Heimsuchung, Kapitel 18: Zerstört

Kyle stieß die Tür zum Keller zu und verschloss sie hastig hinter sich. Der Qualm schwelte durch die Ritzen herein und verteilte sich in dem feuchten Raum. Dunkelheit umfing ihn, er hörte die Rufe der Helfer von weiter oben. An ihnen hatte er sich vorbeistehlen müssen, als er hierher geeilt war. Sananka musste hier sein. Dennet Schafherr war ihr Ziel und in all den Jahren, die sie hier verbracht hatten, gab es nur einen Ort, den sie alle gefürchtet hatten. Er war sich sicher, sie hatte ihn ins Schreckenszimmer gebracht. Und er war sich sicher, sie wollte, dass er sie aufhielt. Aus welchem anderen Grund hätte sie diesen Gossenkerl sonst zu ihm schicken sollen?
Hinter einem der Regale drang ein schwacher Lichtschimmer hervor. Ohne zu überlegen, zog Kyle es nach vorne. Es war fest mit einer Tür verbunden – und diese war nicht verschlossen.
Was er erwartet hatte, wusste Kyle nicht. Doch der Anblick ließ ihn erneut erstarren. Dennet Schafherr saß mitten im Raum, gefesselt an einen Stuhl. Blut benetzte sein Gesicht, seine Brust und seine Arme und Sananka stand hinter ihm, einen Dolch in der Hand. Eine einzelne Lampe auf einem Spiegeltisch tauchte das Zimmer in gelbliches Licht und verschärften den Eindruck, dass all dies nur ein Kinderspiel war. Puppen saßen auf Brettern an den Wänden, ein großes Himmelbett mit blauen und weißen Laken stand in einer Ecke und auf dem Teppich um Dennet herum lag Spielzeug. Es sah aus, als sei das Kind, dem diese Kammer gehörte, nur kurz fortgegangen.
Dennets Wimmern riss ihn aus der Überraschung. Kyle begegnete erst seinem flehenden Blick, dann prallte ihm Sanankas Hass entgegen. „Verschwinde! Kümmere dich um die Kinder!“
Doch Kyle dachte nicht daran und ging auf den Gefesselten zu. „Die Kinder sind in Sicherheit. Nur der hier fehlt noch. Verflucht, Sananka …“ Weiter kam Kyle nicht. Sananka schlug ihm ins Gesicht.
Während Kyle seine Nase betastete, zischte sie: „Ich sage es dir nur noch ein einziges Mal: Verschwinde!“
„Nein.“ Mehr konnte Kyle nicht antworten. Hätte Sananka nicht eben bereits zugeschlagen, hätte ihr Angriff Erfolg gehabt. Sie schnellte vorwärts. „Selbst schuld!“ Als sie nicht traf, setzte sie ihm mit einen Tritt nach. Kyle wich zurück und kassierte einen Stoß gegen den Oberschenkel statt in den Bauch. Dennoch, Sananka war stärker, als er erwartet hatte. Sie war schnell und wendig. Doch auch wenn Kyle geahnt hatte, dass sie irgendetwas verbarg, ihre Kampftechnik und Geschwindigkeit hatte er deutlich unterschätzt.
Mehrere Schläge nahm er hin, ohne selbst ernsthaft zuzuschlagen. Seine Nase blutete, das Atmen fiel ihm schwer dank des Rauchs im Haus und sie hatte noch keinen Kratzer. Aber sie stieß nicht mit der Klinge nach ihm, sie attackierte ihn mit dem Knauf, mit Hieben und Tritten. Kyle änderte die Taktik. Zurückhaltung war fehl am Platz. Dennet sollte seine gerechte Strafe erhalten, jedoch nicht durch Sananka. Das würde sie zerstören. Vor langer Zeit hatte er einen Fehler begangen und dieser Fehler hatte zu all dem geführt. Die Wut auf sich selbst, auf Sananka, auf einfach alles spornte ihn an. Er drang auf Sananka ein. Sie wich seinen Angriffen aus, dann erwischte er sie mit der flachen Hand direkt unter dem Halsansatz. Sie taumelte, stolperte, stützte sich ab und warf den Dolch nach ihm. Sie verfehlte ihn, doch Kyle hörte ihn vibrieren.
Kyle vergaß, weswegen sie kämpften. Seine Lungen brannten, als sei der Qualm darin plötzlich in Brand geraten. Er sah nur noch eine Gegnerin, die er besiegen musste, bevor es ihm nicht mehr möglich war. Diese Gegnerin aber wurde immer einfallsreicher. Mit einem Stoß löste sie ein Brett von der Wand. Spielzeug kullerte herunter und das Holz wurde zur Waffe. Kyle fing den ersten Angriff ab und riss es ihr aus den Händen. Ein Satz nach hinten folgte, um Sanankas Knie auszuweichen. Darauf flog eine Puppe auf ihn zu und Kyle nutzte das Brett als Schild. Im nächsten Augenblick war Sananka wieder vor ihm und zielte auf seinen Bauch. Kyle spannte die Muskeln an, und verhinderte, dass er keuchend zusammenzuckte. Sananka hielt nicht inne; ihre Fäuste und Füße prasselten weiter auf ihn ein. Er benutzte das Brett, um sie auf Abstand zu halten und die Hiebe abzufangen, während jeder Luftzug den Hustenreiz stärker werden ließ. Dann schlug er zurück. Behände sprang sie über das Brett hinüber und Kyle holte mit dem Holz aus. Er traf sie mitten ins Gesicht, es knackte verdächtig. Ein weites Mal setzte er hinterher. Sie wich nach hinten, doch sie war plötzlich unsicher auf den Beinen. Schwer atmend und mit einer Wunde an der Stirn stieß sie gegen die Wand in ihrem Rücken. Kyle stützte sich ab und hustete. Dennoch beobachtete er sie. Sie sah ihm entgegen, ihre Augen waren starr und funkelten ihn an. „Egal, was du tust, ich werde ihm den Schädel einschlagen“, zischte sie.
„Warum hast du mich dann hergeholt?“ Kyle konnte kaum sprechen. Es war, als presse er die Worte zwischen trockenem Pergament hindurch.
„Wegen der Kinder!“, brüllte sie. „Geh mir aus dem Weg, du verdammter Held!“
Kyle schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was sie hiermit beweisen wollte. Er wusste nicht, weswegen sie all das tat. Doch in Einem war er sicher: Hätte sie ihn umbringen wollen, hätte sie es bereits getan. „Nein.“
Erneut griff Sananka an und Kyle parierte, ohne zurückzuschlagen, das Regalbrett fest in den Händen. Ihre Wut gab ihr Kraft, die Verzweiflung Schnelligkeit. Zwei Mal drang sie durch seine Verteidigung, beide Male traf sie ihn an der Seite und Kyle ließ sich zurücktreiben. Unendlich lange benötigte er, bis er den Dolch endlich entdeckt hatte; es steckte in einem der hinteren Pfosten des Himmelbettes. Kyle wusste nicht, wie er ihn erreichen sollte, aber um Sananka wieder zur Vernunft zu bringen, musste er Dennet befreien.
Ein Faustschlag erschütterte seinen improvisierten Schild, ein zweiter folgte, dann ein Tritt. Diesen nutzt Kyle, ließ das Brett fallen und tauchte darunter durch, um sich in Richtung des Bettes zu schieben. Seine Taktik ging auf. Sananka setzte nach, er wich weiter zurück. Nun registrierte auch sie den Dolch. Die Erkenntnis jedoch flackerte zu spät in ihren blauen Augen auf. Kyle zog die Klinge mit einem Ruck aus der Wand.
Einen kurzen Augenblick hielt Sananka inne. Verzweiflung verzerrte ihr Gesicht; sie wusste, sie war zu weit gegangen und schlug jetzt blind auf ihn ein. Er bekam ihren Arm zu fassen und schleudern sie von sich fort. „Sananka, hör auf!“
„Nein!“ Als Sananka erneut auf ihn zu stürmte, drehte er sich zur Seite. Aber anscheinend hatte Sananka damit gerechnet, verlagerte ihr Gewicht und riss ihn mit. Kyle stolperte, fing sich an einem der Bettpfosten ab und blieb auf den Beinen. Zum Glück, denn Sananka wusste, wie sie den Schwung nutzte, um sich von der Wand abzustoßen und ihn mit einem gezielten Tritt zu attackieren. Kyle wich aus, sie traf den Pfosten. Das Holz splitterte und die feinen Stoffe, die das Himmelbett säumten, erzitterten unter der Wucht. Ohne innezuhalten, prügelte sie weiter auf ihn ein, doch auch, wenn sie schnell war, sie wurde unpräzise. Sie sah hinauf zu den Stoffbahnen und Kyle ahnte, was sie im Sinn hatte. Gerade, als sie eine Hand heben wollte, um nach dem Tuch zu greifen, packte er ihr Bein, mit dem sie gleichzeitig zutrat. Sie griff ins Leere, rutschte ab und fiel zu Boden. Ihr Kopf schlug gegen die Holzkante des Bettes.
Als sie erneut aufstand, schwankte sie. Kyle nutzt die Gelegenheit, warf das Messer auf die Kissen, drehte ihr die Arme auf den Rücken und drückte sie gegen den gesplitterten Bettpfosten.
Zuerst versuchte sie, sich zu wehren, doch sie merkte schnell, weswegen er der derzeit beste Gardeschüler war; er wusste, wie er jemanden festhalten musste.
„Warum tust du das?! Warum beschützt du diesen Dreckskerl?“
„Ich bin nicht hier, um ihm zu helfen.“ Auch in ihm kochte es mittlerweile. Er war nicht so ruhig, wie er gerne wäre. Jeder Atemzug schmerzte und führte den Schmerz weiter in seine Glieder. Er wollte nur hier heraus, mit Sananka, und Dennet seinem Schicksal überlassen. „Komm“, sagte Kyle, um sie nicht zur Tür zerren zu müssen, da lachte Sananka auf – und summte eine Melodie. Kyle kannte sie, es war die Heldensage, eine berühmtes Weise aus … doch plötzlich verlor er diesen unwichtigen Gedanken. Etwas anderes tauchte mit ihrem Gesang auf, etwas grauenhaftes. Es kroch ihm in den Nacken und quetschte Schweiß aus seinen Poren. Erschrocken ließ er Sananka los. Die Furcht warf ihr Netz aus und webte es dicht um ihn, dass er sich nicht mehr regen konnte. Er wusste, er stand noch immer mit Sananka im Schreckenszimmer. Es war ein klarer Gedanke in der Starre, glockenhell, aber er zitterte in dem Lied. Bis dieses verstummte. Die Furcht verpuffte und Kyle blinzelte. Was hatte sie gerade getan?
„Nein …“, kam es erstickt aus Sanankas Kehle. Kyle schluckte und zwang sich, nicht Sananka anzustarren, sondern ihrem Blick zu folgen. Dennet war fort. Die Fesseln lagen zerschnitten am Boden und die Luke in den Garten stand offen. Kyle konnte sich nicht erklären, wie Dennet hatte entkommen können. Der Dolch lag nach wie vor auf dem Bett.
Stimmen drangen von oben heran; die Feuerwache. Lange würde sie nicht mehr brauchen, ehe sie auch das Schreckenszimmer entdeckten. Wahrscheinlich hatte sie bereits erfahren, dass Dennet entführt worden war, und stellten das ganze Haus auf den Kopf. Wenn sie ihn fanden, wäre Sananka geliefert.
Kyle griff abermals nach ihrem Arm. Dieses Mal nicht, um sie festzuhalten, sondern um sie zu sich zu bringen. „Sananka!“
Nur zögernd drehte sie den Kopf und starrte ihn an. Kyle konnte förmlich sehen, wie sich ihr Blick veränderte und der Hass erneut aufflammte. Und dieses Mal richtete er sich gegen Kyle. Ohne Vorwarnung stieß sie ihn mit den flachen Händen hart vor die Brust. Kyle taumelte zurück und fing sich am Bettpfosten ab. In Erwartung eines weiteren Angriffs sah er sie an. Doch in ihren Augen glänzten Tränen und sie ballte wütend die Hände. „Du verdammter Held! Der Kerl ist es nicht wert, am Leben zu bleiben. Und ich war noch gnädig, er hätte viel mehr Leid verdient als ein paar Schnitte!“
Langsam nickte Kyle. „Du hast Recht.“
Sananka schüttelte den Kopf, dass ihre blonden Locken einen wilden Tanz aufführte. „Mich kannst du nicht mehr retten, du Idiot! Du hättest es damals gekonnt, aber du hast es nicht!“
Weswegen er es nicht getan hatte, weswegen er damals nicht zurück ins Haus gegangen war und sie geholt hatte, wusste er nicht. Die Panik hatte ihn übermannt. Er erinnerte sich an das Blut, das aus dem Schädel des Aufsehers gesickert war. Der angetrunkene Mann, der die Schafherr für die zierliche Blonde mit den Goldlocken bezahlen wollte. Kyle erinnerte sich an die Wut, die seine Hand mit dem Stein geführt hatte. Einmal, zweimal. Wie oft er zugeschlagen hatte, konnte Kyle nicht sagen. Der Schädel war nur noch eine Masse aus Blut, Knochen und Gehirn. Und zum ersten Mal in seinem Leben war Kyle davongerannt und hatte das Mädchen mit den Goldlocken alleine in diesem Dämonenhaus gelassen. „Ich wollte es“, murmelte er.
„Du hast es nicht!“, schrie Sananka ihn an. „Jetzt passe ich auf mich selbst auf! Jetzt bin ich diejenige, die in der Lage ist, Menschen zu töten.“
„Das bist du nicht.“
Kyle fuhr herum. Ein vermummtes Gesicht sah durch die Luke zu ihnen hinunter. Kurz darauf sprang die Gestalt behände in den Raum hinein, gehüllt in stabiles dunkles Leder. Tücher in dunklem Rot und Grau gaben dem Ganzen die Illusion eines Hemdes mit Schärpe und verhüllten auch das Gesicht. Ihre Bewegungen waren weich, ihre Stimme rau. Wären ihre Rundungen nicht deutlich zu sehen gewesen, hätte Kyle sie für einen Mann halten können. Und so, wie Sananka sie ansah, ahnte Kyle, wer das sein musste.
„Was?“, entfuhr es Sananka überrascht.
„Du hast deinen Auftrag nicht erfüllt“, sagte die Fremde kühl. „Stattdessen hast du dich in Rachegedanken verrannt.“
„Aber …“
„Er hat bekommen, was er verdient.“ Kyle lief es bei den Worten kalt den Rücken hinunter und Sananka stand der Unglaube ins Gesicht geschrieben. Sie wollte etwas sagen, öffnete den Mund, doch die Fremde fordere sie auf, zu gehen. „Sofort!“
Und Sananka gehorchte. Sie trat unter die Luke, sprang hinauf und zog sich behände nach oben. Ihre Mentorin warf Kyle noch einen Blick zu, dann folgte sie ihr und er stand alleine im Spielzimmer, während es draußen von Helfern wimmeln musste.

 

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