Heimsuchung, Kapitel 3: Gardedienst

Kyle stand in einer Ecke der Westwache und betrachtete die dunkler werdende Straße durch die offenstehende Tür. Sie hatten ihn für die erste Nachtschicht eingeteilt. Heute war der erste Tag, an dem er mit erfahrenen Gardisten durch die Stadt patrouillieren würde; ein Privileg derer, die schon bald die Gardeprüfung ablegten, um ein volles Mitglied der Stadtgarde zu werden. Keine der Prüfungskategorien würden Kyle Schwierigkeiten bereiten, da war er sich sicher. Er war gut. Er war sogar der beste Schüler der Akademie. Mit Schwert und Pike konnte er hervorragend umgehen, die Gesetze konnte er fast auswendig und er kannte die verschiedenen Vorschriften der Etikette. Er strengte sich an und nahm seine Aufgabe ernst, denn er wusste, was er wollte: Die Menschen beschützen, die sich nicht selbst schützen konnten. Und dazu musste er der Beste sein. So hatte er die Regeltage bei der Stadtwache bereits seit Monden herbeigesehnt. Endlich durfte er mehr tun, als nur zu trainieren.
Erst jetzt, nach langem Warten, löste sich eine hochgewachsene Frau aus der Gruppe von Gardisten, die sich weiter hinten in der Eingangshalle besprachen. Den Ringen an ihrer Jacke zu folge eine Hauptfrau. Ihre kinnlangen Haare waren von grauen Strähnen durchzogen und ihre Stirn zeigte zahlreiche Furchen. „Also gut, Kyle Junghaus, richtig?“, fragte sie mit rauer Stimme. Auch ihre blutunterlaufenen Augen und die rote Nase zeugten davon, dass sie gerne zu viel Schnaps genoss. Dennoch roch sie nicht nach Alkohol.
Kyle streckte den Rücken durch, schlug die Hacken zusammen und sah seiner neuen Vorgesetzten ins Gesicht.
„Ich bin Hauptfrau Gonner, du bist die nächsten Wochen mir zugeteilt“, verkündete sie knapp. „Wir gehen in die Weststadt, nach Düsterturm.“ Sie drehte sich noch einmal zu den Männern und Frauen in Uniform um. „Drodt, du kommst auch mit!“
Ein Wachmann mit grauen Haaren löste sich aus der Gruppe. Er musste schon viele Dienstjahre hinter sich haben, bekleidete aber nur den Rang eines einfachen Gardisten. Seine Antwort war lediglich ein: „Aye!“
Mit einer auffordernden Geste gen Kyle ging er durch den Raum in einen Flur hinein. Aus einer Kammer holte er eine schmucklose Gardejacke, einen ledernen Brustschutz sowie ein Kurzschwert. Kyle atmete tief durch und nahm das Schwert entgegen. Es war schwer und als Kyle es aus der Scheide zog, sah er Scharten und Kerben. Es war sogar noch schlechter gearbeitet als die Übungsschwerter der Akademie. Kyle unterdrückte ein Seufzen, zog ohne Murren die Jacke über und zurrte den Waffengurt fest. Seine eigene Gardeausrüstung und damit auch ein vernünftiges Schwert würde er erst nach der Prüfung erhalten. Bis dahin mussten die abgetragenen Sachen eines Ehemaligen herhalten.
Bevor sie losgingen, drückte Drodt ihm eine Laterne in die Hand. Sie war schmal und ein weißgelber Schein sickerte zwischen den eingerasteten Klappen auf allen vier Seiten hindurch. Auch sie hatte bereits Beulen und schirmte das magische Licht im Inneren nicht mehr gänzlich ab.
Gemeinsam mit den beiden Gardisten marschierte Kyle durch die Stadt. Sie folgten der Hauptstraße am Kanal, der die Weststadt teilte, und bogen dann Richtung Westmarkt ein. Dies waren die Straßen der kleinen Leute. Handwerker wohnten hier und gewöhnliche Arbeiter, die es sich leisten konnten, in den mehrstöckigen Häusern der Handwerksleute Zimmer zu mieten. Düsterturm war der saubere Teil der Weststadt. All das Gesindel trieb sich drüben in Hafenthal herum, dort, wo die Schiffswerften und Fabriken lagen. Über all dem ragte der Düsterturm auf, der Sitz der Magiergarde.
Um diese Zeit waren die Gassen fast menschenleer. Die meisten waren noch in den Schenken gefangen und grölten lautstark ihre Lieder oder tranken um die Wette.
Am Westmarkt angekommen, ließ Hauptfrau Gonner sie innehalten und Aufstellung beziehen. Der Platz wurde von Lampen umringt, die in verschiedenen Farben leuchteten und den Brunnen in der Mitte in buntes Licht tauchten.
„Also Kyle, du kennst die Regeln“, sagte die Hauptfrau.
Kyle nickte, trotzdem zählte sie auf: „Erstens: Niemand geht alleine. Zweitens: Bei Hilferufen und Konflikten lässt du uns das in Ordnung bringen. Drittens: Das Schwert dient nur deiner Verteidigung. Du bist noch ein Schüler, selbst als Gardist musst du dich erst bewähren, um selbstständig arbeiten zu können! Verstanden?“
Sie sah ihn scharf an und Kyle nickte ein weiteres Mal. „Verstanden, Mam!“
Damit schien sie zufrieden zu sein. „Fertig machen!“
Kyle kontrollierte den Sitz seines Schwertgurtes und die Gurte des Brustschutzes und hakte die Lampe in seinen Gürtel. Hier erhellten Straßenlaternen den Platz. Einige leuchteten nur noch schwach oder waren erloschen, aber in Düsterturm gab es viel dunklere Ecken.
Auf Hauptfrau Gonners Kommando, gingen sie los. Ob sie einen festgelegten Weg einhielten, wusste Kyle nicht. Sie folgten der Hauptstraße bis zu einer Schenke namens „Goldamme“ und bogen dort in eine Seitenstraße ab. Der gepflasterte Boden starrte vor Dreck und die Häuser ragten über ihnen wie Treppenstufen auf. Selbst bei klarem Nachthimmel drang kein Mondlicht hier herunter, doch ein Geruch nach brackigem Wasser und verrotteten Essensresten entstieg den letzten Ausläufern der Kanalisation und sammelte sich zwischen den Wänden. Licht flackerte unter den Fensterläden hindurch und verwandelte die Gassen in eine Landschaft aus Lichtbalken und Schwärze.
Je weiter sie in das Gewirr der Straßen vordrangen, desto öfter verbanden Brücken die Wohnhäuser, die sich über ihnen dahinzogen. So mussten die Bewohner keinen Fuß in die schmutzigen Gassen setzen, um Liebschaften zu pflegen oder sich Zimmer im Nachbarhaus zu mieten, wenn die Familie größer wurde. Das war der Kern Düsterturms; ein unendliches Netz verschiedenster Menschen aus allen Regionen Meryds, mit allen Einstellungen, allen Glaubensrichtungen und allen Eigenheiten, die man sich denken konnte.
Kyle nahm seine Laterne und löste eine der vier Blenden. Kratzend rutschte sie nach unten und erhellten die Stege über ihnen. Seile dienten nicht nur als Wäscheleinen, sondern auch gleichzeitig als Geländer. Manche waren zu einer Art Flechtwerk verknüpft, andere hingen lose über den Brettern. Hin und wieder knarrten die Brücken, wenn jemand die Gasse überquerte und grüßte. Hauptfrau Gonner blieb freundlich und grüßte zurück. Es überraschte Kyle, doch sie sprach die meisten Menschen sogar mit Namen an. Dann, mit einem Mal, endete der Kern und sie standen auf dem Wasserweg. Der Erm plätscherte träge vor ihnen an der Straße entlang. Sein Wasser schwemmte den Schmutz des Kanalisationsnetzes aus den besseren Stadtteilen mit sich und teilte die Weststadt von der Oststadt. Kyle sah auf der anderen Seite Häuser mit Gärten. Die getünchten Fassaden leuchteten im Farbenspiel der magischen Laternen, die sich die Bewohner der Weststadt nicht leisten konnten. Zwischen ihm und den Reichen türmte sich eine Wand aus Gestank, den der Wind in die Weststadt hineintrieb, in Richtung des Ereden-Sees.
Sie gingen Ermgasse flussabwärts, doch statt ihr bis zum Ende zu folgen, wo sich der Erm wieder mit dem Fluss Ereden vereinte, bogen sie ab. Abermals durchquerten sie den Kern, bis sie erneut am Marktplatz angelangten und die Runde von Neuem begann. Je später es wurde, desto öfter kamen ihnen torkelnde Menschen auf dem Nachhauseweg entgegen. Eine Schlägerei unter Betrunkenen schlichten sie, alles in allem blieb es aber ruhig – bis ein gellender Schrei ganz in der Nähe die Nacht durchschnitt.
Hauptfrau Gonner fluchte und gab einem knappen Befehl. Sie rannten die Gasse hinunter. Der Schrei war einem lauten Streit gewichen. Kyle war der Erste, der um die Ecke bog und den Ort des Geschehens erreichte. Eine Frau zeterte außer sich und trat auf jemanden vor ihr ein. Ohne innezuhalten, drängte Kyle die Frau beiseite und stellte sich schützend vor den wimmernden Mann im Schmutz. Doch die Frau schlug stattdessen nach Kyle. Er fing einen unerwarteten Hieb ab, sein Magen machte einen Satz. Lediglich Hauptfrau Gonners beherztes Eingreifen rettete Kyle vor einem Schlag ins Gesicht. Die Hauptfrau ergriff die Wildgewordene und sicherte ihre Hände auf dem Rücken. Sie wehrte sich heftig und Drodt postierte sich zusätzlich mit erhobenem Schwert daneben. So unbeherrscht die Verfluchungen der Frau auch waren, plötzlich wurde sie still und starrte auf den Boden. Geifer und Rotz rannen an ihrem Kinn hinab. Ein paar neugierige Passanten blieben stehen, jemand kicherte sogar.
Der Blick, den die Hauptfrau Kyle zuwarf, war zermürbend. Doch statt auf sein Fehlverhalten einzugehen, nickte sie gen des Niedergeschlagenen. „Hilf ihm auf, Kyle.“
Kyle griff dem Mann unter die Arme. Seine Nase blutete und sein Hemd war schmutzig. Er kam auf die Beine, hielt sich jedoch an Kyle fest. Mit weiten Augen blickte er der Frau entgegen. Diese sah ebenso geschockt zurück.
„Was ist passiert?“, fragte Hauptfrau Gonner energisch.
„Sie hat mich fast erschlagen!“, jammerte der Angegriffene und deutete anklagend auf die Frau.
Diese zog die Nase hoch, ihre Mundwinkel zuckten. „Ich habe … ich wollte nicht …“, wimmerte sie und brach plötzlich in Tränen aus. „Es tut mir so leid!“
Kyle hatte Mitleid mit der Frau. Im Gegensatz zu dem Mann, der nach dem ersten Schock wütend wurde. „Sie hat mich verwünscht! Dämonenbrut hat sie mich genannt und schlimmeres!“
Es brauchte nur ein paar harsche Worte von Hauptfrau Gonner, um auch ihn erstmal verstummen zu lassen. „Was ist vorgefallen?“, verlangte sie zu erfahren.
„Sie hat mich angegriffen!“, blökte der Mann los. „Aus heiterem Himmel! Ich wollte sie nur nachhause bringen und dann …“
„Das genügt!“, fuhr die Hauptfrau dazwischen und ließ die Frau los. Diese hatte sich beruhigt, doch ihre eigentlich dunklere Haut hatte jegliche Farbe verloren. Hauptfrau Gonner sprach sie deutlich sanfter an, als den Mann. „Hat sich Euer Begleiter ungebührlich verhalten?“
Die Frage schien die Dunkelhäutige zu überraschen. Sie blinzelte und schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich …“ Ihre Stimme erstickte fast in den Tränen, die plötzlich wieder ausbrachen. „Ich habe mich geärgert, und dann kam es einfach über mich.“
„Na schön, ihr beide kommt mit in den nächsten Wachschuppen.“ Die Hauptfrau sah Kyle auffordernd an. „Kyle, hilf dem armen Mann. Drodt, du nimmst sie in Gewahrsam. Und ihr!“, blaffte sie die Gaffer an, „Wer etwas gesehen hat, kommt mit. Der Rest verschwindet gefälligst!“
Kyle stützte den Geschlagenen, als sie zum Wachschuppen am Markt gingen. Keiner der Umstehenden begleitete sie, doch für fünf Personen war der Schuppen bereits zu klein. Die Wachschuppen waren als Zwischenstationen gedacht. Geringere Vergehen wurden hier geklärt oder jemand festgesetzt, bis er in den Kerker der Garde außerhalb der Stadt überführt werden konnte. So gab es hier lediglich zwei Zellen und eine Kammer mit einem Tisch, ein paar Stühlen und einer Sitzbank. In die beiden Zellen passte keine Liege, nur ein Hocker stand den Eingesperrten zur Verfügung.
Während Drodt die Angreiferin in eine der Zellen brachte, wurde Kyle angewiesen mit dem Opfer in den kleinen Verhörraum zu gehen. Den Beschwerden des Mannes entnahm Kyle, dass es sich um die zweite Verabredung gehandelt hatte. Sicherlich würde es keine dritte geben. Als die Hauptfrau kurze Zeit später dazustieß, drückte sie Kyle eine lederne Schreibmappe in die Hand und wies auf den Tisch. „Du protokollierst.“
Kyle sah auf die Mappe und schluckte. „Aye, Mam.“ Dann setzte er sich und schlug sie auf. Straffe Bänder fixierten ein paar Blätter, dazwischen steckte ein mit Leder umwickelter Kohlestift. In grober, aber dennoch leserlicher Schrift standen dort bereits die ersten Fakten zu dem Fall, mit Namen und einer Schilderung des Eingriffs der Garde. Kyles unüberlegtes Eingreifen blieb unerwähnt.
„Fertig?“ Die Hauptfrau sah ihn abwartend an und lehnte sich dem Angegriffenen gegenüber gegen den Tisch.
Jedes Mal fühlte sich ein Stift zwischen Kyles Fingern verkehrt an. Kyle hasste schreiben. Es gelang ihm nie, die Buchstaben zu zeichnen, die er eigentlich meinte. Es war, als ob seine Hand selbstständig den falschen schrieb, obgleich er doch wusste, welcher der richtige war. Doch da musste er durch.
Kyle lauschte, wie die Hauptfrau den Mann befragte, und versuchte, den Kern des Ganzen zu erfassen. Je weniger er schreiben musste, desto besser.
Nachdem Hauptfrau Gonner den Verletzten mit einigen Fragen gelöchert hatte, wurde klar, dass sie nicht mehr erfahren würden. Lediglich folgende Sätze notierte Kyle ergänzend:

Fräulein Ellerhin und Herr Heyreth kamen gemeinsam aus der Schenke „Zur Möwenbucht“. Inmitten der Sorgengasse schlug Fräulein Ellerhin ohne Vorwarnung wie ein wütendes Tier auf Herrn Heyreth ein.

„Das ist alles?“, fragte die Hauptfrau ein letztes Mal, nachdem Kyle das Protokoll vorgelesen hatte. Der Angegriffene nickte zuerst, dann hellte sich seine Mine auf: „Es war Magie im Spiel!“
„Magie?“, hakte Hauptfrau Gonner nach. „Welche Art von Magie? Welche Farbe?“
„Sie war weiß. Ich sah ein weißes magisches Funkeln.“
Auch dies notierte Kyle. Hauptfrau Gonner schien mit der Information zufrieden zu sein. Magie war in ihrer Farbe und Form einzigartig, das wusste jeder. Zudem war Magie in der Weststadt eine Seltenheit. Viele magische Geräte waren kostspielig und nicht mal die Heilige Elehi hatte vor Jahrzehnten daran etwas ändern können. Von ihrem Bemühungen waren nur die Straßenlaternen und die Kanalisation geblieben.
„Na schön“, riss die Hauptfrau Kyle aus den Gedanken. „Sollte Euch noch etwas einfallen, meldet Euch in der Westwache bei mir, Hauptfrau Gonner.“
Kyle schaute auf das Papier auf dem Tisch und wünschte sich, seine Schrift sei genauso leserlich, wie die zu Anfang des Protokolls. Noch bevor die Hauptfrau einen Blick darauf werfen konnte, schlug er die Mappe zu und legte den Kohlestift obenauf.
Hauptfrau Gonner schickte den Angegriffenen zu einem Heiler. „Das war genug für heute“, wandte sie sich an Kyle, sobald die Tür wieder zufiel. „Mein Dienst ist schon lange vorbei und deiner ebenso. Komm Junge, nimm die Akte. Du hast dich gut geschlagen, auch wenn du sehr überstürzt eingegriffen hast. Wir bringen die Gefangene noch in die Westwache, danach darfst du gehen.“
Die Rüge nahm Kyle mit einem Nicken entgegen. Dann holten sie Drodt, der die Gefangene bewacht hatte, banden ihr die Hände auf den Rücken und verließen den Wachschuppen. Die Dunkelhäutige leistete keinerlei Widerstand. Ihre Augen waren von Tränen gerötet, sie schritt mit gesenktem Kopf dahin und schluchzte leise.
In der Westwache nahm sich eine kleine aber kräftige Gardistin der Frau an. Hauptfrau Gonner und Kyle blieben in der Eingangshalle stehen. „Was passiert jetzt mit ihr?“, wollte Kyle wissen.
„Nun, sie wird von einem der Gardemagier untersucht und befragt, wegen dieser Geschichte mit der Magie.“ Die Hauptfrau winkte ab. „Mach dir keine Gedanken. Ich halte sie nicht für gefährlich. Aber wenn wirklich Magie im Spiel ist, muss gehandelt werden. Vielleicht war es ja auch der Dämon aus dem Sanatorium.“
Die letzten Worte waren scherzhaft gemeint, doch Kyle wusste nicht, wovon sie sprach. „Ein Dämon im Sanatorium?“
„Ja, die ganze Stadt redet davon. Hast du davon nichts gehört?“
Kyle schüttelte den Kopf.
„Na Junge, als Gardist solltest du dich besser auf dem Laufenden halten.“ Sie ging zu einem Brett, das an der Wand neben der Eingangstür befestigt war. Dort hingen an Nadeln viele Zettel, Porträts, Gesuche und all das, wofür jemand Menschen mit speziellen Fähigkeiten oder einfach nur viel Mut benötigte. Es war das, was allgemein als „Abenteuerbrett“ bezeichnet wurde. Jeder, der wollte, konnte sich dort einen Auftrag heraussuchen und sein Glück versuchen. Die meisten dieser „Abenteuer“ waren jedoch Fandungsbilder der Garde mit ansehnlichem Kopfgeld. Jetzt kam Hauptfrau Gonner mit einem Bild wieder. Kyle nahm es entgegen und betrachtete das Gesicht einer Frau mit dunklen Locken und ebenso dunklen Augen. Etwas an diesen Augen drängte sich ihm auf. Große Rehaugen, volle Lippen und ein abwertendes Lachen.
„Sie wurde vorgestern Nacht mit eingeschlagenem Schädel im Sanatorium gefunden. Keiner weiß, wer sie ist.“
Die Erinnerung schlüpfte aus einem finsteren Winkel, verstaubt und doch so klar, dass Kyle das Gefühl hatte, dem Mädchen erst gestern noch begegnet zu sein. „Ich kenne sie“, sagte Kyle langsam. Seine Zunge fühlte sich an wie bei dem einzigen Mal, als er zu viel Bier getrunken hatte. Dennoch löste sich ein Name und purzelte heraus: „Pela.“
Die Hauptfrau sah zuerst das Bild, dann ihn an und klopfte ihm auf die Schultern. „Pela? Und weiter?“
Ungleich schwerer kam ihm der Nachname über die Lippen. „Junghaus.“
„Pela Junghaus? Sie kommt aus dem Waisenhaus?“
Wieder nickte Kyle und schob den Gedanken beiseite. „Das … ist lange her. Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen.“ Sie war verschwunden, noch bevor er geflohen war. Was musste ihr widerfahren sein, dass sie am Ende in der Anstalt landete?
„Junge, du zitterst ja.“ Der harte Ton der Hauptfrau war plötzlicher Besorgnis gewichen. „Willst du dich setzen?“
Kyle schüttelte den Kopf. „Im Waisenhaus wird sie keiner vermissen. Aber sie heißt Pela Junghaus.“ Damit gab er Hauptfrau Gonner das Porträt zurück und sah sie fest an. „Bitte um Erlaubnis, gehen zu dürfen, Mam.“
Die Hauptfrau runzelte die Stirn, nickte jedoch. „Na schön. Bis zum nächsten Mitteltag.“
Der Morgen war noch nicht angebrochen, doch der Horizont über den Dächern wurde bereits heller. Kyle schlug nicht den direkten Weg zur Akademie auf der anderen Seite des Ereden in Distelberg ein; dort, wo die Straßen breit und sicher und die Häuser geräumig waren. Nein, er hatte das Bedürfnis zu laufen. Er lief ziellos durch die Gassen und versuchte, Leere in seine Gedanken zu bringen. Es gelang ihm nicht, sie wollten sich nicht beruhigen. Er sah hatte noch immer Pelas Bild vor Augen, diese großen Rehaugen. Es musste fünf oder sechs Jahre her sein, seit Kyle sie zuletzt gesehen hatte. Sie war etwa in seinem Alter gewesen, doch sie hatte schon damals älter gewirkt. Jetzt, auf dem Portrait hatte er keine Zwanzigjährige erkannt.
Vor hohen Mauern und einem eisernen Tor blieb Kyle schließlich stehen. Seine Füße hatten ihn ohne sein Zutun durch die ganze Weststadt getragen, zurück in die Sorgengasse. Das Sanatorium ragte hinter dem Mauerwerk auf, lag völlig im Dunkeln. Nur die Einfriedung wurde in regelmäßigen Abständen von unruhigen magischen Lampen in Blau und Orange beleuchtet. Kyle wusste, die Anstalt war nicht mehr als ein Haus, in dem die geschundenen Seelen der Stadt Unterkunft fanden – und manchmal auch Heilung. Aber wie war Pela hierhergelangt?
Mit Spitzhacken gruben die Erinnerungen sich wieder einen Weg aus dem tiefen Loch, in das Kyle sie vor so langer Zeit geworfen hatte. Er hatte diesen Schlund nicht mit Tränen anfüllen können, um sie zu ersticken. Er hatte es mit seinem Blut versucht, doch davon hatte er nicht genügen fließen lassen können. Die Narben an seinen Armen schmerzten nur zusätzlich. Dann hatte er den größten Felsen darüber geschoben, den er fand: Die Hoffnung, die ihm die Aufnahme in der Akademie gegeben hatte. Jetzt schlugen die Erinnerungen hart auf den Fels ein und drohten ihn zu zerbrechen.
Kyle sog tief die Luft ein, um die Gedanken davon zu pusten. Da bemerkte er eine Bewegung aus den Augenwinkeln und fuhr herum. Das Licht der Laternen war nur schwach, doch sie hätte Kyle selbst in völliger Dunkelheit erkannt; ihre schmale Figur und die wilden, blonden Haare, die sie nicht zu bändigen vermochte. „Verdammt, Kyle, was machst du hier?“, schnappte Sananka.
Ohne es zu wollen, entspannte sich Kyle. Zwar war ihm Sananka ein Rätsel, seit sie ausgerechnet auf seiner Akademie aufgetaucht war, doch eine Gefahr war sie nicht. Trotzdem hatte er sie hier nicht erwartet. „Dasselbe könnte ich dich fragen.“
Sananka verdrehte die Augen. „Ich war spazieren“, entgegnete sie patzig. Dann drang ein Kreischen zu ihnen herüber, ein verzweifeltes Wehklagen, und Kyle sah zum Haus.
Auch Sanankas Blick war zum Sanatorium gehuscht. Sie seufzte und deutete auf das Gebäude. „Hast du davon gehört?“
Kyle nickte. Er spürte, wie die Erinnerungen immer hartnäckiger klopften und die Schuld aus ihrem Versteck hervorkroch. „Bist du deshalb hier?“
„Naja, was glaubst du?“ Sie zuckte mit den Schultern und sah erneut zur Anstalt hin. Einen Moment blieb sie still und fügte leiser an: „Mir fällt ihr Name nicht mehr ein.“
„Pela.“
Für wenige Wimpernschläge wirkte sie wie erstarrt, dann versenkte sie die Hände in ihren Hosentaschen. „Ja, Pela …“ Sie schaute ihn an und öffnete den Mund. Kyle war sich sicher, dass sie ihn etwas fragen wollte, doch sie ließ es bleiben. Stattdessen wandte sie sich ab und ging mit einem „Wir sehen uns morgen“ davon.
Kyle sah ihr hinterher. Also versuchten sich nicht nur seine Erinnerungen einen Weg zu bahnen.

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