Antwort einzugehen. „Aber weil ich nach der Schule im Restaurant Hausaufgaben mache, verwechseln das viele, also mach dir nichts draus.“
„Ach so.“ Zu mehr kam Jona nun auch nicht, denn Mel stuppste ihn abermals an und winselte. Erleichterung machte sich in ihm breit. Es gab ermöglichte ihm eine Ausrede, um weiter zu fahren. „Ähm, du, ich muss weiter. Mel wird schon unruhig. Er möchte noch etwas laufen.“
„Aber ihr kommt doch gerade aus dem Wald.“
Jona hob die Schultern. „Er ist ein Läufer.“
„Oh, na fein.“ Sofie grinste erst Mel, dann ihn breit an. „Vielleicht sehen wir uns morgen in der Schule, Jonathan.“
„Ja, vielleicht“, meinte Jona und lächelte. „Und Jona reicht vollkommen. Mach‘s gut!“
Jona trat in die Pedale und fuhr an der Mauer entlang, bis diese Endete und der Weg in eine Straße mündete. Erst, als sie die Mauer hinter sich gelassen hatten und Sofia außer Sicht war, fragte Jona: „Hattest du vorher schon bemerkt, dass sie dich sehen kann?“
„Hmm, eigentlich schon. Aber sie scheint mehr Interesse an dir zu haben, als an mir.“
Jona bremste scharf. „Was?!“
„Das ist dir nicht aufgefallen?“ Wenn man in irgendein ein Hundegesicht ein Grinsen hinein interpretieren konnte, dann jetzt in Mels. „Ich denke sie mag dich.“
Auch wenn er Sofie nicht mehr sehen konnte, schaute Jona über die Schulter zurück. Er wollte etwas zu Mel sagen, doch er ließ es bleiben und seufzte stattdessen. „Fahren wir nach Hause.“

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