Prophezeiungen (Sinia / Thrax)

Lange hatte Sinia auf die Gelegenheit gewartet, diese Bibliothek betreten zu können, das Archiv der Todesbotin. Die Gelegenheit hatte sich niemals ergeben, da hatte erst die Notwenigkeit kommen müssen. Leider hatte sich Sinia mehr erhofft.
Müde klappte sie das Buch zu. Eine Staubwolke wirbelte auf, glitzerte im letzten Licht des Tages und kitzelte sie in der Nase. Seufzend erhob sie sich, schob die beiden Bücher beiseite, um Platz auf dem bereits überfüllten Tisch für die nächsten zu schaffen, und nahm das nächste Regal in Augenschein. Die Bibliothek war nicht groß. Sie war einen Liebhaber geschuldet, der behauptete, die Todesbotin spräche zu ihm. Die Umstände seines Todes waren jedoch weit weniger mysteriös, als seine Prophezeiungen – doch nach diesen suchte Sinia. Die Dämonen wandelten auf Quyrillia. Was lag da also näher, als sich mit den angeblichen Spinnereien eines von der Dämonengöttin Besessenen zu beschäftigen? Sie waren versteckten Notizen, die er sich gemacht hatte; Anmerkungen zu Passagen in Büchern, die er auf kleinen Zetteln zwischen den Seiten hinterlassen hatte. Die meist krakelige Handschrift war schwer zu entziffern, aber langsam hatte Sinia den Dreh heraus. Vielleicht fand sie so endlich, wonach sämtliche Magier Quyrillias suchten: Einen Weg, die Dämonen zu verbannen.
Zwei weitere Bücher blätterte Sinia durch, nahm die wenigen Notizen zur Hand, las die Passagen, auf die sie sich bezogen und entzifferte die Worte auf den Zetteln. Der raum wurde dunkler und ihre Augen schmerzten. Gerade, als sie die Öllampen entzündete, die dem Raum zumindest wieder genug Licht gaben, hörte sie Stimmen hinter der Tür. Die eine gehörte dem Hausangestellten, der Sinia im Auftrag der Baronin hier her gebracht hatte. Die andere Stimme war dunkel und weich. Konnte es sein?
Die Tür öffnete sich und der Hausangestellte führte einen hochgewachsenen Mann mit dunklen Haaren und Augen herein. Sinias Herz machte einen Sprung. Er war es wirklich! Er wirkte älter und ernster, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Seine Wangenknochen zeichneten sich deutlicher ab, als noch vor einigen Jahren, doch er sah noch immer gut aus.
»Lady Sinia Eren zu Lanthan«, setzte der Hausangestellte an. »Lord Thrax von Selthven wünscht …«
»Wir kennen uns«, unterbracht Thrax ihn und würdigte ihn keines Blickes. Stattdessen sah er Sinia an und verneigte sich knapp. »Es freut mich Euch wiederzusehen.«
Sinia gab dem Hausangestellten einen Wink. »Meinen Dank! Bitte teilt doch der Baronesse mit, dass ich Ihr Angebot annehmen und im Gästetrakt nächtigen werde.«
Der Hausangestellte verschwand mit einer tiefen Verbeugung und schloss die Tür hinter sich. Kaum war er gegangen, setzte Sinia ihr entzückendstes Lächeln auf. »Thrax, ihr seht gut aus! Die vergangenen Jahre konnten Euch nichts anhaben!«
Er musterte sie, doch sein Lächeln war nur schwach. »Euch scheint es gut ergangen zu sein.«
Sinia kicherte. »Das ist nicht zuletzt unserem guten Koch zu verdanken. Aber ihr scheint ebenfalls nicht viel Zeit in der Sonne zu verbringen.«
Jetzt wurde sein Lächeln zynisch, doch statt dazu etwas zu sagen, sah er sich in der Bibliothek um. Die Zeit für belanglose Plaudereien war um. Dafür war er ohnehin nie zu haben gewesen. Nicht während ihrer gemeinsamen Studien auf der Magierschule, noch während der Prüfungen zum Erzmagier. Derzeit hatte er noch weniger Grund, sich damit aufzuhalten. Sinia entsann sich, dass seine Grafschaft an einem der drei Risse zur Dämonenwelt lag. Er musste sich bereits länger mit dieser Plage herumschlagen, als der Rest Quyrillias. »Nun«, nahm Sinia den gedanklichen Faden auf, »was führt Euch hier her? An den Rand des Südmeeres?«
»Vermutlich der gleiche Gedanke, wie Euch«, entgegnete er. »Ich hätte mir denken können, Euch hier vorzufinden.«
»Wo sollte die führende Erzmagierin der Dämonengilde gerade sonst sein, als auf Forschungsreise? Gerade jetzt?« Sinia zwinkerte.
»Habt ihr bereits Erkenntnisse?«
»Leider nicht.« Sinia seufzte und deutete auf die auf dem Tisch gestapelten Bücher. »Ich bin mir sicher, Lord Teren hat eine alte Prophezeiung mit seinen Anmerkungen versehen, in der es über die Rückkehr der Dämonengöttin ging. Er überfiel mich damit am ersten Tag, nachdem ich als Gildenoberhaupt eingesetzt wurde.« Der Gedanke an den alten, akkurat gekleideten Mann, dem man seine Besessenheit nicht auf den ersten Blick ansah, der sie jedoch so massiv belästigte, dass sie ihn hinauswerfen ließ, ließ sie müde Lächeln. Hätte sie damals bereits gewusst, was sie heute wusste, hätte sie ihm wenigstens zugehört. »Er sprach von einer Dämonenplage. Er hatte sogar das Buch mitgebracht, doch ich erinnere mich nicht genau, um was es ging.«
»Dabei kann ich Euch zur Hand gehen.« Sein Gesicht spiegelte nicht wider, was er dachte. Es schien gleichgültig und ausdruckslos zu sein. »Ich weiß, wie wir die Risse schließen und die Ankunft der Dämonengötter verhindern können.«

Inspiration: Van Canto – „The Oracle“

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