Heimsuchung, Kapitel 12: Ermittlungserfolg

Mit wenig Hoffnung betrat Kyle das Haus des letzten Opfers, Pelas Porträt in einer Mappe unter dem Arm. Er hatte alle Zeugen der Reihe nach aufgesucht, doch niemand hatte den Geist mit dem Portrait in Verbindung bringen können. Jetzt klopfte Kyle an der Wohnung der Mutter mit dem Säugling. Es kam keine Antwort. Noch einmal klopfte Kyle und seufzte resignierend.
„Die sind weg“, sagte jemand von oben. Auf der Treppe saß der Junge, den Kyle in der vorherigen Nacht ebenfalls befragt hatte. Ren war sein Name, wenn Kyle sich nicht irrte. Auch er stand auf der Zeugenliste. „Wann kommen sie zurück?“, fragte Kyle, aber Ren hob die Schultern. „Ma sagt, die kommen nicht wieder.“
Kyle runzelte die Stirn. Das musste er notieren und er war sich sicher, Hauptfrau Gonner würde das nicht gefallen. Gedanklich hakte er die Familie Ehrenhart als Zeugen ab und wandte sich an den Jungen: „Ist deine Mutter da?“
Ren schüttelte den Kopf. „Ne, Ma ist noch in der Wäscherei. Seit Pa tot ist und wir hier wohnen, passt Großpa auf uns auf“
Kyle unterdrückte den Drang, zu fluchen, und knirschte stattdessen mit den Zähnen. Rens Großvater war halb blind. Er würde Pela wohl kaum identifizieren können. Der Junge allerdings … Kyle zog das Porträt aus der Tasche und zeigte es ihm. „Hast du diese Frau vielleicht schon mal gesehen?“
Ren sah das Bild an und strahlte plötzlich. „Das ist der stumme Geist! Sie war vor dem Fenster, als wir gefeiert haben. Ich wollte sie Ma zeigen, aber sie hat mir nicht geglaubt.“
Wie schwer das auf ihm gelastet hatte, bemerkte Kyle erst, als das Gewicht davonflog. „Wirklich?“, fragte Kyle und Ren nickte. Kyle hatte nicht damit gerechnet, jemanden zu finden, der Pela identifizieren konnte. Sananka würde es nicht tun, das hatte er ihr angesehen. Leider war er sich sicher, früher oder später würde er in diesem Fall trotzdem wieder über sie stolpern.
„Glaubst du mir denn?“, wollte Ren wissen.
Unwillkürlich lächelte Kyle den Jungen an. „Ja.“ Aber eines an dem, was er erzählt hatte, war absonderlich: „Der Geist ist stumm?“
Ren nickte eifrig. „Sie hat was gesagt, aber ich habe nichts gehört.“
Es war ein kurzer Flug, denn nun erdrückte Schwermut die Erleichterung und setzte sich noch viel schwerer auf seine Schultern. Sananka hatte das gewusst.
Kyle schluckte den bitteren Geschmack auf der Zunge hinunter und sah die Treppe hinauf, zu der Wohnung, in der die Familie Hant lebte. „Wärst du auch bereit, mit zur Wache zu kommen und da eine offizielle Aussage zu machen?“
Zwar sah Ren ihn mit wachen Augen an, doch Kyle merkte, dass er nicht ganz verstanden haben konnte, worum er ihn gebeten hatte. „Würdest du den Gardisten von dem stummen Geist erzählen?“
Eifrig nickte der Junge, sprang auf und lief schon an Kyle vorbei zur Haustür, aber Kyle hielt ihn zurück. „Wir sollten besser deinem Großvater Bescheid sagen, bevor wir gehen.“

Rens Befragung übernahm Hauptfrau Gonner. Kyle wunderte sich, wie gut sie mit Kindern umgehen konnte. Ob sie selbst welche hatte? Ihre Nase deutete eher darauf hin, dass sie, seit dieser Fall begonnen hatte, mehr Zeit nach der Arbeit als zuvor mit Bier oder Wein verbrachte. Dennoch war sie eine vorbildliche Vorgesetzte. Kyle protokollierte Rens Aussage so ordentlich er es vermochte, und brachte ihn anschließend nach Hause.
Es war bereits dunkel, als er wieder auf die Westwache zurückkehrte. Inspektor zu Lerenzen war ebenfalls eingetroffen und Kyle wurde zu ihnen in einen der Verhörräume geschickt.
„Da ist er ja, der junge Herr Junghaus“, begrüßte ihn der Magierinspektor und schüttelte ihm dabei kräftig die Hand. „Der Fall ist gelöst, dank deiner tatkräftigen Hilfe.“
Kyle den Inspektor verständnislos an. Wie konnte der Fall gelöst sein, wenn Pela noch immer in der Stadt herumgeisterte?
Doch Hauptfrau Gonner verdrehte die Augen und klopfte ihm auf die Schulter. „Was er sagen will, ist: Innerhalb von ein paar Tagen wird der Geist verbannt werden. Dadurch, dass er identifiziert wurde, kann die Magiergarde die nötigen Informationen einholen, die sie für den Bannzauber brauchen. Pela Junghaus wird nicht mehr lange spuken. Und du hast dabei sehr gute Arbeit geleistet.“
Einerseits fühlte sich Kyle erleichtert, andererseits wusste er nicht, was er davon halten sollte. „Die Magiergarde wird also den Rest übernehmen?“
Die Hauptfrau nickte. „Die Stadtgarde bleibt involviert, um zu verhindern, dass noch ein Mord geschieht, doch du hast uns genug unterstützt. Ab morgen wirst du wieder am Unterricht in der Akademie teilnehmen. Aber ich freue mich darauf, dich am nächsten Mitteltag wiederzusehen.“
Kyle sah zwischen den beiden hin und her. Sie brauchten seine Unterstützung demnach nicht mehr. Diese Erkenntnis ließ eine kleine Blase platzen, aus der Ernüchterung sickerte. Trotz der lästigen Schreibareit war es eine weit sinnvollere Aufgabe bei dem Fall zu helfen, anstatt in der Gardeakademie die ewig gleichen Übungen zu wiederholen. Was sollte er dort noch lernen? Er war der Beste in den Kampfübungen, vor allem mit dem Schwert. Er wusste über die Stadt bescheid, kannte ihre Schwachpunkte und wollte endlich die Menschen beschützen, die in ihr lebten. Dennoch musste er zurück an die Akademie – bis zum nächsten Frühjahr, wenn die Prüfungen stattfanden. Bis dahin gab es nur den Mitteltag, um richtige Arbeit zu leisten. Dabei gab es so vieles, was nicht geklärt war. „Was ist mit Dennet Schafherr?“
Während Inspektor zu Lerenzen die Stirn runzelte, verschränkte die Hauptfrau die Arme und seufzte. „Selbst wenn er Schuld an der Geistererscheinung haben sollte, hat er sie nur indirekt.“ Kyle meinte, Mitleid in ihren Augen zu erkennen. „Dafür kann er nicht belangt werden.“
„Warum sollte er auch?“, mischte sich der Magierinspektor ein und sah von Hauptfrau Gonner zu Kyle. „Das Junghaus Waisenhaus geniest einen guten Ruf. Es wird sogar von namhaften Edelleuten unterstützt. Ich denke nicht, dass Dennet Schafherr mit diesen Anschuldigungen etwas zu tun hat.“
„Tja, Andree, ich würde ermitteln“, sagte Hauptfrau Gonner und sah Kyle bei den nächsten Worten direkt an. „Aber ich habe keinen Fall.“
Kyle war klar, was sie andeuten wollte. Hätte sie jemanden, der glaubhafte Beschuldigungen vorbringen könnte, wäre sie in der Lage aufzudecken, was dort vor sich ging. Und sie wusste, dass Kyle ihr die nötigen Informationen liefern könnte. Anstatt ihn jedoch zu drängen, fügte sie nach einer Pause hinzu: „Vielleicht ergibt sich irgendwann die Gelegenheit dazu. Aber jetzt, Kyle, darfst du gehen. Du bist von deinem Sonderdienst entbunden. Wir sehen uns am Mitteltag.“
Ohne es zu wollen, starrte Kyle die Hauptfrau an und biss die Zähne zusammen. Da gab es etwas, von dem er gehofft hatte, es herauszufinden. Doch er konnte Hauptfrau Gonner nicht direkt fragen. Wie auch? Sie wusste nicht von Sananka. Entschlossen trat er einen Schritt vor. „Mam, ich bitte darum, bis zur kompletten Aufklärung der Geistersache involviert zu bleiben.“
„Kyle, die Ermittlungen sind abgeschlossen.“
„Es fehlen immer noch die Informationen, weswegen Pela in die Anstalt gelangt ist und zur Geistererscheinung wurde.“
Die Hauptfrau schüttelte den Kopf. „Ich darf dich nicht in diese Recherchen involvieren. Du kanntest Pela Junghaus. Und es ist nicht vorgesehen, dass die Prüflinge die Magiergarde unterstützen.“
„Mam“, protestierte Kyle, doch die Hauptfrau schnitt ihm das Wort ab: „Nein, Kyle, keine Ausnahmen.“ Sie erhob sich und machte unmissverständlich, dass die Diskussion beendet war. „Am nächsten Mitteltag werde ich dich in den nächsten Fall einführen. Ich verstehe dein Interesse daran gut, aber es gibt genügend wichtige Fälle, Kyle.“ Ein bitteres Lächeln lag auf ihren Lippen und sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich werde dich über den Fortgang unterrichten. Und jetzt: wegtreten, Kyle!“
Kyle zögerte, eher er nickte. Sein Blick streifte den Inspektor, als er die Hacken zusammenschlug und den Rücken durchstreckte. Mit vielen Fragen in seinem Kopf verabschiedete er sich. Was, wenn Sananka in die Schusslinie geriet?
Als er die Tür öffnete, meldete sich Inspektor zu Lerenzen noch einmal zu Wort: „Ach ja, ein gut gemeinter Rat: Arbeite an deinem Schriftbild.“
Kyle warf dem Magierinspektor einen Blick zu und murmelte einen Dank. Aber der Ärger, der in seinem Inneren jedes Mal wütender die Fäuste schwang, wenn das zur Sprache kam, meldete sich nicht. Er wurde von der Befürchtung übertönt, die beständig behauptete, Sananka sei Schuld an Pelas Zustand.

 

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