Heimsuchung, Kapitel 16: Heldentat

Gepostet am Aktualisiert am

Tage waren mittlerweile vergangen, seit Kyle von Pelas Verbannung gehört hatte. Cathlyn nahm bereits wieder an sämtlichen Stunden in der Akademie teil, doch sie war ungewohnt friedlich. Kyle wusste nicht genau, was geschehen war. Selbst Hauptfrau Gonner hatte ihm bei seinem Regeltag in der Westwache nicht viel erzählen können. Der Geist sei gebannt worden, als er sich auf zwei Mädchen hatte stürzen wollen und die Magiergarde war rechtzeitig zur Stelle gewesen, um Schlimmeres zu verhindern. Wie es Sananka ging, wusste Kyle nicht. Er hatte sie gesehen, durch das Fenster ihrer Kammer. Er wusste, sie war wieder auf den Beinen. Aber er hatte es nicht über sich gebracht, sie zu besuchen oder wenigstens mit ihrer Mentorin zu sprechen.
Jeden Tag nach dem Abendessen, wenn die Prüflinge Ausgang hatten, wanderte Kyle durch die Straßen. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er den Weg zur Brücke in die Oststadt und zur Schneiderei einschlug. Auch heute war er dort gewesen, doch das Haus lag im Dunkeln. Dennoch war Kyle als Letzter in die Akademie zurückgekehrt. Er ging durch leere Flure zu seinem Zimmer. Selbst die Wochen, die er nicht mehr im Schlafsaal schlief, hatte er sich nicht an die Ruhe der Kammer gewöhnt. Sie war klein. Außer dem Bett war lediglich Platz für eine Kiste, direkt unter den Kleiderhaken neben der Tür. Aber das erste Mal in seinem Leben musste er diesen Raum mit niemandem teilen.
Um so ärgerlicher, dass jemand mitten auf dem Bett saß, als Kyle die Tür öffnete. Er kannte den Mann nicht, er grinste ihm jedoch im Licht einer Öllampe entgegen. „Ich hatte es mir schwerer vorgestellt, hier ungesehen reinzukommen.“
Kyle unterdrückte den Impuls, den Eindringling am Kragen zu packen und hinauszuwerfen. „Wer in Elehis Wissen bist du!?“
Grinsend stand der Fremde auf und sah ihn aus wachen Augen hinter wirren Haaren an. Er konnte lediglich ein paar Jahre älter sein als Kyle selbst, wirkte drahtig und bewegte sich mit einer lässigen Selbstverständlichkeit. Seine Antwort fiel ebenfalls in einem gelasseneren Tonfall: „Das tut nichts zur Sache. Aber ich habe eine Nachricht für dich, eine sehr wichtige.“
Als der Kerl nicht weiter sprach, wurde Kyle ungeduldig. „Und?“
„Oh, ihr Gardisten seid so weltfremd“, sagte er und verdrehte die Augen. „Informationen werden getauscht.“
Ärgerlich trat Kyle ganz ein, schlug die Tür zu und griff nach dem Eindringling. Innerhalb von wenigen Augenblicken hatte Kyle ihn an der Wand festgenagelt, einen Arm an seiner Kehle. So flink er auch war, in dem kleinen Zimmer gab es keine Ausweichmöglichkeiten.
„So hatte ich mir das nicht vorgestellt!“, krächzte er und versuchte Kyles Arm zu lösen.
„Noch mal“, forderte Kyle mit Nachdruck, „Sag mir, was du mir zu sagen hast, und dann verschwinde.“
Die Antwort bestand nur noch aus einem heiseren „Na schön!“ Jetzt erst lockerte Kyle den Druck, hielt ihn jedoch weiter fest.
„Ich soll dir ausrichten, dass ein paar Kinder dringend einen Helden brauchen.“
Kyle runzelte die Stirn. Kam er nun auch noch mit einem Rätsel an? „Was soll das heißen?“
Er bekam bereitwillig eine Erklärung. „Die Nachricht ist von Sananka.“
Ohne Vorwarnung ließ Kyle den Kerl los. Der rieb sich den Hals und meinte mit einem schiefen Grinsen. „Du solltest dich beeilen.“
Wortlos wandte sich Kyle erneut der Tür zu. Er hatte geahnt, dass Sananka etwas Dummes anstellen würde. Diese ganze Sache mit Pela, wie hatte er nur hoffen können, dass das an ihr spurlos vorbei ging? Kyle fiel los, schenkte dem Eindringling keine Beachtung mehr und verließ die Akademie. Sein schritte wurde schneller, kaum dass er die Straße betrat und er rannte.

Eine hohe Mauer umgab das Junghaus-Weisenhaus. Erst dort verharrte Kyle schwer atmend. Er sah Licht in einigen Fenstern des Gebäudes, das Tor war verschlossen. Es war immer verschlossen gewesen. Der Anblick des gepflegten Hofes trieb Kyle einen Schauer den Rücken hinunter. Der schöne äußere Schein ließ nicht darauf schließen, was im Inneren vor sich ging.
Kyle nahm sich zusammen und kletterte über das Tor, genauso, wie er es damals auch getan hatte. Die Eisenstangen endeten in Spitzen, aber Kyle kümmerten die Kratzer nicht. Noch schien im Haus alles ruhig zu sein. Der penibel von Gras befreite Innenhof lag still dort, nichts regte sich. Nur die Eingangstüren standen weit geöffnet. Ein Mädchen im Nachthemd kam herausgelaufen, an der Hand ein jüngeres Kind, das kaum mithalten konnte. Das ältere Mädchen bemerkte Kyle, kreischte auf und wollte schon davon laufen, doch das kleinere Mädchen stolperte. „Warte! Was ist passiert?“, rief Kyle ihr hinterher. Aber die Ältere schluchzte nur noch und zerrte das andere auf die Beine, um vor ihm und gleichzeitig vom Waisenhaus wegzurennen.
Mehr Kinder kamen aus dem Gebäude, dann biss der Gestank nach Qualm Kyle in die Nase. Das Flackern hinter den oberen Fenstern wurde heller. Ein Junge brüllte: „Feuer!“, und die Kinder rannten in alle Richtungen davon.
Ohne weiter zu überlegen, griff Kyle sich einen der größeren Jungen: „Sorg dafür, dass sich alle hinten am Tor sammeln! Und schick jemanden zum Düsterturm, die Feuerwache muss alarmiert werden!“
Zuerst schien der Junge nicht zu wissen, was Kyle sagte. Doch als er ihn schüttelte und nachhakte, nickte er.
„Wiederhole es!“
„S-sammeln am Tor und die Feuerwache alarmieren …“
Kyle klopfte ihm auf die Schulter. „Gut.“ Schon wollte er ihn loslassen, etwas jedoch hallte in ihm nach; die Worte der Hauptfrau. „Noch was: Sobald das vorbei ist, erzählt, was sie hier mit euch machen. Geht zur Westwache und erzählt Hauptfrau Gonner von dem Schreckenszimmer. Verstanden?“ Der Junge stand einen Moment da und starrte Kyle an, ehe er zögernd nickte. „Hauptfrau Gonner.“
„Sie wird euch helfen. Aber ihr müsst reden!“ Kyle sah zum Waisenhaus. Aus dem oberen Stockwerk drang Rauch, eines der Fenster war geborsten. „Und jetzt los! Sammel die Kinder!“
Der Junge gab sich einen Ruck und brüllte den Anderen zu: „Alle zum Tor!“
Einen Augenblick sah Kyle ihm nach, dann wandte er sich dem Haus zu. Immer wieder ballte er die Hände zu Fäusten. Unendlich langsam schien die Zeit zu vergehen, bis er die Stufen zum Eingang gemeistert hatte und in der Diele stand. Die Narben an seinen Armen schmerzten plötzlich, als Schuld und Furcht aus ihnen sickerte. Die Rauchschwaden ließen den Hausflur und den Treppenaufgang unwirklich erscheinen.
Kyle hustete und presste sich den Ärmel seines Hemdes auf Mund und Nase. Der Qualm biss ihm in Lunge und Augen. Er atmete flach und blinzelte, um das Brennen zu vertreiben. Das Feuer loderte in den oberen Zimmern, dort, wo die Aufseher wohnten. Kein Kind hatte es jemals gewagt hinauf zu gehen und auch jetzt spannte die Furcht ein klebriges Netz, das seine Füße festhalten wollte. Doch Kyle kannte sie, er wusste, wie er sie abschüttelte. Das Wissen, dass Menschen sterben würden, wenn er es nicht tat, machte das Geflecht aus Angst porös.
Gerade wollte er die Treppe hinaufgehen, als ihn ein Husten und Wimmern innehalten ließ. Er fluchte leise und folgte dem Geräusch. Ein Junge lag auf dem Boden, unweit des Speiseaufzugs. Da im Aufzugsschacht hatten sich des Nachts immer Kinder versteckt. Er wusste, dass es eines der wenigen sicheren Verstecke für die Kleinen war, und er verfluchte Sananka dafür, dass sie all die Waisenkinder in Gefahr brachte.
Im Schacht des Aufzugs fand Kyle ein Mädchen, zusammengekauert und die Arme um die Beine geschlungen. Lange wirre Haare umrahmten die großen Augen, aus denen es zu ihm hinaufsah. Die Erinnerung an Sanankas Anblick schob sich an dem schützenden Felsen in seinem Inneren vorbei; wie er sie nach der Ankunft im Waisenhaus damals im Schacht entdeckt hatte. Sie war genauso verängstigt gewesen, wie das Mädchen, das ihm entgegenblickte. „Ich bringe euch hier raus“, versicherte Kyle und hielt ihr eine Hand hin. Sie zögerte, doch als der Rauch auch sie zum Keuchen brachte, griff sie danach. Kyle trug beide Kinder auf den Arm in den Hof. Die frische Luft füllte seine Lungen und wollte den Qualm mit kräftigem Bellen vertreiben. Sobald er ein Wort durch seine Kehle zwängen konnte, befahl er dem Mädchen, zum Tor zu gehen und auf die Feuerwache zu warten. Der Junge war bereits bewusstlos. Geschüttelt vom Husten presste Kyle den Kleinen an sich und brachte ihn zu den anderen Kindern. Zwei der Älteren nahmen sich seiner an. Nur langsam beruhigte sich sein Atem und Kyle stützt sich mit den Händen auf den Kien ab. „Sind alle da?“, fragte er und richtete sich wieder auf, um die Waisen zu betrachten.
Sie sahen einander an und ein Mädchen schüttelte den Kopf. „Die Zwillinge fehlen.“
Das Mädchen, dass ihm zuerst entgegengekommen war, bestätigte: „Melanie und Feline.“
Gerade da kündigte ein lautes Horn den Wagen der Feuerwache an. Schaulustige hatten sich bereits vor dem Tor versammelt, einige versuchten, das Tor aufzustemmen. Kyle ließ den Blick über die Menschen schweifen, doch Sananka war nicht unter den Gaffern. Sie sah nicht zu, nicht von hier. Aber wo war sie dann? In wenigen Augenblicken würde auch die Feuerwache hier eintreffen und sich um die Kinder kümmerte – und sie würden die Zwillinge retten. Sananka jedoch hatte sicherlich mehr vor.
Kyle bat eines der Mädchen um ein Halstuch, dass sie trug, und rannte zurück ins Waisenhaus. Hinter ihm krachte das Tor, als die Gitter geöffnet wurde. Der dicke Rauch drücke auf sein Bewusstsein, Furcht und Schuld versuchten erneut ihn aufzuhalten; mit zäheren Gewebe als zuvor ketteten sie sein Gewissen an seine Beine. Es waren noch Kinder im Haus. Doch er musste Sananka finden.
Mit wackeligen Knien stieg er die Treppe hinauf. Beinahe wäre Kyle über einen Mann mit kurzgeschorenen Haaren gestolpert. Der Dunst machte es unmöglich, bis zum Ende des Flurs zu sehen, allein ein grelles Flackern durchdrang dort die Rauchschwaden. Der Aufseher zu seinen Füßen rührte sich nicht mehr.
Kyle trat über ihn hinweg und inspizierte die Zimmer, in denen die Peiniger der Waisen schliefen. Alle standen offen und alle waren sie leer. Kyles Augen tränten, aber er ging weiter, näherte sich dem Schlafzimmer der Schafherrs. Diese Tür war geschlossen. Kyles Hand zitterte, als er sie aufzog. Er wagte nicht, darüber nachzudenken, was ihn dahinter erwartete.
Fünf Erwachsene fand er in dem Raum. Alle fünf saßen geknebelt an die Pfosten des großen Bettes gefesselt. Rauch drängte sich hinter Kyle herein, doch der konnte sich nicht bewegen, konnte die Tür nicht schließen. Das Tosen des Feuers tönte in seinen Ohren, seine Lungen weigerten sich, noch mehr Qualm aufzunehmen, und ihm wurde schummerig. Kyle sackte gegen den Türrahmen, versuchte, nicht zu atmen, und drängte die Luftnot beiseite, die sich seiner Sinne bemächtigen wollte. Sananka war nicht hier. Aber drei der Gefesselten erkannte Kyle auf Anhieb. Jenina Schafherr, die die Mädchen für ihren Mann ausgesucht hatte, einen Aufseher, der ständig betrunken gewesen war und die älteren Jungen verprügelt hatte, und die dicke Köchin, die den kleinen Kindern mit Vorliebe auf die Finger hieb, wenn sie eine Portion mehr des Abendessens verlangten. Letztere war bereits bewusstlos. Die anderen sahen ihn mit angsterfüllten Blicken an. Trotz der Knebel verstand Kyle, dass sie ihn darum anflehten, sie zu befreien. Seine Lungen drängten ihn zu Husten und sprengten die Ketten, die ihn gelähmt hatten. Vor seinen Augen flimmerte es, als er hinter sich tastete und die Tür endlich schloss. Auch er spürte den Hass, der wie Gift aus seinen Erinnerungen sickerte und den Felsen zum Bersten brachte, mit dem er sie weggesperrt hatte. Aber er kannte ihn, den Hass. Er hatte ihn schon einmal dazu verleitet, jemanden zu töten – und einfach davonzulaufen.
Alles in ihm sträubte sich diesem Abschaum zu helfen. Sie hatten es alle verdient, hier liegen zu bleiben und zu ersticken. Trotzdem konnte er das nicht tun. Mit dem Ellenbogen schlug Kyle das Glas eines großen Spiegelschranks ein, zog eines der Laken vom Bett und hob eine der Scherben auf. Er schnitt das Seil an den Händen eines der zwei Männer durch, die er nicht kannte. Dann warf er den Splitter vor dessen Füße. „Befreit die anderen“, brachte er hervor. Sein Hals war so rau wie die Flammen heiß und er wandte sich ab. Hinter ihm heulte die Schafherr auf, doch weder ihr Mann noch Sananka waren hier.
Kyle sah nicht zurück und unterdrückte den Husten, bis er auf der Treppe war. Diesen Menschen war er nichts schuldig. Er war nicht gekommen, um Abschaum zu retten. Aber er würde Sananka nicht noch einmal im Stich lassen.

Zur Kapitelübersicht

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s