Heimsuchung, Kapitel 4: Vergangenheit

Pela. Als Sananka sich abwandte, hallte der Name in ihrem Inneren wider. Ein tosender Sturm in der tiefen Finsternis ihres Herzens; im Hort der Angst. Er war kalt, brachte sie zum Zittern. Nur Sanankas Wille zwang die Angst, dort zu verweilen und nicht erneut hervorzukriechen, während das dürre Mädchen mit den blonden Locken im Unwetter schlotterte.
Sananka ging ziellos, die Hände in den Hosentaschen, um das Schaudern zu verbergen. Die Gassen waren dunkel und sie konnte nur Bruchstücke ihres Weges im Licht erkennen, das unter den Fensterläden hervor sickerte. Doch es war ihr egal.
Pela. Wie hatte sie Pela vergessen können? Kyle erinnerte sich, immer. Sananka wollte es nicht. Sie wollte sich nicht erinnern, trotzdem waren die Erinnerungen da. Sie schluckte und sah zum Himmel auf. Dicke Wolken verbargen die beiden Monde und nisteten sich in ihren Gedanken ein. Kyles Gesicht war ernst und nachdenklich gewesen. Sie kannte den Blick. Sein Ausdruck hatte sich eingebrannt, kurz bevor er sich einfach davongemacht hatte, ohne sie. Warum hat er mich damals nicht mitgenommen?, schrie es in ihrem Kopf. Doch nein, diese Frage wollte sie nicht stellen. Das Waisenhaus war für sie alle eine Qual gewesen, es war ihr naiver Fehler sich auf Kyle zu verlassen. Wieso hätte er ausgerechnet sie mitnehmen sollen? Die Schläge waren nicht Grund genug, um etwas zu riskieren und auch sie da herauszuholen. Seit der Nacht, in der Kyle abgehauen war, flüsterte das dürre blonde Mädchen ihr diese Worte zu. Sie wusste jetzt, dass sie Kyle nicht trauen konnte, nicht mehr. Und trotzdem war der Gedanken schmerzlicher als all die anderen. Sie hätte Kyle niemals dort zurückgelassen. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, würde sie dafür ihm am liebsten die Augen auskratzen.

Erst bei Morgengrauen kehrte sie in die Schneiderei zurück, regnete es. Najesa bereitete den Laden bereits für die morgendliche Öffnung vor. Sie sortierte die Kleidung, die sie präsentieren wollte. Das wertvollste Stück war dieses Mal ein Kleid. Dunkelrote Puffärmel gingen in ein mit einer der Borten versehenes Oberteil über, dessen Farbe Sananka an den Sand in einer der Flussbuchten nahe der Stadt erinnerte. Auch der Rock war sandfarben. Diesen bewunderte Sananka besonders, denn die Raffung versprach der Trägerin viel Beinfreiheit, obgleich er bis zum Boden reichte. Najesa verstand sich auf das Schneiderhandwerk ebenso gut wie auf das lautlose Töten.
Nachdem Sananka sich umgezogen hatte, half sie ihrer Meisterin, die Schneiderpuppe in Blickrichtung der Tür aufzustellen. Der Stoff war kühl und weich unter ihren Fingern, wie gemacht um an einem warmen Herbstabend tanzen zu gehen. Das Kleid würde hier stehen, bis die Auftraggeberin es abholte.
Najesa zupfte die rote Schleife an der Hüfte zurecht. „Geh frühstücken. Danach wirst du den Laden bis heute Mittag übernehmen, ich besuche einen Kunden.“
„Welche Kundin?“
Erst mit der Frage drehte sich Najesa Sananka zu. Ihr Blick traf sie tadelnd über den Rand der Brille hinweg. „Niemand, der für dich von Interesse ist.“
Sananka verzog den Mund. Das bedeutete, es ging nicht ums Schneidern. Also nickte sie und ging in die kleine Küche im hinteren Teil des Hauses. Sie stellte Wasser für Tee auf, schnitt sich etwas Früchtebrot ab und aß. Jegliche Gedanken an Kyle und Pela wollte sie verdrängen. An Pela, die hübscheste unter ihnen. Pela, diejenige mit dem Privileg, niemals geschlagen worden zu sein. Was sie dafür bezahlt hatte, wusste Sananka.
Um sich abzulenken setzte sich Sananka auf einen der Tische, nahm eine noch nicht fertige Weste zur Hand und nähte. Ihre Konzentration widmete sie nur dem nächsten Stich und der nächsten kaschierende Blende. So lange, bis die Glocke an der Tür Kundschaft ankündigte. „Komme!“, rief sie, legte ihr Nähzeug beiseite und trat durch den Vorhang in den knappen Ladenbereich. Allerdings war derjenige, der den Laden betreten hatte, kein Kunde.
„Tag, wie geht es meiner Lieblingsschneiderin?“, fragte Kep und grinste sie breit an. Sananka schätzte ihn auf Anfang zwanzig, dennoch lief er herum wie ein Straßenkind: Schmutzige Hosen, ein zu weites Hemd und eine braune Jacke, die er nun lässig über die Schulter geworfen hatte. Aber auch hinter ihm steckte mehr, als der Taugenichts, den man auf den ersten Blick vermutete.
„Was gibt’s, Kep? Brauchst du neue Hosen?“ Ein Grinsen konnte sich Sananka nicht verkneifen.
„Im Tausch gegen das hier?“ Er zog ein versiegeltes Papier hervor und präsentierte es zwischen Zeige- und Mittelfinger. Dann zwinkerte er. „Nein, ich habe mit Frau Sentat schon einen Preis verhandelt. Wann ist sie wieder da?“
Sananka zuckte mit den Achseln. „Hat sie nicht gesagt.“
„Hmm“, machte Kep und ließ den Brief wieder verschwinden. „Gut, dann sag ihr, ich habe, was sie braucht. Sie weiß ja, wo sie mich findet.“
Sananka nickte. „Ja, klar.“
Doch anstatt zu gehen, lehnte sich Kep mit verschränkten Armen an die nächste Wand und sah sie abwartend an. „Und?“
„Was und?“
„Du hast meine Frage nicht beantwortet: Wie geht es meiner Lieblingsschneiderin?“
„Wie soll’s schon gehen?“, murrte Sananka und verdrehte die Augen. „Ich habe viel zu tun.“
Kep lächelte. „Das meine ich nicht.“
„Ach nein?“ Sananka wusste, worauf er hinaus wollte. Seine Berufung war, Informationen zu sammeln. Sicherlich spielte er auf Pela an. Doch Sananka war für gewöhnlich eine gute Schauspielerin. Nur ihre Hände musste sie erneut in den Hosentaschen verbergen. Nichts dürfte aus der Finsternis ihres Herzens emporkriechen. Nicht in Kyles Gegenwart und schon gar nicht in Keps.
Aber was immer Kep auch durch den Kopf ging, schließlich zuckte er mit den Schultern. „Na schön. Falls du reden möchtest, du weißt, wie du mich findest.“
Sananka lächelte schief. „Klar, dem, der Informationen sammelt, um sie zu verkaufen, teile ich auch meine tiefsten Gefühle mit.“
„Oh, das trifft mein Ehrgefühl!“, sagte Kep und drückte sich eine Hand an die Brust.
Sananka zwang sich zu einem Lächeln. „Du weißt doch, seine Geheimnisse behält man am besten für sich.“
„Na schön.“ Kep stieß sich ab und öffnete die Tür. „Mein Angebot steht.“
Kaum schloss sich die Tür hinter ihm, lehnte sich Sananka an das nächste Regal. Ihre Hände zitterten noch immer. Ihr alter Bekannter, die Angst, säuselte aus ihrem Hort mit Feenzungen. Sie flüsterte ihr zu, dass sie sich erinnern musste; bettelte darum, all das frei zu lassen, was mit ihr in der Finsternis saß. Es wäre so einfach, Kep zu bitten, ihr jemanden zu nennen, der ihr vielleicht mehr über das Wispern in der Anstalt sagen konnte. Doch allein dieser Gedanke ließ die Angst wachsen.

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