Heimsuchung, Kapitel 1: Die Anstalt

Sananka steckte den Dietrich zurück in die Tasche an ihrem Gürtel. Das Dachfenster quietschte leise, als sie es anhob. Alle anderen Fenster waren vergittert, nur diese einsame Luke nicht. Vorsichtig glitt Sananka hindurch und blieb auf dem Boden hocken. Sie lauschte auf Regungen in die Dunkelheit, Schritte, Stimmen. Doch außer ihrem eigenen Herzschlag und einem Schnarchen, das gedämpft durch die Dielen drang, konnte sie nichts vernehmen. Heute war die Nacht, in der sie sich ein Bild von der Anstalt machen würde. Wie alle Menschen der Stadt hatte sie eine Vorstellung: Angekettete Kranke, von Fäkalien bedeckter Boden und mindestens ein Zimmer mit medizinischen Foltergeräten, die als angebliche Heilmittel eingesetzt wurden.
Das Licht des großen Silbermondes fiel hinter ihr durch das Fenster und tauchte alles dahinter in tiefe Schatten. Allmählich gewöhnten sich Sanankas Augen an die Schwärze der Dachkammer und sie erkannte Konturen von Möbeln. Doch der Anblick entsprach nicht dem Bild des Grauens, auf das sie sich eingestellt hatte. Die Kammer war weder staubig noch mit Stühlen vollgestellt, an denen jemand festgeschnallt werden konnten während ihm der Schädel aufgesägt wurde. Sananka sah keine Eisenketten, keine Käfige und keine magischen Blitztrommeln. Stattdessen standen zwei gewöhnliche Betten nahe der einzigen Tür und dienten als Lager für ordentlich gefaltete Decken. Ein leerer Schrank hatte daneben seinen Platz und weitere abgedeckte Möbel verteilten sich im Raum. Neben der Tür, gegenüber der Betten, hing ein Regal mit Holzgeschirr jeglicher Art.
Verschaffe dir einen Überblick, hallten die Worte ihrer Mentorin nach. Behutsam erhob sich Sananka und schlich zur Tür. Sie fröstelte, als sie ihr Ohr an das Holz legte und lauschte. Das Schnarchen von unten hatte nachgelassen, jetzt vernahm sie nur noch ein Trippeln in der Wand. Oder war da noch etwas anders? Ein Flüstern? Auf den Straßen erzählte man beunruhigende Geschichten über die Anstalt. Die drei Heiler und auch die fünf Angestellten wurden in der Stadt respektiert – und gemieden. Sananka hatte sie in den letzten Tagen beobachtet. Alle, die in diesem Haus lebten, teilten das Schicksal, ob verrückt oder nicht.
Sananka schob eine ihrer blonden Locken zurück unter das Tuch über ihrem Kopf und zurrte den Knoten fester. Danach betrachtete sie das massive Schloss in der Tür und wählte einen passenden Dietrich. Langsam ließ sie ihn ins Schlüsselloch gleiten, drehte und schob mit viel Fingerspitzengefühl, genauso vorsichtig, als setze sie einen feinen Stich an einem Ballkleid. Sie wurde mit einem Klicken belohnt und das Schloss aufschnappte. Erneut lauschte sie. Drang da ein Schrei durch die Tür oder spielten ihr ihre Sinne einen Streich? Tief in ihr drin kicherte die Angst über dieses dürre Mädchen, das nach dem kleinsten Mauseloch suchte, um sich zu verkriechen. Der Schrecken der Anstalt lag offen vor ihr und Sananka atmete durch. Es gab größere Schrecken, sie hatte sie gesehen. Sie hatte diesen Weg gewählt, um sich nie wieder von der Angst in ein Mauseloch jagen zu lassen. Deswegen hatte Najesa sie für ihre Feuerprobe ausgerechnet hierher geschickt. Trotz der Zweifel ihrer Mentorin würde Sananka ihr beweisen, dass sie bereit war.
Die Tür knarrte, als Sananka sie einen Spalt aufschob, bis sie hindurchschlüpfen konnte. Schwaches Licht von unten enthüllte eine schmale Treppe, untermalt von den Schnarchgeräuschen. Staub bedeckte die Stufen dicht an der Wand, dort wo niemals jemand den Aufstieg in die Dachkammer betrat. Je weiter sie hinab schlich, desto deutlicher gesellte sich das Rascheln von strohgefüllten Matratzen und dumpfes Gemurmel zu dem Schnarchen. Eine einzelne Lampe ihr gegenüber, am anderen Ende eines Flurs, erleuchtete diesen notdürftig. Doch zusätzlich drang ein Flüstern zu ihr, Murmeln, dem sie keine Richtung zuordnen konnte. Es war, als bebe das Haus unter der Last seiner Insassen. Es war, als lauerten Pein und Verzweiflung unablässig in jedem Spalt, tränkten die Wände und durchfluteten das Gebäude. Auch hier, wo nur die Heiler und Angestellten schliefen.
Sananka schluckte. Tief in ihr wusste sie, dass sie dieses Wispern schon vernommen hatte, früher, zu einer Zeit, über die sie nicht nachdenken wollte. Oder war es doch nur die Angst, die sie flüsternd drängte, dieses Haus wieder zu verlassen? Sananka schloss die Augen und hob leise an zu summen. Ihre Stimme war ihr Schutz und ihr Geheimnis. Niemand nahm sie wahr, wenn sie sang. Sananka wusste nicht, weswegen die Blicke der Menschen dann von ihr abglitten. Eine sanfte, gleichmäßige Melodie erfüllte den Flur, dem Rhythmus ihres Herzschlags folgend.
Vorsichtig durchquerte Sananka den Flur, vorbei an Türen und Schränken. Ein Schrei drang von unten durch die Gänge ebenso, wie ein schwacher Geruch nach Fäkalien. Der Rhythmus geriet ins Taumeln, als ihr Herz einen Schlag aussetzte. Sananka drückte sich neben einem breiten Garderobenschrank an die Wand. Gleich darauf regte sich etwas. Eine Tür öffnete sich und eine dickliche Frau kam heraus. Lange, zerzauste Haare fielen ihr in den Nacken. Über ihr Nachtgewand hatte sie sich lediglich ein Schultertuch geworfen. Sie war die Leiterin der Anstalt. Behäbigen Schrittes ging sie an Sananka vorbei und Sanankas Stimme zitterte. Doch das alte Kinderlied, das Sananka sang, floss weiter durch den Flur und verscheuchte die Blicke. Direkt ihr gegenüber nahm die Leiterin einen Schlüsselbund von einem Haken und öffnete die Tür am anderen Ende des Ganges – und das Gitter direkt dahinter.
Zischen und Jammern drang von unten herauf, gefolgt von Wehklagen, das Sananka durch die Knochen drang und sie von innen her rüttelte. Der Gestank nach Schweiß, Fäulnis und Fäkalien stieg ihr in die Nase und streckte seine widerlichen Auswüchse nach ihrem Magen aus. Und über allem schwebte der verzweifelte Schrei einer Frau. Sananka starrte zur Treppe. Angst kroch an ihr hoch und legte ihre klammen Finger um ihre Kehle. Doch Sananka zwang sich weiter zu singen, jeden Ton klar hervorzubringen. Verzweiflung lag in dem Aufschrei, als versuche die Frau einem Grauen zu entkommen, das verborgen in ihrem Kopf seine Fänge nach ihr ausstreckte; als erwarte sie jemanden wie Sananka, die sie von ihren Dämonen rettete.
Dort unten waren sie also. Hinter diesem Gitter würde sie es finden. Sammle Informationen und entscheide dich für ein Opfer. Für mehr Informationen war sie hier. Sie musste das Haus erkunden, sich ein Bild von den Insassen verschaffen und ihre Wahl treffen. Sie musste wählen, wer durch ihre Hand sterben sollte. Aber sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Der Gedanke hinunter zu gehen, lähmte ihre Glieder und ihre Stimme.
Dann erklangen weitere Jammerlaute und übertönten den Verzweiflungsschrei. Männer wie Frauen, jung wie alt kreischten und schrien aus voller Kehle. Sananka zuckte zusammen und verstummte. Wie viele mochten das sein? Zehn? Zwanzig? Um wie viele Insassen konnten sich drei Heilkundige kümmern?
„Wir haben einen Notfall!“, rief jemand. Gleich darauf stürmte ein Wachmann die Treppe hinauf, seine Schritte ging in dem Kreischen unter. Und plötzlich regte sich alles. Türen wurden aufgeschlagen, Menschen kamen aus ihren Zimmern und weitere Lampen hüllten den Flur in flackernde Schatten. Sananka drückte sich in die Dunkelheit des Schranks und verharrte bewegungslos. Die Verantwortlichen des Hauses gaben Befehle. Dann eilten sechs Leute durch den Korridor dicht an Sananka vorbei und ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen. Alle Heiler, zwei Bewaffnete und ein Hausangestellter rannten die Stufen hinunter.
Neben Sananka blieben nur die letzten beiden Angestellten im Gang zurück: eine blonde Frau und ein Junge von vielleicht zehn Jahren. Sie flüsterten miteinander. Sananka konnte die Worte nicht verstehen, doch die Blonde legte dem Kind die Hände auf die Schultern und sah ihn verständnisvoll an. In seinen Augen glitzerten Tränen. Dann nahm sie ihn bei der Hand und ging mit ihm ebenfalls hinab. Die Schritte des Jungen waren unsicher.
Sanankas Herz raste und erst jetzt bemerkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte. Was war dort wohl geschehen? Was konnte ein solcher Notfall sein?
Sammle Informationen und wähle dein Opfer, rief sich Sananka ihren Auftrag ins Gedächtnis und verscheuchte die Neugierde. Sicherlich gab es in diesem Haus eine Schreibstube mit Papieren und Aufzeichnungen über die Insassen. Allerdings war hier im Obergeschoss keine Schreibstube zu sehen. Alle Türen im Flur standen offen und aus allen waren verschlafene Menschen gekommen. Sie musste weiter unten sein.
Was auch immer gerade passiert war, es war die perfekte Ablenkung. An diesen Gedanken klammerte sie sich, als sie vorsichtig folgte und die Stufen hinunterging. Die Schreie ebbten ab und Sananka betrat das Untergeschoss. Hier teilte sich der Flur in zwei Gänge und eine weitere Treppe führte in den Keller. Von unten vernahm sie aufgeregte Stimmen und Schluchzen. Ihr Blick glitt die Treppenstufen hinab. Da war es wieder, dieses Wispern. Wie ein leiser Hilferuf, der sie dazu drängte, nachzusehen – oder war es nur die Neugierde?
Die Angst trampelte auf ihrem Magen und Sananka wurde flau. Der Gestank biss ihr in die Nase, doch das Raunen trieb sie trotzdem in den Keller. Ein weit geöffnetes Gitter flankierte den Treppenabsatz, Sananka konnte das Licht am Ende des Gangs sehen. Sie hörte Wortfetzen. Die Leiterin der Anstalt erteile Befehle. Noch immer lärmten die Kranken, sie jammerten und klagten und einer lachte sogar. Das Flüstern allerdings übertönte alles, so leise es auch war. Es fehlte um Hilfe und prickelte auf ihrer Haut.
Sananka schlich an verschlossenen Zimmern vorbei, doch die Türen hatten alle vergitterte Sichtfenster. Im Dunkeln konnte sie nur Schemen in den Zellen ausmachen; eine zusammengekauerte Gestalt auf einem Bett, eine direkt vor dem Fenster. Rechts von ihr saß jemand ganz still, links rüttelten gleich zwei Insassen an ihren Türen. Vier Türen auf jeder Seite, also acht Kranke. Und sie waren nicht die Einzigen. Der Flur teilte sich am Ende erneut auf.
An der letzten Tür streckte jemand seine Hände durch die Gitter, als Sananka vorbeiging, und brabbelte unverständliches Zeug. Ein alter Mann mit zerzausten Haaren und wild aufgerissenen Augen sah sie durchdringend an und lachte leise. Bei diesem Lachen stellten sich Sananka alle Härchen auf. Es war das Lachen einer Bestie. Sie hatte es früher oft gehört. Ungewollt sah sie dem Mann ins Gesicht, doch sie konnte nur seinen gierigen Blick erkennen. Ihre Beine zitterten plötzlich. Das dürre Mädchen in ihrem Inneren, das eben noch dem Wispern hatte folgen wollen, wollte jetzt kreischen, wollte fliehen um dieses Lachen nicht mehr hören zu müssen. Sananka biss die Zähne zusammen. Nein, sie würde nicht laufen. Sie würde tun, weswegen sie hier war. Um es sich selbst zu beweisen, lauschte sie in sich hinein und sperrte das Lachen aus. Aber das Raunen war verstummt.
Ohne es zu wollen, ging sie schneller und schob sich um die Ecke. Der Gang gabelte sich. Rechts von ihr endete er in einer massiven Tür, links bot er Zugang zu weiteren Zellen. Dort endlich sah sie die Angestellten des Hauses. Der Junge drehte sich gerade um und lief ihr entgegen. Sananka wich an die Wand zurück und summte. Nur ein einziger Ton bewahrte sie davor entdeckt zu werden. Das Kind hastete direkt an ihr vorbei und verschwand durch die Tür am anderen Ende des Flurs. Sananka sang weiter, reihte Ton an Ton und versuchte damit ihr Herz zu beruhigen. Eine der Zellen war weit geöffnet. Die Heilkundigen und auch die Bewaffneten standen um eine Bahre. Eine Gestalt lag darauf, ihre Kleidung war blutig. Wo der Schädel sein sollte, sah Sananka nur Knochen, Blut und Haarfetzen. Allein die aufgerissenen Augen erkannte sie deutlich in dieser grotesken Maske; groß, rehbraun und leer. Die Leiterin ging in die Hocke und verschränkte die schlaffen Arme der Toten über deren Brust. Die Anderen hatten die Köpfe gesenkt. Sananka konnte kaum atmen. Was sie sah, war real und doch kam es ihr vor wie eine Szene aus einem Albtraum, untermalt von ihrem Wiegenlied.
Ein Schluchzen drang aus einem der Zimmer und zerfetzte Sanankas Gedanken. Die Leiterin hatte sich erhoben und schimpfte mit den anderen. „Wie konnte das geschehen?!“, fuhr sie einen Heiler an.
„Ich habe sie fixiert, als ich zu Bett ging“, rechtfertigte sich der Heilkundige mit rauer Stimme. „Ich weiß nicht, wie sie sich befreien konnte. Sie hat …“ Der letzte Satz ging im Heulen eines Insassen unter.
Nun sah die Leiterin einen der Bewaffneten an. „Und Ihr? Wie konntet Ihr im Dienst einschlafen?!“
Der Mann murmelte etwas vor sich hin. Sananka verstand es nicht, aber seine schwerfälligen Bewegungen deuteten auf den Genuss von zu viel Wein und Bier hin.
Das Heulen neben Sananka wurde zu einem Zischen. Doch Sananka konnte den Blick nicht von der Toten abwenden. „Diese geschundene Seele hätte ohnehin keine Heilung erfahren“, sprach eine Frau, die andere Heilkundige der Anstalt. Verachtung lag in ihrer Stimme.
„Dennoch hätte sie sich nicht selbst richten dürfen!“, fuhr die Leiterin sie an.
Konnte das wirklich sein? Konnte es sein, dass sich diese Irre selbst so zugerichtet hatte? Wie verrückt musste jemand sein, um sich den Schädel einzuschlagen?
Die Blonde, die mit dem Kind hier herunter gegangen war, breitete ein Laken über dem Leichnam aus. Sananka blinzelte und wurde sich bewusst, dass sie gar nicht hier sein sollte. Hier unten gab es keine Schreibstube und sie hatte genug gehört. Bald würde die Stadtgarde hier erscheinen. Wo sonst sollten sie den Jungen hingeschickt haben? Sie musste später erledigen, wozu sie gekommen war. Es war an der Zeit, zu verschwinden.

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