Heimsuchung, Kapitel 14: Erwachen

Ein dunkles Meer umgab Sananka. Sie konnte nicht schwimmen und versuchte hektisch, an die Oberfläche zu kommen. Sie ruderte mit Armen und Beinen und sah einen Lichtschimmer in der Dunkelheit. Dann tauchte sie auf. Ein pochender Schmerz erfüllte ihren Schädel und holte sie in die Gegenwart zurück. Kaum hob sie die Lider, stach ihr das Licht in die Augen und bohrte sich wie Nadeln in ihre Stirn. Doch statt die Augen wieder zu schließen, drehte sie den Kopf. Sie war in ihrer Kammer über der Schneiderei. Und sie hatte Besuch. Kep saß auf einem Stuhl an der Wand gegenüber und grinste ihr entgegen. Neben ihm brannte die Lampe, die die glühenden Spitzen warf. „Na Schlafmütze?“
Sananka seufzte. „Was hast du hier verloren?“
Kep zuckte mit den Schultern. „Ach weißt du, da dein blonder Gardeschüler nur vor dem Haus herumlungert, statt nach dir zu sehen, dachte ich, wenigstens ich sollte nachschauen, wie es meiner Lieblingsschneiderin so geht.“
Freuen konnte sich Sananka über seine Anwesenheit nicht. „Aha“, meinte sie trocken und setzte sich möglichst langsam auf. In ihren Kopf schwamm Pudding und der piesackte sie bei jeder Berührung mit ihrem Schädelinneren. „Und was willst du?“
„Naja, Gerüchte verbreiten sich schnell. Ich habe gehört, dass eine Schneiderin und eine Gardeschülerin daran beteiligt waren, den Geist zu bannen.“
Sananka stellte vorsichtig die Füße auf den Boden. Sie spürte ihre Zehen kaum, ihre Finger waren ebenso taub. Allein ihr rechter Knöchel pochte und war angeschwollen.
„Außerdem habe ich die Information, die du haben wolltest.“
Sie riss den Blick von ihren Füßen los und sah Kep fragend an. „Schon?“
„Ich bin eben gut“, amüsierte sich Kep, beugte sich nach vorne und stützte die Ellenbogen auf seine Beine. „Willst du es nicht wissen?“
Behutsam nickte Sananka, trotzdem stachelte es den Pudding an, sie noch mehr zu piksen. Sie schloss die Augen und hörte Kep zu.
„Ich habe jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Er sagte, es könnte eine Art magische Wahrnehmung sein. Wenn ein magisches Potential, so hat er es genannt, nicht geschult wird, sucht es sich einen anderen Weg.“ Sananka sah förmlich, wie er mit den Schultern zuckte. „Manche Leute sehen Feenwesen, andere hören Wispern. Das scheint es sogar häufig zu geben, weil wir, wie drückte er sich aus? ‚Umgeben von Emotionen sind, die ihre Spuren in dem natürlichen Gefüge unserer Welt hinterlassen‘. Oder so in der Art. Menschen, die am gleichen Ort aufgewachsen sind, entwickeln oft ein ähnliches Gespür.“
Sananka atmete tief ein. Kep sprach weiter, aber mehr Erklärung brauchte sie nicht. Sie besaß Magie. Irgendwo verborgen in sich drin hatte sie es gewusst, doch sie hatte es nicht geglaubt. Deswegen hörte sie das Flüstern; all das Leid. Diese Klarheit schwoll in ihrer Kehle zu einem Klumpen an. Die Wände der Anstalt wisperten, weil sie von all der Pein durchtränkt waren. Genauso wie das Waisenhaus. Und sie war nicht die Einzige, die all das wahrgenommen hatte. Tränen krochen ihre Hals hinauf und Sananka schluckte.
„Sananka?“
Kep hatte seine Ausführungen beendet. Als sie die Augen wieder öffnete, sah er sie mit gerunzelter Stirn an. Seinem Blick fehlte jedoch jede Sorge.
„Was?“, fragte sie und kämpfte das Gefühl der Hilflosigkeit nieder. Keine Schwäche zeigen. Nicht vor jemandem, der seinen Lebensunterhalt mit Informationen über andere Menschen verdiente. Kep war nicht ihr Freund.
„Das sollte ich dich fragen.“ Kep lehnte sich mit verschränkten Armen im Stuhl zurück und beobachtete sie. Sananka blinzelte die Tränen fort, war sich aber sicher, dass er sie bemerkt hatte. Vorsichtig stieg sie aus dem Bett und ging zum Fenster. Das Pochen in ihrem Fuß wurde schmerzhaft.
„Wenn ich dich so ansehe, denke ich, die Gerüchte über deine Geisterjagd stimmen.“
„Das kommt drauf an, was sie sagen“, entgegnete sie, ohne Kep anzusehen. Stattdessen warf sie einen Blick durch die Scheibe, hinunter in die dunklen Straßen. Tatsächlich konnte sie dort jemanden stehen sehen, doch das Glas war zu dick, die Gestalt zu verschwommen. War das wirklich Kyle? Machte er sich Sorgen um sie? Oder wollte er nur sichergehen, dass sie nicht noch mehr anstellte? Was auch immer sein Grund war, der Gedanke an Kyles Anwesenheit tröstete sie weit eher als Keps. Gleichzeitig versetzte ihr diese Einsicht einen Stich.
„Habe ich doch gesagt.“
Sananka zuckte zusammen, als Keps Stimme direkt hinter ihr erklang und sie fuhr herum; zu schnell. Der Pudding waberte und wurde zugleich mit den Nadeln des Lampenlichts gespickt. Sananka schloss die Augen und lehnte sich gegen die Wand neben dem Fenster, bis sich ihr Schädel beruhigt hatte.
„Er lungert schon den ganzen Tag dort herum“, fuhr Kep fort. „Auch er hat gehört, dass der Geist gebannt wurde und du daran beteiligt gewesen sein sollst.“
„Pela ist also keine Gefahr mehr?“, fragte Sananka langsam. Erst dann öffnete sie die Augen wieder und sah Kep an.
„Pela?“
Sananka wollte schon nicken, behalf sich dann jedoch mit einem knappen „Ja.“
Auch wenn Kep grinste, hätte Sananka schwören können, in seinem Gesicht einen Anflug von Ärger zu erkennen. Sein sonst ungezwungen Ton wurde von diesem Unmut verfärbt. „Die Gardemagier waren dem Geist – Pela – schon seit Tagen auf der Spur. Sie haben sie nur nicht finden können. Wie man hört, hast du es geschafft, dich gegen ihren Willen zu wehren, und deine Freundin nur niedergeschlagen, statt sie richtig zu verprügeln.“
„Sie ist nicht meine Freundin“, murmelte Sananka und sah an Kep vorbei. Also hatte Pela nicht getan, weswegen sie eigentlich zum Geist wurde. Sie hatte Sananka nicht benutzt, um Dennet zur Rechenschaft zu ziehen. Die Magiergarde hatte es verhindert. Bedächtig ging Sananka ein paar Schritte der Tür entgegen.
„Du weißt, warum sie die Stadt heimgesucht hat?“
Lag da ein lauernder Tonfall in seinen Worten? Sananka musterte ihn. Er wusste es nicht, er hatte gerade geraten. Sie grinste. „Oh, der Herr Informant ist also nicht ganz so gut informiert.“
Keps Gesicht wurde mit einem Mal finster.
„Bist du deshalb hier? Weil du noch mehr herausfinden willst?“
„Und wenn es so wäre? Immerhin habe ich dich gerade über deine wispernden Wände aufgeklärt. Du schuldest mir Informationen.“
„Dann gebe ich dir jetzt eine Information: Halt dich da raus!“ Sie öffnete die Tür, doch Kep war mit einem Satz bei ihr und drückte sie wieder zu. „Dann ist es noch nicht vorbei?“
Sananka sah ihn scharf an. „Der Geist ist gebannt. Es ist also vorbei.“
„Aber da steckt noch mehr dahinter“, stellte Kep nüchtern fest und lehnte sich gegen die Tür.
„Das geht dich nichts an. Ich schulde dir Informationen über Najesas Geschäfte, nicht über meine. Und jetzt lass mich raus, ich brauche was für meinen Schädel.“
Er kam der Aufforderung nicht gleich nach. Mehrere Herzschläge vergingen, ehe er beschwichtigend beide Hände hob und einen Schritt zurücktrat. Sananka öffnete die Tür.
„Du kommst auch aus dem Junghaus-Weisenhaus, richtig? Du hast deinen Namen geändert.“
Die Frage ließ sie innehalten, doch sie gedachte nicht, darauf zu antworten und verließ die Kammer. Bedächtig machte sie sich auf den Weg, die Treppe hinunter und ging in die Küche. Mühsam bewegte sie sich, als wäre sie hunderte Jahre alt. Ihre Muskeln waren schlaff, ihre Finger prickelten. Es dauerte unendlich lang, ehe sie Wasser für einen Tee aufgesetzt hatte und die Kiste mit Najesas Hausmittelchen aus dem Versteck unter dem Küchenschrank hervorgeholt hatte. Sie durchstöberte die Phiolen und Kräuter, bis sie gefunden hatte, was sie suchte. Das Fläschchen war blau und auf dem Zettel prangte die Aufschrift „Sydrinfarn“. Ein paar Tropfen in ihren Tee und es würde dafür sorgen, dass die Schmerzen verschwanden.
Während Sananka den Tee ziehen ließ, gesellte sich Najesa zu ihr. „Ich habe dich hier rumoren gehört“, sagte sie und setzte sich ihr gegenüber. Ihre Augen musterten sie, als suche sie nach etwas. Sie fragte nicht, wie es ihr ging, sie wirkte aber immerhin nicht verärgert.
Sananka seufzte in die Stille hinein und sah auf ihren Tee. „Warum habt Ihr Kep zu mir gelassen?“, fragte sie leise.
„Er bat mich darum.“
Jetzt runzelte Sananka die Stirn. „Warum?“
„Ich habe ihn nicht gefragt.“ Auch Najesas Besorgnis schien sich in Grenzen zu halten.
Sananka nickte langsam und nippte schweigend an ihrem Tee. Die neuerliche Stille hielt nicht lange an. Najesas dunkle Augen ruhten auf ihr, versuchten sich einen Weg in ihre Gedanken zu Boren. „Weswegen warst du in der Rebgasse?“, fragte Najesa.
Sananka seufzte erneut. Sie hatte noch gar nicht daran gedacht, dass sie sich eine Erklärung für ihre Mentorin würde einfallen lassen müssen. „Ich musste Cathlyn abschütteln. Sie misstraut mir.“
Najesas Blick wurde scharf. „Dann war deine Tarnung nachlässig.“
Fast hätte sich Sananka an ihrem Tee verschluckt, doch Najesa stand bereits auf. „Du wirst zurück in deine Kammer gehen und schlafen. Deine Strafe erhältst du danach.“
„Meine Strafe?“ Najesa antwortete ihr nicht mehr, sondern verließ die Küche. „Aber ich …“, begann Sananka und wollte aufstehen. Ihr schmerzender Kopf war dagegen. Überrumpelt sackte sie in den Stuhl und starrte auf den Boden. Najesa hatte recht: Sie war nachlässig. Sie hatte Cathlyn zu viel gezeigt. Trotzdem, Sananka bedauerte es nicht. Sie war diesen Weg gegangen, damit sie sich nicht wieder herumschubsen zu lassen. Und sie wusste, wie sie ihre Feuerprobe angehen würde. Aber es gab jemanden, der um Hilfe geschrien hatte und Sananka war die Einzige, die es verstanden hatte. Das Echo von Pelas Gefühlen nagten an ihr. Das musste sie zuerst erledigen.

 

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