Heimsuchung, Kapitel 6: Mord

Kyle war nicht glücklich. Er saß an einem Schreibtisch, den man für ihn frei geräumt hatte, bestückt mit drei verschiedenen Mappen. Hauptfrau Gonner hatte ihn beauftragt, die Akten durchzugehen, anstatt sich einer der Patrouillen anzuschließen. „Junge, du warst bei dem ersten Fall dabei.“, hatte sie gesagt, „Es gab zwei weitere, in zwei Nächten nacheinander. Da kannst du was lernen.“ Zwar hatte sie auch durchblicken lassen, dass sie sehen wollte, wie viel Scharfsinn er besaß, diese Aufgabe war Kyle dennoch ein Graus. Die erste Akte hatte er gar nicht mehr angeschaut. Er erinnerte sich daran, was er selbst geschrieben hatte. Die zweite Akte lag nun geöffnet vor ihm und er starrte darauf. Die Schrift war gut leserlich, als hätte es jemand mit viel Übung verfasst. Vielleicht gab es hier in der Westwache extra einen Schreiber für die Protokolle?
Mit einem Kopfschütteln vertrieb Kyle sämtliche unsinnige Fragen und konzentrierte sich.

Bericht: Tätlicher Angriff, 2. Laubmond 1136 DF.
Tatort: Weststadt Düsterturm, Wagenweg.
Beteiligte: Frau Sabia Kenner, Herr Hedrin Kenner.
Die Betroffenen waren nach eigener Aussage gegen Mitternacht von Verwandten auf dem Weg nachhause. Ohne Vorwarnung schlug Frau Kenner auf ihren Gatten ein und bezeichnete ihn als Abschaum und blutsaugendes Dämonengezücht. Herr Kenner gab zu, zuvor mit seiner Frau gestritten zu haben. Frau Kenner bestätigt einen Streit, behauptet aber, etwas sei in sie gefahren und habe sie dazu genötigt, blindlings zuzuschlagen.
Vorgehende Gewaltausbrüche wurden aus der Familie Kenner nicht gemeldet.

Kyle schob die Mappe beiseite. Es gab noch mehr Blätter darin. Die Zeugenaussagen waren einzeln aufgenommen und notiert, auch die Beurteilung eines Inspektors der Magiergarde lag dabei. Doch Kyle schmerzten jetzt schon die Augen. Er schaute auf und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Auf den beiden anderen Schreibtischen, links und rechts von ihm, stapelten sich Akten. Wie konnte man hier nur gerne arbeiten? Es roch trocken, nach Staub und Pergament. Die Fenster waren zur Nachtzeit geschlossen und die magischen Lampen, von denen jeweils eine auf jedem Tisch stand, erhellten das Zimmer nur notdürftig. Kyles Aufmerksamkeit wanderte weiter zur offenstehenden Tür. Zwei Gardisten unterhielten sich direkt dahinter im Flur über die schlechte Ausstattung der Westwache. Als jemand mit auf dem Rücken gebundenen Händen von einem Gardeoffizier an ihnen vorbeigeführt wurde, unterbrachen sie ihre Unterhaltung und machten Platz. Kyle wäre lieber dort draußen als am Schreibtisch. Er hasste Schreibarbeit.
Es war lediglich seinem Pflichtgefühl geschuldet, dass er auch die letzte Mappe öffnete und den Kurzbericht überflog. Der Vorfall war nicht viel anders als die beiden vorherigen; zwei junge Männer hatten sich gegenseitig verprügelt. Ein dritter behauptete, er habe den Streit gehört und Magie gesehen, kurz bevor die Prügelei begann.
Erwähnungen von Zauberei tauchten bisher in jedem Bericht auf. Kyle runzelte die Stirn und zog die Analyse des Magierinspektors hervor. Dieser bestätigte, dass sich Spuren einer magischen Wirkung nachweisen ließen, doch welcher Art, konnte der Inspektor der Auswertung nicht entnehmen. Weitere Überprüfung des Phänomens schien es nicht zu geben. Kyle seufzte. All diese Informationen gaben keine echten Hinweise. Sie sorgten nur dafür, dass Kyle hinaus auf die Straße wollte; er wollte richtig helfen.
Die beiden Gardisten marschierten davon. Kyle erhob sich und sah den Flur hinab. Er hörte jemanden reden, vorne in der Wachhalle, wo jeder Bürger zutritt hatte und sein Anliegen vortragen konnte. Dort, wo er am letzten Mitteltag hatte warten müssen. Entschlossen ging Kyle zum Ende des Gangs in die Halle. In der Mitte durchbrach eine lange Theke den Raum und teilte ihn in einen öffentlichen und einen dienstlichen Bereich. Die zwei Wachmänner, die sich eben noch vor der Tür der Schreibstube unterhalten hatten, standen nun dahinter. Hauptfrau Gonner war nicht zu sehen, sie musste anderweitig in der Westwache beschäftigt sein. Als einer der Gardisten ihn bemerkte, ein kleiner, aber breiter Mann, kam er zu ihm. „He! Was lungerst du hier herum? Hast du nicht andere Aufgaben?“
Kyle hob die Schultern. „Ich bin fertig.“
„Du hast dort zu warten!“ Der Wachmann zeigte den Flur hinunter.
„Lass gut sein, Jason“, schaltete sich der Zweite ein. „Ist doch gut, wenn er was tun will, statt rumzusitzen.“
„Aber nicht, die Befehle zu missachten!“
In dem Moment erscholl die Türglocke und jemand betrat die Wachhalle. Es war eine Frau. Blut klebte an ihrer Kleidung, ihre rotblonden Haare waren nur noch eine wirre Ahnung der Frisur, die sie vorher gehabt haben musste. Sie stand nur da und sah aus trüben Augen zu ihnen hinüber. Ihre Lippen bewegten sich, ohne dass sie ein Wort heraus bekäme. Dieser Blick ließ Kyle wie angewurzelt stehen bleiben, während der Gardist, der Jason genannt wurde, einen Stuhl holte. Der Andere klopfte Kyle auf die Schulter und brummte etwas von Hauptfrau Gonner, ehe er an ihm vorbei ging. Kyle bemerkte es kaum.
Die Hilfesuchende schien selbst unverletzt zu sein, aber der Ausdruck in ihrem Gesicht hatte sämtliche Empfindungen und Fragen weggefegt. All das Blut war nicht ihres. Seltsam leer sah Kyle zu, wie Jason den zweiten Wachmann anwies was zu trinken zu besorgen. Beruhigend und eindringlich zugleich sprach er auf die Frau ein. Mit zitternden Händen nahm sie den Becher entgegen. Minuten verstrichen, ehe sie endlich mit bebender Stimme sagte: „Ich habe ihn umgebracht.“

Der Raum war erfüllt von Düften. Gewürze, Kräuter, Seifen, Öle; all das bot der Laden zum Verkauf und tränkte die Luft.
Erneut hielt Kyle einen Stift in der Rechten. Hauptfrau Gonner hatte ihm ein Schreibbrett in die Hand gedrückt, als er darum gebeten hatte, mitzukommen. Jason war ebenfalls dabei und wimmelte mit barschen Worten die Menschen ab, die auf der Straße vorbeikamen, um nachzusehen, was die Stadtgarde in dem Exotenladen des Wagenwegs zu suchen hatte. Kyle stand einige Meter entfernt, am Rande des Tatortes. Der Boden war gespickt mit Scherben. Öle und getrocknete Pflanzen mischten sich mit dem Blut auf den Dielen, an den Wänden und Regalen. Es war überall. Aber er konnte es nicht riechen, all die anderen Gerüche verstopften seine Nase wie ein Schnupfen.
Kyle versuchte, das flaue Gefühl im Magen zu ignorieren. Das hier war nicht die erste Leiche, die er sah. Dennoch war der Mann übel zugerichtet. Die hölzerne Statue, mit der er erschlagen worden war, lag noch neben ihm. Das Gesicht war rot gesprenkelt; seltsam harmonisch mit der Maserung des Holzes.
„Kyle, notiere!“, riss Hauptfrau Gonner ihn aus den Gedanken. Erst da bemerkte er, dass er den Leichnam angestarrt hatte. Er nickte und hielt das Schreibbrett so, dass er aufschreiben konnte, was die Hauptfrau ihm diktierte.
„Der Tote im Exotenladen des Wagenwegs heißt Karel Delenko. Zeit des Fundes: In der Stunde nach Mitternacht. Meldung durch die Tochter des Opfers, Terenja Delenko, die in der Westwache den Mord gestanden hat.“ Während sie sprach, hockte sich Hauptfrau Gonner neben die Leiche und betrachtete sie. „Der Tote weist zahlreiche Wunden auf: Zertrümmerte Zähne, das linke Auge und die linke Seite des Kiefers sind zerstört. Zwei Finger der rechten Hand sind gebrochen. Offensichtlich wurde mehrfach auf ihn eingeschlagen. Mutmaßliche Todesursache ist eine Wunde an der Stirn.“ Sie stand auf und hob die Statue auf. „Mutmaßliche Tatwaffe: Eine Statue der Ersten Elehi. Hast du alles?“
Kyle konzentrierte sich so sehr darauf, leserlich zu schreiben, dass er erst nach einigen Augenblicken bemerkte, dass die Frage an ihn gerichtet war. Er schaute auf und nickte. Die Hauptfrau lächelte mitfühlend. „Du siehst ziemlich blass aus, Junge“, meinte sie. „Ist wohl deine erste Leiche?“
Eine Antwort blieb Kyle schuldig und biss die Zähne zusammen. Das Erscheinen des Gardemagiers ersparte ihm die Peinlichkeit, dass Hauptfrau Gonner weiter darauf einging. Der Mann war behäbig und kaum größer als Kyle selbst. Seine weißen Haare bedeckten nur noch die Hälfte seines Kopfes und bildeten einen Kontrast zu seiner dunklen Haut. Über den Hosen und einem Hemd im Blau der Garde trug er seinen Magiermantel. Kyle kannte sich mit Magie nicht gut genug aus, um zu sagen, auf welches Fachgebiet der hellbraune Mantel mit den gelben Säumen hinwies. Er vermutete lediglich, dass es etwas mit Hellsicht zu tun haben musste.
„Lilly!“, sprach er Hauptfrau Gonner an und streckte ihr eine Hand entgegen. Doch, statt sie zu begrüßen, nahm er die Statue.
Hauptfrau Gonner stellte den Magier als Inspektor Andree zu Lerenzen vor. Das war der Name, den Kyle in den Berichten gelesen hatte. Er hatte also die Untersuchungen auf Zauberei an den bisherigen Tätern durchgeführt.
„Na schön, was haben wir hier?“, wollte der Inspektor wissen und zog ein schmales Brillengestell aus seiner Brusttasche. Mit dem Zeigefinger fuhr er über das Gestell und ein gelbliches Schimmern überzog die Gläser. Er klemmte sich die Brille auf die Nase und sein Blick schweifte prüfend durch den ganzen Raum. Danach betrachtete er die Heiligenstatue genauer. „Die Erste Elehi. Das wird ebenso ein Angriff im Affekt gewesen sein, wie auch in den anderen Fällen.“
„Bis darauf, dass es hier um Mord geht.“
Der Inspektor nickte und sah Kyle an. Sein Augenmerk fiel auf das Schreibbrett und er runzelte die Stirn. „Du schreibst ja gar nicht.“
„Ich, äh, habe bereits notiert, was die Mordwaffe ist, Sir.“ Kyle wollte selbstsicher sprechen, doch der zweifelnde Blick des Inspektors sagte ihm, dass er es nicht geschafft hatte. Er nahm ihm das Protokoll aus der Hand und rückte die Brille zurecht. „Das kann man kaum lesen!“
Kyle schluckte den Knoten herunter, der sich in seinem Hals festsetzen wollte. Er hasste es, wenn ausgerechnet darin die Kritik bestand.
„Es ist seine erste Leiche, Andree“, sagte Hauptfrau Gonner. „Er ist Gardeschüler und erst das zweite Mal bei uns.“
„Das rechtfertigt nicht Ungenauigkeit.“ Der Inspektor sah ihn scharf an, dann schnaubte er. „Was steht da?“
Holperig las Kyle vor, was die Hauptfrau ihm noch vor dem Eintreffen des Inspektors diktiert hatte. Dieser nickte und begann seinerseits den Laden zu begutachten, während Hauptfrau Gonner Kyle auf die Schulter klopfte. „Mach dir nichts draus, Junge. Der ist immer so. Seinen Respekt muss man sich erst erarbeiten.“
So ging es weiter. Der Inspektor begutachtete den Tatort und Kyle protokollierte. War er nicht schnell genug, kassierte er eine Beschwerde. Auch Hauptfrau Gonner konnte diese Wogen nicht glätten. Mit steifen Fingern notierte Kyle die Worte und hätte lieber geholfen, die Leiche auf eine Bare zu legen und zum Düsterturm zu bringen, wo der Inspektor sie eingehender untersuchen würde. Seine zweite Schicht endete, nachdem alles im Laden untersucht und jede Kleinigkeit schriftlich festgehalten war. Hauptfrau Gonner nahm ihm das Schreibbrett ab und schickte ihn zurück in die Akademie. Kyles Hand war so verkrampft, er bezweifelte, sein Schwert in der nächsten Übungsstunde halten zu können.
Jason ließ ihn bereitwillig hinaus. Erst an der frischen Nachtluft wurde ihm klar, wie stickig diese Totenstätte war. Schaulustige waren kaum noch zugegen, doch als Kyle den Weg zurück zur Gardeakademie einschlug, erhaschte ein blonder Haarschopf seine Aufmerksamkeit. Er sah genauer hin. Der Haarschopf verschwand in einer dunklen Gasse.
Kurzentschlossen rannte Kyle hinterher. Aber die schmale Straße lag verlassen vor ihm.

 

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