Heimsuchung, Kapitel 7: Geisterstunde

Sananka lief über die Dächer Düsterturms der Anstalt entgegen. Es war Zeit, dass sie wieder hineinging und mehr über die Insassen herausfand. Ihre bisherigen Beobachtungen hatten nichts ergeben, das sie für ihre Aufgabe verwenden konnte. Im Gegenteil, die Geschehnisse in Düsterturm und Kyles Anwesenheit am Vorabend im Wagenweg hatten sie zusätzlich abgelenkt. Sie musste sich endlich darauf konzentrieren, ihre Prüfung nicht zu vermasseln.
Von außen betrachtet gab es Routinen im Sanatorium; regelmäßige Kontrollgänge der Wachen, Besuche der Priester des blauen Mondes, Wäscheladungen, die alle paar Tage abgeholt wurden und Nahrung, die gebracht wurde. All das half ihr jedoch nicht. Sie musste sich überwinden, wieder hineinzugehen.
Sie lief über einen morschen Steg, sprang und zog sich auf das Dach des nächsten Hauses hinauf. In der Ferne ragte der Düsterturm in den Nachthimmel. Erledigte sie den Auftrag unzureichend oder gar nicht, wäre das ihr Tod. Meuchler konnten sich keine Fehler erlauben. Die Erste Elehi hatte zwar öffentliche Hinrichtungen abgeschafft, dennoch wurden Mörder exekutiert. Sananka hatte keine Wahl. Sie durfte sich nicht mehr ablenken lassen, auch wenn allein der Gedanke an das Wispern im Haus die Angst weckte.
Erneut glaubte sie, das Flüstern wahrzunehmen, und schüttelte heftig den Kopf, um es zu vertreiben. Doch es entschwand nicht, wurde lauter. Gerade erreichte sie den Dachrand, als ein Lichtschimmer unter ihr ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Abrupt hielt Sananka inne und starrte auf die Gestalt hinunter. Sie schwebte durch die Straße direkt unter ihr. Ein leises Jammern gesellte sich zu dem Raunen.
Vorsichtig ging Sananka in die Hocke und sah hinab. Das war ein Geist … Sananka blinzelte, um sicherzugehen, dass die Erscheinung nicht verschwand und ihr nicht ihre Phantasie nur einen Streich spielte. Aber sie blieb; durchscheinend und getrieben von einem unmerklichen Wind. Das konnte nur ein Geist sein. Er bewegte sich in der Gasse auf Sananka zu, hob den Blick und sah mit großen, dunklen Augen zu ihr auf. Er? Nein, sie. Sanankas Herz gefror zu einem Eisklumpen. Sie kannte diese Augen und das hübsche, rundliche Gesicht. Das Eis griff nach ihren Armen und Beinen. Erstarrt verharrte Sananka und beobachtete, wie die Gestalt in die Höhe schwebte. Sie wollte davonlaufen. Sie wollte flüchten vor dem, was sie soeben begriffen hatte. Doch sie konnte nicht. Der Geistermund öffnete sich in einem Wehklagen und das Wispern flehte um Hilfe.
In dem Moment lief ein Pärchen an der Ecke zum Wagenweg vorbei und bog in ihre Richtung ein. Diese großen Augen, Pelas Augen, wanderten zu den beiden Menschen und sie wandte sich von Sananka ab. Mit einem Schrei, der genauso unwirklich war wie ihre Nebelgestalt, stürmte sie zu dem Paar. Sie sahen Pela nicht kommen, ehe der Körper des Mannes sie verschluckte. Dann verzerrten sich seine Züge vor Wut und er fauchte seine Begleiterin an. „Du mieses Stück Dreck!“, brüllte er ihr entgegen. Die Frau wusste nicht, wie ihr geschah. Ihr Blick wirkte überrascht, ihr Mund stand einen Augenblick offen. Auch sie hatte dunkle Haare, wie einst Pela. Da traf sie schon der erste Hieb direkt auf die Nase.
„Du Ausgeburt eines Dämons!“ Wieder holte der Mann zum Schlag aus und die Frau hob ungeschickt die Hände, um ihr Gesicht zu schützen. „Weißt du, was du mir angetan hast?“ Sie verstand nicht, was vor sich ging, bat darum, er solle aufhören. Doch nur weitere Flüche und Anschuldigungen folgten, ihr Angreifer schlug und trat auf sie ein. Ihre Wange war bereits rot, ihre Nase blutete. Da entriss er ihr ihre Tasche und benutzt diese als Waffe. Er rammte sie ihr in den Bauch. Die Frau taumelte zurück und prallte mit dem Kopf an die Mauer. Zu spät hob sie die Arme, um den nächsten Tritt abzuwehren. Sie sackte zusammen, während er auf sie einprügelte, völlig von Sinnen. Seine Gesichtszüge waren verzerrt von Hass, in seinen Augen glitzerte derselbe Wahnsinn, den Sananka bei den Insassen der Anstalt gesehen hatte. Dann, klar und deutlich durchdrang ein Knacken sein Geschrei. Ihr Körper wurde schlaff, kippte zur Seite und lag plötzlich still. Dennoch schlug der Mann weiter auf sie ein. Sananka sah die Haut an ihrer Stirn platzen, aus ihrem Mund troff rötlicher Speichel. Sie sah Blut aus ihrer Nase und ihren Haaren im Schmutz der Gasse versickern.
Dann hielt der Mann schwer atmend inne und schaute auf das hinab, was er getan hatte. Er blickte auf seine Hände, auf die Tote und sagte etwas, das Sananka nicht verstand. Tränen flossen über seine Wangen. Er schrie um Hilfe und bettete den Kopf der Frau in seinen Schoß.
Das war der Moment, in dem das Eis in Sanankas Magen taute und plötzlich nach außen drängte. Sananka wandte sich ab und unterdrückte den Drang, sich zu erbrechen. Was hatte sie da gerade gesehen? Pela … Pela war der Geist, den sie vor ein paar Tagen beobachtet hatte. Der Geist, der beinahe Cathlyn oder Haje in Besitz genommen hätte.
Langsam raffte sie sich auf und ging über das Dach zurück, um in eine andere Nebengasse zu klettern. Ihre Glieder fühlten sich seltsam taub an und Sananka musste sich zur Konzentration zwingen, um nicht abzurutschen. Es war Pela. Die hübsche Pela, die niemals geschlagen worden war. Und sie schrie um Hilfe.
Sananka ging, ohne es zu wollen, in den Wagenweg, zog sich mit zitternden Fingern ihr Tuch von den Haaren. Das Geschrei hatte bereits einige Menschen aus den Häusern gelockt. Sie betrachteten schaulustig die Szene und gaben lauthals ihre Vermutungen preis. Jetzt wusste Sananka, wie recht diejenigen unter ihnen hatten, die von einem Dämon sprachen, der die Leute in den Wahnsinn trieb. Sie kannte diesen Dämon.
Nur einen Herzschlag verweilte ihr Blick auf den Gaffern, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Die Stadtgarde würde bald hier sein. Sie wollte nicht mit der Garde sprechen müssen. Sie lief einfach weiter, bemüht, nicht zu rennen. Ihr Kopf war so leer, als habe Pela all ihre Gedanken mit sich fortgerissen. Erst, als sie Düsterturm verlassen hatte, wurde ihr klar, wohin sie unterwegs war: zur Akademie. Sie musste mit Kyle reden. Sie wollte ihm sagen, was sie gesehen hatte. Sie wollte ihm sagen, was sie Pela im Waisenhaus angetan hatten; dass sie um Hilfe gefleht hatte, bevor sie starb – bevor sich ihre Stimme mit dem Wispern der Anstalt vereint hatte.
Doch im selben Moment wurde der Wunsch von verzweifelter Enttäuschung niedergerungen. Sananka durfte Kyle nichts sagen. Er hatte sie dort zurückgelassen. Er war damals der wichtigste Mensch in ihrem Leben gewesen und er hatte sie zurückgelassen, bei diesem Dämon. Nur deswegen war sie Najesas Schülerin. Nur deswegen hatte sie diesen Weg eingeschlagen. Sie wollte nie wieder so sehr enttäuscht werden.
Sananka hielt inne und schloss die Augen. Dann lehnte sie sich gegen die nächste Wand, sackte daran herab, zog die Beine an und weinte.

 

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