Heimsuchung, Kapitel 13: Geteilter Hass

Drei Nächte lang hatte Sananka versucht, herauszufinden, wie sie Pelas Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Drei Nächte lang war sie nicht dahintergekommen. Sie hatte sich der Erscheinung genähert, hatte mit ihr gesprochen und direkt vor ihr gestanden. Sie hatte in sie hineingegriffen und beim letzten Mal sogar gesungen. Doch Pela hatte nicht auf sie reagiert. Sie war an Sananka vorbeigezogen und hatte sich jemand anderem zuwenden wollen; einem eng umschlungenem Pärchen in einer Wohnung. Allein Sanankas beherztes Klopfen am Fensterladen hatte dafür gesorgt, dass die beiden aufgeschreckt waren und der Geist sie nicht erreicht hatte. Pela war noch durch die Wand in das Zimmer eingedrungen, danach wat sie verblasst und hatte sich so schnell verflüchtigt wie Wasserdampf. Das stetige Flüstern war mit ihr vergangen. Sananka hatte sich grübelnd auf einen gegenüberliegenden Steg gekauert und in die leeren Räume gestarrt. Erst als die Stadtgarde erschien, hatte sie es vorgezogen zu gehen.
Jetzt hockte Sananka erneut dort im Schatten und wartete. Sie hatte herausgefunden, dass Pela immer da auftauchte, wo sie verschwunden war. Nur wenige Minuten streifte der Geist durch die Stadt – ein kurzes Zeitfenster zum Handeln. Doch es war genau die Zeit des Einbruchs in die Anstalt, bis Pelas Hilferuf das Wispern des Hauses und den Glockenschlag des Düsterturms übertönt hatte.
Bei dem Gedanken wurde Sananka schlecht. Sie hatte wieder das Bild der Leiche vor Augen. Zum Glück trug der Geist ihre Engelszüge.
Sananka ignorierte die Übelkeit und konzentrierte sich auf ihr Vorhaben. Irgendwie musste sie zu Pela durchdringen. „Na schön, Pela“, sagte sie zu sich selbst, als sich die durchscheinende Gestalt in dem nun leeren Zimmer manifestierte. „Ich weiß, was du willst. Ich weiß nur nicht, wie ich dir helfen soll, wenn du mich ignorierst.“
Sananka nahm Anlauf und sprang beherzt über die schmale Gasse hinweg, bekam den Fensterladen zu greifen und federte sich gleichzeitig mit den Füßen an der Wand ab. Dann zischte etwas knapp an ihr vorbei und Sananka zog fluchend den Kopf ein. Ohne hinzusehen erkannte sie, dass es der Bolzen einer Armbrust gewesen war. Doch die Stadtgarde war noch nicht wieder hier aufgetaucht. Sananka sah über die Schulter hinab. Der einsame Schütze stand unter ihr. Oder eher die Schützin. Cathlyn warf die Armbrust beiseite und zückte ein Schwert. „Ich wusste, dass du was im Schilde führst, du Aas!“
Sananka schüttelte die erste Verblüffung ab. Die Schülerin trug keine Gardejacke, also war nicht ihr Regeltag bei der Wache. Sie war demnach auf eigene Faust hier. Und sie hatte Sananka nicht treffen wollen. Cathlyn konnte weit besser zielen, sie hätte Sananka nicht verfehlt. Aber warum musste sie ausgerechnet jetzt hier auftauchen? Ärger brachte den Gedanken mit sich, einfach zu verschwinden und Cathlyn ihrem Schicksal zu überlassen. Vielleicht war sie sie dann endlich los. „Du hast dir einen verdammt schlechten Zeitpunkt ausgesucht, Cathlyn“, rief Sananka hinab und warf einen Blick zurück ins Zimmer. Pela hatte ihr bis eben den Rücken zugewandt, nun drehte sie sich um.
„Komm runter! Ich habe dich gestern hier gesehen und ich werde dich bei der Stadtgarde abliefern, für was auch immer du hier getan hast.“
Sananka beachtete Cathlyns Worte nicht, auch wenn es ihr schwerfiel. Sie versuchte die Wut auf das andere Mädchen herunterzuschlucken und sich auf den Geist zu konzentrieren. Pelas große dunkle Augen blickten sie an, nicht durch sie hindurch. Pela sah sie.
„Hör auf, mich zu ignorieren, du Miststück!“
Plötzlich veränderte sich Pelas das Gesicht. Die Ausdruckslosigkeit entschwand, und wich einer Maske aus Blut und zerbrochenen Knochen. Gleichzeitig wurde das Wispern um sie herum lauter. Wortfetzen, Flüche und Verwünschungen zischten durch die Luft – und Sananka verstand.
Cathlyn rief erneut etwas zu ihr herauf, doch Sananka konnte die Worte nicht verstehen. Die Wut gefror, als sie vor der Erkenntnis floh und die Angst schoss aus ihrem Hinterhalt. Es war Wut, die Pela anzog; Wut und Hass.
„Cathlyn, du musst sofort verschwinden!“ Ihre Stimme zitterte genauso, wie Sanankas ganzer Körper.
„Von wegen! Deinen Beutezug werde ich dir vermiesen!“
Aber Sananka hörte ihr kaum zu. Mit all ihrem Willen zwang sie ihre Glieder, ihr zu gehorchen, und ließ sich hinunter in die Gasse fallen. Zu spät rollte sie sich ab und kam mit einem schmerzenden Fuß wieder auf die Beine. Die Angst stolperte und ließ Sananka los. „Hau endlich ab!“, rief sie, als sie auf Cathlyn zulief und auf das Fenster zeigte.
Cathlyn folgte ihrem Fingerzeig und wurde bleich. „Ist das …“, stammelte sie, doch zu mehr kam sie nicht. Sananka hatte beobachtet, wie schnell der Geist sich bewegen konnte, wie rasch er einen Menschen in Besitz nahm. Ohne darüber nachzudenken, sprang sie und rammte Cathlyn den schmerzenden Fuß in den Bauch. Noch während diese zusammensackte, schlug ihr Sananka gezielter in den Nacken, um das andere Mädchen ganz außer Gefecht zu setzten. Dann rannte Sananka weiter. Zwei Schritte, drei Schritte von Cathlyn fort. Schon passierte es.
Ein harscher Eishauch durchfuhr sie und drang in jede ihrer Poren ein. Die Kälte lähmte Sananka. Sie spürte ihren Körper nicht mehr. Dafür überflutete Pela ihre Sinne; Bilder und Gefühle schossen durch ihr Bewusstsein. Sie sah verzerrte Gestalten, hörte unbestimmtes Wispern und fühlte Schmerzen in ihrem Unterleib. Nur ein Gesicht wurde plötzlich deutlich: Dennet Schafherr. Sananka hob ihre Hände, sie waren blutig. Es war ihr eigenes Blut. Das Blut wandelte sich in Trauer, Ekel und Hass. Sananka wollte schreien, doch sie hatte keine Kehle. Sie war wie das Flüstern um sie herum; stimmenlos. Aber sie hatte Fäuste, mit denen sie auf diese boshafte, verhasste Grimasse einschlagen konnte. Sie wusste, was er war. Sein hämisches Grinsen verändert sich. Hörner wuchsen aus den Wangen, die Zähne zu Hauern und die Augen glühten gelb. Noch immer stach ihr Leib, als habe jemand eine heiße Klinge direkt hineingestoßen. Noch immer sickerte Blut hervor. Doch je mehr Blut floss, desto mehr brannte der Zorn auf dieses Monster – und Sananka schlug zu. Sie wollte Dennet das Grinsen aus der Visage schlagen, sie wollte den Dämon vernichten, sie wollte ihren Frieden haben und nie wieder solch einen gierigen Blick ertragen müssen.
Aber kaum holte sie erneut aus, gehorchten ihre Fäuste ihr nicht mehr. Ihre Arme wurden eingezwängt und ihr auf den Rücken gerissen. Etwas hielt sie fest, sie konnte sich nicht bewegen. Ihr Verstand wurde aufgerissen, ein fremder Wille zwängte sich in ihren Kopf und versuchte, sie mit gelben Gleißen aufzuhalten. Der Schmerz in ihrem Schädel maß sich mit dem in ihrem Unterleib und Sananka schrie. Hass und Verzweiflung krallten sich an ihrem Herzen fest, durchfluteten den Hort der Angst. Plötzlich wurde sich Sananka ihrer selbst wieder bewusst – und dessen, was gerade geschehen war. Die Magiergarde war erschienen.
Nur langsam nahm Sananka ihren eigenen Körper wieder wahr; sie spürte die Kälte in ihren Gliedern. Einzig ihr Herz brannte noch vor Hass. Sie teilte Pelas Zorn und Ekel. Pela hatte Dennet weit mehr verabscheut als sie selbst. Er war für sie zu einem Monster geworden. Er hatte sie ihr Leben lang gequält, hatte ihr ganzes Denken vereinnahmt. Sogar ihr Verschwinden war sein Werk. Er hatte sie verkauft, aber Pela hatte immer nur ihn gesehen und niemanden sonst. Kein Wunder, dass man sie in die Irrenanstalt gesteckt hatte.
Stimmen wurden um Sananka laut und sie erkannte verschwommen die Menschen um sie herum. Magier in roten und grauen Mänteln. Eine weiße Gestalt schwebte direkt neben ihr. Dann schimmerte die Luft von blauer und gelber Magie und Pela verschwand. Jemand sah Sananka ins Gesicht und erst jetzt wurde ihr klar, dass sie auf dem Boden lag. Der Jemand sagte etwas, doch in ihren Ohren wurde das Rauschen ihres Blutes lauter. Mit dem Rauschen kam die Schwärze, die sich über sie legte und sie auch endlich die Kälte vergessen ließ.

 

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