Heimsuchung, Kapitel 2: Gerüchteküche

„Hast du‘s gehört? Was da gestern im Irrenhaus passiert ist?“
Sananka warf einen Blick zu den beiden Frauen, die neben sie an den Marktstand traten. Sie übertönten die Straßenmusikerin, der Sananka soeben noch gelauscht hatte. Die beiden Weiber könnten Mutter und Tochter sein; beide pechschwarze Haare und beide den gleichen, aufgeregten Ausdruck in den Augen. Sie trugen sogar das gleiche einfach geschnittene Kleid, dass bei Handwerkern gerade sehr beliebt war. Der kurze Rock fiel nur bis knapp über die Knie. In wieweit das praktischer sein sollte, als Sanankas Hosen, war ihr ein Rätsel.
„Ne, was denn?“, fragte die Jüngere.
„Ein Dämon soll da umgegangen sein!“
Die Jüngere japste und fuhr sich zum Schutz mit dem Daumen über die Stirn. „Die heilige Elehi hilf!“
„Es soll auch jemanden erwischt haben“, beteuerte die Ältere.
„Und wen?“
„Eine Frau. Sie soll schlimm zugerichtet gewesen sein. Kolsa hat erzählt, ihr Mann hat sie gesehen, als Priester der Todesbotin sie heute Morgen rausgebracht haben.“
Während Sananka lauschte, beobachtete sie, wie der Händler die letzte Borte abrollte und mit einem Holzstab Maß nahm.
„Blutüberströmt!“, sagte die Alte theatralisch. „Sie soll keine Arme und Beine mehr gehabt haben und ihr Schädel war nur noch ein klebriger Brei! Ich sage dir, so wird nur jemand zugerichtet, der mit Dämonen im Bunde ist.“
Sananka wurde übel. Sie hatte die Leiche nur aus der Entfernung gesehen, doch das Bild hatte sich in ihrem Gedächtnis festgesetzt, als habe die Angst es mit Stecknadeln in ihren Schädel geheftet, um es immer und immer wieder zu betrachten.
„Und wer war sie?“, wollte die Jüngere wissen.
„Kolsa sagt, ihr Mann kennt sie nicht. Aber sie kann noch nicht lange da gewesen sein. Ihr Mann bringt doch regelmäßig die Kräuterbestellungen.“
„Vielleicht hat sie ja den Dämon mitgebracht!“
„Bitte sehr, Fräulein Schneiderin“, riss der Händler Sananka aus den Gedanken. „Ich bin sicher, Meisterin Sentat wird zufrieden sein.“ Lächelnd reichte er ihr die Borten, alle mit dünnen Bändern verschnürt und mit seinem Händlerzeichen versehen. „Schneiderin war doch Euer Name?“
„Äh, ja, danke“, murmelte Sananka und bezahlte. Dann warf sie einen weiteren Blick zu den beiden Frauen. Doch diese hatten sich abgewandt und gingen davon.
„Ihr solltet nicht so viel auf das Geschwätz geben.“ Das Lächeln des Händlers war freundlich, aber Sananka konnte es nur schräg erwidern. „Naja, ein Dämon in der Stadt ist ja nicht gerade das, was man gerne hört, oder?“
„Seid Ihr denn so abergläubisch, Fräulein Schneiderin?“
Sananka grinste schief. „Ihr etwa nicht?“
„Nicht, wenn es um Dämonen geht.“ Der Händler hielt kurz inne und grüßte einen Mann, der ebenfalls an seinen Stand trat. „Wisst Ihr, Fräulein Schneiderin“, nahm er den Faden danach wieder auf, „ich vertraue der Magiergarde. Die Magier werden das schon richten.“
„Das hoffe ich“, bestätigte Sananka, verstaute die Borten in ihrer Tasche und verabschiedete sich. Die Magiergarde würde hinzugezogen, wenn es wirklich einen Dämon gab. Daran wollte Sananka nicht glauben, doch dieses Wispern, das sie vernommen hatte, behauptete etwas anderes. Sananka verzog den Mund und schob all das beiseite, als sie sich zwischen den Menschen auf dem Markt einen Weg suchte und auf deren Gespräche lauschte. Der angebliche Mord war in aller Munde, doch nur die Wenigsten sprachen dabei von Dämonen. Sananka hörte Spekulationen in jede Richtung; von Experimenten in der Anstalt über die Rache des ehemaligen Geliebten der Frau bis hin zu der Dämonentheorie. Nur ein unheimliches Flüstern erwähnte niemand. Hatte das keiner der Angestellten gehört? Keiner der Priester der Todesbotin? Oder hatte sie sich das nur eingebildet?
Sananka wich einem ihr entgegenkommenden Pferd aus und hielt inne. Hinter ihr glühten magische Lampen an einem abgedunkelten Stand und hüllten ihn in ihren gelben Schein. Was, wenn es doch ein einfacher Mord war? Sicher, Sananka selbst hatte niemanden gesehen. Aber ein richtiger Meuchler musste unentdeckt bleiben.
Seufzend ging sie weiter. Ihr Blick schweifte über den nächsten Marktstand mit Lampen in Grün, über Obst und Wurstwaren hin zum Rand des Marktes. Dort hatten zwei Männer der Stadtgarde Stellung bezogen, zusammen mit einem Gardeschüler. Sananka kannte ihn aus der Akademie. Jeydon war einer der vierzehn Prüflinge, die in einigen Monden die Garde bereichern würden. Kurzentschlossen ging sie zu ihnen. „He, ich habe mal eine Frage.“
„Was gibt’s, Kleine?“, fragte der Älteste der drei, ein breit gebauter Kerl mit angegrautem Bart und schütterem Haar. Er trug zwei Ringe an den Schultern der dunkelblauen Gardejacke; ein Unterhauptmann. Sein Partner hatte keinen Ring und war demnach einfacher Gardist. Noch dazu hatte er ein Gesicht, das man leicht verwechseln und in einer Menge schnell verlieren konnte. Dennoch erinnerte sich Sananka, ihn noch im letzten Jahr auf der Akademie gesehen zu haben.
Sananka schob ihre Hände in die Hosentaschen. „Hier reden alle von einem Mord in der Anstalt. Ist da was dran?“
Die beiden Männer wechselten Blicke, doch Jeydon lachte amüsiert.
„Soweit ich weiß, wurde die Magiergarde in den Fall eingebunden“, meinte der Unterhauptmann. „Aber was geht dich das an?“
„Nichts“, entgegnete Sananka mit einem Schulterzucken. „Ich war nur neugierig.“
Der Älteste brummte etwas von Unverschämtheit, da schaltete sich Jeydon ein: „Ich kenne sie, Unterhauptmann Seker. Sie ist das tapfere Schneiderlein von unserer Akademie.“
Sananka verdrehte die Augen. Diesen Spottnamen wurde sie unter den Gardisten nicht mehr los. Dass Handwerkergesellen an der Gardeakademie trainierten, war nicht üblich. Aber Najesa hatte Beziehungen. Sie hatte Sananka dort eingeschleust, damit sie Kontakte knüpfen und eine sinnvolle Tarnung aufbauen konnte. Sich bei den Kampfübungen gewollt schlecht anzustellen war eine leichte Übung. Trotzdem hasste sie diesen Spottnamen. „Ich bevorzuge Sananka“, maulte sie.
Jeydon lachte. „Ja, schon gut. Aber glaub mir, würden wir dir dazu Einzelheiten erzählen, könntest du heute Nacht nicht schlafen.“
„Ach ja?“ Eine bessere Vorlage hätte er ihr nicht liefern können, Angeber erzählten gerne viel. „Dann versuch’s doch.“
Leider legte sich die Hand des jüngeren Gardisten auf Jeydons Schulter und brachte ihn zum Schweigen. „Jeydon! Sie ist trotzdem Zivilistin, wir dürfen ihr nichts sagen. Hüte deine Zunge!“
Sananka verdrehte die Augen. „Schon klar. Der wollte eh nur aufschneiden.“ Sie winkte ab und wünschte den Wachleuten einen schönen Tag. Auch wenn der Unterhauptmann es nicht gewollt hatte, er hatte ihr mehr verraten, als er glaubte. Nicht nur die Stadtgarde war involviert, sondern tatsächlich zusätzlich die Magiergarde. Eine denkbar schlechte Ausgangsposition für ihre Aufgabe. Wie sollte sie ihre Feuerprobe in der Anstalt planen, wenn Stadt- und Magiegarde dort ermittelten? Dennoch war sich Sananka sicher, Najesa würde ihren Auftrag nicht ändern.
Erneut ließ Sananka die Hände in den Hosentaschen verschwinden und verließ den Marktplatz in Richtung der Schneiderei. Sie würde in die Anstalt zurückkehren und sich genauer umsehen müssen. Die Informationen, die sie hatte, waren nicht annähernd genug zur Planung eines Mordes.
Aber was, wenn sie jemanden auf die gleiche Weise tötete? Wie oft schlug sich ein Verrückter wohl selbst den Schädel ein? Doch kaum war diese Frage aufgetaucht, hielt ihr die Angst bereits das Bild der Toten vor Augen und trat Sananka gleichzeitig in den Magen.
Und dieses Wispern …

Die nächsten Stunden verbrachte Sananka damit, mit präzisen Stichen zusätzliche Taschen in einer Weste zu kaschieren und nicht darüber nachzudenken, wie es sein mochte, jemandem den Kopf an der Wand einzuschlagen. Dieser Kerl mit dem dreckigen Lachen hätte es bestimmt verdient. Das würde ihm jeden verdorben Gedanken austreiben.
Sie hielt inne und atmete tief durch, um das Zittern ihrer Finger unter Kontrolle zu bringen. Nähzeug und Hände legte sie in ihren Schoß und schloss einen Moment die Augen. Wie sie in die Anstalt hineinkam, wusste sie. Doch dieses dürre blonde Mädchen in ihrem Inneren wollte nicht wieder hinein. Es war das Wispern. Nicht nur dieser seltsame Hilferuf, den sie zu hören geglaubt hatte. Das Haus hatte geflüstert. Sananka war sich sicher, dass das dürre blonde Mädchen ihr etwas sagen wollte, sie auf etwas aufmerksam machen wollte. Doch sie saß wie versteinert in ihrem Gedächtnis, zusammengekauert und bedroht von der Angst. Sananka erinnerte sich nicht daran, weswegen sie all das so sehr aufwühlte.
Noch einmal atmete sie durch und brachte ihre Hände zur Ruhe. Dann konzentrierte sie sich und lenkte ihre Gedanken in die richtige Richtung: Sie durfte nicht mehr als einen Menschen töten. Um ihr Opfer zu vergiften, müsste sie sicher gehen, dass niemand sonst davon betroffen war. Das erschien ihr in einer Irrenanstalt fast unmöglich. Also musste sie eine gängige Todesursache fingieren. Und um einen Todeskandidaten zu finden, brauchte sie die Berichte über die derzeitigen Insassen. Vielleicht war es sogar einfacher, einen Unfall zu inszenieren.
„Sananka!“
Sananka zuckte zusammen und hätte sich mit der Nadel beinahe in den Finger gestochen. „Äh, was gibt’s?“ Einen Wimpernschlag sah sie ihre Mentorin an und fügte hastig ein „Meisterin Sentat“ hinzu.
Najesa lächelte, doch in ihren Augen blitzte es verärgert. „Selbst in deiner eigenen Werkstatt solltest du immer wachsam sein.“
„Tut mir leid“, murmelte Sananka und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Eine Entschuldigung würde ihr nicht mehr helfen, hätte sie wirklich jemand angegriffen. „Ich habe nur über meine Aufgabe nachgedacht.“
„Dann ist es nicht dein Verdienst, dass die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt auf die Anstalt gerichtet ist?“ Najesa verengte die Augen und hob das Kinn an.
„Nein!“, protestierte Sananka, legte ihr Nähzeug beiseite und erhob sich. „Ich war gestern dort, ja, aber ich habe nichts getan. Die Kleine hat sich wohl selbst den Schädel eingeschlagen.“ Dem strengen Blick ihrer Mentorin hielt sie stand.
Die Zeit bis Najesa nickte und dazu etwas sagte, zog sich ins Unendliche. „Gut. Ansonsten hätte ich dich maßregeln müssen.“
Sananka presste ihre Lippen zusammen und schluckte ihren Ärger hinunter. Am Anfang hatte sie viele dieser Maßregelungen erhalten. Strafen, die ihr die nötige Disziplin beigebracht hatten, bis sie gelernt hatte, was sie benötigte. Bis sie jeden Schmerz überspielen konnte, bis sie mit möglichst wenig Schlaf auskam, bis sie ohne Rücksicht auf sich selbst umsetzen konnte, was immer man ihr auftrug. Doch all das war ihr besser erschienen als das Waisenhaus oder das Leben auf der Straße. Aber die Zeit der Strafen lag lange hinter ihr. „So plump werde ich das nicht lösen“, sagte sie. Ihre Stimme war jedoch weit unsicherer als erhofft.
Najesa musterte sie und Sananka schob ihre Hände in die Hosentaschen; sie zitterten noch immer.
„Du magst dich als Schneiderin hervorgetan haben“, meinte Najesa kühl. „Doch an deinen Fähigkeiten als Meuchlerin musst du arbeiten. Lerne endlich, deine Gefühle zu beherrschen.“
Sananka öffnete den Mund, aber Najesa schnitt ihr mit einer harschen Geste das Wort ab. „Ich habe dich aufgenommen, weil du für beides Talent gezeigt hast. Löse deine Aufgabe, du kennst die Konsequenzen.“ Damit wandte sich Najesa dem Tisch zu, auf dem Sananka die erstandenen Borten bereitgelegt hatte.
Eine Erwiderung erwartete sie nicht, das wusste Sananka und schluckte. Sicher, sie kannte die Konsequenzen. Eine Meuchlerschülerin, die nicht in der Lage war zu meucheln, war nicht mehr, als eine Gefahr. „Ich kann es“, entgegnete sie entschlossen.
„Dann wirst du dich noch mehr anstrengen müssen. Ein weiter Todesfall darf kein Aufsehen erregen.“
Eine Weile herrschte Schweigen. Najesa löste die Verschnürung des ersten Bandes und wickelte ein Stück ab, um es genauer zu betrachten. Auf die gleiche Weise begutachtete sie die anderen Borten und Sananka senkte den Blick. Da gab es noch eine Frage, die sie sich stellte. Wenn Najesa von der Toten wusste, vielleicht konnte sie ihr eine Antwort geben. „Wisst Ihr, wer die Frau war?“
Ohne Sananka anzusehen, antwortete sie: „Soweit meine Quellen sagen, war sie nur eine Namenlose.“
„Ein Mädchen von der Straße?“
Najesa nickte. „Niemanden, um den du dir Gedanken machen müsstest. Niemand, den irgendjemand vermisst.“
Deswegen hatte Najesa sie darauf angesprochen, diese Unbekannte wäre das perfekte Opfer gewesen. Doch Sananka ging das Bild nicht aus dem Kopf. Die Frau konnte noch nicht lange in der Irrenanstalt gewesen sein. Was Sananka gesehen hatte, war eine Frau, die auf ihr Äußeres geachtet haben musste. Sie hatte nicht so ausgehungert gewirkt wie so viele der Namenlosen, die in den Straßen der Stadt hausten.
„Wie lange war sie in der Anstalt?“, frage Sananka aus dieser Überlegung heraus.
„Ein paar Wochen.“
„Und wer hat sie dort hingebracht?“
Ruckartig drehte sich Najesa um und fixierte sie mit ihrem Blick. „Du solltest dich mehr mit den Lebenden des Sanatoriums beschäftigen denn mit den Toten.“
Sananka öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder, ohne ein Wort zu sagen. Ausflüchte halfen nicht. Najesa war ihre Mentorin. Ihr musste klar sein, dass ihr etwas anderes auf dem Herzen lag als blanke Neugierde. Doch das wollte Sananka nicht beichten. Najesa hatte gesagt, sie müsse ihre Gefühle beherrschen lernen. Den Brocken, der ihr seit der letzten Nacht schwer im Magen lastete und sich nur durch Antworten langsam abtragen ließ, musste sie selbst verdauen. Aber sie war sich mittlerweile sicher, dass sie die Frau gekannt hatte. Sie erinnerte sich nur nicht woher.

Zur Kapitelübersicht

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s