Heimsuchung, Kapitel 5: Demütigung

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Das Übungsschwert sauste über ihren Kopf hinweg, als Sananka sich im letzten Moment entschied, lieber auszuweichen, statt den Schlag zu parieren. Enyo hätte sie mit dem Hieb mitten ins Gesicht getroffen. Um sich als mittelmäßige Kämpferin zu präsentieren brauchte sie sich ihre Nase nicht nochmal brechen lassen. Jetzt probierte Enyo einen ungelenken Ausfallschritt. Sananka glitt zur Seite und holte mit ihrem Schwert aus. Doch Enyo fuhr rechtzeitig herum. Holz krachte auf Holz und Sananka sprang zurück. Ein Kräftemessen mit ihm kam nicht in Frage. Enyo setzte zu einem zweiten Stoß an, hechtete ihr nach und stolperte über seine eigenen Füße. Sananka hatte Glück, er war zu weit weg, um sie aus Versehen zu erwischen. Sofort machte Sananka einen Satz voran und hielt ihm die Spitze ihres Übungsschwertes an die Kehle. „Du hast verloren.“
Gelächter ertönte um sie herum. Einige der Gardeschüler hatten ihnen zugesehen, darunter auch Kyle und Cathlyn. Wenn die beiden nicht gerade gegeneinander antraten, waren ihre Übungskämpfe schnell entschieden. Cathlyn war stämmig, aber lange nicht so behäbig wie Enyo – und sie war unter den Prüflingen die Zweitbeste, gleich nach Kyle.
„Enyo, du solltest dir überlegen Schneider zu werden, wenn das tapfere Schneiderlein schon besser kämpft als du!“, höhnte Cathlyn.
Die umstehenden Schüler lachten mit. Nur Kyle verzog keine Miene und Sananka verdrehte die Augen.
Enyo fuhr sich durch die Haare und blickte zu Boden. Ab und zu musste Sananka gewinnen. Ab und zu musste sie zeigen, dass ihre Anwesenheit hier ihre Berechtigung hatte, auch wenn es ihr für Enyo leidtat. „Ach, halt die Klappe, Cathlyn!“, blaffte sie die Schülerin an und verschränkte die Arme.
Cathlyns hellbraunen Augen richteten sich auf Sananka und sie sah sie mitleidig an. „Och, muss er sich jetzt schon von dir verteidigen lassen?“
Enyos Gesicht wurde fast so rot wie seine Haare. Aber was er sagte, als er vom Platz trottete, verstand Sananka nicht. Sie sah ihm nach und unterdrückte ein Seufzen. Demütigen hatte sie ihn nicht wollen.
Doch Cathlyn stichelte weiter. „Oh, willst du ihm nicht hinterherrennen und ihn trösten?“
„Willst du nicht endlich den Mund halten?“, hielt Sananka dagegen.
Cathlyn kam ihr entgegen, lockeren Schrittes und mit einem Blick, der deutlich sagte, Schneider gehörten nicht hier her. „Und willst du dich allen Ernstes mit mir anlegen?“
Sananka zwang sich, stehen zu bleiben und ihr entgegenzublicken. „Wenn’s sein muss!“ Sie war sich sicher, dass sie mit Cathlyn mithalten konnte, dass sie sogar gewinnen konnte, wenn sie die Regeln des Zweikampfes nicht beachtete. Das war das Einzige, was diesem Unterricht hier fehlte: Die Menschen von der Straße hielten sich nicht an Regeln. Und Sananka würde ihr zu gerne zeigen, wie gut sie wirklich war und ihr mit dem Übungsschwert mitten ins Gesicht schlagen. Sananka ballte die Faust um das Schwert. Aber das durfte sie nicht. Es war Teil ihrer Tarnung, dass sie wie heute nur mit Glück gewann. Najesa hatte es ihr ermöglich, hier zu lernen im Tausch gegen Ausbesserungsarbeiten an Kleidung, Decken und was sonst noch von einer Schneidergesellin repariert werden konnte. Sie hatte ihre Beziehungen spielen lassen, um ihre Schülerin glaubwürdig hier unterzubringen und Sananka war ihr dafür dankbar. Obwohl sie nicht gewusst hatte, dass Kyle ebenfalls hier lernte, zumindest verstand er ihren Wunsch, zu kämpfen. Cathlyn war nur ein Ärgernis mit ihren unsinnigen Eifersüchteleien. Als ob Sananka schuld wäre, dass Kyle der Gardeschülerin nicht die Aufmerksamkeit schenkte, die sie haben wollte. Nein, stattdessen hackte sie lieber auf der einzigen Person herum, die Kyle besser kannte, als alle anderen.
Und die er noch immer meinte, beschützen zu müssen. „Cathlyn, lass das“, mischte sich Kyle ein und trat zwischen sie und Cathlyn.
Er hatte nicht besonders laut gesprochen, doch es war so still auf dem Platz, jeder hatte ihn gehört. Während Sananka die Augen verdrehte, hob Cathlyn das Kinn und sah Kyle an. „Aber das tapfere Schneiderlein will doch unbedingt kämpfen.“ Kaum gesagt, drehte sie sich um und gab Sananka einen Schups.
Sananka stolperte und ließ sich auf ihren Hintern fallen. Der Stoß flammte durch ihre Schulter, als hätte Cathlyn einen glühenden Dolch hindurchgejagt. „Verdammt!“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch, ließt das Schwert liegen und zwang sich den Schmerz zu überspielen. Genau dort hatte sie dank der letzten Übungsstunde mit Najesa einen handtellergroßen Bluterguss. Cathlyn schaute auf sie hinunter und lächelte herablassend. Ein weiter Blick traf Kyle, dann warf sie elegant ihren pechschwarzen Zopf in den Nacken und stampfte wie Enyo vom Platz.
Auch Sananka sah Kyle an und stand auf. „Ich brauch deine Hilfe nicht!“, zischte sie. „Lass mich einfach in Ruhe, ja?“
Verärgert ging sie in Richtung des Hauses, ihr entgegenkam die Ausbilderin, die die Schwertübungen hätte überwachen sollen. Die hochgewachsene Kämpferin sah Sananka fragend an, wandte sich jedoch an die auf dem Platz verbliebenen Schüler. Was immer sie ihr erzählten, Sananka interessierte das nicht mehr. Sie wollte nur noch ihre Pflichten in der Zeugkammer erledigen und die Kleidung flicken, damit sie verschwinden konnte.

Gerade kletterte Sananka von einem Dach auf die Straße, da hörte sie lautes Gelächter um die Ecke hallen. Sie presste sich mit dem Rücken an die Wand, sobald ihre Füße den Boden berührten, und verbarg sich in den tiefen Schatten der Gasse. Zwei Gestalten gingen an der schmalen Straße vorbei. Obwohl „gingen“ nicht der richtige Ausdruck war. Sie torkelten, hielten sich aneinander fest und kicherten unentwegt. Die größere der beiden Frauen versuchte, sich aufzurichten, und Sananka lächelte. Cathlyn trug ihre Haare offen, doch ihre Stimme und ihre kräftige Statur erkannte Sananka sofort. Als die beiden weitergingen, schlich Sananka hinterher. Den Abend hatte Cathlyn also mit einer anderen Schülerin – Haje, wenn sich Sananka nicht täuschte – in einer Taverne verbracht. Das an sich war nichts Verwerfliches, da beide vor der Prüfung standen und ihre damit verbundenen Freiheiten genossen. Aber wann wäre ein besserer Zeitpunkt, um Cathlyn die ständige Schikane heimzuzahlen?
Kurzentschlossen hangelte sich Sananka mithilfe eines Stützpfeilers auf ein kleines Vordach zu einem Laden und zog sich von dort zuerst auf einen Steg, dann auf das Dach des Hauses hinauf. Jetzt konnte sie ihnen ungesehen folgen.
Lautlos sprang sie über eine der Seitengassen, die beiden Gardeschülerinnen immer im Blick. Sie lachten und scherzten, doch sie gingen nicht in Richtung der Akademie. Sananka konnte nur raten, wohin sie hier in der Weststadt unterwegs waren. Ein Gedanke kratzte an ihrem Bewusstsein, eine vage Idee: Vielleicht war das der Weg, Cathlyn ihre Gemeinheiten heimzuzahlen. Auch hier in Düsterturm gab es genügend Abschaum, mit dem sich eine Gardeschülerin auf kein Geschäft einlassen sollte. Es gab auch genügend Abschaum, der zwei betrunkene junge Frauen überfallen könnte. Ein Teil von Sananka lächelte bei der Vorstellung, wie Cathlyn von einer Horde Straßenschläger zusammengeschlagen wurde.
Das nächste Hausdach lag tief und Sananka musste sich nach ihrem Sprung abrollen. Sie kam wieder auf die Beine, stützte sich mit einer Hand auf den unebenen Schindeln ab und hielt auf der Schräge das Gleichgewicht. Dann schlich sie zum Dachrand und dem breiten Wagenweg darunter. In diesen schwenkten Cathlyn und Haje ein. Die Laternen flackerten unruhig und erfüllten die Straße in ein Chaos aus Farben und Schatten. Sananka fluchte. Auf der Hauptstraße lauerten keine Schläger. Das Gesindel trieb sich in den Gassen herum, nicht hier. Sananka wich geduckt zurück und tauchte in das Halbdunkel eines Nebendachs. Hier musste sie besonders gut darauf achten, nicht entdeckt zu werden; hier, wo der Kern noch nicht begonnen hatte und sich kein Mensch auf Dächern herumtreiben sollte.
Sie huschte in den Schutz eines Schornsteins und hinüber zu einem Giebel. Doch die Schülerinnen schlenderten nur ein paar Häuser weiter, dann deutete Cathlyn auf eine Seitenstraße. Beide lachten, aber Haje schüttelte den Kopf. Sananka verstand nicht, worum es ging, sie war zu hoch über ihnen. Cathlyn ergriff Hajes Arm und wollte sie in die Gasse ziehen. Haje unterstrich ihr Kopfschütteln darauf mit Gesten. Sie sah wütend aus. Die ausgelassene Heiterkeit schien vorbei.
Sananka beschloss, näher heranschleichen und legte sich an den Dachrand zur nächsten Nebengasse flach auf den Bauch. Sie wollte die Mädchen im Blick behalten, vielleicht wagte Cathlyn einen Alleingang. Dann könnte sie … Ein Wispern durchbrach ihren Gedanken. Es war kaum hörbar, doch es schob sich aus den Tiefen ihrer Wahrnehmung in den Vordergrund und übertönte die Geräusche. Nur das Kichern der Angst gesellte sich dazu.
Etwas Schimmerndes in der Gasse unter ihr erhaschte ihre Aufmerksamkeit. Das war kein verirrter Lichtstrahl, wie sie gehofft hatte. Es war eine Gestalt aus wallendem, fahlen Nebel. Lange Haare umwehten ein bleiches Gesicht und leises, zerrissenes Gejammer untermalte das beständige Flüstern. Die Erscheinung hob die Arme und drehte sich einmal um sich selbst, bevor sie aus der Nebengasse auf die Hauptstraße glitt – direkt auf die beiden Gardeschülerinnen zu. Sananka sah ihr hinterher, doch sie wagte nicht, sich zu regen. Cathlyn und Haje bemerkten dieses Ding nicht. Sie stritten und torkelten weiter den Wagenweg entlang ohne Notiz von ihrer Umgebung zu nehmen. Die Gestalt streckte die Hände nach den Mädchen aus. Sanankas Herz stolperte über die Angst, die unvermittelt aus ihrem Hort sprang und sie festhielt. Sie konnte nur zuschauen, wie der Schemen lautlos über das schmutzige Pflaster schwebte.
Plötzlich verstummte das ferne Gejammer und auch das Flüstern verklang. Die Erscheinung löste sich mit einem Seufzen auf, noch ehe sie die Straße überquert hatte. Die Gardeschülerinnen hatten sie nicht gesehen.
Sananka schluckte. Langsam, ganz langsam löste sich die Umklammerung der Angst. Sie glitt an ihren Gliedern hinab und kroch lauernd zurück in die Höhle. Erst dann bahnte sich eine Frage durch ihr gelähmtes Hirn: Was war das? Vorsichtig erhob sich Sananka und ließ sich in die Gasse hinunter gleiten. Sie ging durch diese hindurch, zur Kreuzung des Wagenwegs. Doch dieser war verlassen. Cathlyn und Haje waren nicht mehr zu sehen.

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