Heimsuchung, Kapitel 8: Herausforderung

Der Mord war in aller Munde. Schon als Sananka sich am Morgen des Folgetages für die Lehrstunden auf den Weg in die Akademie machte, tuschelten die Leute. Heute lastete die Müdigkeit schwer auf ihr, doch das durfte sie nicht an ihren Pflichten hindern. Wie gewöhnlich überquerte Sananka den Markt und lauschte dem Geschwätz der Menschen. Da war von einem weiteren Familiendrama die Rede, von einem bösen Magier und auch von Geistern und Dämonen. Schritt um Schritt ging Sananka, den Blick auf ihre Füße gerichtet, und konzentrierte sich auf die Stimmen um sie herum. Hier und dort schnappte sie etwas von der Bluttat im Exotenladen auf und fügte sich die Informationen zusammen. In der Nacht des Mitteltags hatte eine Frau ihren Vater in seinem Laden erschlagen. Bei dieser Aussage hüpfte ihr die Angst in die Magengrube, ihr wurde schlecht. Ja, sie erinnerte sich daran, auf einen Haufen Schaulustiger gestoßen zu sein. Nur hatte ihr niemand genau sagen können, was passiert war. Doch das Drama der letzten Nacht hatte in einer Nebenstraße des Wagenwegs stattgefunden.
Plötzlich drängte sich jemand neben sie. Sananka wich instinktiv zur Seite und rempelte einen bulligen Mann an, der ihr eine Verfluchung entgegenwarf und davon stapfte. Dann blickte Sananka in Keps grinsendes Gesicht. Er hielt mit ihr Schritt, als sie weiter ging und fragte: „Hey, wie geht’s meiner Lieblingsschneiderin?“
„Die hat es eilig. Willst du was?“
Kep schlängelte sich an einigen Leute vorbei, ehe er erneut aufschloss. „Naja, ich habe dich neulich Abend im Wagenweg gesehen und dachte, da der ja nun so gefährlich ist, frag ich lieber mal nach, wie’s dir geht.“
„Aha. Du siehst, mir ist nichts passiert“, entgegnete sie und sah stur in ihre Gehrichtung.
„Das sah gestern Abend anders aus.“
„Ich war gestern Abend nicht da.“
„Dann weißt du gar nicht, was gestern passiert ist?“
„Mensch Kep, jetzt sag schon, was du zu sagen hast.“ Sananka warf ihm einen Seitenblick zu und suchte nach Anzeichen in seinem Gesicht, ob er wirklich wusste, dass sie den Mord beobachtet hatte.
Kep grinste schelmisch. „So macht es aber weniger Spaß.“
Darauf verdrehte Sananka nur die Augen und schlängelte sich zwischen zwei Ständen hindurch, um den Markt in eine Seitenstraße zu verlassen. Kep folgte ihr. „Der zweite Irrenmord“, sagte er. „Ich dachte, vielleicht interessiert es dich, dass dein blonder Gardefreund zugezogen wurde.“
„Was?“ Sananka blieb abrupt stehen und drehte sich zu Kep um. „Was soll das heißen, er ist zugezogen? Von wem?“
„Das frag ihn doch selbst. Ich weiß nur, dass er in die Ermittlungen eingebunden ist.“
Sananka öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Auch nicht, als Kep ihr auf die Schulter klopfte. „Nur keine Sorge. Die Information kostet nichts. Das hättest du sowieso bald alleine rausgefunden. Außerdem: Hattest du es nicht eilig?“
Grinsend wandte er sich um und wollte schon erneut im Getümmel des Marktes verschwinden, aber Sananka hielt ihn zurück. „Warte mal!“
Betont liebenswürdig drehte er sich zu ihr um. Das Grinsen lag noch immer auf seinen Zügen. „Ja?“
Sananka zögerte einen Augenblick. Sie wusste nicht, ob das eine gute Idee war, doch wenn ihr jemand die Antworten beschaffen konnte, die sie brauchte, dann Kep. „Ich brauche Informationen über wispernde Wände.“
Kep ließ sich einen kleinen Moment zu lange Zeit, ehe er lachte und die Arme verschränkte. „Ich bin zwar gut darin, Informationen aufzutreiben, aber dazu gehört ein bisschen mehr, als nur meine Ohren aufzusperren.“
„Na schön, dann sag mir, wo ich die Informationen finde. Sag mir zum Beispiel, wie ich in die Bibliothek des Magierrats komme. Oder gib mir einen Kontakt zu jemandem, der sich mit so etwas auskennt.“
„Wispernde Wände?“, fragte er mit einem Stirnrunzeln und weit weniger unbefangen als sonst. „Das ist ein sehr merkwürdiger Auftrag.“
Auch Sananka verschränkte die Arme. „Hast du ein Problem damit?“
Kep musterte sie erneut und schürzte die Lippen. „Was bekomme ich dafür?“
„Hmm, ich könnte dich eine Weile über Najesas Angelegenheiten auf dem Laufen halten“, schlug Sananka vor und neigte abwartend den Kopf zur Seite.
„Sechs Mondläufe.“
Sananka lachte auf. „So viel Mühe wird dich das sicher nicht kosten. Sechs Wochen.“
„Zehn!“
„Acht.“ Sananka ließ die Arme wieder sinken und hob mahnend einen Zeigefinger an. „Und ich erwarte die Informationen so schnell wie möglich, verstanden? Und kein Wort zu Najesa.“
Kep grinste und vollführte einen militärischen Gruß. „Aye, Fräulein Schneiderin.“

Kyle war nicht in der Akademie. Zwar erkundigte sich Sananka nicht danach, doch die anderen Schüler sprachen ohnehin davon, dass Kyles Betreuerin bei der Garde ihn bei der Klärung der Mordfälle dabei haben wollte. Wie der Mord auf dem Markt war es das beliebteste Thema unter den Gardeschülern. Es war eine Ausnahme, dass sich ein Prüfling in der Regelzeit gleich derart gut anstellte, dass er von den Pflichten in der Akademie entbunden wurde. Besonders Cathlyn schien sich darüber zu ärgern und fauchte sogar Haje an.
Schon als Sananka auf den Übungsplatz trat, hörte sie den Streit zwischen Cathlyn und Haje. Noch bevor Sananka ergründen konnte, worum es ging, ließ Haje Cathlyn einfach stehen und Cathlyn suchte sich ein anderes Ziel. Ihr Blick traf Sanankas. Zum Glück wies der Ausbilder Cathlyn zurück auf ihren Platz und begann den Unterricht. Bei den Übungen im waffenlosen Kampf musste Jeydon Cathlyns Launen ertragen. Während Sananka mit den jüngeren Schülern immer wieder die gleichen Bewegungen wiederholte, wanderten ihre Gedanken erneut zu den Geschehnissen der letzten Nacht. Wie zum Hohn zogen dunkle Wolken auf und ein feiner Nieselregen tauchte die Lehrstunde in unangenehme Nässe.
Am Ende der Übungsstunde lobte der Ausbilder sie für die gute Leistung und Sananka rang sich ein Lächeln ab. Die ganze Zeit war sie abgelenkt gewesen, sie hatte vergessen, absichtlich Fehler einzubauen.
In der Zeugkammer zog sie sich um und hängte die Sachen zum Trocknen über ein freies Regalbrett. Sie hatte nicht einmal bemerkt, wie durchnässt sie war. Schnell streifte sie sich frische Kleidung über, die sie hier in einem Schrank hatte deponieren dürfen. Dann betrachtete Sananka den Stapel Wäsche, der zum Flicken bereit lag, und setzte sich daneben auf den Tisch. Ihre Finger waren noch genauso klamm wie ihr Innerstes. Nach einer Weile hörte Sananka Schritte den Flur herunterkommen und seufzte innerlich. Sie wollte jetzt mit niemandem reden. Kurz darauf stand Cathlyn in der Tür und Sananka verdrehte die Augen.
Cathlyn grinste hämisch. „Uh, das tapfere Schneiderlein bei der Arbeit.“
„Lass mich in Ruhe.“ Ihrer Stimme fehlte jede Schärfe. Sie hatte heute nicht die Kraft, zu streiten.
„Oh, schade. Dein Beschützer ist gar nicht da und kann mich nicht daran hindern.“ Cathlyn riss ihr das Hemd aus der Hand, an dem Sananka gerade arbeitete – eines, mit ausgefransten Stickereien am Kragen, die mehrere Zierknoten bildeten. Es gehörte dem Akademieleiter.
„Hör auf!“ Sananka griff hastig danach. Leider war Cathlyn kräftiger und der Ruck zog nicht nur Sananka vom Tisch, sondern zerriss auch den Stoff.
Cathlyn lachte und ließ das Hemd los. „Ups.“
Einen Augenblick starrte Sananka das andere Mädchen an und wünschte sich, Pela hätte sie erwischt und ihr das wenige Hirn aus dem Schädel geprügelt. Aber das konnte sie ebenfalls. Ohne Vorwarnung trat Sananka zu und traf Cathlyn direkt in den Bauch. Diese hatte nicht damit gerechnet, taumelte zurück und prallte gegen ein Regal. Es schepperte, als die Kisten darauf ins Wanken gerieten. Cathlyn hustete und presste sich die Arme auf den Unterleib, um sich wieder zu fangen.
Sananka war mit einem Schritt bei ihr und heftete sie mit beiden Händen so fest an die Querbalken des Schranks, wie sie konnte. Cathlyn sah ihr ins Gesicht. „Ich sagte, lass mich in Ruhe!“
Jetzt schwand Cathlyns Überraschung und wandelte sich in Wut. „Du … kleines Aas!“
Im Gegensatz zu ihr hatte Sananka mit dem Rückschlag gerechnet. Cathlyn war Rechtshänderin. Im selben Moment, als Cathlyn nach Sananka griff, ließ Sananka mit ihrem linken Arm los und wich zur Seite. Cathlyns Finger streiften kaum ihre Bluse und sie taumelte. Den Schwung nutzte Sananka aus und schleuderte Cathlyn einmal um sich herum, sodass sie erneut an das Regal knallte. Wieder schepperte es und eine der Kisten ganz oben kippte. Sananka sprang zurück, die Holzkiste landete auf Cathlyns Kopf. Ein Schlag auf den Schädel steckte auch sie nicht einfach so weg. Sie stöhnte vor Schmerz auf und ging in die Knie.
Sananka ballte die Hände zu Fäusten und atmete tief durch. Es wäre ein Leichtes gewesen, Cathlyn nun weiter zu traktieren, weiter auf sie einzuschlagen, wie der Mann in der Gasse auf die Frau. Aber für Cathlyn gab es eine bessere Strafe. Etwas, das viel schlimmer für sie war, als nur von der schwächlichen Schneiderin verprügelt zu werden. Sananka lächelte. Ohne ein Wort wandte sie sich ab und verließ die Zeugkammer. Selbst, wenn Cathlyn jetzt benommen am Boden saß, sie würde es nicht lange bleiben und dann zum Krankenzimmer gehen. Und wenn Cathlyn erklären musste, wer dafür verantwortlich war, würde sie niemals zugeben, dass ausgerechnet Sananka sie überrascht und besiegt hatte. Das würde ihr ohnehin niemand glauben.

 

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