Talente (Meylenka)

Mey steckte den Arm zwischen den Wurzeln des Baumes hindurch, streckte die Finger so lang sie konnte, doch sie erreichte die Haarspange nicht. Sie ertastete nur den Waldboden; feuchte Blätter, Zweige und Erde. „Mati bringt mich um“, sagte sie zu sich selbst. Sie konnte die Spange glitzern sehen. Sie funkelte golden im Licht der wenigen Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach drangen. Warum hatte sie die Haarspange überhaupt mitgenommen? Ihre Mutter hatte gesagt, es wäre ein Geschenk gewesen. Meys Großvater hatte sie ihrer Mutter zur Hochzeit geschenkt. Eigentlich durfte Mey nicht benutzen, geschweige denn sie mit in den Wald nehmen. Aber sie war so hübsch!
Während sie sich nach einem Stock umsah, kaute sie auf ihrer Unterlippe. Doch auch so schaffte sie es nicht, die Haarspange zu angeln. Im Gegenteil, sie schob sie nur tiefer zwischen die Wurzeln. Da gab es nur eine Lösung und Mey hasste sie.
Seufzend konzentrierte sie sich auf die Spange, sah sie fest an und forschte in ihrem Inneren nach ihrer Magie. Das blaue Licht war schnell gefunden, doch ob sie es so einsetzen konnte, wie sie wollte, wusste sie nicht. Sie versuchte die Magie zu formen, aus ihr eine Schlinge zu erschaffen, die sich um die Haarspange schlang und sie emporhob. Doch die Magie umspülte die Spange lediglich und schmiegte sich in die Erde und an die Baumwurzeln. Mey schaffte es nicht, ihre Magie so zu verhärten, um den Livationszauber auszuführen. Schon wieder nicht! Allmählich glaube Mey, sie würde diesen Zauber niemals beherrschen.
Niedergeschlagen ließ sie sich gegen die Baumwurzeln sacken und drehte den Stock zwischen den Fingern, mit dem sie eben noch versucht hatte, die Spange zu angeln. Ein Ende war von Moos überzogen, das andere braun und bröckelig. Dieser Stock hatte alles Leben verloren, das konnte sie spüren. Ihr Mutter sagte, sie hätte ein ähnliches Talent für Pflanzen und Tiere, wie ihre Großmutter. Leider hatte sie Mikayirell niemals kennengelernt. Ob sie ihr hätte sagen können, wie sie den Levitationszauber endlich meistern konnte?
Doch noch während diese Frage in Meys Kopf herumschwirrte, drängte sich eine andere Frage dazwischen: Konnte sie den Baum dazu bewegen, seine Wurzeln zu strecken?
Erneut kniete sie sich vor die Wurzeln und legte die Hände auf das Holz. Eigensinnig war es und starr. Doch sie konnte ihre Magie darumschlingen, sie konnte sie sogar in den Baum eintauchen lassen. Mey kniff die Augen zusammen und stellte sich vor, wie sich die Wurzeln bewegten; nur wenige Finger breit. Es knarrte und als Mey die Augen wieder öffnete, hatten sich die Wurzeln tatsächlich ein Stück geweitet. Gerade genug, damit sie nun die Haarspange erreichen konnte. Glücklich wischte sie Blätter und Erde ab und steckte sie in ihre Tasche. Dann lief sie los. Sie musste sie wieder nach Hause bringen, bevor ihre Mutter etwas merkte.

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