Kyle

Heimsuchung, Kapitel 18: Rettung

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Sananka folgte Najesa durch den Garten und streifte sich ihr Tuch über den Kopf, um Haare und Gesicht zu verbergen. Das Gras war irgendwann die letzten Tage gemäht worden, aber Bäume und Büsche wucherten und boten Deckung. Hier, hinter dem Haus, waren nicht viele Menschen. Die meisten trieben sich auf dem Hof herum, dort, wo das Feuer gelöscht, die Verletzen und die Kinder versorgt wurden. Niemand sah sie, als sie über die Einfriedung kletterten und Najesa sie auf die Dächer hinauf führte.
Auf dem gegenüberliegenden Dach blieb Sananka sitzen und betrachtete das niederbrennende Haus. Hier und dort sah sie noch Flammen. Das obere Geschoss war bereits zusammengebrochen, doch die Magier der Feuerwache hielten mit Wasserzaubern den Brand in Schach. Zwischen all dem Getümmel auf dem Hof sah Sananka einen Schatten, der um das Gebäude schlich und versuchte sich ungesehen davonzumachen. Kyle taumelte und hustete. Sie beobachtete, wie er ungelenk einen Baum erklomm, um vom Grundstück zu entkommen. Bei seinem Anblick setzte sich etwas schwer auf ihre Seele. Da gab es keine Wut mehr, keinen Hass. All das war angesichts ihres Scheiterns versickert und nichts war zurückgeblieben. Ihr Herz war plötzlich so leer.
„Komm!“ Najesa klang streng und Sananka wandte sich ab. Ihre Meisterin schwieg, sah sie nicht einmal an während sie ihren Weg über die Dächer nahmen. Sie sagte auch nichts, als sie in eine Gasse hinabstieg und demonstrativ die weite Schärpe, die ihr Gesicht verhüllt hatte, um ihre Hüften drapierte; die Illusion eines Rocks. Aus Gewohnheit tat Sananka es ihr gleich, zog sich ihr Tuch von den Haaren und legte es sich um die Schultern.
Lange sagte Najesa kein Wort, führte sie nur durch die Straßen. Wie enttäuscht musste sie sein? Dabei hatte Sananka ihre Aufgabe nicht vergessen, sie hatte nur zuvor endlich diesen Dämon aus Pelas, nein, aus ihren Gedanken vertreiben wollen. Die Kinder waren gerettet, Kyle war der Held, der er sein sollte. Niemand außer ihm und Dennet konnte eine Beschreibung von ihr abgeben. Auch wenn Sananka sich bewusst war, dass sie besser ruhig sein sollte, so nagte eine Frage an ihr, die die Leere mit Kälte zu füllen begann: „Meint Ihr das ernst? Dass ich nicht zur Meuchlerin tauge?“
Najesa packte unvermittelt ihren Arm und beförderte sie grob in die nächste Seitengasse. Instinktiv drehte sich Sananka und entwand sich ihrem Griff. Nur wenig Licht drang von den magischen Laternen hier herunter, doch einer der Monde strahlte weit über ihnen und tauchte Najesas Gesicht in seinen kühlen blauen Schein. Als sie sprach, war ihre Stimme ruhig und beherrscht. „Du magst eine gute Schneiderin sein, nur zu mehr taugst du nicht. Was glaubst du, wer hinter dem Junghaus Waisenhaus stand?“ Die letzten Worte waren ein Zischen und Najesa trat näher an Sananka heran.
Die Antwort schwebte so klar vor ihr, aber obwohl Sananka den Mund öffnete, sie bekam kein Wort heraus. Es waren die gleichen skrupellosen Menschen, die Meuchler beauftragten, andere zu töten. Meuchler, wie sie eine werden wollte.
„Ein Meuchler darf nicht urteilen“, fuhr Najesa fort. „Ein Meuchler tötet seinem Auftrag gemäß, nicht nach eigenem Ermessen.“
„Aber“, wollte Sananka einwenden, doch Najesa schnitt ihr abermals das Wort ab.
„Wir richten nicht! Auch nicht über Kinderschänder.“ Najesa sah sie scharf an.
Sananka spürte den Widerhall in der Leere ihres Inneren. „Ihr wusstet es“, flüsterte sie.
„Alle wussten es.“
Mit der Erkenntnis breitete sich die Leere weiter aus, erreichte ihre Arme und Beine und ließ ihre Hände genauso taub werden wie ihr Herz. Aber nein, es war nicht taub. Er war immer noch da, dieser Hass – und er hatte Gesellschaft. Angst legte seine klammen Finger um ihre Kehle, Verzweiflung hämmerte auf ihr Herz ein, Wut und Trauer ließen sie zittern und Pelas Klage trieb ihr Tränen in die Augen. Wie konnte das sein? Wie konnten alle davon wissen und niemand etwas tun?
„Doch für dich und deine Stimme gibt es andere Pläne.“
„Was?“ In all dem Chaos, das sie erfüllte, wirkte ihre Frage hohl statt überrascht.
„Mein Auftrag ist es, dich auszubilden. Deine Besonderheit hatte er mir allerdings nicht verraten.“
Das Gesicht ihrer Meisterin spiegelte nicht wieder, was sie darüber dachte und Sananka brachte nur ein ersticktes: „Er …“, hervor.
Ein Lächeln schob sich auf Najesas Lippen, kalt und berechnend. „Für deinen Freund tut es mir Leid, Zeugen können wir nicht gebrauchen.“
Najesas Worte drangen wie ein Echo zu ihr durch und brachten all die Gefühle in ihr zur Explosion. Kyle, schoss es ihr durch den Kopf. Ohne zu überlegen warf sich Sananka gegen ihre Meisterin. Überrascht taumelte diese zurück und sprang zur Seite, als Sananka nachsetzte. Najesa zog ein Messer, doch Sananka dachte nicht daran, auszuweichen. Mit ihrem ganzen Gewicht prallte sie auf ihre Meisterin und griff dabei nach dem Arm mit der Klinge. Es war nur ein Augenblick, den sie Najesa ins Gesicht sah. „Nicht Kyle!“, zischte sie und sang.

Als Kyle zum Tatort beordert wurde, hatten die Gardisten die Leiche bereits aus dem Ereden gezogen. Sie musste seit Tagen im Wasser gelegen haben, versteckt unter Tang und Schmutz. Ihre Haut war weiß und aufgedunsen, ihre Kleidung zerfetzt.
„Kyle!“ Hauptfrau Gonner winkte ihn zu sich. Sie stand neben der Toten. Mit einem tiefen Seufzer gesellte er sich zu ihr, ließ den Blick über die Schaulustigen schweifen – und hielt inne. In der Menge verschwand ein blonder Haarschopf. Er hatte Sananka seit dem Brand nicht mehr gesehen. Sie kam nicht mehr zur Akademie und er war nicht in die Ermittlungen involviert. Doch Hauptfrau Gonner hielt ihn auf dem Laufenden: Dennet hatte man tot hinter dem Haus gefunden, übel zugerichtet durch die Flammen. Kyle war sich sicher, er war nicht freiwillig in das Feuer zurückgerannt. Das aber behielt er für sich. Vier der Übeltäter hatten überlebt, ihnen wurde aufgrund der Aussagen der Kinder der Prozess gemacht. Am meisten nagte jedoch an ihm, dass zwei der Waisenkinder an den Folgen des Feuers gestorben waren. Ob Sananka das wusste?
„Kyle?“
Die Hauptfrau riss ihn aus den Gedanken und er trat zu ihr neben die Leiche. Das Gesicht der Toten war zerschunden und verquollen. Dennoch erkannte Kyle die Frau; das enge Leder und die Reste eines roten Tuchs verriet sie. Ihr Augen starrten in den bewölkten Himmel.
Mit tauben Fingern nahm er das Schreibbrett entgegen.

 

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Heimsuchung, Kapitel 18: Zerstört

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Kyle stieß die Tür zum Keller zu und verschloss sie hastig hinter sich. Der Qualm schwelte durch die Ritzen herein und verteilte sich in dem feuchten Raum. Dunkelheit umfing ihn, er hörte die Rufe der Helfer von weiter oben. An ihnen hatte er sich vorbeistehlen müssen, als er hierher geeilt war. Sananka musste hier sein. Dennet Schafherr war ihr Ziel und in all den Jahren, die sie hier verbracht hatten, gab es nur einen Ort, den sie alle gefürchtet hatten. Er war sich sicher, sie hatte ihn ins Schreckenszimmer gebracht. Und er war sich sicher, sie wollte, dass er sie aufhielt. Aus welchem anderen Grund hätte sie diesen Gossenkerl sonst zu ihm schicken sollen?
Hinter einem der Regale drang ein schwacher Lichtschimmer hervor. Ohne zu überlegen, zog Kyle es nach vorne. Es war fest mit einer Tür verbunden – und diese war nicht verschlossen.
Was er erwartet hatte, wusste Kyle nicht. Doch der Anblick ließ ihn erneut erstarren. Dennet Schafherr saß mitten im Raum, gefesselt an einen Stuhl. Blut benetzte sein Gesicht, seine Brust und seine Arme und Sananka stand hinter ihm, einen Dolch in der Hand. Eine einzelne Lampe auf einem Spiegeltisch tauchte das Zimmer in gelbliches Licht und verschärften den Eindruck, dass all dies nur ein Kinderspiel war. Puppen saßen auf Brettern an den Wänden, ein großes Himmelbett mit blauen und weißen Laken stand in einer Ecke und auf dem Teppich um Dennet herum lag Spielzeug. Es sah aus, als sei das Kind, dem diese Kammer gehörte, nur kurz fortgegangen.
Dennets Wimmern riss ihn aus der Überraschung. Kyle begegnete erst seinem flehenden Blick, dann prallte ihm Sanankas Hass entgegen. „Verschwinde! Kümmere dich um die Kinder!“
Doch Kyle dachte nicht daran und ging auf den Gefesselten zu. „Die Kinder sind in Sicherheit. Nur der hier fehlt noch. Verflucht, Sananka …“ Weiter kam Kyle nicht. Sananka schlug ihm ins Gesicht.
Während Kyle seine Nase betastete, zischte sie: „Ich sage es dir nur noch ein einziges Mal: Verschwinde!“
„Nein.“ Mehr konnte Kyle nicht antworten. Hätte Sananka nicht eben bereits zugeschlagen, hätte ihr Angriff Erfolg gehabt. Sie schnellte vorwärts. „Selbst schuld!“ Als sie nicht traf, setzte sie ihm mit einen Tritt nach. Kyle wich zurück und kassierte einen Stoß gegen den Oberschenkel statt in den Bauch. Dennoch, Sananka war stärker, als er erwartet hatte. Sie war schnell und wendig. Doch auch wenn Kyle geahnt hatte, dass sie irgendetwas verbarg, ihre Kampftechnik und Geschwindigkeit hatte er deutlich unterschätzt.
Mehrere Schläge nahm er hin, ohne selbst ernsthaft zuzuschlagen. Seine Nase blutete, das Atmen fiel ihm schwer dank des Rauchs im Haus und sie hatte noch keinen Kratzer. Aber sie stieß nicht mit der Klinge nach ihm, sie attackierte ihn mit dem Knauf, mit Hieben und Tritten. Kyle änderte die Taktik. Zurückhaltung war fehl am Platz. Dennet sollte seine gerechte Strafe erhalten, jedoch nicht durch Sananka. Das würde sie zerstören. Vor langer Zeit hatte er einen Fehler begangen und dieser Fehler hatte zu all dem geführt. Die Wut auf sich selbst, auf Sananka, auf einfach alles spornte ihn an. Er drang auf Sananka ein. Sie wich seinen Angriffen aus, dann erwischte er sie mit der flachen Hand direkt unter dem Halsansatz. Sie taumelte, stolperte, stützte sich ab und warf den Dolch nach ihm. Sie verfehlte ihn, doch Kyle hörte ihn vibrieren.
Kyle vergaß, weswegen sie kämpften. Seine Lungen brannten, als sei der Qualm darin plötzlich in Brand geraten. Er sah nur noch eine Gegnerin, die er besiegen musste, bevor es ihm nicht mehr möglich war. Diese Gegnerin aber wurde immer einfallsreicher. Mit einem Stoß löste sie ein Brett von der Wand. Spielzeug kullerte herunter und das Holz wurde zur Waffe. Kyle fing den ersten Angriff ab und riss es ihr aus den Händen. Ein Satz nach hinten folgte, um Sanankas Knie auszuweichen. Darauf flog eine Puppe auf ihn zu und Kyle nutzte das Brett als Schild. Im nächsten Augenblick war Sananka wieder vor ihm und zielte auf seinen Bauch. Kyle spannte die Muskeln an, und verhinderte, dass er keuchend zusammenzuckte. Sananka hielt nicht inne; ihre Fäuste und Füße prasselten weiter auf ihn ein. Er benutzte das Brett, um sie auf Abstand zu halten und die Hiebe abzufangen, während jeder Luftzug den Hustenreiz stärker werden ließ. Dann schlug er zurück. Behände sprang sie über das Brett hinüber und Kyle holte mit dem Holz aus. Er traf sie mitten ins Gesicht, es knackte verdächtig. Ein weites Mal setzte er hinterher. Sie wich nach hinten, doch sie war plötzlich unsicher auf den Beinen. Schwer atmend und mit einer Wunde an der Stirn stieß sie gegen die Wand in ihrem Rücken. Kyle stützte sich ab und hustete. Dennoch beobachtete er sie. Sie sah ihm entgegen, ihre Augen waren starr und funkelten ihn an. „Egal, was du tust, ich werde ihm den Schädel einschlagen“, zischte sie.
„Warum hast du mich dann hergeholt?“ Kyle konnte kaum sprechen. Es war, als presse er die Worte zwischen trockenem Pergament hindurch.
„Wegen der Kinder!“, brüllte sie. „Geh mir aus dem Weg, du verdammter Held!“
Kyle schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was sie hiermit beweisen wollte. Er wusste nicht, weswegen sie all das tat. Doch in Einem war er sicher: Hätte sie ihn umbringen wollen, hätte sie es bereits getan. „Nein.“
Erneut griff Sananka an und Kyle parierte, ohne zurückzuschlagen, das Regalbrett fest in den Händen. Ihre Wut gab ihr Kraft, die Verzweiflung Schnelligkeit. Zwei Mal drang sie durch seine Verteidigung, beide Male traf sie ihn an der Seite und Kyle ließ sich zurücktreiben. Unendlich lange benötigte er, bis er den Dolch endlich entdeckt hatte; es steckte in einem der hinteren Pfosten des Himmelbettes. Kyle wusste nicht, wie er ihn erreichen sollte, aber um Sananka wieder zur Vernunft zu bringen, musste er Dennet befreien.
Ein Faustschlag erschütterte seinen improvisierten Schild, ein zweiter folgte, dann ein Tritt. Diesen nutzt Kyle, ließ das Brett fallen und tauchte darunter durch, um sich in Richtung des Bettes zu schieben. Seine Taktik ging auf. Sananka setzte nach, er wich weiter zurück. Nun registrierte auch sie den Dolch. Die Erkenntnis jedoch flackerte zu spät in ihren blauen Augen auf. Kyle zog die Klinge mit einem Ruck aus der Wand.
Einen kurzen Augenblick hielt Sananka inne. Verzweiflung verzerrte ihr Gesicht; sie wusste, sie war zu weit gegangen und schlug jetzt blind auf ihn ein. Er bekam ihren Arm zu fassen und schleudern sie von sich fort. „Sananka, hör auf!“
„Nein!“ Als Sananka erneut auf ihn zu stürmte, drehte er sich zur Seite. Aber anscheinend hatte Sananka damit gerechnet, verlagerte ihr Gewicht und riss ihn mit. Kyle stolperte, fing sich an einem der Bettpfosten ab und blieb auf den Beinen. Zum Glück, denn Sananka wusste, wie sie den Schwung nutzte, um sich von der Wand abzustoßen und ihn mit einem gezielten Tritt zu attackieren. Kyle wich aus, sie traf den Pfosten. Das Holz splitterte und die feinen Stoffe, die das Himmelbett säumten, erzitterten unter der Wucht. Ohne innezuhalten, prügelte sie weiter auf ihn ein, doch auch, wenn sie schnell war, sie wurde unpräzise. Sie sah hinauf zu den Stoffbahnen und Kyle ahnte, was sie im Sinn hatte. Gerade, als sie eine Hand heben wollte, um nach dem Tuch zu greifen, packte er ihr Bein, mit dem sie gleichzeitig zutrat. Sie griff ins Leere, rutschte ab und fiel zu Boden. Ihr Kopf schlug gegen die Holzkante des Bettes.
Als sie erneut aufstand, schwankte sie. Kyle nutzt die Gelegenheit, warf das Messer auf die Kissen, drehte ihr die Arme auf den Rücken und drückte sie gegen den gesplitterten Bettpfosten.
Zuerst versuchte sie, sich zu wehren, doch sie merkte schnell, weswegen er der derzeit beste Gardeschüler war; er wusste, wie er jemanden festhalten musste.
„Warum tust du das?! Warum beschützt du diesen Dreckskerl?“
„Ich bin nicht hier, um ihm zu helfen.“ Auch in ihm kochte es mittlerweile. Er war nicht so ruhig, wie er gerne wäre. Jeder Atemzug schmerzte und führte den Schmerz weiter in seine Glieder. Er wollte nur hier heraus, mit Sananka, und Dennet seinem Schicksal überlassen. „Komm“, sagte Kyle, um sie nicht zur Tür zerren zu müssen, da lachte Sananka auf – und summte eine Melodie. Kyle kannte sie, es war die Heldensage, eine berühmtes Weise aus … doch plötzlich verlor er diesen unwichtigen Gedanken. Etwas anderes tauchte mit ihrem Gesang auf, etwas grauenhaftes. Es kroch ihm in den Nacken und quetschte Schweiß aus seinen Poren. Erschrocken ließ er Sananka los. Die Furcht warf ihr Netz aus und webte es dicht um ihn, dass er sich nicht mehr regen konnte. Er wusste, er stand noch immer mit Sananka im Schreckenszimmer. Es war ein klarer Gedanke in der Starre, glockenhell, aber er zitterte in dem Lied. Bis dieses verstummte. Die Furcht verpuffte und Kyle blinzelte. Was hatte sie gerade getan?
„Nein …“, kam es erstickt aus Sanankas Kehle. Kyle schluckte und zwang sich, nicht Sananka anzustarren, sondern ihrem Blick zu folgen. Dennet war fort. Die Fesseln lagen zerschnitten am Boden und die Luke in den Garten stand offen. Kyle konnte sich nicht erklären, wie Dennet hatte entkommen können. Der Dolch lag nach wie vor auf dem Bett.
Stimmen drangen von oben heran; die Feuerwache. Lange würde sie nicht mehr brauchen, ehe sie auch das Schreckenszimmer entdeckten. Wahrscheinlich hatte sie bereits erfahren, dass Dennet entführt worden war, und stellten das ganze Haus auf den Kopf. Wenn sie ihn fanden, wäre Sananka geliefert.
Kyle griff abermals nach ihrem Arm. Dieses Mal nicht, um sie festzuhalten, sondern um sie zu sich zu bringen. „Sananka!“
Nur zögernd drehte sie den Kopf und starrte ihn an. Kyle konnte förmlich sehen, wie sich ihr Blick veränderte und der Hass erneut aufflammte. Und dieses Mal richtete er sich gegen Kyle. Ohne Vorwarnung stieß sie ihn mit den flachen Händen hart vor die Brust. Kyle taumelte zurück und fing sich am Bettpfosten ab. In Erwartung eines weiteren Angriffs sah er sie an. Doch in ihren Augen glänzten Tränen und sie ballte wütend die Hände. „Du verdammter Held! Der Kerl ist es nicht wert, am Leben zu bleiben. Und ich war noch gnädig, er hätte viel mehr Leid verdient als ein paar Schnitte!“
Langsam nickte Kyle. „Du hast Recht.“
Sananka schüttelte den Kopf, dass ihre blonden Locken einen wilden Tanz aufführte. „Mich kannst du nicht mehr retten, du Idiot! Du hättest es damals gekonnt, aber du hast es nicht!“
Weswegen er es nicht getan hatte, weswegen er damals nicht zurück ins Haus gegangen war und sie geholt hatte, wusste er nicht. Die Panik hatte ihn übermannt. Er erinnerte sich an das Blut, das aus dem Schädel des Aufsehers gesickert war. Der angetrunkene Mann, der die Schafherr für die zierliche Blonde mit den Goldlocken bezahlen wollte. Kyle erinnerte sich an die Wut, die seine Hand mit dem Stein geführt hatte. Einmal, zweimal. Wie oft er zugeschlagen hatte, konnte Kyle nicht sagen. Der Schädel war nur noch eine Masse aus Blut, Knochen und Gehirn. Und zum ersten Mal in seinem Leben war Kyle davongerannt und hatte das Mädchen mit den Goldlocken alleine in diesem Dämonenhaus gelassen. „Ich wollte es“, murmelte er.
„Du hast es nicht!“, schrie Sananka ihn an. „Jetzt passe ich auf mich selbst auf! Jetzt bin ich diejenige, die in der Lage ist, Menschen zu töten.“
„Das bist du nicht.“
Kyle fuhr herum. Ein vermummtes Gesicht sah durch die Luke zu ihnen hinunter. Kurz darauf sprang die Gestalt behände in den Raum hinein, gehüllt in stabiles dunkles Leder. Tücher in dunklem Rot und Grau gaben dem Ganzen die Illusion eines Hemdes mit Schärpe und verhüllten auch das Gesicht. Ihre Bewegungen waren weich, ihre Stimme rau. Wären ihre Rundungen nicht deutlich zu sehen gewesen, hätte Kyle sie für einen Mann halten können. Und so, wie Sananka sie ansah, ahnte Kyle, wer das sein musste.
„Was?“, entfuhr es Sananka überrascht.
„Du hast deinen Auftrag nicht erfüllt“, sagte die Fremde kühl. „Stattdessen hast du dich in Rachegedanken verrannt.“
„Aber …“
„Er hat bekommen, was er verdient.“ Kyle lief es bei den Worten kalt den Rücken hinunter und Sananka stand der Unglaube ins Gesicht geschrieben. Sie wollte etwas sagen, öffnete den Mund, doch die Fremde fordere sie auf, zu gehen. „Sofort!“
Und Sananka gehorchte. Sie trat unter die Luke, sprang hinauf und zog sich behände nach oben. Ihre Mentorin warf Kyle noch einen Blick zu, dann folgte sie ihr und er stand alleine im Spielzimmer, während es draußen von Helfern wimmeln musste.

 

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Heimsuchung, Kapitel 16: Heldentat

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Tage waren mittlerweile vergangen, seit Kyle von Pelas Verbannung gehört hatte. Cathlyn nahm bereits wieder an sämtlichen Stunden in der Akademie teil, doch sie war ungewohnt friedlich. Kyle wusste nicht genau, was geschehen war. Selbst Hauptfrau Gonner hatte ihm bei seinem Regeltag in der Westwache nicht viel erzählen können. Der Geist sei gebannt worden, als er sich auf zwei Mädchen hatte stürzen wollen und die Magiergarde war rechtzeitig zur Stelle gewesen, um Schlimmeres zu verhindern. Wie es Sananka ging, wusste Kyle nicht. Er hatte sie gesehen, durch das Fenster ihrer Kammer. Er wusste, sie war wieder auf den Beinen. Aber er hatte es nicht über sich gebracht, sie zu besuchen oder wenigstens mit ihrer Mentorin zu sprechen.
Jeden Tag nach dem Abendessen, wenn die Prüflinge Ausgang hatten, wanderte Kyle durch die Straßen. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er den Weg zur Brücke in die Oststadt und zur Schneiderei einschlug. Auch heute war er dort gewesen, doch das Haus lag im Dunkeln. Dennoch war Kyle als Letzter in die Akademie zurückgekehrt. Er ging durch leere Flure zu seinem Zimmer. Selbst die Wochen, die er nicht mehr im Schlafsaal schlief, hatte er sich nicht an die Ruhe der Kammer gewöhnt. Sie war klein. Außer dem Bett war lediglich Platz für eine Kiste, direkt unter den Kleiderhaken neben der Tür. Aber das erste Mal in seinem Leben musste er diesen Raum mit niemandem teilen.
Um so ärgerlicher, dass jemand mitten auf dem Bett saß, als Kyle die Tür öffnete. Er kannte den Mann nicht, er grinste ihm jedoch im Licht einer Öllampe entgegen. „Ich hatte es mir schwerer vorgestellt, hier ungesehen reinzukommen.“
Kyle unterdrückte den Impuls, den Eindringling am Kragen zu packen und hinauszuwerfen. „Wer in Elehis Wissen bist du!?“
Grinsend stand der Fremde auf und sah ihn aus wachen Augen hinter wirren Haaren an. Er konnte lediglich ein paar Jahre älter sein als Kyle selbst, wirkte drahtig und bewegte sich mit einer lässigen Selbstverständlichkeit. Seine Antwort fiel ebenfalls in einem gelasseneren Tonfall: „Das tut nichts zur Sache. Aber ich habe eine Nachricht für dich, eine sehr wichtige.“
Als der Kerl nicht weiter sprach, wurde Kyle ungeduldig. „Und?“
„Oh, ihr Gardisten seid so weltfremd“, sagte er und verdrehte die Augen. „Informationen werden getauscht.“
Ärgerlich trat Kyle ganz ein, schlug die Tür zu und griff nach dem Eindringling. Innerhalb von wenigen Augenblicken hatte Kyle ihn an der Wand festgenagelt, einen Arm an seiner Kehle. So flink er auch war, in dem kleinen Zimmer gab es keine Ausweichmöglichkeiten.
„So hatte ich mir das nicht vorgestellt!“, krächzte er und versuchte Kyles Arm zu lösen.
„Noch mal“, forderte Kyle mit Nachdruck, „Sag mir, was du mir zu sagen hast, und dann verschwinde.“
Die Antwort bestand nur noch aus einem heiseren „Na schön!“ Jetzt erst lockerte Kyle den Druck, hielt ihn jedoch weiter fest.
„Ich soll dir ausrichten, dass ein paar Kinder dringend einen Helden brauchen.“
Kyle runzelte die Stirn. Kam er nun auch noch mit einem Rätsel an? „Was soll das heißen?“
Er bekam bereitwillig eine Erklärung. „Die Nachricht ist von Sananka.“
Ohne Vorwarnung ließ Kyle den Kerl los. Der rieb sich den Hals und meinte mit einem schiefen Grinsen. „Du solltest dich beeilen.“
Wortlos wandte sich Kyle erneut der Tür zu. Er hatte geahnt, dass Sananka etwas Dummes anstellen würde. Diese ganze Sache mit Pela, wie hatte er nur hoffen können, dass das an ihr spurlos vorbei ging? Kyle fiel los, schenkte dem Eindringling keine Beachtung mehr und verließ die Akademie. Sein schritte wurde schneller, kaum dass er die Straße betrat und er rannte.

Eine hohe Mauer umgab das Junghaus-Weisenhaus. Erst dort verharrte Kyle schwer atmend. Er sah Licht in einigen Fenstern des Gebäudes, das Tor war verschlossen. Es war immer verschlossen gewesen. Der Anblick des gepflegten Hofes trieb Kyle einen Schauer den Rücken hinunter. Der schöne äußere Schein ließ nicht darauf schließen, was im Inneren vor sich ging.
Kyle nahm sich zusammen und kletterte über das Tor, genauso, wie er es damals auch getan hatte. Die Eisenstangen endeten in Spitzen, aber Kyle kümmerten die Kratzer nicht. Noch schien im Haus alles ruhig zu sein. Der penibel von Gras befreite Innenhof lag still dort, nichts regte sich. Nur die Eingangstüren standen weit geöffnet. Ein Mädchen im Nachthemd kam herausgelaufen, an der Hand ein jüngeres Kind, das kaum mithalten konnte. Das ältere Mädchen bemerkte Kyle, kreischte auf und wollte schon davon laufen, doch das kleinere Mädchen stolperte. „Warte! Was ist passiert?“, rief Kyle ihr hinterher. Aber die Ältere schluchzte nur noch und zerrte das andere auf die Beine, um vor ihm und gleichzeitig vom Waisenhaus wegzurennen.
Mehr Kinder kamen aus dem Gebäude, dann biss der Gestank nach Qualm Kyle in die Nase. Das Flackern hinter den oberen Fenstern wurde heller. Ein Junge brüllte: „Feuer!“, und die Kinder rannten in alle Richtungen davon.
Ohne weiter zu überlegen, griff Kyle sich einen der größeren Jungen: „Sorg dafür, dass sich alle hinten am Tor sammeln! Und schick jemanden zum Düsterturm, die Feuerwache muss alarmiert werden!“
Zuerst schien der Junge nicht zu wissen, was Kyle sagte. Doch als er ihn schüttelte und nachhakte, nickte er.
„Wiederhole es!“
„S-sammeln am Tor und die Feuerwache alarmieren …“
Kyle klopfte ihm auf die Schulter. „Gut.“ Schon wollte er ihn loslassen, etwas jedoch hallte in ihm nach; die Worte der Hauptfrau. „Noch was: Sobald das vorbei ist, erzählt, was sie hier mit euch machen. Geht zur Westwache und erzählt Hauptfrau Gonner von dem Schreckenszimmer. Verstanden?“ Der Junge stand einen Moment da und starrte Kyle an, ehe er zögernd nickte. „Hauptfrau Gonner.“
„Sie wird euch helfen. Aber ihr müsst reden!“ Kyle sah zum Waisenhaus. Aus dem oberen Stockwerk drang Rauch, eines der Fenster war geborsten. „Und jetzt los! Sammel die Kinder!“
Der Junge gab sich einen Ruck und brüllte den Anderen zu: „Alle zum Tor!“
Einen Augenblick sah Kyle ihm nach, dann wandte er sich dem Haus zu. Immer wieder ballte er die Hände zu Fäusten. Unendlich langsam schien die Zeit zu vergehen, bis er die Stufen zum Eingang gemeistert hatte und in der Diele stand. Die Narben an seinen Armen schmerzten plötzlich, als Schuld und Furcht aus ihnen sickerte. Die Rauchschwaden ließen den Hausflur und den Treppenaufgang unwirklich erscheinen.
Kyle hustete und presste sich den Ärmel seines Hemdes auf Mund und Nase. Der Qualm biss ihm in Lunge und Augen. Er atmete flach und blinzelte, um das Brennen zu vertreiben. Das Feuer loderte in den oberen Zimmern, dort, wo die Aufseher wohnten. Kein Kind hatte es jemals gewagt hinauf zu gehen und auch jetzt spannte die Furcht ein klebriges Netz, das seine Füße festhalten wollte. Doch Kyle kannte sie, er wusste, wie er sie abschüttelte. Das Wissen, dass Menschen sterben würden, wenn er es nicht tat, machte das Geflecht aus Angst porös.
Gerade wollte er die Treppe hinaufgehen, als ihn ein Husten und Wimmern innehalten ließ. Er fluchte leise und folgte dem Geräusch. Ein Junge lag auf dem Boden, unweit des Speiseaufzugs. Da im Aufzugsschacht hatten sich des Nachts immer Kinder versteckt. Er wusste, dass es eines der wenigen sicheren Verstecke für die Kleinen war, und er verfluchte Sananka dafür, dass sie all die Waisenkinder in Gefahr brachte.
Im Schacht des Aufzugs fand Kyle ein Mädchen, zusammengekauert und die Arme um die Beine geschlungen. Lange wirre Haare umrahmten die großen Augen, aus denen es zu ihm hinaufsah. Die Erinnerung an Sanankas Anblick schob sich an dem schützenden Felsen in seinem Inneren vorbei; wie er sie nach der Ankunft im Waisenhaus damals im Schacht entdeckt hatte. Sie war genauso verängstigt gewesen, wie das Mädchen, das ihm entgegenblickte. „Ich bringe euch hier raus“, versicherte Kyle und hielt ihr eine Hand hin. Sie zögerte, doch als der Rauch auch sie zum Keuchen brachte, griff sie danach. Kyle trug beide Kinder auf den Arm in den Hof. Die frische Luft füllte seine Lungen und wollte den Qualm mit kräftigem Bellen vertreiben. Sobald er ein Wort durch seine Kehle zwängen konnte, befahl er dem Mädchen, zum Tor zu gehen und auf die Feuerwache zu warten. Der Junge war bereits bewusstlos. Geschüttelt vom Husten presste Kyle den Kleinen an sich und brachte ihn zu den anderen Kindern. Zwei der Älteren nahmen sich seiner an. Nur langsam beruhigte sich sein Atem und Kyle stützt sich mit den Händen auf den Kien ab. „Sind alle da?“, fragte er und richtete sich wieder auf, um die Waisen zu betrachten.
Sie sahen einander an und ein Mädchen schüttelte den Kopf. „Die Zwillinge fehlen.“
Das Mädchen, dass ihm zuerst entgegengekommen war, bestätigte: „Melanie und Feline.“
Gerade da kündigte ein lautes Horn den Wagen der Feuerwache an. Schaulustige hatten sich bereits vor dem Tor versammelt, einige versuchten, das Tor aufzustemmen. Kyle ließ den Blick über die Menschen schweifen, doch Sananka war nicht unter den Gaffern. Sie sah nicht zu, nicht von hier. Aber wo war sie dann? In wenigen Augenblicken würde auch die Feuerwache hier eintreffen und sich um die Kinder kümmerte – und sie würden die Zwillinge retten. Sananka jedoch hatte sicherlich mehr vor.
Kyle bat eines der Mädchen um ein Halstuch, dass sie trug, und rannte zurück ins Waisenhaus. Hinter ihm krachte das Tor, als die Gitter geöffnet wurde. Der dicke Rauch drücke auf sein Bewusstsein, Furcht und Schuld versuchten erneut ihn aufzuhalten; mit zäheren Gewebe als zuvor ketteten sie sein Gewissen an seine Beine. Es waren noch Kinder im Haus. Doch er musste Sananka finden.
Mit wackeligen Knien stieg er die Treppe hinauf. Beinahe wäre Kyle über einen Mann mit kurzgeschorenen Haaren gestolpert. Der Dunst machte es unmöglich, bis zum Ende des Flurs zu sehen, allein ein grelles Flackern durchdrang dort die Rauchschwaden. Der Aufseher zu seinen Füßen rührte sich nicht mehr.
Kyle trat über ihn hinweg und inspizierte die Zimmer, in denen die Peiniger der Waisen schliefen. Alle standen offen und alle waren sie leer. Kyles Augen tränten, aber er ging weiter, näherte sich dem Schlafzimmer der Schafherrs. Diese Tür war geschlossen. Kyles Hand zitterte, als er sie aufzog. Er wagte nicht, darüber nachzudenken, was ihn dahinter erwartete.
Fünf Erwachsene fand er in dem Raum. Alle fünf saßen geknebelt an die Pfosten des großen Bettes gefesselt. Rauch drängte sich hinter Kyle herein, doch der konnte sich nicht bewegen, konnte die Tür nicht schließen. Das Tosen des Feuers tönte in seinen Ohren, seine Lungen weigerten sich, noch mehr Qualm aufzunehmen, und ihm wurde schummerig. Kyle sackte gegen den Türrahmen, versuchte, nicht zu atmen, und drängte die Luftnot beiseite, die sich seiner Sinne bemächtigen wollte. Sananka war nicht hier. Aber drei der Gefesselten erkannte Kyle auf Anhieb. Jenina Schafherr, die die Mädchen für ihren Mann ausgesucht hatte, einen Aufseher, der ständig betrunken gewesen war und die älteren Jungen verprügelt hatte, und die dicke Köchin, die den kleinen Kindern mit Vorliebe auf die Finger hieb, wenn sie eine Portion mehr des Abendessens verlangten. Letztere war bereits bewusstlos. Die anderen sahen ihn mit angsterfüllten Blicken an. Trotz der Knebel verstand Kyle, dass sie ihn darum anflehten, sie zu befreien. Seine Lungen drängten ihn zu Husten und sprengten die Ketten, die ihn gelähmt hatten. Vor seinen Augen flimmerte es, als er hinter sich tastete und die Tür endlich schloss. Auch er spürte den Hass, der wie Gift aus seinen Erinnerungen sickerte und den Felsen zum Bersten brachte, mit dem er sie weggesperrt hatte. Aber er kannte ihn, den Hass. Er hatte ihn schon einmal dazu verleitet, jemanden zu töten – und einfach davonzulaufen.
Alles in ihm sträubte sich diesem Abschaum zu helfen. Sie hatten es alle verdient, hier liegen zu bleiben und zu ersticken. Trotzdem konnte er das nicht tun. Mit dem Ellenbogen schlug Kyle das Glas eines großen Spiegelschranks ein, zog eines der Laken vom Bett und hob eine der Scherben auf. Er schnitt das Seil an den Händen eines der zwei Männer durch, die er nicht kannte. Dann warf er den Splitter vor dessen Füße. „Befreit die anderen“, brachte er hervor. Sein Hals war so rau wie die Flammen heiß und er wandte sich ab. Hinter ihm heulte die Schafherr auf, doch weder ihr Mann noch Sananka waren hier.
Kyle sah nicht zurück und unterdrückte den Husten, bis er auf der Treppe war. Diesen Menschen war er nichts schuldig. Er war nicht gekommen, um Abschaum zu retten. Aber er würde Sananka nicht noch einmal im Stich lassen.

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Heimsuchung, Kapitel 12: Ermittlungserfolg

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Mit wenig Hoffnung betrat Kyle das Haus des letzten Opfers, Pelas Porträt in einer Mappe unter dem Arm. Er hatte alle Zeugen der Reihe nach aufgesucht, doch niemand hatte den Geist mit dem Portrait in Verbindung bringen können. Jetzt klopfte Kyle an der Wohnung der Mutter mit dem Säugling. Es kam keine Antwort. Noch einmal klopfte Kyle und seufzte resignierend.
„Die sind weg“, sagte jemand von oben. Auf der Treppe saß der Junge, den Kyle in der vorherigen Nacht ebenfalls befragt hatte. Ren war sein Name, wenn Kyle sich nicht irrte. Auch er stand auf der Zeugenliste. „Wann kommen sie zurück?“, fragte Kyle, aber Ren hob die Schultern. „Ma sagt, die kommen nicht wieder.“
Kyle runzelte die Stirn. Das musste er notieren und er war sich sicher, Hauptfrau Gonner würde das nicht gefallen. Gedanklich hakte er die Familie Ehrenhart als Zeugen ab und wandte sich an den Jungen: „Ist deine Mutter da?“
Ren schüttelte den Kopf. „Ne, Ma ist noch in der Wäscherei. Seit Pa tot ist und wir hier wohnen, passt Großpa auf uns auf“
Kyle unterdrückte den Drang, zu fluchen, und knirschte stattdessen mit den Zähnen. Rens Großvater war halb blind. Er würde Pela wohl kaum identifizieren können. Der Junge allerdings … Kyle zog das Porträt aus der Tasche und zeigte es ihm. „Hast du diese Frau vielleicht schon mal gesehen?“
Ren sah das Bild an und strahlte plötzlich. „Das ist der stumme Geist! Sie war vor dem Fenster, als wir gefeiert haben. Ich wollte sie Ma zeigen, aber sie hat mir nicht geglaubt.“
Wie schwer das auf ihm gelastet hatte, bemerkte Kyle erst, als das Gewicht davonflog. „Wirklich?“, fragte Kyle und Ren nickte. Kyle hatte nicht damit gerechnet, jemanden zu finden, der Pela identifizieren konnte. Sananka würde es nicht tun, das hatte er ihr angesehen. Leider war er sich sicher, früher oder später würde er in diesem Fall trotzdem wieder über sie stolpern.
„Glaubst du mir denn?“, wollte Ren wissen.
Unwillkürlich lächelte Kyle den Jungen an. „Ja.“ Aber eines an dem, was er erzählt hatte, war absonderlich: „Der Geist ist stumm?“
Ren nickte eifrig. „Sie hat was gesagt, aber ich habe nichts gehört.“
Es war ein kurzer Flug, denn nun erdrückte Schwermut die Erleichterung und setzte sich noch viel schwerer auf seine Schultern. Sananka hatte das gewusst.
Kyle schluckte den bitteren Geschmack auf der Zunge hinunter und sah die Treppe hinauf, zu der Wohnung, in der die Familie Hant lebte. „Wärst du auch bereit, mit zur Wache zu kommen und da eine offizielle Aussage zu machen?“
Zwar sah Ren ihn mit wachen Augen an, doch Kyle merkte, dass er nicht ganz verstanden haben konnte, worum er ihn gebeten hatte. „Würdest du den Gardisten von dem stummen Geist erzählen?“
Eifrig nickte der Junge, sprang auf und lief schon an Kyle vorbei zur Haustür, aber Kyle hielt ihn zurück. „Wir sollten besser deinem Großvater Bescheid sagen, bevor wir gehen.“

Rens Befragung übernahm Hauptfrau Gonner. Kyle wunderte sich, wie gut sie mit Kindern umgehen konnte. Ob sie selbst welche hatte? Ihre Nase deutete eher darauf hin, dass sie, seit dieser Fall begonnen hatte, mehr Zeit nach der Arbeit als zuvor mit Bier oder Wein verbrachte. Dennoch war sie eine vorbildliche Vorgesetzte. Kyle protokollierte Rens Aussage so ordentlich er es vermochte, und brachte ihn anschließend nach Hause.
Es war bereits dunkel, als er wieder auf die Westwache zurückkehrte. Inspektor zu Lerenzen war ebenfalls eingetroffen und Kyle wurde zu ihnen in einen der Verhörräume geschickt.
„Da ist er ja, der junge Herr Junghaus“, begrüßte ihn der Magierinspektor und schüttelte ihm dabei kräftig die Hand. „Der Fall ist gelöst, dank deiner tatkräftigen Hilfe.“
Kyle den Inspektor verständnislos an. Wie konnte der Fall gelöst sein, wenn Pela noch immer in der Stadt herumgeisterte?
Doch Hauptfrau Gonner verdrehte die Augen und klopfte ihm auf die Schulter. „Was er sagen will, ist: Innerhalb von ein paar Tagen wird der Geist verbannt werden. Dadurch, dass er identifiziert wurde, kann die Magiergarde die nötigen Informationen einholen, die sie für den Bannzauber brauchen. Pela Junghaus wird nicht mehr lange spuken. Und du hast dabei sehr gute Arbeit geleistet.“
Einerseits fühlte sich Kyle erleichtert, andererseits wusste er nicht, was er davon halten sollte. „Die Magiergarde wird also den Rest übernehmen?“
Die Hauptfrau nickte. „Die Stadtgarde bleibt involviert, um zu verhindern, dass noch ein Mord geschieht, doch du hast uns genug unterstützt. Ab morgen wirst du wieder am Unterricht in der Akademie teilnehmen. Aber ich freue mich darauf, dich am nächsten Mitteltag wiederzusehen.“
Kyle sah zwischen den beiden hin und her. Sie brauchten seine Unterstützung demnach nicht mehr. Diese Erkenntnis ließ eine kleine Blase platzen, aus der Ernüchterung sickerte. Trotz der lästigen Schreibareit war es eine weit sinnvollere Aufgabe bei dem Fall zu helfen, anstatt in der Gardeakademie die ewig gleichen Übungen zu wiederholen. Was sollte er dort noch lernen? Er war der Beste in den Kampfübungen, vor allem mit dem Schwert. Er wusste über die Stadt bescheid, kannte ihre Schwachpunkte und wollte endlich die Menschen beschützen, die in ihr lebten. Dennoch musste er zurück an die Akademie – bis zum nächsten Frühjahr, wenn die Prüfungen stattfanden. Bis dahin gab es nur den Mitteltag, um richtige Arbeit zu leisten. Dabei gab es so vieles, was nicht geklärt war. „Was ist mit Dennet Schafherr?“
Während Inspektor zu Lerenzen die Stirn runzelte, verschränkte die Hauptfrau die Arme und seufzte. „Selbst wenn er Schuld an der Geistererscheinung haben sollte, hat er sie nur indirekt.“ Kyle meinte, Mitleid in ihren Augen zu erkennen. „Dafür kann er nicht belangt werden.“
„Warum sollte er auch?“, mischte sich der Magierinspektor ein und sah von Hauptfrau Gonner zu Kyle. „Das Junghaus Waisenhaus geniest einen guten Ruf. Es wird sogar von namhaften Edelleuten unterstützt. Ich denke nicht, dass Dennet Schafherr mit diesen Anschuldigungen etwas zu tun hat.“
„Tja, Andree, ich würde ermitteln“, sagte Hauptfrau Gonner und sah Kyle bei den nächsten Worten direkt an. „Aber ich habe keinen Fall.“
Kyle war klar, was sie andeuten wollte. Hätte sie jemanden, der glaubhafte Beschuldigungen vorbringen könnte, wäre sie in der Lage aufzudecken, was dort vor sich ging. Und sie wusste, dass Kyle ihr die nötigen Informationen liefern könnte. Anstatt ihn jedoch zu drängen, fügte sie nach einer Pause hinzu: „Vielleicht ergibt sich irgendwann die Gelegenheit dazu. Aber jetzt, Kyle, darfst du gehen. Du bist von deinem Sonderdienst entbunden. Wir sehen uns am Mitteltag.“
Ohne es zu wollen, starrte Kyle die Hauptfrau an und biss die Zähne zusammen. Da gab es etwas, von dem er gehofft hatte, es herauszufinden. Doch er konnte Hauptfrau Gonner nicht direkt fragen. Wie auch? Sie wusste nicht von Sananka. Entschlossen trat er einen Schritt vor. „Mam, ich bitte darum, bis zur kompletten Aufklärung der Geistersache involviert zu bleiben.“
„Kyle, die Ermittlungen sind abgeschlossen.“
„Es fehlen immer noch die Informationen, weswegen Pela in die Anstalt gelangt ist und zur Geistererscheinung wurde.“
Die Hauptfrau schüttelte den Kopf. „Ich darf dich nicht in diese Recherchen involvieren. Du kanntest Pela Junghaus. Und es ist nicht vorgesehen, dass die Prüflinge die Magiergarde unterstützen.“
„Mam“, protestierte Kyle, doch die Hauptfrau schnitt ihm das Wort ab: „Nein, Kyle, keine Ausnahmen.“ Sie erhob sich und machte unmissverständlich, dass die Diskussion beendet war. „Am nächsten Mitteltag werde ich dich in den nächsten Fall einführen. Ich verstehe dein Interesse daran gut, aber es gibt genügend wichtige Fälle, Kyle.“ Ein bitteres Lächeln lag auf ihren Lippen und sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich werde dich über den Fortgang unterrichten. Und jetzt: wegtreten, Kyle!“
Kyle zögerte, eher er nickte. Sein Blick streifte den Inspektor, als er die Hacken zusammenschlug und den Rücken durchstreckte. Mit vielen Fragen in seinem Kopf verabschiedete er sich. Was, wenn Sananka in die Schusslinie geriet?
Als er die Tür öffnete, meldete sich Inspektor zu Lerenzen noch einmal zu Wort: „Ach ja, ein gut gemeinter Rat: Arbeite an deinem Schriftbild.“
Kyle warf dem Magierinspektor einen Blick zu und murmelte einen Dank. Aber der Ärger, der in seinem Inneren jedes Mal wütender die Fäuste schwang, wenn das zur Sprache kam, meldete sich nicht. Er wurde von der Befürchtung übertönt, die beständig behauptete, Sananka sei Schuld an Pelas Zustand.

 

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Heimsuchung, Kapitel 10: Gewissheit

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Inspektor Andree zu Lerenzen ließ auf sich warten. Wie befohlen war Kyle zur Westwache gelaufen und hatte Verstärkung angefordert. Dass er völlig verschwitzt dort ankam, wunderte allerdings niemanden. Auch auf der Wache war viel los und nur zwei Gardisten wurden zu dem neuen Tatort geschickt. Kyle musste den Magierinspektor selbst benachrichtigen. Jetzt stand er vor dessen Haus und wartete. Die Ungeduld zerrte an ihm. Die Toten würden nicht weglaufen, aber Kyle wusste, dass magische Spuren irgendwann verschwanden; sicherlich auch die von Geistern. Er wusste, er sollte den richtigen Moment abwarten, doch er musste herausfinden, ob Sananka die Wahrheit gesagt hatte.
Endlich, nach einer schier endlosen Wartezeit, trat Inspektor zu Lerenzen aus der Tür. Trotz der langen Zeit, die Kyle hatte warten lassen, sah er aus, als sei er gerade aus dem Bett gestiegen. Das Hemd unter seinem Magiermantel war zerknittert und seine Haare hatte er ebenfalls nicht gekämmt. „Du bist der Neue, der Gardeschüler mit der undeutlichen Schrift, richtig?“ Eine Bestätigung wollte er wohl gar nicht haben. „Lilly hält große Stücke auf dich. Was ich, um ehrlich zu sein, nicht ganz verstehen kann.“
Bevor er weitersprechen konnte, fuhr eine Kutsche auf den weiten Hof und er forderte Kyle auf, einzusteigen. Der behäbige Magier folgte, ließ sich nieder und kam erst jetzt auf die Idee, seine weißen Haare zu ordnen. Als die Kutsche los rollte, sah er Kyle durchdringend an. „Lilly sagt, du hast einen scharfen Verstand.“
Kyle wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Doch er witterte die Gelegenheit, ihm genau jetzt Fragen zu stellen. „Wisst ihr mittlerweile mehr über diese Magie?“
„Ah, sieh an. Und du kommst gleich zum Punkt.“ Inspektor zu Lerenzen lächelte schmal und nickte. „Ich weiß nur, dass es eine ungewöhnliche Magie ist. Sie entstammt nicht einem lebenden Geschöpf.“
Also war Inspektor zu Lerenzen der Theorie bereits auf der Spur. „Dann könnte es ein Geist sein?“, hakte Kyle nach und erntete einen skeptischen Blick aus zusammengekniffenen Augen.
„Nun, das wäre möglich.“ Der Magierinspektor fuhr sich über den kurzen Bart. „Eine Heimsuchung dieser Art geschieht jedoch nicht sehr oft. Das hängt mit dem magischen Potential zusammen. Ohne Magie kein Geist.“
„Jemand könnte einen Geist beschworen haben?“ Kyle runzelte die Stirn.
Der Inspektor schob einen der Vorhänge beiseite und warf einen Blick aus dem Fenster. Die Kutsche verließ das Viertel der Elehi und bog gerade in die Hauptstraße ein. So würden sie direkt auf dem Wagenweg in Düsterturm treffen.
„Ich versuche, es dir zu verdeutlichen“, wandte sich der Magierinspektor wieder an Kyle. „Es gibt mehr Magie, als viele wissen. Ausgebildete Magier wie ich sind nur diejenigen, die aus einem gleißenden Potential schöpfen können, aber viele Menschen tragen einen Funken in sich. Geister können somit von Magiekundigen beschworen werden oder die Person, die zu eine Geist wird, hatte ein ungenutztes Potential, das hell genug war, die Seele nach dem Tod hier festzuhalten. Zumeist sind es starke Obsessionen oder auch Traumata, die dazu führen.“
Magisches Potential, ein Funke Magie. Kyle verstand, was passiert sein musste; so klar, dass sich die Härchen an seinen Armen aufstellten. Er wusste, was Pela im Weisenhaus zugestoßen war und was sie in den Wahnsinn getrieben hatte – oder besser wer. Wenn sie also diesen magischen Funken gehabt hatte … Kyle führte den Gedanken nicht zu Ende und fragte stattdessen: „Wie halten wir sie auf?“
“Sie?“ Der Inspektor verengte die Augen und musterte Kyle eindringlich. „Gibt es neue Erkenntnisse, die du versäumt hast, mir mitzuteilen?“
Im ersten Moment wollte Kyle lügen und behaupten, eine der Zeuginnen, die er befragt hatte, hätte von einer Geisterfrau gesprochen. Doch spätestens wenn Inspektor zu Lerenzen die Aufzeichnungen durchging, würde die Lüge entlarvt. Die Vermutung des Jungen hatte er nicht notiert.
“Na?“, hakte der Inspektor nach.
Kyle seufzte. „Eine der Schaulustigen sagte mir, sie hätte einen Geist gesehen – als ich heute Verstärkung holen ging. Sie hat nicht gesagt, wie sie heißt, und ich hatte kein Schreibbrett dabei.“ Kyle zwang sich, statt seiner Hände sein Gegenüber anzusehen. “Ich sagte ihr, sie soll sich auf der Westwache melden“, fügte Kyle hinzu und der Magierinspektor nickte.
„Ich hoffe, sie wird ihre Aussage offiziell vorbringen. Ohne es in einem Protokoll festgehalten zu haben, könnte der Punkt schwierig zu bestätigen sein. Dennoch werde ich die Magie auf eine mögliche Geistererscheinung prüfen.“ Der Inspektor sah nachdenklich aus dem Fenster und begann weiter über die Feinheiten von Geisterbeschwörungen und den Analysen von magischen Spuren speziell zu Geistern zu dozieren. Kyles Frage ließ er unbeantwortet. Aber Kyle hörte ohnehin nicht mehr hin. Warum nur schützte er Sananka? In seinem Inneren keimte dieser Zweifel. Er war nur so dünn, wie ein Grashalm, doch er hatte Wurzeln geschlagen. Kyle fürchtete, Sananka war nicht nur Schneidergesellin. Und er fürchtete, sie steckte tiefer in dem Geschehen drin, als ihm bewusst war.
Dann sagte der Inspektor etwas, das Kyles Aufmerksamkeit an sich riss. „Entschuldigt, was war das?“
Kaum hatte Kyle nachgehakt, wurde die Stimme des Magierinspektors tadelnd. „Lilly mag große Stücke auf dich halten. Mir jedoch bist zu mit zu wenig Ernst bei der Sache.“
“Entschuldigung, Sir“, tat Kyle der Höflichkeit genüge und sah den Inspektor wartend an. Dieser wirkte zwar nicht zufrieden, aber Kyle nahm an, dass er sich selbst gerne reden hörte. „Ich sagte: Im Falle, dass es sich um einen natürlichen Geist handelt, ist es unabdingbar herauszufinden, wessen Seele Eredenthor heimsucht und was ihn quält. Darauf aufbauend können die Gardemagier einen Bannzauber erarbeiten. Andernfalls müssten wir den Geisterbeschwörer ausfindig machen und davon ausgehen, dass bis dahin weitere gefährliche Geisterscheinungen in der Stadt spuken und Menschen zu grausamen Taten treiben.“
Kyle nickte. Wenn Sananka recht hatte, würde sich dieser Auftrag erledigen, sobald sie wussten, wer Pela war und was ihren Verstand zerbrochen hatte. Doch Kyle konnte dem Magierinspektor nicht von dem Waisenhaus erzählen. Die Wunden sollten verschlossen bleiben, der Felsen darüber sollte sich keinen Millimeter mehr bewegen. Er brauchte eine andere Möglichkeit, Inspektor zu Lerenzen auf die richtige Spur bringen, ohne seine eigene Vergangenheit auszubreiten. „Was ist mit der Toten aus der Anstalt? Könnte sie nicht der Geist sein?“
“Jemand aus dem Sanatorium meinst du?“
Kyles Zunge wollte die nächsten Worte lieber verschlucken, als auszusprechen. „Pela Junghaus. Sie hat sich ein paar Tage, bevor der erste Übergriff stattfand das Leben genommen. Ihr Bild hing auf der Westwache.“
“Junghaus sagst du?“ Kyle mochte nicht, wie der Inspektor ihn ansah. Seine verengten Augen hatten etwas lauerndes. „Du heißt doch auch Junghaus, nicht? Warst du mit ihr etwa verwandt?“
Kyle schüttelte heftig den Kopf. „Sie kam aus dem Junghaus-Waisenhaus.“
“Wie du ebenfalls“, stellte er fest. Zu Kyles Erleichterung ging er nicht darauf ein. „Junge, vielleicht hast du uns da einen wertvollen Hinweis geliefert!“ Die Kutsche hielt und er sah hinaus. „Wir sind da.“

Der Morgen war bereits angebrochen, als Kyle endlich die Abschrift des Protokolls fertig hatte. Müde und verärgert über diese Strafmaßnahme von Seiten Hauptfrau Gonners händigte er ihr die Akte aus. Sie musste merken, wie verkrampft seien Finger waren, doch sie bedankte sich lediglich. Ohne einen Blick hineinzuwerfen, legte sie die Mappe beiseite und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Sie verschränkte die Arme, und sah ihn ernst an. „Ich möchte noch mit dir reden, Kyle. Bitte schließ die Tür und setz dich.“
Plötzlich wurde Kyle flau im Magen. Er war froh, dass er sich zunächst abwenden konnte und sie nicht sah, wie er resignierend die Augen schloss. Warum hatte er sich nur in diesen Fall verwickeln lassen? Ergeben nahm er sich einen Hocker und stellte ihn vor den Schreibtisch der Hauptfrau. Die anderen Tische der Schreibstube waren zwar vollbepackt mit Akten, aber niemand außer ihnen war hier.
„Kyle, Inspektor zu Lerenzen hat mir berichtet, du hättest die Vermutung geäußert, es könnte sich bei dem Täter um einen Geist handeln“, eröffnete sie. „Er sagte auch, du hättest die Theorie, der Geist könnte diese Pela Junghaus sein, die du identifiziert hast. Wie kommst du darauf?“
„Es wäre naheliegend“, begann Kyle schleppend. Er versuchte fieberhaft, eine vernünftige Erklärung zu finden und gleichzeitig zu sprechen, doch das fiel ihm schwer. Um Zeit zu gewinnen erläuterte er knapp, was er auch dem Inspektor bereits bezüglich Sanankas Information gesagt hatte. „Pela hat eine Zeit in der Anstalt verbracht und, nun, sie starb kurz zuvor“, schloss er mit einem vagen Schulterzucken.
„Sicher, aber es gab mehrere Tote zwischen ihrem und dem ersten gemeldeten Vorfall.“
„Auch in Düsterturm?“
„Deine Geistertheorie hat Inspektor zu Lerenzen bereits bestätigt.“ Die Hauptfrau lehnte sich nach vorne und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. „Ich verstehe, dass du mir vielleicht nicht sagen willst, wie gut du Pela Junghaus kanntest und ob ihr eine gemeinsame Vergangenheit habt. Wegen deines Hinweises habe ich jemanden ins Junghaus Waisenhaus geschickt. Dennet Schafherr, der Leiter, behauptete, er erinnere sich nicht an alle. Aber Pela habe er in Erinnerung.“
Kyle konnte sich über diese Worte ein bitteres Lächeln nicht verkneifen.
„Er habe so viele Waise und versuche sie zu pflegen und als Lehrlinge unterzubringen“, fuhr die Hauptfrau fort. „Manche fänden die Disziplin im Waisenhaus so schrecklich, dass sie flöhen und es auf eigene Faust versuchten – wie Pela.“
Pela und wegelaufen? Das konnte sich Kyle nicht vorstellen und so schüttelte er den Kopf. Sie hatte Privilegien gehabt und sie hatte damit vor den anderen Kindern angegeben. Was aber mit ihr passiert war, wusste Kyle nicht.
„Was denkst du darüber?“
Kyle sah die Hauptfrau überrascht an.
„Ich denke er lügt“, fuhr sie fort, als Kyle nicht antwortete. „Aber ich denke auch, er hat sie nicht in den Wahnsinn getrieben, denn sie hatte das Waisenhaus bereits vor Jahren verlassen.“
Kyle spürte, wie sie versuchte, seine Reaktion zu durchschauen. Ihm wurde bewusst, dass er die Hände zu Fäusten geballt und den Schreibtisch betrachtete. Abrupt hob er den Blick und zwang sich, die Hauptfrau anzusehen. Ihre rote Nase war dunkler als noch vor ein paar Wochen.
„Du weißt nicht zufällig, wohin Pela damals verschwunden ist?“
Kyle schüttelte den Kopf. „Nein.“ Seine Stimme war rau. Er kam sich wie in einem Verhör vor. „Ich weiß nicht, wo sie war.“
Auch, wenn er nicht weiter sprach, schien Hauptfrau Gonner zu wissen, was er hatte sagen wollen. „Aber du glaubst, Dennet Schafherr weiß es.“ Jetzt stand sie auf und ging um den Schreibtisch herum. „Dann werde ich ihm persönlich einen Besuch abstatten. Er wird schon reden.“ Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Ich möchte, dass du dir heute Mittag die Zeugen erneut vornimmst und ihnen das Bild von Pela zeigst. Vielleicht kann einer von ihnen sie identifizieren. Irgendjemand muss sie gesehen haben. Dann würden wir nicht auf gut Glück in diese Richtung ermitteln.“
„Aye, Mam“, sagte Kyle mit trockenem Mund. Damit wurde er entlassen und machte sich auf den Weg zurück zur Gardeakademie. Er sollte sich ausruhen und doch bezweifelte Kyle, dass er schlafen konnte. Das erste Mal wusste er die Einzelzimmer, die die Prüflinge zugeteilt bekamen, zu schätzen. So sah ihn niemand weinen.

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Heimsuchung, Kapitel 9: Zeugen

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Erneut befand sich Kyle mit einem Schreibbrett in der Hand bei einem Tatort. Es war der dritte Mord. In den letzten Nächten war eine Schlägerei gemeldet worden, doch bei keinem der Beteiligten hatte Inspektor zu Lerenzen magische Spuren entdecken können. Jetzt war eine weitere Frau ermordet worden. Die Täterin war eine Nachbarin. Zitternd und blutbeschmiert stand diese vor Hauptfrau Gonner und stammelte etwas von Tanzmusik und Beschwerde. Aber die Worte gingen zunehmend im Stimmengewirr der Gäste unter, die mit der Erschlagenen gefeiert hatten. Es schien, als sei die gesamte Familie der Toten anwesend und habe sich in den drei Zimmern der Wohnung verschanzt. Dazu kam eine Frau mitsamt ihres unablässig schreienden Säuglings, die offensichtlich zu der Täterin gehörte. Auch wenn sich die ganze Schar in den Nebenzimmern aufhielt, die Türen waren weit geöffnet. Die neugierigen Bewohner des Hauses, die sich auf dem Flur drängten und die lautstark von Drodt fortgeschickt wurden, krönten die herrschende Unruhe.
Auf einen Wink von Hauptfrau Gonner trat Kyle mit ihr ein paar Schritte von der Täterin fort. „Kyle, nimm die Aussage der Mütter und Kinder auf, damit sie gehen können.“ Sie deutete auf den Nebenraum, wo ein zweiter Wachmann die Zeugen im Auge behielt. Die Hauptfrau verschränkte die Arme und sah zu der Täterin. „Frau Hant muss in der Wache vernommen werden, sie ist jetzt zu verwirrt. Wenn du fertig bist, gehst du zur Westwache und holst Verstärkung. Und sie sollen den Inspektor aus dem Bett holen.“
Kyle nickte und ging zu den Augenzeugen. Doch der Versuch, dort die Aussagen aufzunehmen, scheiterte kläglich. Zum Glück gab es in der Familie des Opfers nur eine Frau mit zwei Kindern. Sie brachte kaum ein Wort heraus, so sehr war sie damit beschäftigt, den kleineren der Jungen zu beruhigen. Er weinte nicht, aber er jammerte in einem fort. So nahm Kyle zuerst den älteren Jungen beiseite. Ren, wie er sagte.
„Es hat ziemlich heftig geklopft und Großma ist dann zur Tür gegangen“, berichtete er aufgeregt. „Sie hat aufgemacht und ich habe mit Willi gespielt. Dann hat meine Großma geschrien und da war plötzlich überall Blut, aber meine Ma hat mich da weggeholt und Onkel Aden ist hin, um Großma zu helfen, aber dann war sie schon tot.“ Wenige Worte notierte Kyle zu der Aussage. Er sprach, als ginge es um nicht anderes als einen verlorenen Geldbeutel, statt den Tod seiner Großmutter.
Abschätzend sah Kyle Ren an. „Und wie alt bist du?“
„Sechs.“
Kyle vermerkte auch das hinter dem Namen. „Wartest du hier bitte, solange ich mit deiner Mutter spreche?“ Der Junge nickte eifrig und Kyle wandte sich der Frau mit dem zweiten Kind auf dem Arm zu. Der Kleine weinte jetzt heftig und vergrub sein Gesicht an ihrer Schulter. Seine Mutter schniefte ebenfalls, aber in ihrer Stimme lag Wut. „Ganye hat sie erschlagen, ohne Vorwarnung!“ Unaufhörlich streichelte sie dabei den Kopf des Jungen.
Auf so etwas wurden sie in der Akademie nicht vorbereitet. Kyle wusste nicht, wie er der Frau helfen konnte. Also mahnte er sich selbst, ruhig zu bleiben, und stellte weiterhin Fragen. Es dauerte eine Weile, bis er herausgefunden hatte, dass es eine Verlobungsfeier gewesen war. Die Zeugin hatte sich mit ihrer Tante unterhalten, als der Mord passierte. „Zuerst lässt mich mein Jorne alleine und jetzt folgt ihm auch noch Irna“, schluchzte sie zuletzt und brach in Tränen aus.
Kyle sah die beiden unschlüssig an und war sich sicher, dass er hier nicht mehr erfahren würde. Der Kleine mochte laufen können, doch sicher hatte er noch weniger von dem Geschehen begriffen, als sein Bruder. Der kam nun wieder dazu und legte seiner Mutter traurig eine Hand auf den Arm.
Einen Blick zu Hauptfrau Gonner eröffnete Kyle, dass sie zu beschäftigt war, um ihm auszuhelfen. Also entschied er selbst: „Gut, Ihr und Eure Kinder könnt gehen“, sagte er der Zeugin in einem Moment, in dem sie etwas bei sich zu sein schien. „Die Stadtgarde wird sich bei Euch melden, sollten sich noch weitere Fragen ergeben.“
Die Frau nickte und drückte den Jungen fest an sich. Kyle sah sich nach der zweiten Mutter mit ihrem Säugling um. „Ma, da ist jemand draußen am Fenster!“, krähte da der Sechsjährige neben ihm.
Alarmiert folgte Kyle Rens Fingerzeig und trat hinüber. Die Nacht war schwül, der Fensterladen war geöffnet. Doch bis auf einen Schimmer blaues Mondlicht entdeckte Kyle nichts. Einen dunklen Hof, eingekeilt zwischen Häusern lag zwei Stockwerke unter ihm. Von hier konnte er über die Dächer der Stadt sehen, bis hin zum Düsterturm. In den meisten Stuben brannte noch Licht. Die unkontrollierte Mordserie ließen nun wohl niemanden schlafen. Aber was immer dem Jungen aufgefallen war, es war fort.
„Da war jemand.“ Kyle zuckte zusammen, als Ren an seinem Ärmel zog und auf das Dach nebenan zeigte. „Jemand ganz Schwarzes. Ich habe nur die Augen gesehen.“
„Bist du sicher?“
Ren nickte eifrig. „War das ein Mensch?“
„Was sollte es sonst gewesen sein?“, fragt Kyle verblüfft und sah Ren an.
Der Junge schaute mit klaren Augen zurück. „Na, ein Geist natürlich.“
„Wie kommst du darauf, dass es ein Geist war?“
Ren deutete auf ein schmales Regal, in dem ein paar zerfledderte Bücher standen. „Großma hat mir Geistergeschichten vorgelesen. Die von dem stummen Geist im Moor.“
Kyle betrachtete den Schrank, dann Ren und seufzte innerlich. „Danke, Ren“, sagte er und drehte ihn zu seiner Mutter hin. „Jetzt hilf deiner Mutter, damit ihr alle nach Hause gehen könnt, ja?“
Ren machte ein langes Gesicht. Doch seine Mutter erhob sich von ihrem Stuhl und offensichtlich zog er es vor, nicht alleine hierzubleiben. Kyle schaute ein letztes Mal aus dem Fenster. Der Silbermond verbarg sich hinter Wolken, nur der blaue Mond beschien die Dächer und einen schmalen Streifen des Innenhofs. Es war nicht unwahrscheinlich, dass der Junge wirklich etwas gesehen hatte. Aber was? Seufzend wandte sich Kyle der zweiten Mutter mit ihrem Neugeborenen zu.
Auch diese Vernehmung zog sich unendlich lang und brachte keinen neuen Erkenntnisse. Obwohl sich die Stube allmählich leerte, dröhnte Kyle mittlerweile der Schädel. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, doch es gelang ihm nicht. Er klopfte mit dem Stift auf das Brett, während die Frau erzählte, und war froh, als er das letzte Wort geschrieben hatte. Dann bat er sie zu warten und informierte Hautfrau Gonner.
Diese warf einen Blick auf die Aufzeichnungen und runzelte die Stirn. „Kyle, selbst ich kann das kaum entziffern. Ich weiß, hier ist viel los, aber beim Festhalten der Aussagen musst du dir deutlich mehr Mühe geben.“ Sie sah ihn tadelnd an. „Du wirst dich später in der Wache hinsetzen und es ordentlich abschreiben.“
Kyle spürte, wie es in seinem Bauch brodelte. Dieser Mord, dieser Abend war der Frustrierendeste, den er bei der Garde bisher erlebt hatte. „Aye, Mam!“, sagte Kyle und zwang sich, zu abzuwarten, bis sie ihn endlich fortschickte. Er wollte mehr tun als nur die verdammte Schreibarbeit.
„Na schön, jetzt bring …“ Sie versuchte den Namen der Frau mit dem Neugeborenen auf dem Papier zu lesen und fluchte, als es ihr nicht gelang. „Wie-auch-immer-sie-heißt mit ihrem Kind nach unten. Nicht, dass ihr die Leute vor der Tür noch den Kopf abreißen.“
Kyle tat, wie geheißen und begleitete die Mutter und Säugling hinaus. Im Hausflur tummelten sich viele Menschen, verärgerte und neugierige Nachbarn. Drodt, der noch immer vor der Tür stand, ließ sie durch und machte gleichzeitig mit barschen Worten klar, dass die Zeugin nicht zu behelligen war. Dennoch musste Kyle auf der Treppe einen Mann zurechtweisen, sie nicht anzufassen.
Erst, als sie hinter der Tür ihrer eigenen Wohnung verschwand und Kyle ein Schloss einrasten hörte, löste sich seine Anspannung. Mit weiten Schritten verließ er das Gebäude. Auch hier lungerten Gaffer herum und einer davon stach Kyle sofort ins Auge: Sananka. Sie lehnte gegenüber an der Wand, hatte die Arme verschränkt und sah ihm entgegen.
Ohne es zu wollen, entlud sich sein Ärger direkt in seiner Stimme: „Was hast du hier zu suchen?“
Sie zuckte ungerührt mit den Schultern und sah zu den erleuchteten Fenstern hinauf. „Naja, ich bin zufällig hier vorbeigekommen und dachte ich schau mal, was hier los ist.“
„Das hier geht dich nichts an! Genau, wie all die anderen, die hier herumlungern.“
„Ach was.“ Sananka verdrehte die Augen. „Eigentlich hatte ich vor, dir eine Information zu geben, die dich bei diesen Übergriffen sicherlich ins Grübeln bringen wird. Aber wenn du nicht willst.“
Kyle ballte die Hände zu Fäusten. Was konnte sie schon wissen? Sie lungerte noch immer nachts in den Straßen der Stadt herum, obwohl sie es nicht mehr nötig hatte. Sie tat es immer als Gewohnheit ab, doch Kyle war sich mittlerweile sicher, da steckte anderes dahinter. Aus welchem Grund sollte er sie sonst so oft an den Tatorten entdecken? Kyle atmete er tief durch und ließ das Brodeln in seinem Bauch abschwellen, um wenigstens vernünftig mit ihr zu reden. Danach würde er zügig zur Wache laufen und damit all den Ärger loswerden. „Na gut“, sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Was weißt du?“
Sie sah ihn lange an und Kyle war sich nicht sicher, ob sie überlegte, oder ob es ihr letztlich so schwer über die Lippen ging: „Es ist Pela.“
Kyle verstand nicht, aber ehe er nachfragen konnte, fuhr Sananka fort. „Der Geist ist Pela. Ich habe sie gesehen, Kyle, bevor sie in das Haus eingedrungen ist.“
Im ersten Moment wusste Kyle nicht, wovon sie sprach. Doch hatte der Jungen eben nicht ebenfalls von einem Geist gesprochen? „Bist du sicher, dass es ein Geist ist?“ Noch während er die Frage stellte, fing die Wut in seinem Magen an, kühler zu werden. Mit Sanankas Nicken brannte sie plötzlich wie Feuer und war trotzdem kalt wie Eis.
„Sie hat mich direkt angesehen, Kyle“, sagte Sananka. „Und sie hat durch mich hindurchgesehen als wäre ich nicht da.“
Irrte er sich oder lag Bitterkeit in ihren Worten? Kyle sah sie unschlüssig an. „Was hat das zu bedeuten?“
„Woher soll ich das wissen?“ Sananka schüttelte heftig die blonden Locken und hob in einer hilflosen Geste die Hände. „Du bist doch der angehende Gardist. Finde raus, was das zu bedeuten hat.“
Mehr hatte sie nicht zu sagen. Sie verabschiedete sich nicht mal, als sie sich umdrehte und davonging. Aber Kyle wusste, was er zu tun hatte: Er musste mit Inspektor zu Lerenzen sprechen.

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Heimsuchung, Kapitel 6: Mord

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Kyle war nicht glücklich. Er saß an einem Schreibtisch, den man für ihn frei geräumt hatte, bestückt mit drei verschiedenen Mappen. Hauptfrau Gonner hatte ihn beauftragt, die Akten durchzugehen, anstatt sich einer der Patrouillen anzuschließen. „Junge, du warst bei dem ersten Fall dabei.“, hatte sie gesagt, „Es gab zwei weitere, in zwei Nächten nacheinander. Da kannst du was lernen.“ Zwar hatte sie auch durchblicken lassen, dass sie sehen wollte, wie viel Scharfsinn er besaß, diese Aufgabe war Kyle dennoch ein Graus. Die erste Akte hatte er gar nicht mehr angeschaut. Er erinnerte sich daran, was er selbst geschrieben hatte. Die zweite Akte lag nun geöffnet vor ihm und er starrte darauf. Die Schrift war gut leserlich, als hätte es jemand mit viel Übung verfasst. Vielleicht gab es hier in der Westwache extra einen Schreiber für die Protokolle?
Mit einem Kopfschütteln vertrieb Kyle sämtliche unsinnige Fragen und konzentrierte sich.

Bericht: Tätlicher Angriff, 2. Laubmond 1136 DF.
Tatort: Weststadt Düsterturm, Wagenweg.
Beteiligte: Frau Sabia Kenner, Herr Hedrin Kenner.
Die Betroffenen waren nach eigener Aussage gegen Mitternacht von Verwandten auf dem Weg nachhause. Ohne Vorwarnung schlug Frau Kenner auf ihren Gatten ein und bezeichnete ihn als Abschaum und blutsaugendes Dämonengezücht. Herr Kenner gab zu, zuvor mit seiner Frau gestritten zu haben. Frau Kenner bestätigt einen Streit, behauptet aber, etwas sei in sie gefahren und habe sie dazu genötigt, blindlings zuzuschlagen.
Vorgehende Gewaltausbrüche wurden aus der Familie Kenner nicht gemeldet.

Kyle schob die Mappe beiseite. Es gab noch mehr Blätter darin. Die Zeugenaussagen waren einzeln aufgenommen und notiert, auch die Beurteilung eines Inspektors der Magiergarde lag dabei. Doch Kyle schmerzten jetzt schon die Augen. Er schaute auf und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Auf den beiden anderen Schreibtischen, links und rechts von ihm, stapelten sich Akten. Wie konnte man hier nur gerne arbeiten? Es roch trocken, nach Staub und Pergament. Die Fenster waren zur Nachtzeit geschlossen und die magischen Lampen, von denen jeweils eine auf jedem Tisch stand, erhellten das Zimmer nur notdürftig. Kyles Aufmerksamkeit wanderte weiter zur offenstehenden Tür. Zwei Gardisten unterhielten sich direkt dahinter im Flur über die schlechte Ausstattung der Westwache. Als jemand mit auf dem Rücken gebundenen Händen von einem Gardeoffizier an ihnen vorbeigeführt wurde, unterbrachen sie ihre Unterhaltung und machten Platz. Kyle wäre lieber dort draußen als am Schreibtisch. Er hasste Schreibarbeit.
Es war lediglich seinem Pflichtgefühl geschuldet, dass er auch die letzte Mappe öffnete und den Kurzbericht überflog. Der Vorfall war nicht viel anders als die beiden vorherigen; zwei junge Männer hatten sich gegenseitig verprügelt. Ein dritter behauptete, er habe den Streit gehört und Magie gesehen, kurz bevor die Prügelei begann.
Erwähnungen von Zauberei tauchten bisher in jedem Bericht auf. Kyle runzelte die Stirn und zog die Analyse des Magierinspektors hervor. Dieser bestätigte, dass sich Spuren einer magischen Wirkung nachweisen ließen, doch welcher Art, konnte der Inspektor der Auswertung nicht entnehmen. Weitere Überprüfung des Phänomens schien es nicht zu geben. Kyle seufzte. All diese Informationen gaben keine echten Hinweise. Sie sorgten nur dafür, dass Kyle hinaus auf die Straße wollte; er wollte richtig helfen.
Die beiden Gardisten marschierten davon. Kyle erhob sich und sah den Flur hinab. Er hörte jemanden reden, vorne in der Wachhalle, wo jeder Bürger zutritt hatte und sein Anliegen vortragen konnte. Dort, wo er am letzten Mitteltag hatte warten müssen. Entschlossen ging Kyle zum Ende des Gangs in die Halle. In der Mitte durchbrach eine lange Theke den Raum und teilte ihn in einen öffentlichen und einen dienstlichen Bereich. Die zwei Wachmänner, die sich eben noch vor der Tür der Schreibstube unterhalten hatten, standen nun dahinter. Hauptfrau Gonner war nicht zu sehen, sie musste anderweitig in der Westwache beschäftigt sein. Als einer der Gardisten ihn bemerkte, ein kleiner, aber breiter Mann, kam er zu ihm. „He! Was lungerst du hier herum? Hast du nicht andere Aufgaben?“
Kyle hob die Schultern. „Ich bin fertig.“
„Du hast dort zu warten!“ Der Wachmann zeigte den Flur hinunter.
„Lass gut sein, Jason“, schaltete sich der Zweite ein. „Ist doch gut, wenn er was tun will, statt rumzusitzen.“
„Aber nicht, die Befehle zu missachten!“
In dem Moment erscholl die Türglocke und jemand betrat die Wachhalle. Es war eine Frau. Blut klebte an ihrer Kleidung, ihre rotblonden Haare waren nur noch eine wirre Ahnung der Frisur, die sie vorher gehabt haben musste. Sie stand nur da und sah aus trüben Augen zu ihnen hinüber. Ihre Lippen bewegten sich, ohne dass sie ein Wort heraus bekäme. Dieser Blick ließ Kyle wie angewurzelt stehen bleiben, während der Gardist, der Jason genannt wurde, einen Stuhl holte. Der Andere klopfte Kyle auf die Schulter und brummte etwas von Hauptfrau Gonner, ehe er an ihm vorbei ging. Kyle bemerkte es kaum.
Die Hilfesuchende schien selbst unverletzt zu sein, aber der Ausdruck in ihrem Gesicht hatte sämtliche Empfindungen und Fragen weggefegt. All das Blut war nicht ihres. Seltsam leer sah Kyle zu, wie Jason den zweiten Wachmann anwies was zu trinken zu besorgen. Beruhigend und eindringlich zugleich sprach er auf die Frau ein. Mit zitternden Händen nahm sie den Becher entgegen. Minuten verstrichen, ehe sie endlich mit bebender Stimme sagte: „Ich habe ihn umgebracht.“

Der Raum war erfüllt von Düften. Gewürze, Kräuter, Seifen, Öle; all das bot der Laden zum Verkauf und tränkte die Luft.
Erneut hielt Kyle einen Stift in der Rechten. Hauptfrau Gonner hatte ihm ein Schreibbrett in die Hand gedrückt, als er darum gebeten hatte, mitzukommen. Jason war ebenfalls dabei und wimmelte mit barschen Worten die Menschen ab, die auf der Straße vorbeikamen, um nachzusehen, was die Stadtgarde in dem Exotenladen des Wagenwegs zu suchen hatte. Kyle stand einige Meter entfernt, am Rande des Tatortes. Der Boden war gespickt mit Scherben. Öle und getrocknete Pflanzen mischten sich mit dem Blut auf den Dielen, an den Wänden und Regalen. Es war überall. Aber er konnte es nicht riechen, all die anderen Gerüche verstopften seine Nase wie ein Schnupfen.
Kyle versuchte, das flaue Gefühl im Magen zu ignorieren. Das hier war nicht die erste Leiche, die er sah. Dennoch war der Mann übel zugerichtet. Die hölzerne Statue, mit der er erschlagen worden war, lag noch neben ihm. Das Gesicht war rot gesprenkelt; seltsam harmonisch mit der Maserung des Holzes.
„Kyle, notiere!“, riss Hauptfrau Gonner ihn aus den Gedanken. Erst da bemerkte er, dass er den Leichnam angestarrt hatte. Er nickte und hielt das Schreibbrett so, dass er aufschreiben konnte, was die Hauptfrau ihm diktierte.
„Der Tote im Exotenladen des Wagenwegs heißt Karel Delenko. Zeit des Fundes: In der Stunde nach Mitternacht. Meldung durch die Tochter des Opfers, Terenja Delenko, die in der Westwache den Mord gestanden hat.“ Während sie sprach, hockte sich Hauptfrau Gonner neben die Leiche und betrachtete sie. „Der Tote weist zahlreiche Wunden auf: Zertrümmerte Zähne, das linke Auge und die linke Seite des Kiefers sind zerstört. Zwei Finger der rechten Hand sind gebrochen. Offensichtlich wurde mehrfach auf ihn eingeschlagen. Mutmaßliche Todesursache ist eine Wunde an der Stirn.“ Sie stand auf und hob die Statue auf. „Mutmaßliche Tatwaffe: Eine Statue der Ersten Elehi. Hast du alles?“
Kyle konzentrierte sich so sehr darauf, leserlich zu schreiben, dass er erst nach einigen Augenblicken bemerkte, dass die Frage an ihn gerichtet war. Er schaute auf und nickte. Die Hauptfrau lächelte mitfühlend. „Du siehst ziemlich blass aus, Junge“, meinte sie. „Ist wohl deine erste Leiche?“
Eine Antwort blieb Kyle schuldig und biss die Zähne zusammen. Das Erscheinen des Gardemagiers ersparte ihm die Peinlichkeit, dass Hauptfrau Gonner weiter darauf einging. Der Mann war behäbig und kaum größer als Kyle selbst. Seine weißen Haare bedeckten nur noch die Hälfte seines Kopfes und bildeten einen Kontrast zu seiner dunklen Haut. Über den Hosen und einem Hemd im Blau der Garde trug er seinen Magiermantel. Kyle kannte sich mit Magie nicht gut genug aus, um zu sagen, auf welches Fachgebiet der hellbraune Mantel mit den gelben Säumen hinwies. Er vermutete lediglich, dass es etwas mit Hellsicht zu tun haben musste.
„Lilly!“, sprach er Hauptfrau Gonner an und streckte ihr eine Hand entgegen. Doch, statt sie zu begrüßen, nahm er die Statue.
Hauptfrau Gonner stellte den Magier als Inspektor Andree zu Lerenzen vor. Das war der Name, den Kyle in den Berichten gelesen hatte. Er hatte also die Untersuchungen auf Zauberei an den bisherigen Tätern durchgeführt.
„Na schön, was haben wir hier?“, wollte der Inspektor wissen und zog ein schmales Brillengestell aus seiner Brusttasche. Mit dem Zeigefinger fuhr er über das Gestell und ein gelbliches Schimmern überzog die Gläser. Er klemmte sich die Brille auf die Nase und sein Blick schweifte prüfend durch den ganzen Raum. Danach betrachtete er die Heiligenstatue genauer. „Die Erste Elehi. Das wird ebenso ein Angriff im Affekt gewesen sein, wie auch in den anderen Fällen.“
„Bis darauf, dass es hier um Mord geht.“
Der Inspektor nickte und sah Kyle an. Sein Augenmerk fiel auf das Schreibbrett und er runzelte die Stirn. „Du schreibst ja gar nicht.“
„Ich, äh, habe bereits notiert, was die Mordwaffe ist, Sir.“ Kyle wollte selbstsicher sprechen, doch der zweifelnde Blick des Inspektors sagte ihm, dass er es nicht geschafft hatte. Er nahm ihm das Protokoll aus der Hand und rückte die Brille zurecht. „Das kann man kaum lesen!“
Kyle schluckte den Knoten herunter, der sich in seinem Hals festsetzen wollte. Er hasste es, wenn ausgerechnet darin die Kritik bestand.
„Es ist seine erste Leiche, Andree“, sagte Hauptfrau Gonner. „Er ist Gardeschüler und erst das zweite Mal bei uns.“
„Das rechtfertigt nicht Ungenauigkeit.“ Der Inspektor sah ihn scharf an, dann schnaubte er. „Was steht da?“
Holperig las Kyle vor, was die Hauptfrau ihm noch vor dem Eintreffen des Inspektors diktiert hatte. Dieser nickte und begann seinerseits den Laden zu begutachten, während Hauptfrau Gonner Kyle auf die Schulter klopfte. „Mach dir nichts draus, Junge. Der ist immer so. Seinen Respekt muss man sich erst erarbeiten.“
So ging es weiter. Der Inspektor begutachtete den Tatort und Kyle protokollierte. War er nicht schnell genug, kassierte er eine Beschwerde. Auch Hauptfrau Gonner konnte diese Wogen nicht glätten. Mit steifen Fingern notierte Kyle die Worte und hätte lieber geholfen, die Leiche auf eine Bare zu legen und zum Düsterturm zu bringen, wo der Inspektor sie eingehender untersuchen würde. Seine zweite Schicht endete, nachdem alles im Laden untersucht und jede Kleinigkeit schriftlich festgehalten war. Hauptfrau Gonner nahm ihm das Schreibbrett ab und schickte ihn zurück in die Akademie. Kyles Hand war so verkrampft, er bezweifelte, sein Schwert in der nächsten Übungsstunde halten zu können.
Jason ließ ihn bereitwillig hinaus. Erst an der frischen Nachtluft wurde ihm klar, wie stickig diese Totenstätte war. Schaulustige waren kaum noch zugegen, doch als Kyle den Weg zurück zur Gardeakademie einschlug, erhaschte ein blonder Haarschopf seine Aufmerksamkeit. Er sah genauer hin. Der Haarschopf verschwand in einer dunklen Gasse.
Kurzentschlossen rannte Kyle hinterher. Aber die schmale Straße lag verlassen vor ihm.

 

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