Heimsuchung, Kapitel 18: Rettung

Sananka folgte Najesa durch den Garten und streifte sich ihr Tuch über den Kopf, um Haare und Gesicht zu verbergen. Das Gras war irgendwann die letzten Tage gemäht worden, aber Bäume und Büsche wucherten und boten Deckung. Hier, hinter dem Haus, waren nicht viele Menschen. Die meisten trieben sich auf dem Hof herum, dort, wo das Feuer gelöscht, die Verletzen und die Kinder versorgt wurden. Niemand sah sie, als sie über die Einfriedung kletterten und Najesa sie auf die Dächer hinauf führte.
Auf dem gegenüberliegenden Dach blieb Sananka sitzen und betrachtete das niederbrennende Haus. Hier und dort sah sie noch Flammen. Das obere Geschoss war bereits zusammengebrochen, doch die Magier der Feuerwache hielten mit Wasserzaubern den Brand in Schach. Zwischen all dem Getümmel auf dem Hof sah Sananka einen Schatten, der um das Gebäude schlich und versuchte sich ungesehen davonzumachen. Kyle taumelte und hustete. Sie beobachtete, wie er ungelenk einen Baum erklomm, um vom Grundstück zu entkommen. Bei seinem Anblick setzte sich etwas schwer auf ihre Seele. Da gab es keine Wut mehr, keinen Hass. All das war angesichts ihres Scheiterns versickert und nichts war zurückgeblieben. Ihr Herz war plötzlich so leer.
„Komm!“ Najesa klang streng und Sananka wandte sich ab. Ihre Meisterin schwieg, sah sie nicht einmal an während sie ihren Weg über die Dächer nahmen. Sie sagte auch nichts, als sie in eine Gasse hinabstieg und demonstrativ die weite Schärpe, die ihr Gesicht verhüllt hatte, um ihre Hüften drapierte; die Illusion eines Rocks. Aus Gewohnheit tat Sananka es ihr gleich, zog sich ihr Tuch von den Haaren und legte es sich um die Schultern.
Lange sagte Najesa kein Wort, führte sie nur durch die Straßen. Wie enttäuscht musste sie sein? Dabei hatte Sananka ihre Aufgabe nicht vergessen, sie hatte nur zuvor endlich diesen Dämon aus Pelas, nein, aus ihren Gedanken vertreiben wollen. Die Kinder waren gerettet, Kyle war der Held, der er sein sollte. Niemand außer ihm und Dennet konnte eine Beschreibung von ihr abgeben. Auch wenn Sananka sich bewusst war, dass sie besser ruhig sein sollte, so nagte eine Frage an ihr, die die Leere mit Kälte zu füllen begann: „Meint Ihr das ernst? Dass ich nicht zur Meuchlerin tauge?“
Najesa packte unvermittelt ihren Arm und beförderte sie grob in die nächste Seitengasse. Instinktiv drehte sich Sananka und entwand sich ihrem Griff. Nur wenig Licht drang von den magischen Laternen hier herunter, doch einer der Monde strahlte weit über ihnen und tauchte Najesas Gesicht in seinen kühlen blauen Schein. Als sie sprach, war ihre Stimme ruhig und beherrscht. „Du magst eine gute Schneiderin sein, nur zu mehr taugst du nicht. Was glaubst du, wer hinter dem Junghaus Waisenhaus stand?“ Die letzten Worte waren ein Zischen und Najesa trat näher an Sananka heran.
Die Antwort schwebte so klar vor ihr, aber obwohl Sananka den Mund öffnete, sie bekam kein Wort heraus. Es waren die gleichen skrupellosen Menschen, die Meuchler beauftragten, andere zu töten. Meuchler, wie sie eine werden wollte.
„Ein Meuchler darf nicht urteilen“, fuhr Najesa fort. „Ein Meuchler tötet seinem Auftrag gemäß, nicht nach eigenem Ermessen.“
„Aber“, wollte Sananka einwenden, doch Najesa schnitt ihr abermals das Wort ab.
„Wir richten nicht! Auch nicht über Kinderschänder.“ Najesa sah sie scharf an.
Sananka spürte den Widerhall in der Leere ihres Inneren. „Ihr wusstet es“, flüsterte sie.
„Alle wussten es.“
Mit der Erkenntnis breitete sich die Leere weiter aus, erreichte ihre Arme und Beine und ließ ihre Hände genauso taub werden wie ihr Herz. Aber nein, es war nicht taub. Er war immer noch da, dieser Hass – und er hatte Gesellschaft. Angst legte seine klammen Finger um ihre Kehle, Verzweiflung hämmerte auf ihr Herz ein, Wut und Trauer ließen sie zittern und Pelas Klage trieb ihr Tränen in die Augen. Wie konnte das sein? Wie konnten alle davon wissen und niemand etwas tun?
„Doch für dich und deine Stimme gibt es andere Pläne.“
„Was?“ In all dem Chaos, das sie erfüllte, wirkte ihre Frage hohl statt überrascht.
„Mein Auftrag ist es, dich auszubilden. Deine Besonderheit hatte er mir allerdings nicht verraten.“
Das Gesicht ihrer Meisterin spiegelte nicht wieder, was sie darüber dachte und Sananka brachte nur ein ersticktes: „Er …“, hervor.
Ein Lächeln schob sich auf Najesas Lippen, kalt und berechnend. „Für deinen Freund tut es mir Leid, Zeugen können wir nicht gebrauchen.“
Najesas Worte drangen wie ein Echo zu ihr durch und brachten all die Gefühle in ihr zur Explosion. Kyle, schoss es ihr durch den Kopf. Ohne zu überlegen warf sich Sananka gegen ihre Meisterin. Überrascht taumelte diese zurück und sprang zur Seite, als Sananka nachsetzte. Najesa zog ein Messer, doch Sananka dachte nicht daran, auszuweichen. Mit ihrem ganzen Gewicht prallte sie auf ihre Meisterin und griff dabei nach dem Arm mit der Klinge. Es war nur ein Augenblick, den sie Najesa ins Gesicht sah. „Nicht Kyle!“, zischte sie und sang.

Als Kyle zum Tatort beordert wurde, hatten die Gardisten die Leiche bereits aus dem Ereden gezogen. Sie musste seit Tagen im Wasser gelegen haben, versteckt unter Tang und Schmutz. Ihre Haut war weiß und aufgedunsen, ihre Kleidung zerfetzt.
„Kyle!“ Hauptfrau Gonner winkte ihn zu sich. Sie stand neben der Toten. Mit einem tiefen Seufzer gesellte er sich zu ihr, ließ den Blick über die Schaulustigen schweifen – und hielt inne. In der Menge verschwand ein blonder Haarschopf. Er hatte Sananka seit dem Brand nicht mehr gesehen. Sie kam nicht mehr zur Akademie und er war nicht in die Ermittlungen involviert. Doch Hauptfrau Gonner hielt ihn auf dem Laufenden: Dennet hatte man tot hinter dem Haus gefunden, übel zugerichtet durch die Flammen. Kyle war sich sicher, er war nicht freiwillig in das Feuer zurückgerannt. Das aber behielt er für sich. Vier der Übeltäter hatten überlebt, ihnen wurde aufgrund der Aussagen der Kinder der Prozess gemacht. Am meisten nagte jedoch an ihm, dass zwei der Waisenkinder an den Folgen des Feuers gestorben waren. Ob Sananka das wusste?
„Kyle?“
Die Hauptfrau riss ihn aus den Gedanken und er trat zu ihr neben die Leiche. Das Gesicht der Toten war zerschunden und verquollen. Dennoch erkannte Kyle die Frau; das enge Leder und die Reste eines roten Tuchs verriet sie. Ihr Augen starrten in den bewölkten Himmel.
Mit tauben Fingern nahm er das Schreibbrett entgegen.

 

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