Heimsuchung, Kapitel 15: Aufbruch

Sanankas Strafe bestand darin, dass sie die nächsten Tage nicht zur Akademie gehen durfte. Stattdessen schrubbte sie die Küche, entrümpelte den Laden und musste nach dem Schließen am Abend in ihrer Kammer auf dem Boden sitzen und meditieren. Was Najesa damit bezweckte, wusste Sananka nicht. Weder einen Tadel noch ein Lob hatte sie von ihr erhalten. Es war, als wolle sie, dass Sananka viel Zeit hatte, um über ihren Fehler nachzudenken. Doch Pelas Echo in ihr wurde stetig lauter und der Hass, der die Angst aus ihrem Hort vertrieben hatte, raunte mit Pelas Stimme. Die wispernden Wände waren nicht das einzige, was Sanankas ungenutzte Magie hervorgebracht hatte. So lange hatte sie es übersehen, so lange hatte sie nie darüber nachgedacht, aber ihr Gesang war ein weiterer Auswuchs.
Die Stunden der Meditation gaben Sananka die Gelegenheit, ihre Gedanken mit Pelas Flüstern tanzen zu lassen. Wenn Magie so verschieden war, konnte sie noch mehr bewirken, als nur sämtliche Aufmerksamkeit von ihr ablenken?
Sie summte vor sich hin, immer und immer wieder, und nutzte ihre Melodie als Anker für ihre Empfindungen. Sie schickte die leise Tonfolge hinaus zu den Kunden, zu Najesa. Ein Pärchen verließ den Laden mit einer unbegründeten Angst, ein Mann fauchte Najesa ohne Grund an und diese ging in die Küche, um ihrem plötzlichen Verlangen nach Wein nachzugeben. Sananka konnte mit ihrem Gesang spielen und niemand bemerkte es. Ihre Magie war farblos, sie kam ohne Funken, ohne Lichtblitze. Sie schien völlig anders zu sein als die allseits präsente Zauberei der Magier. Niemand nahm Notiz von dem dürren blonden Mädchen, das bei der Arbeit vor sich hin sang.
Sechs Tage später betrat Najesa endlich ihre Kammer und erlöste sie von der Strafe. Sananka saß im Schneidersitz auf dem Boden, sah auf und beendete ihr Lied. Najesa blieb strengen Blickes vor ihr stehen. Nichts an ihr deutete darauf hin, dass sie bemerkt hatte, was Sananka in der letzten Woche geübt hatte.
„Wie willst du deine Aufgabe lösen?“
„Meine Aufgabe?“ Zu spät erst ging Sananka auf, dass Najesa die Feuerprobe in der Anstalt meinte. Doch da blitze es bereits in ihren Augen auf. Ohne Vorwarnung schlug sie nach Sananka. Nur das Zucken der Muskeln kündigte den Schlag an. Trotzdem ließ sich Sananka zurückfallen, rollte sich über die Schulter ab, nur um unmittelbar an der Wand auf die Füße zu kommen. Sie war dem Hieb nur knapp entgangen.
Najesa tat einen Schritt auf sie zu und fragte noch einmal: „Wie willst du deine Aufgabe lösen?“
„Ein Unfall“, antwortete Sananka und wich einem Tritt aus.
„Weiter!“, kommandierte Najesa und holte erneut aus.
Sananka machte einen Satz zur Seite und landete auf ihrem Bett. Mit plötzlicher Klarheit schoss es ihr durch den Kopf: Lieferte sie Najesa keine Antworten, würde diese ihr hier und jetzt in die ewige Schwärze schicken. Unfähigen Meuchlern blieb nur der Tod.
Um Zeit zu gewinnen, sprang Sananka an ihr vorbei und war mit zwei Schritten am anderen Ende ihrer Schlafkammer. „Ich werde ein Messer stehlen, dass beim Essen benutzt wird und jemanden damit in der Zelle die Pulsadern aufschneiden. Es wird nach einem Selbstmord aussehen!“, improvisierte sie. Najesa wurde schneller. Sananka tauchte unter ihren Angriffen hindurch und hechtete zu dem Stuhl an der Wand neben dem Fenster.
„Wen?“
Das dreckige Lachen des einen Insassen schob sich in ihr Gedächtnis und sie biss die Zähne zusammen. „Einen Dreckskerl, der es verdient hat.“ Sananka sprang. Der Stuhl wankte, als sie auf der Sitzfläche landete. „Zelle sieben!“
Nur mit Mühe hielt sie das Gleichgewicht, doch Najesas beendete ihre Lektion. Ihre dunklen Augen funkelten kühl. „Drei Tage“, sagte sie und wandte sich ab, um das Zimmer wieder zu verlassen. „Du weißt, was dir blüht, wenn du dich nicht bewährst.“
Sananka blieb schwer atmend zurück und starrte die Tür an, hinter der Najesa verschwunden war. Ihr Herz hämmerte heftig an ihre Brust. Drei Tage. Bis zum Elehistag hatte sie Zeit zu beweisen, dass sie in der Lage war, einen Auftrag auszuführen und einen Menschen zu töten. Drei Tage, die über ihr eigenes Leben entschieden. Das war genug Zeit, raunte Pela in ihrem Inneren. Zuerst würde sie erledigen, was Pela nicht vermocht hatte. Danach konnte sie sich ihrer Feuerprobe widmen. Mit ihrer Stimme würde sie dem Dreckskerl so viel Angst machen, dass er sich nicht wehrte. Aber Pela hatte Vorrang.
Lächelnd zog sich Sananka um, kleidete sich in Grau und Dunkelblau und nahm das große Schultertuch, mit dem sie ihre Haare und ihr Gesicht verbarg, wenn sie nachts unterwegs war. Nein, sie hatte keine Angst mehr.
Die Gasse neben der Schneiderei war leer und düster. Behutsam stieg sie aus dem Fenster und hangelte sich hinunter auf die Nebenstraße. Sie atmete durch, schloss die Augen und besann sich darauf, sämtliche Aufmerksamkeit von sich abgleiten zu lassen. Ihre Stimme formte eine Melodie daraus und Sananka summte. Als sie auf die Handwerksstraße hinaus trat, beachtete sie niemand.
Erst, als Sananka die Oststadt verließ und nach Düsterturm ging, beendete sie ihr Lied. Sie kletterte am Markt auf eines der Dächer, hockte sich an den Rand und wartete. Bald war Mitternacht, dennoch kreuzten immer wieder Passanten den Platz; Schemen, von den magischen Lampen in buntes Licht getaucht. Sananka konnte die Westwache sehen. Zwei Betrunkene wurden hineingebracht und eine Patrouille brach auf. Doch kein Mensch hob den Blick zu ihr; sie schauten niemals hinauf.
Es dauerte nicht lang, ehe sie Gesellschaft bekam. Kep war nicht sehr geschickt darin, auf Häuser zu klettern. Sie hörte ihn bereits, noch ehe er ganz oben war.
„Sie an, mein Lieblingsinformant.“
Kep richtete sich zu seiner vollen Größe auf und lachte trocken. „Sie an, meine Lieblingsmeuchlerin.“
„Ich dachte mir, dass du mich beobachten lässt.“ Sanankas lächelte, dafür runzelte er die Stirn. „Überrascht?“, fragte sie. „Ich weiß auch so einiges, Kep. Ich weiß, dass du nicht alleine in der Stadt herumstromerst und Informationen sammelst. Ich weiß, dass du eine ganze Straßenbande hinter dir hast und viele Augen in der Stadt; und, dass sie mich beobachten. Die Information, was eine Meuchlerschülerin anstellt, ist sicherlich viel wert, wenn sie so viel Mist baut wie ich, hmm?“
Er wollte etwas entgegnen, doch sie hob eine Hand und schüttelte den Kopf. „Ich gebe dir jetzt eine Information. Und ich erwarte, dass du sie an der richtigen Stelle abgibst.“
Es war das erste Mal, dass sie Verblüffung ins Keps Gesicht sehen konnte. Trotzdem wurde seine Körperhaltung betont lässig, als er näher trat. „Das Überbringen von Information kostet dich aber was.“
„Sag meinem blonden Gardisten, da werden ein paar Kinder einen Helden brauchen.“
Kep wollte etwas sagen, doch Sananka versetzte ihm einen Stoß mit der flachen Hand vor die Brust. „Verhandelt wird später! Jetzt geh und mach deine Arbeit.“
Sie hatte nicht genug Kraft in den Schubs gelegt, um Kep ins Stolpern zu bringen, er verstand die Aufforderung jedoch und ging einen Schritt zurück. Einen Augenblick sah er sie schweigend an. Sie konnte förmlich sehen, wie er versuchte, diese Botschaft zu verstehen. Sananka wartete nicht und nahm Anlauf.
Mit einem Sprung an die gegenüberliegende Wand federte sie sich ab und landete mit einer Drehung in der Gasse unter ihr. Dann lief sie los. Sie vertraute Kep nicht, aber sie war sich sicher, die Aussicht, bei den Verhandlungen um den Preis in der besseren Position zu sein, genügte. Kep würde Kyle benachrichtigen und Kyle, Held der er nun mal war, würde endlich einsehen, dass er sie nicht mehr zu beschützen brauchte.

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