Heimsuchung, Kapitel 10: Gewissheit

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Inspektor Andree zu Lerenzen ließ auf sich warten. Wie befohlen war Kyle zur Westwache gelaufen und hatte Verstärkung angefordert. Dass er völlig verschwitzt dort ankam, wunderte allerdings niemanden. Auch auf der Wache war viel los und nur zwei Gardisten wurden zu dem neuen Tatort geschickt. Kyle musste den Magierinspektor selbst benachrichtigen. Jetzt stand er vor dessen Haus und wartete. Die Ungeduld zerrte an ihm. Die Toten würden nicht weglaufen, aber Kyle wusste, dass magische Spuren irgendwann verschwanden; sicherlich auch die von Geistern. Er wusste, er sollte den richtigen Moment abwarten, doch er musste herausfinden, ob Sananka die Wahrheit gesagt hatte.
Endlich, nach einer schier endlosen Wartezeit, trat Inspektor zu Lerenzen aus der Tür. Trotz der langen Zeit, die Kyle hatte warten lassen, sah er aus, als sei er gerade aus dem Bett gestiegen. Das Hemd unter seinem Magiermantel war zerknittert und seine Haare hatte er ebenfalls nicht gekämmt. „Du bist der Neue, der Gardeschüler mit der undeutlichen Schrift, richtig?“ Eine Bestätigung wollte er wohl gar nicht haben. „Lilly hält große Stücke auf dich. Was ich, um ehrlich zu sein, nicht ganz verstehen kann.“
Bevor er weitersprechen konnte, fuhr eine Kutsche auf den weiten Hof und er forderte Kyle auf, einzusteigen. Der behäbige Magier folgte, ließ sich nieder und kam erst jetzt auf die Idee, seine weißen Haare zu ordnen. Als die Kutsche los rollte, sah er Kyle durchdringend an. „Lilly sagt, du hast einen scharfen Verstand.“
Kyle wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Doch er witterte die Gelegenheit, ihm genau jetzt Fragen zu stellen. „Wisst ihr mittlerweile mehr über diese Magie?“
„Ah, sieh an. Und du kommst gleich zum Punkt.“ Inspektor zu Lerenzen lächelte schmal und nickte. „Ich weiß nur, dass es eine ungewöhnliche Magie ist. Sie entstammt nicht einem lebenden Geschöpf.“
Also war Inspektor zu Lerenzen der Theorie bereits auf der Spur. „Dann könnte es ein Geist sein?“, hakte Kyle nach und erntete einen skeptischen Blick aus zusammengekniffenen Augen.
„Nun, das wäre möglich.“ Der Magierinspektor fuhr sich über den kurzen Bart. „Eine Heimsuchung dieser Art geschieht jedoch nicht sehr oft. Das hängt mit dem magischen Potential zusammen. Ohne Magie kein Geist.“
„Jemand könnte einen Geist beschworen haben?“ Kyle runzelte die Stirn.
Der Inspektor schob einen der Vorhänge beiseite und warf einen Blick aus dem Fenster. Die Kutsche verließ das Viertel der Elehi und bog gerade in die Hauptstraße ein. So würden sie direkt auf dem Wagenweg in Düsterturm treffen.
„Ich versuche, es dir zu verdeutlichen“, wandte sich der Magierinspektor wieder an Kyle. „Es gibt mehr Magie, als viele wissen. Ausgebildete Magier wie ich sind nur diejenigen, die aus einem gleißenden Potential schöpfen können, aber viele Menschen tragen einen Funken in sich. Geister können somit von Magiekundigen beschworen werden oder die Person, die zu eine Geist wird, hatte ein ungenutztes Potential, das hell genug war, die Seele nach dem Tod hier festzuhalten. Zumeist sind es starke Obsessionen oder auch Traumata, die dazu führen.“
Magisches Potential, ein Funke Magie. Kyle verstand, was passiert sein musste; so klar, dass sich die Härchen an seinen Armen aufstellten. Er wusste, was Pela im Weisenhaus zugestoßen war und was sie in den Wahnsinn getrieben hatte – oder besser wer. Wenn sie also diesen magischen Funken gehabt hatte … Kyle führte den Gedanken nicht zu Ende und fragte stattdessen: „Wie halten wir sie auf?“
“Sie?“ Der Inspektor verengte die Augen und musterte Kyle eindringlich. „Gibt es neue Erkenntnisse, die du versäumt hast, mir mitzuteilen?“
Im ersten Moment wollte Kyle lügen und behaupten, eine der Zeuginnen, die er befragt hatte, hätte von einer Geisterfrau gesprochen. Doch spätestens wenn Inspektor zu Lerenzen die Aufzeichnungen durchging, würde die Lüge entlarvt. Die Vermutung des Jungen hatte er nicht notiert.
“Na?“, hakte der Inspektor nach.
Kyle seufzte. „Eine der Schaulustigen sagte mir, sie hätte einen Geist gesehen – als ich heute Verstärkung holen ging. Sie hat nicht gesagt, wie sie heißt, und ich hatte kein Schreibbrett dabei.“ Kyle zwang sich, statt seiner Hände sein Gegenüber anzusehen. “Ich sagte ihr, sie soll sich auf der Westwache melden“, fügte Kyle hinzu und der Magierinspektor nickte.
„Ich hoffe, sie wird ihre Aussage offiziell vorbringen. Ohne es in einem Protokoll festgehalten zu haben, könnte der Punkt schwierig zu bestätigen sein. Dennoch werde ich die Magie auf eine mögliche Geistererscheinung prüfen.“ Der Inspektor sah nachdenklich aus dem Fenster und begann weiter über die Feinheiten von Geisterbeschwörungen und den Analysen von magischen Spuren speziell zu Geistern zu dozieren. Kyles Frage ließ er unbeantwortet. Aber Kyle hörte ohnehin nicht mehr hin. Warum nur schützte er Sananka? In seinem Inneren keimte dieser Zweifel. Er war nur so dünn, wie ein Grashalm, doch er hatte Wurzeln geschlagen. Kyle fürchtete, Sananka war nicht nur Schneidergesellin. Und er fürchtete, sie steckte tiefer in dem Geschehen drin, als ihm bewusst war.
Dann sagte der Inspektor etwas, das Kyles Aufmerksamkeit an sich riss. „Entschuldigt, was war das?“
Kaum hatte Kyle nachgehakt, wurde die Stimme des Magierinspektors tadelnd. „Lilly mag große Stücke auf dich halten. Mir jedoch bist zu mit zu wenig Ernst bei der Sache.“
“Entschuldigung, Sir“, tat Kyle der Höflichkeit genüge und sah den Inspektor wartend an. Dieser wirkte zwar nicht zufrieden, aber Kyle nahm an, dass er sich selbst gerne reden hörte. „Ich sagte: Im Falle, dass es sich um einen natürlichen Geist handelt, ist es unabdingbar herauszufinden, wessen Seele Eredenthor heimsucht und was ihn quält. Darauf aufbauend können die Gardemagier einen Bannzauber erarbeiten. Andernfalls müssten wir den Geisterbeschwörer ausfindig machen und davon ausgehen, dass bis dahin weitere gefährliche Geisterscheinungen in der Stadt spuken und Menschen zu grausamen Taten treiben.“
Kyle nickte. Wenn Sananka recht hatte, würde sich dieser Auftrag erledigen, sobald sie wussten, wer Pela war und was ihren Verstand zerbrochen hatte. Doch Kyle konnte dem Magierinspektor nicht von dem Waisenhaus erzählen. Die Wunden sollten verschlossen bleiben, der Felsen darüber sollte sich keinen Millimeter mehr bewegen. Er brauchte eine andere Möglichkeit, Inspektor zu Lerenzen auf die richtige Spur bringen, ohne seine eigene Vergangenheit auszubreiten. „Was ist mit der Toten aus der Anstalt? Könnte sie nicht der Geist sein?“
“Jemand aus dem Sanatorium meinst du?“
Kyles Zunge wollte die nächsten Worte lieber verschlucken, als auszusprechen. „Pela Junghaus. Sie hat sich ein paar Tage, bevor der erste Übergriff stattfand das Leben genommen. Ihr Bild hing auf der Westwache.“
“Junghaus sagst du?“ Kyle mochte nicht, wie der Inspektor ihn ansah. Seine verengten Augen hatten etwas lauerndes. „Du heißt doch auch Junghaus, nicht? Warst du mit ihr etwa verwandt?“
Kyle schüttelte heftig den Kopf. „Sie kam aus dem Junghaus-Waisenhaus.“
“Wie du ebenfalls“, stellte er fest. Zu Kyles Erleichterung ging er nicht darauf ein. „Junge, vielleicht hast du uns da einen wertvollen Hinweis geliefert!“ Die Kutsche hielt und er sah hinaus. „Wir sind da.“

Der Morgen war bereits angebrochen, als Kyle endlich die Abschrift des Protokolls fertig hatte. Müde und verärgert über diese Strafmaßnahme von Seiten Hauptfrau Gonners händigte er ihr die Akte aus. Sie musste merken, wie verkrampft seien Finger waren, doch sie bedankte sich lediglich. Ohne einen Blick hineinzuwerfen, legte sie die Mappe beiseite und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Sie verschränkte die Arme, und sah ihn ernst an. „Ich möchte noch mit dir reden, Kyle. Bitte schließ die Tür und setz dich.“
Plötzlich wurde Kyle flau im Magen. Er war froh, dass er sich zunächst abwenden konnte und sie nicht sah, wie er resignierend die Augen schloss. Warum hatte er sich nur in diesen Fall verwickeln lassen? Ergeben nahm er sich einen Hocker und stellte ihn vor den Schreibtisch der Hauptfrau. Die anderen Tische der Schreibstube waren zwar vollbepackt mit Akten, aber niemand außer ihnen war hier.
„Kyle, Inspektor zu Lerenzen hat mir berichtet, du hättest die Vermutung geäußert, es könnte sich bei dem Täter um einen Geist handeln“, eröffnete sie. „Er sagte auch, du hättest die Theorie, der Geist könnte diese Pela Junghaus sein, die du identifiziert hast. Wie kommst du darauf?“
„Es wäre naheliegend“, begann Kyle schleppend. Er versuchte fieberhaft, eine vernünftige Erklärung zu finden und gleichzeitig zu sprechen, doch das fiel ihm schwer. Um Zeit zu gewinnen erläuterte er knapp, was er auch dem Inspektor bereits bezüglich Sanankas Information gesagt hatte. „Pela hat eine Zeit in der Anstalt verbracht und, nun, sie starb kurz zuvor“, schloss er mit einem vagen Schulterzucken.
„Sicher, aber es gab mehrere Tote zwischen ihrem und dem ersten gemeldeten Vorfall.“
„Auch in Düsterturm?“
„Deine Geistertheorie hat Inspektor zu Lerenzen bereits bestätigt.“ Die Hauptfrau lehnte sich nach vorne und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. „Ich verstehe, dass du mir vielleicht nicht sagen willst, wie gut du Pela Junghaus kanntest und ob ihr eine gemeinsame Vergangenheit habt. Wegen deines Hinweises habe ich jemanden ins Junghaus Waisenhaus geschickt. Dennet Schafherr, der Leiter, behauptete, er erinnere sich nicht an alle. Aber Pela habe er in Erinnerung.“
Kyle konnte sich über diese Worte ein bitteres Lächeln nicht verkneifen.
„Er habe so viele Waise und versuche sie zu pflegen und als Lehrlinge unterzubringen“, fuhr die Hauptfrau fort. „Manche fänden die Disziplin im Waisenhaus so schrecklich, dass sie flöhen und es auf eigene Faust versuchten – wie Pela.“
Pela und wegelaufen? Das konnte sich Kyle nicht vorstellen und so schüttelte er den Kopf. Sie hatte Privilegien gehabt und sie hatte damit vor den anderen Kindern angegeben. Was aber mit ihr passiert war, wusste Kyle nicht.
„Was denkst du darüber?“
Kyle sah die Hauptfrau überrascht an.
„Ich denke er lügt“, fuhr sie fort, als Kyle nicht antwortete. „Aber ich denke auch, er hat sie nicht in den Wahnsinn getrieben, denn sie hatte das Waisenhaus bereits vor Jahren verlassen.“
Kyle spürte, wie sie versuchte, seine Reaktion zu durchschauen. Ihm wurde bewusst, dass er die Hände zu Fäusten geballt und den Schreibtisch betrachtete. Abrupt hob er den Blick und zwang sich, die Hauptfrau anzusehen. Ihre rote Nase war dunkler als noch vor ein paar Wochen.
„Du weißt nicht zufällig, wohin Pela damals verschwunden ist?“
Kyle schüttelte den Kopf. „Nein.“ Seine Stimme war rau. Er kam sich wie in einem Verhör vor. „Ich weiß nicht, wo sie war.“
Auch, wenn er nicht weiter sprach, schien Hauptfrau Gonner zu wissen, was er hatte sagen wollen. „Aber du glaubst, Dennet Schafherr weiß es.“ Jetzt stand sie auf und ging um den Schreibtisch herum. „Dann werde ich ihm persönlich einen Besuch abstatten. Er wird schon reden.“ Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Ich möchte, dass du dir heute Mittag die Zeugen erneut vornimmst und ihnen das Bild von Pela zeigst. Vielleicht kann einer von ihnen sie identifizieren. Irgendjemand muss sie gesehen haben. Dann würden wir nicht auf gut Glück in diese Richtung ermitteln.“
„Aye, Mam“, sagte Kyle mit trockenem Mund. Damit wurde er entlassen und machte sich auf den Weg zurück zur Gardeakademie. Er sollte sich ausruhen und doch bezweifelte Kyle, dass er schlafen konnte. Das erste Mal wusste er die Einzelzimmer, die die Prüflinge zugeteilt bekamen, zu schätzen. So sah ihn niemand weinen.

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