Heimsuchung, Kapitel 9: Zeugen

Erneut befand sich Kyle mit einem Schreibbrett in der Hand bei einem Tatort. Es war der dritte Mord. In den letzten Nächten war eine Schlägerei gemeldet worden, doch bei keinem der Beteiligten hatte Inspektor zu Lerenzen magische Spuren entdecken können. Jetzt war eine weitere Frau ermordet worden. Die Täterin war eine Nachbarin. Zitternd und blutbeschmiert stand diese vor Hauptfrau Gonner und stammelte etwas von Tanzmusik und Beschwerde. Aber die Worte gingen zunehmend im Stimmengewirr der Gäste unter, die mit der Erschlagenen gefeiert hatten. Es schien, als sei die gesamte Familie der Toten anwesend und habe sich in den drei Zimmern der Wohnung verschanzt. Dazu kam eine Frau mitsamt ihres unablässig schreienden Säuglings, die offensichtlich zu der Täterin gehörte. Auch wenn sich die ganze Schar in den Nebenzimmern aufhielt, die Türen waren weit geöffnet. Die neugierigen Bewohner des Hauses, die sich auf dem Flur drängten und die lautstark von Drodt fortgeschickt wurden, krönten die herrschende Unruhe.
Auf einen Wink von Hauptfrau Gonner trat Kyle mit ihr ein paar Schritte von der Täterin fort. „Kyle, nimm die Aussage der Mütter und Kinder auf, damit sie gehen können.“ Sie deutete auf den Nebenraum, wo ein zweiter Wachmann die Zeugen im Auge behielt. Die Hauptfrau verschränkte die Arme und sah zu der Täterin. „Frau Hant muss in der Wache vernommen werden, sie ist jetzt zu verwirrt. Wenn du fertig bist, gehst du zur Westwache und holst Verstärkung. Und sie sollen den Inspektor aus dem Bett holen.“
Kyle nickte und ging zu den Augenzeugen. Doch der Versuch, dort die Aussagen aufzunehmen, scheiterte kläglich. Zum Glück gab es in der Familie des Opfers nur eine Frau mit zwei Kindern. Sie brachte kaum ein Wort heraus, so sehr war sie damit beschäftigt, den kleineren der Jungen zu beruhigen. Er weinte nicht, aber er jammerte in einem fort. So nahm Kyle zuerst den älteren Jungen beiseite. Ren, wie er sagte.
„Es hat ziemlich heftig geklopft und Großma ist dann zur Tür gegangen“, berichtete er aufgeregt. „Sie hat aufgemacht und ich habe mit Willi gespielt. Dann hat meine Großma geschrien und da war plötzlich überall Blut, aber meine Ma hat mich da weggeholt und Onkel Aden ist hin, um Großma zu helfen, aber dann war sie schon tot.“ Wenige Worte notierte Kyle zu der Aussage. Er sprach, als ginge es um nicht anderes als einen verlorenen Geldbeutel, statt den Tod seiner Großmutter.
Abschätzend sah Kyle Ren an. „Und wie alt bist du?“
„Sechs.“
Kyle vermerkte auch das hinter dem Namen. „Wartest du hier bitte, solange ich mit deiner Mutter spreche?“ Der Junge nickte eifrig und Kyle wandte sich der Frau mit dem zweiten Kind auf dem Arm zu. Der Kleine weinte jetzt heftig und vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. Seine Mutter schniefte ebenfalls, aber in ihrer Stimme lag Wut. „Ganye hat sie erschlagen, ohne Vorwarnung!“ Unaufhörlich streichelte sie dabei den Kopf des Jungen.
Auf so etwas wurden sie in der Akademie nicht vorbereitet. Kyle wusste nicht, wie er der Frau helfen konnte. Also mahnte er sich selbst, ruhig zu bleiben, und stellte weiterhin Fragen. Es dauerte eine Weile, bis er herausgefunden hatte, dass es eine Verlobungsfeier gewesen war. Die Zeugin hatte sich mit ihrer Tante unterhalten, als der Mord passierte. „Zuerst lässt mich mein Jorne alleine und jetzt folgt ihm auch noch Irna“, schluchzte sie zuletzt und brach in Tränen aus.
Kyle sah die beiden unschlüssig an und war sich sicher, dass er hier nicht mehr erfahren würde. Der Kleine mochte laufen können, doch sicher hatte er noch weniger von dem Geschehen begriffen, als sein Bruder. Der kam nun wieder dazu und legte seiner Mutter traurig eine Hand auf den Arm.
Einen Blick zu Hauptfrau Gonner eröffnete Kyle, dass sie zu beschäftigt war, um ihm auszuhelfen. Also entschied er selbst: „Gut, Ihr und Eure Kinder könnt gehen“, sagte er der Zeugin in einem Moment, in dem sie etwas bei sich zu sein schien. „Die Stadtgarde wird sich bei Euch melden, sollten sich noch weitere Fragen ergeben.“
Die Frau nickte und drückte den Jungen fest an sich. Kyle sah sich nach der zweiten Mutter mit ihrem Säugling um. „Ma, da ist jemand draußen am Fenster!“, krähte da der Sechsjährige neben ihm.
Alarmiert folgte Kyle Rens Fingerzeig und trat hinüber. Die Nacht war schwül, der Fensterladen war geöffnet. Doch bis auf einen Schimmer blaues Mondlicht entdeckte Kyle nichts. Einen dunklen Hof, eingekeilt zwischen Häusern lag zwei Stockwerke unter ihm. Von hier konnte er über die Dächer der Stadt sehen, bis hin zum Düsterturm. In den meisten Stuben brannte noch Licht. Die unkontrollierte Mordserie ließen nun wohl niemanden schlafen. Aber was immer dem Jungen aufgefallen war, es war fort.
„Da war jemand.“ Kyle zuckte zusammen, als Ren an seinem Ärmel zog und auf das Dach nebenan zeigte. „Jemand ganz Schwarzes. Ich habe nur die Augen gesehen.“
„Bist du sicher?“
Ren nickte eifrig. „War das ein Mensch?“
„Was sollte es sonst gewesen sein?“, fragt Kyle verblüfft und sah Ren an.
Der Junge schaute mit klaren Augen zurück. „Na, ein Geist natürlich.“
„Wie kommst du darauf, dass es ein Geist war?“
Ren deutete auf ein schmales Regal, in dem ein paar zerfledderte Bücher standen. „Großma hat mir Geistergeschichten vorgelesen. Die von dem stummen Geist im Moor.“
Kyle betrachtete den Schrank, dann Ren und seufzte innerlich. „Danke, Ren“, sagte er und drehte ihn zu seiner Mutter hin. „Jetzt hilf deiner Mutter, damit ihr alle nach Hause gehen könnt, ja?“
Ren machte ein langes Gesicht. Doch seine Mutter erhob sich von ihrem Stuhl und offensichtlich zog er es vor, nicht alleine hierzubleiben. Kyle schaute ein letztes Mal aus dem Fenster. Der Silbermond verbarg sich hinter Wolken, nur der blaue Mond beschien die Dächer und einen schmalen Streifen des Innenhofs. Es war nicht unwahrscheinlich, dass der Junge wirklich etwas gesehen hatte. Aber was? Seufzend wandte sich Kyle der zweiten Mutter mit ihrem Neugeborenen zu.
Auch diese Vernehmung zog sich unendlich lang und brachte keinen neuen Erkenntnisse. Obwohl sich die Stube allmählich leerte, dröhnte Kyle mittlerweile der Schädel. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, doch es gelang ihm nicht. Er klopfte mit dem Stift auf das Brett, während die Frau erzählte, und war froh, als er das letzte Wort geschrieben hatte. Dann bat er sie zu warten und informierte Hautfrau Gonner.
Diese warf einen Blick auf die Aufzeichnungen und runzelte die Stirn. „Kyle, selbst ich kann das kaum entziffern. Ich weiß, hier ist viel los, aber beim Festhalten der Aussagen musst du dir deutlich mehr Mühe geben.“ Sie sah ihn tadelnd an. „Du wirst dich später in der Wache hinsetzen und es ordentlich abschreiben.“
Kyle spürte, wie es in seinem Bauch brodelte. Dieser Mord, dieser Abend war der Frustrierendeste, den er bei der Garde bisher erlebt hatte. „Aye, Mam!“, sagte Kyle und zwang sich, zu abzuwarten, bis sie ihn endlich fortschickte. Er wollte mehr tun als nur die verdammte Schreibarbeit.
„Na schön, jetzt bring …“ Sie versuchte den Namen der Frau mit dem Neugeborenen auf dem Papier zu lesen und fluchte, als es ihr nicht gelang. „Wie-auch-immer-sie-heißt mit ihrem Kind nach unten. Nicht, dass ihr die Leute vor der Tür noch den Kopf abreißen.“
Kyle tat, wie geheißen und begleitete die Mutter und Säugling hinaus. Im Hausflur tummelten sich viele Menschen, verärgerte und neugierige Nachbarn. Drodt, der noch immer vor der Tür stand, ließ sie durch und machte gleichzeitig mit barschen Worten klar, dass die Zeugin nicht zu behelligen war. Dennoch musste Kyle auf der Treppe einen Mann zurechtweisen, sie nicht anzufassen.
Erst, als sie hinter der Tür ihrer eigenen Wohnung verschwand und Kyle ein Schloss einrasten hörte, löste sich seine Anspannung. Mit weiten Schritten verließ er das Gebäude. Auch hier lungerten Gaffer herum und einer davon stach Kyle sofort ins Auge: Sananka. Sie lehnte gegenüber an der Wand, hatte die Arme verschränkt und sah ihm entgegen.
Ohne es zu wollen, entlud sich sein Ärger direkt in seiner Stimme: „Was hast du hier zu suchen?“
Sie zuckte ungerührt mit den Schultern und sah zu den erleuchteten Fenstern hinauf. „Naja, ich bin zufällig hier vorbeigekommen und dachte ich schau mal, was hier los ist.“
„Das hier geht dich nichts an! Genau, wie all die anderen, die hier herumlungern.“
„Ach was.“ Sananka verdrehte die Augen. „Eigentlich hatte ich vor, dir eine Information zu geben, die dich bei diesen Übergriffen sicherlich ins Grübeln bringen wird. Aber wenn du nicht willst.“
Kyle ballte die Hände zu Fäusten. Was konnte sie schon wissen? Sie lungerte noch immer nachts in den Straßen der Stadt herum, obwohl sie es nicht mehr nötig hatte. Sie tat es immer als Gewohnheit ab, doch Kyle war sich mittlerweile sicher, da steckte anderes dahinter. Aus welchem Grund sollte er sie sonst so oft an den Tatorten entdecken? Kyle atmete er tief durch und ließ das Brodeln in seinem Bauch abschwellen, um wenigstens vernünftig mit ihr zu reden. Danach würde er zügig zur Wache laufen und damit all den Ärger loswerden. „Na gut“, sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Was weißt du?“
Sie sah ihn lange an und Kyle war sich nicht sicher, ob sie überlegte, oder ob es ihr letztlich so schwer über die Lippen ging: „Es ist Pela.“
Kyle verstand nicht, aber ehe er nachfragen konnte, fuhr Sananka fort. „Der Geist ist Pela. Ich habe sie gesehen, Kyle, bevor sie in das Haus eingedrungen ist.“
Im ersten Moment wusste Kyle nicht, wovon sie sprach. Doch hatte der Jungen eben nicht ebenfalls von einem Geist gesprochen? „Bist du sicher, dass es ein Geist ist?“ Noch während er die Frage stellte, fing die Wut in seinem Magen an, kühler zu werden. Mit Sanankas Nicken brannte sie plötzlich wie Feuer und war trotzdem kalt wie Eis.
„Sie hat mich direkt angesehen, Kyle“, sagte Sananka. „Und sie hat durch mich hindurchgesehen als wäre ich nicht da.“
Irrte er sich oder lag Bitterkeit in ihren Worten? Kyle sah sie unschlüssig an. „Was hat das zu bedeuten?“
„Woher soll ich das wissen?“ Sananka schüttelte heftig die blonden Locken und hob in einer hilflosen Geste die Hände. „Du bist doch der angehende Gardist. Finde raus, was das zu bedeuten hat.“
Mehr hatte sie nicht zu sagen. Sie verabschiedete sich nicht mal, als sie sich umdrehte und davonging. Aber Kyle wusste, was er zu tun hatte: Er musste mit Inspektor zu Lerenzen sprechen.

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