Heimsuchung, Kapitel 11: Konfrontation

Sananka betrat die Akademie erst kurz nach der Mittagszeit. Zwei Stunden würde sie gleich an den Schwertübungen teilnehmen, danach hatte sie etwas Zeit, Kleidung zu flicken. Ein ordentlich gefalteter Stapel lag auf dem Tisch bereit. Gerade hängte Sananka ihre Nähtasche über eine Stuhllehne in der Zeugkammer, da kam Cathlyn herein. Mit ärgerlichem Blick langte sie nach Sanankas Kragen. Sananka reagierte rasch genug, zog einen Arm aus ihrer Jacke und entwand sich dem Griff. Verblüfft stand Cathlyn mit der Jacke in der Hand dort und Sananka grinste. „Das war nicht nur Glück.“
Der Blick, mit dem Cathlyn sie maß, war eine Mischung aus Verständnislosigkeit und unverhohlenem Hass. Sananka lachte trocken und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich lass dich nicht mehr auf mir herumtrampeln.“
Dass Cathlyn nicht die schnellste Denkerin war, wusste Sananka schon lange. Sie war nicht dumm, aber nicht in der Lage mit Überraschungen umzugehen. Und genau das konnte Sananka ausnutzen; das war Cathlyns größte Schwäche.
„Das werden wir ja sehen!“, stieß Cathlyn zwischen den Zähnen hervor und warf die Jacke zu Boden. Erneut ging sie auf Sananka los und holte aus. Doch Sananka wich nicht zurück, sondern trat einen Schritt auf die Gardeschülerin zu. Sie bückt sich, hob ihre Kleidung auf und tauchte gleichzeitig unter dem Schlag hindurch. In einer fließenden Bewegung legte sie die Jacke zu ihrer Tasche auf den Stuhl und wandte sich wieder Cathlyn zu. Die Tür hatte sie nun im Rücken. „Ich hoffe, du hast viel Ärger wegen des zerrissenen Hemdes bekommen.“ Sananka grinste zynisch, drehte sich um und ließ Cathlyn stehen. Kaum war sie im Flur, lief sie schneller und war bereits an der nächsten Ecke, als Cathlyn wütend aus der Zeugkammer platzte. Hier kamen Sananka schon andere Gardeschüler entgegen. Und hier würde sich Cathlyn keine Blöße geben.
Die Hände in den Hosentaschen schlenderte Sananka hinaus auf den Platz und grüßte ein paar Schüler. Kurz danach stapfte Cathlyn hinterher. Sananka sah sich die Übungsschwerter auf dem Waffenständer an. „Das … du kleines Miststück!“, war das erste, was Cathlyn von sich gab.
Sananka drehte sich zu ihr um und tat, als wisse sie nicht, wovon sie sprach. „Äh, meinst du mich?“
„Klar meine ich dich! Du bist ein hinterhältiges Miststück!“
Sananka schüttelte unwissend den Kopf. „Was habe ich gemacht?“
„Das weißt du ganz genau!“
„Ach ja?“
Cathlyn kam drohend auf sie zu und Sananka wich an den Waffenständer zurück. Die Gardeschülerin ragte vor ihr auf, zwischen ihnen war nur das Übungsschwert, das Sananka in den Händen hielt. Doch wie erwartet, hielt jemand Cathlyn ab. Einer der besseren Schüler griff nach Cathlyns Schulter und Sananka hatte Mühe, nicht zu feixen. „Komm Cathlyn, wir wissen alle, dass du sie nicht leiden kannst und du ihr die Gedärme aus dem Leib prügeln könntest.“ Es war Jeydon, der Prüfling, den sie neulich noch auf dem Markt getroffen hatte.
„Und alles nur wegen einem Jungen“, kicherte Haje.
Cathlyn riss sich los und funkelte die anderen Gardeschüler an. „Ihr habt keine Ahnung! Sie ist nicht das, was sie vorgibt, zu sein.“
„Sie ist eine Schneiderin, die kämpfen will“, lachte jemand. Die Tatsache, dass Sananka sich bei den Übungen nicht besonders gut anstellte, hatte immer schon für Belustigung unter den Schülern gesorgt. Jetzt würde es ihr helfen, Cathlyn in die Schranken zu weisen.
Endlich schien auch Cathlyn zu verstehen, was hier vor sich ging. Fassungslos sah sie zwischen den Anwesenden hin und her. Sananka hob die Schultern und grinste schief.
Verärgert schrie Cathlyn ihren Frust heraus, stapfte zu dem Waffenständer und nahm eines der Schwerter. Mit der Spitze deutete sie auf Sananka. „Ich möchte heute mit ihr üben!“
„Das wird Meisterin Ituren nie zulassen“, sagte Jeydon. Einige andere nickten und sogar Enyo meldete sich nun zu Wort. „Ituren lässt dich nicht mal gegen mich antreten.“
„Das ist mir egal!“ Sie blicke Sananka ärgerlich an. „Komm schon! Drückst du dich jetzt?“
Sananka sah sich zwischen den Gardeschülern um, als wisse sie nicht, was das zu bedeuten hatte. Sollte sie nun wirklich Prügel einstecken, nur um Cathlyn dumm dastehen zu lassen? Najesas Tarnung funktionierte bestens, aber ab und zu durfte sie gewinnen. Zwar war sie im fairen Schwertkampf Cathlyn sicherlich nicht gewachsen. Doch mit kleinen Tricks konnte sie siegen, ohne ihre wahren Fähigkeiten zur Schau zu stellen. Und wenn Cathlyn wütend war, machte sie Fehler.
Der Gedanke gefiel Sananka und sie wischte sich mit einer Hand über das Gesicht, um ein Lächeln zu verbergen. Stattdessen sah sie Cathlyn mürrisch entgegen. „Du hast einen verdammt schlechten Tag, hmm? Was ist passiert? Hat Kyle wieder den Helden gespielt und dir gesagt, dass du aufhören sollst, auf mir herumzuhacken?“, höhnte sie und verdrehte die Augen.
„Es geht nicht um Kyle!“, hielt Cathlyn dagegen.
„Klar.“ Sananka schüttelte die blonden Locken. Zustimmendes Kichern unter den Schülern bestätigte Sanankas Worte. „Es ging ja nie um Kyle. Aber weißt du was? Ich habe ihn nie darum gebeten, sich als Beschützer aufzuspielen. Im Gegenteil: Du kannst ihn haben.“
In Cathlyns Blick funkelte es. Sie wütend zu machen, war so einfach.
„Aber ich glaube, er will dich nicht. Er ist nämlich einer von den Guten, du nicht.“
„Du Aas!“ Hätte Jeydon nicht noch bei ihnen gestanden, hätte sich Cathlyn bestimmt sofort auf Sananka gestürzt. „Du weißt ganz genau, dass das nichts mit Kyle zu tun hat!“, blaffte sie und gab Jeydon einen Stoß.
„Ach nein?“
„Schneiderlein, hör auf!“, warnte nun auch Jaydon und griff nach Cathlyns Arm.
„Warum?“, fragt Sananka und ließ prüfend ihr Schwert durch die Luft sausen. „Besser, sie verprügelt mich hier, als irgendwo in einer Gasse.“ Auffordernd sah sie Cathlyn an. „Na schön, aber hau nicht zu fest zu, ja?“
Cathlyn riss sich mit einem Ruck von Jeydon los und folgte ihr auf das Feld. Sananka verkniff sich das Lächeln.
„Hältst du das für eine gute Idee?“ Enyos sah sie mit großen Augen an.
Sananka hob die Schultern und nahm ihre Kampfposition ein. „Na, mehr als ein paar Knochen brechen kann sie mir hier ja nicht, oder?“
Doch zu einem Angriff kam es nicht. Jeydon und Haje stellten sich Cathlyn in den Weg. „Was willst du damit beweisen?“, fragte er Cathlyn.
„Ich will euch zeigen, dass sie mehr kann, als sie zugibt. Sie ist nicht das hilflose Schneiderlein!“
„Nein, bin ich nicht.“ Sananka schob sich zwischen den beiden Schülern vorbei. „Und ich will auch nicht, dass mich jemand beschützt, verdammt noch mal.“
„Deswegen ist sie hier“, hallte Meisterin Iturens dunkle Stimme über den Platz. Die hochgewachsene Schwertkämpferin musste bereits eine Weile zugesehen haben und maß Sananka mit einem scharfen Blick, ehe sie sich Cathlyn zuwandte. „Sie ist hier, um zu lernen, sich zu verteidigen. Du bist Gardeschülerin und Prüfling noch dazu. Du wirst ausgebildet, die Stadt zu beschützen. Menschen wie sie. Du wirst nicht gegen sie antreten. Cathlyn, dein Partner für heute wird Enyo sein. Lerne zu respektieren, dass es nicht jedem so leicht fällt wie dir. Sananka, du übst mit Belyn.“
Cathlyn warf Sananka einen Blick zu. Wäre er ein Dolch, hätte er mehrfach auf sie eingestochen und ihr danach die Kehle durchgeschnitten. Auch, wenn Sananka Cathlyn lieber vor aller Augen vorgeführt hätte, sie hatte zumindest einen Teilsieg errungen.
Die Schwertübungen mit Belyn, einem breiten und kräftigen aber dafür langsamen Jungen, erwiesen sich als einfacher, als Sananka gedacht hatte. Mit dem Versuch, seine Schläge zu parieren, ließ sie sich mehrmals zu Boden drängen. Die zwei Stunden vergingen rasch und die Schüler wurden zu Leibesübungen verdonnert, während Sananka sich mit schmerzenden Armen auf den Weg in die Zeugkammer machte.
Nach einer Begutachtung der Kleidung wählte sie eine Handvoll aus, die sie erledigen konnte, bevor die Gardeschüler zum Abendessen gingen. Cathlyn würde garantiert noch einmal hier auftauchen und hoffentlich vor Wut in Flammen aufgehen, wenn Sananka fort war. Stich um Stich setzte Sananka und malte sich aus, wie sehr sie Cathlyn damit wohl reizte. Den ersten Ärmel hatte sie bereits in eine wieder ansehnliche Form gebracht, da erschien jemand in der Tür. Kyle blieb im Türrahmen stehen und sah sie an, ohne etwas zu sagen. Was er wollte, konnte sie nur vermuten. Sie hätte ihn nicht am Tatort ansprechen und zulassen sollen, dass er von ihrer Anwesenheit erfuhr. Im Nachhinein ärgerte sie sich über sich selbst. „Was?“, fragte sie.
Kyle schloss die Tür hinter sich. „Warum warst du gestern da?“
Also hatte sie recht. Sananka grinste, auch wenn ihr nicht danach zumute war. „Weil ich gerne abends durch die Stadt stromere und ab und zu sogar mal in eine Taverne gehe.“
„Und warum warst du so lange beim Tatort?“
Sananka hob die Schultern und nahm die Schere zur Hand. „Da ist eine Taverne in der Nähe, da war ich drin, nachdem ich Pela gesehen hatte.“ Mit einem Schnitt war der Faden durchgetrennt und Sananka legte das Hemd zur Seite. „Dann kam jemand aufgeregt reingerannt und hat davon erzählt, dass was passiert sei und, naja, ich war neugierig.“ Sie sah von der Hose auf, die sie nun auf dem Schoß liegen hatte. „Sonst noch was, Herr Inspektor?“
Kyles Kiefer bewegte sich, als knirsche er mit den Zähnen. Da hatte sie also einen Nerv getroffen. Hatte er gehofft, sie würde nicht merken, dass er sie befragte? Dennoch seufzte sie. Auch, wenn sie ihn ansonsten belog, zumindest konnte sie in Einem die Wahrheit sagen: „Hör mal, ich war ganz schön durch den Wind, als ich Pela gesehen habe. Ich wollte einfach nur, keine Ahnung, ich habe mich setzen wollen und irgendwas trinken. Das ist alles.“
Langsam nickte Kyle und fand endlich seine Sprache wieder. „Also bist du dir sicher, dass es Pela ist?“
„Ja, bin ich“, presste sie den Satz an einem Pfropfen in ihrer Kehle vorbei, der ihn lang und dünn machte – selbst in ihren Ohren klangen die Worte verloren. Sie schluckte. Natürlich war sie sich sicher. Sie beobachtete den Geist mittlerweile seit mehreren Nächten. Trotzdem saß jedes Mal ein Bienenschwarm in ihrem Magen, der von dem kalten Wispern davon schwirren wollte und ihr mit Stichen befahl, das gleiche zu tun. „Leider. Es ist Pela.“
Erst, als Kyle sich bewegte, wurde Sananka klar, wie steif er die ganze Zeit dagestanden hatte. Erneut nickte er und tat einen Schritt auf sie zu. Was immer er zu sagen hatte, es fiel ihm schwer. „Wärst du bereit, Pela auf der Westwache zu identifizieren?“
„Was?“ Mit Vielem hatte sie gerechnet, doch nicht mit dieser Bitte.
„So lange nicht klar ist, wessen Geist die Stadt heimsucht, kann sie nicht aufgehalten werden.“
Eine Vorstellung davon, wie das aussehen mochte, hatte Sananka. Geister wurden verbannt und Verbannung bedeutete Vernichtung. „Und du meinst, es würde helfen, wenn denen jemand sagt, dass es Pela ist?“
Erneut nickte Kyle, musterte den Boden und murmelte sogar ein „Bitte“.
Sananka öffnete den Mund, wusste aber im ersten Moment nicht, was sie dazu sagen sollte. Pela hatte um Hilfe gerufen, ehe sie gestorben war. Sie rief noch immer um Hilfe. Jedes Mal, wenn sie erschien, drang das verzweifelte Flüstern zu ihr durch und zerrte an ihrem Verstand. Sie wollte diesen Dämon zur Verantwortung ziehen, sie suchte Dennet. Also schüttelte Sananka den Kopf. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Sag du es ihnen doch einfach.“
„Ich habe sie nicht selbst gesehen.“
„Gibt es nicht noch andere Zeugen? Ich meine, sie wimmert die ganze Zeit, das muss doch jemand gehört haben.“
Kyles Blick traf den ihren. „Vielleicht. Das werde ich jetzt herausfinden“, sagte er zögern.
Es war nur eine flüchtige Falte auf seiner Stirn und dieser Tonfall, der Sanankas Befürchtung bestätigte: Pela sprach zu niemand anderem. Die nächsten Worte wählte Sananka mit Bedacht. „Ich werde es mir überlegen, ja? Ich habe nämlich keine Lust, mich über das Waisenhaus ausquetschen zu lassen.“
„Danke.“ Mehr sagte Kyle nicht, ehe er ging und Sananka mit einem wirbelnden Gedanken zurückließ. Sie hätte Kyle nicht sagen dürfen, dass es Pela war. Sie hatte nicht über Konsequenzen nachgedacht und dem Drang nachgegeben, es jemandem zu erzählen. Nun blieb ihr keine Zeit. Kyle hatte ihr etwas Wichtiges verraten. Als sie die Erkenntnis festhielt, leuchtete sie so klar wie die magischen Lampen: Allein sie schien Pelas Hilfeschrei zu vernehmen. Und allein sie konnte ihr helfen.

 

 

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