Gedankengut

#WirschreibenDemokratie – ein paar Gedanken

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#WirSchreibenDemokratie. Wir schreiben. Ich bin Autorin. Wenn ich denke, etwas zu können, dann schreiben. Ich kann schreiben und ich habe sogar eine eigene Meinung. Also kann ich auch meine Meinung auch äußern.

Die Idee des Hashtags kommt aus dem Nornennetz als Reaktion auf die Ergebnisse der Bundestagswahl.

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Wieder einmal eröffnete mir das Ergebnis: Filterblasen sind schön. Filterblasen gaukeln einem vor, dass sich schon alles in die richtige Richtung wendet. Schließlich sind doch so viele Menschen, mit denen ich kontakt habe, der gleichen Meinung wie ich.

Aber da sich wirklich durchweg (zu) viele Menschen in ganz Deutschland entschieden haben, eine Partei zu wählen, deren Einstellung ich wirklich nur als menschenverachtend und damit auch „assozial“ bezeichnen kann, stehe ich da und verstehe es nicht.

Ich kann die Intention der Protestwähler verstehen, wirklich. Auch ich habe mich schwer damit getan, mich dafür zu entscheiden, welcher der links angesiedelten Parteien ich denn nun meine Stimme geben soll. Die letzten Jahre war Politik ein großer Einheitsbrei – und ich habe nicht das Gefühl, dass irgendwer das umsetzt, was er zuvor zur Wahl behauptet hatte. Trotzdem. Was ich nicht verstehe, ist, wie man deswegen Menschen seine Stimme geben kann, die so offensichtlich Hetze gegen andere Menschen betreiben – und die sicherlich nicht die Meinung von all denen vertreten, die sie gewählt haben. Das zumindest hoffe ich inständig. Und ich hoffe gerne, denn auch wenn ich ständig enttäuscht werde, ich bin einfach gutgläubig.
Eine Freundin sagte mir, die AfD sei die einzigen, die die Ängste der Menschen thematisieren, die durch die vielen Geflüchteten in Deutschland und die Terroranschläge aufkamen. Das mag sein, aber Angst ist ein schlechter Entscheidungsträger.

Was also tun? Sich mit diesen beängstigenden Dingen, diesem verqueren Denken beschäftigen? Ja, ganz genau! Und zwar nicht auf einer Ebene, die jemandem einen langen Aufsatz vorsetzt, mit vielen Fachworten und Thesen gespickt. Nein, das geht viel einfacher: Zum Beispiel mit Humor, wie viele Satiriker zeigen. Es geht aber auch mit Geschichten.
Aus Geschichten kann man lernen. Auch aus Fantasy-Geschichten, wie die Blogreihe Phantastische Realität Anfang des Jahres auch wunderbar aufgezeigt hat. Geschichten können dafür sorgen, dass sich die Menschen, die sie lesen, mit Gedanken auseinandersetzen müssen, an die sie sonst keine verschwenden. Rassissmuss, Ausbäutung, Sexismus und vieles andere; all das findet sich in Geschichten wieder. Es ist die Art, wie ein Autor seine Meinung äußern kann. Es ist die Art, wie ein Autor Menschen vielleicht doch zum Nachdenken und Reflektieren animieren kann.
Es gibt so viele kluge Menschen da draußen, die versuchen andere Menschen zum Denken anzuregen. Denn genau das braucht es doch: selbstständiges Denken, statt Mitläufertum. Ein Auseinandersetzen mit Thematiken, statt festgefahrene Einstellungen.

Das Wahlergebnis mag erschreckend gewesen sein, doch noch haben diese Menschen mit diesem verqueren Denken nicht gewonnen. Da sind noch andere. Und es werden mehr. Selbstständiges Denken kann man nämlich lernen. Vielleicht werde ich dieses Mal ja nicht enttäuscht. Und wenn doch, tue ich das, was ich immer tue: weiter machen und weiter auf den Menschenverstand pochen.

In dem Sinne schließe ich mit einem meiner Lieblingslieder: Schandmaul – Bunt und nicht braun.

 

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Wortklaubereien: Vom Siezen, Ihrzen und Erzen

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Ein derzeit allgegenwärtiges Thema ist das Gendering. Es ist auch ein Thema, über das sich hervorragend streiten lässt, besonders wenn sich jemand durch die meist gängige männliche Form – oder gar durch männliche und weibliche – nicht angesprochen fühlt.
Gleich vorweg: Ich nehme das Ganze nicht so ernst 😉 Ich spreche von mir für gewöhnlich als weiblich. Das bin ich nun mal und fühle mich auch so. Allerdings bin ich nicht beleidigt, wenn im allgemeinen Ansprachen in der gängigen männlichen Form erfolgen. Schließlich sind wir alle Menschen. Ich sehe es als eine Eigenheit der Sprache. Im Deutschen wird es anders gehandhabt, als im Englischen. Im Französischen sicherlich auch anders, als im Russischen.
Dennoch gibt es natürlich Anlässe, bei denen man darauf achten muss. Für mein Schreiben gilt, ich präzisiere mit Worten. An gängige Konventionen sollte man sich jedoch vor allem im Alltag auch halten. Solche Präzisionen sind also auch im ganz normalen Arbeitsleben wichtig. Und genau von dort gingen meine Überlegungen aus.

Will jemand höflich sein, wird das Gegenüber gesiezt. Es zeugt von Respekt, wenn man jemanden noch nicht besonders gut kennt und wird natürlich gerade im Geschäftsleben gepflegt. Das „Sie“ ist in dem Fall also die korrekte Höflichkeitsform.

Ich würde hier aber keine Wortklaubereien betreiben, gäbe es da nicht noch das Ihrzen und das Erzen.
Gerade das „Ihr“ als Anredeform ist in der Fantasy ja sehr beliebt. Um ehrlich zu sein finde ich es sogar irritierend, wenn ich einen Fantasy-Roman mit entsprechend mittelalterlichem Setting lese und ein moderneres „Sie“ statt einem „Ihr“ verwendet wird. Die Anrede mit „Ihr/Euch“ fühlt sich authentischer an.
Im Zuge dessen stößt man natürlich auch auf das „Er/Sie“. Letzteres wird besonders von höhergestellten Personen gerne in einer abfälligen Weise verwendet. Das Bild, dass ich dabei sofort vor Augen habe ist das eines Königs, der geringschätzig abwinkt und etwas wie „Entferne Er/Sie sich!“, von sich gibt.

Interessant an den deutschen Höflichkeitsformen finde ich: Als höflich gelten die Pluralformen der Personalpronomen, die keine Aussage über das Geschlecht machen. Am geringschätzigsten gelten die, die in der Singularform klar das Geschlecht definieren, wie das „Er“ oder „Sie“ beim Erzen. Das Geschlecht ist dabei im Grunde also auch unerheblich.
Im englischen behilft man sich mit einem einfachen, geschlechtslosen „you“ für Singular- und Pluralform. Auch das früher verwendete „thou“ und „thee“ differenziert kein Geschlecht. Eine Anrede, die dem deutschen Erzen entspricht, gibt es meines Wissens nicht.

Und wer Lust hat, noch mehr über diese Wortklaubereien zu philosophieren kann sich ja einmal die doch sehr ausführlichen Artikel bei Wikipedia antun 😉

Zur #Autorinnenzeit

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Bevor der Mai ganz vorbei ist, wollte ich zumindest noch einen Artikel zur #Autorinnenzeit beitragen, die Sven Hensel ins Leben gerufen hat.

Ich habe hin und her überlegt, denn: Welchen Beitrag könnte ich am besten leisten? Es ist keine leichte Entscheidung. Wenn ich meinen Bücherschrank betrachte, springen mir viele wunderbare Romane von Autorinnen ins Auge. Von Astrid Lindgren über Cornelia Funke bis hin zu Ilona Andrews stehen alle möglichen Bücher von Autorinnen in meinem Regal; selbst nachdem ich die letzten Jahre aus Platzmangel immer wieder massiv aussortieren musste. Behalten habe ich wirklich nur jene Bücher, die mir sehr gut gefallen haben und die ich einfach nicht hergeben wollte.

Aber fangen wir mal am Anfang an, nämlich bei den Autorinnen.
Im Kontext der Autorinnenzeit lieferte mir Twitter viele viele Aussagen, die sich Autorinnen anhören müssen, die ein Autor sicher niemals zu hören bekam. Oder glaubt ihr, jemand hätte Stephen King jemals gefragt, wer sich denn um seine Kinder kümmere, während er schreibt?
Ich gebe zu, diese Art von Sprüchen kenne ich als berufstätige Mutter nur zu gut. Aber die Frage, warum man als Frau nicht mehr mit Romantik schreibt, brachte mich doch sehr ins Grübeln. Immerhin ist die einzige Sparte im Fantasy, mit der ich so rein gar nichts mehr anfangen kann, die Romantasy. Romantik? Wenn es in die Geschichte passt, kein Thema. So was birgt immer schönes Konfliktpotential. Allerdings wird es sicherlich so schnell kein Hauptthema bei mir sein. Da gibt es wirklich Wichtigtes als Beziehungskisten.

Irgendwann im Laufe des Mai stand ich schließlich in meiner Lieblingsbuchhandlung. Ich hatte etwas Zeit zum Stöbern und überflog die eigentlich gut sortierte Fantasy-Ecke. Allerdings fiel mir auf, dass es wirklich kaum Bücher von Autorinnen gab. Nicht mit vollem Namen und auch nicht mit abgekürzten Vornamen. Es gab in der Fantasy-Ecke ein einziges Buch von einer Autorin. Und wieder grübelte ich.
Warum ist das so? Warum wird man als Frau so oft schräg angesehen, wenn man einfach nicht in das Klischee passt? Zum Glück kann ich behaupten, dass mir selbst diese Art von Klischeedenken bisher nur als Mutter begegnet ist. Sobald frau Mutter wird, werden Erwartungen in einen gesetzt. Jedes Mal, wenn der Mann mit stolz berichtete, dass ihn jemand gelobt hätte, weil er sich um die Kinder kümmere, wurde mit das klar. Keine Frau, vor allem keine andere Mutter, käme jemals auf die Idee, eine Mutter dafür zu loben. Von Müttern wird einfach erwartet, dass sie sich gut um ihre Kinder kümmern und fertig. Da scheint es schon oft bedauernswert zu sein, wenn frau arbeitet.
Offensichtlich zieht sich dieses Phänomen durch sämtliche Lebensbereiche. Es gibt Klischees, die bedient werden wollen und durch die Erwartungen freigesetzt werden. Und ja, die gibt es bei Männern und Frauen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Der Konsens meiner Überlegungen ist also: Hört einfach auf damit! Hört auf, danach zu schauen, ob jemand männlich oder weiblich ist und denkt nicht in Vorurteilen. Ihr macht damit anderen nur das Leben schwer. Männern und Frauen und Kindern.
Die #Autorinnenzeit ist dazu gedacht den Fokus auf die weiblichen Autoren zu richten, die genauso gut und schlecht schreiben, wie männlichen Autoren. Also, schaut doch einfach nicht auf den Autorennamen, wenn ihr das nächste Buch kauft. Schaut auf den Inhalt. Und wenn er euch gefällt ist es doch völlig egal, wer das Buch geschrieben hat.

 

 
Weitere schöne Beiträge zur #Autorinnenzeit findet ihr übrigens unter Anderem bei:

 

 

 

Großes Kopfkino

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Es ist der Grund, aus dem ich gerne lese und noch lieber schreibe: Mein Kopfkino 🙂 Ich liebe es einfach, wenn Figuren in meinem Kopf lebendig werden! Angefacht wird das Kopfkino bei mir aber auch sehr stark von Musik. Gerade deswegen bin ich wohl auch sehr wählerisch, was „meine“ Musik angeht. Es ist selten, dass mir etwas „einfach nur gefällt“. Ich brauche ein bisschen mehr. Ich brauche entweder einen guten Songtext im Kontext mit passender Musik oder wenigstens etwas, das meine Phantasie anregt. Ich liebe es, einfach nur da zu sitzen und Musik meine Gedanken leiten zu lassen und Ideen zu produzieren.
Und manchmal möchte ich auch visuelle Unterstützung für mein eigenes Kopfkino. Dann surfte ich auf YouTube und suche nach Fan-Videos von Computerspielen oder Animes, die ich meistens gar nicht kenne, und lasse mich mit übertriebener Kampfkunst und Effekthascherei einfach einlullen. Hauptsache das Video trifft es genau auf den Punkt. Dann sind die Szenen mitreißend, eingängig und bleiben vor allem in meinem Gedächtnis haften – dank der Musik.

So bleibt es natürlich auch nicht aus, dass es genau das ist, was ich versuche in meinen Texten einzufangen, ohne auditive Unterstützung. Denn in den meisten Fällen hat ein Schriftsteller nun einmal nicht die Möglichkeit, dem Leser auch noch die passende Musik zu präsentieren. Es bleibt also nur, all das in eine Kunstform zu bringen, die alles beinhaltet; die emotionale Komponente der Musik sowie die Atmosphäre der Szene und oben drauf auch noch die Echtheit der Figuren.
Keine leichte Aufgabe, wenn ihr mich fragt. Ob es mir gelingt, weiß ich noch nicht. Aber ich habe für mich festgestellt, dass ich mein Kopfkino gar nicht genauso zu Papier bringen muss, wie ich es selbst sehe. Ich muss es so zu Papier bringen, dass der Leser weiß, was in meinem Kopf stattgefunden hat. Dem Leser präsentiere ich also meist eine etwas realistischere Variante, als diese großen Kinoeffekte, die oft in meinem Kopf passieren. Wenn der Leser es versteht und sich einfühlen kann, hat mein Kopfkino seine Arbeit geleistet und entfacht vielleicht auch eines im Kopf der Leser.

Blutgeld und Revolution – Gedanken um Fantasy und Konsum

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Über meinem Autorenforum hat Meara Finnegan die Blogreihe „Phantastische Realität“ ins Leben gerufen. Als ich von der Idee las, beschloss ich mich anzuschließen. Immerhin ist es genau diese Kritik, dieses Auseinandersetzen mit realen Dingen in Fantasy-Romanen, die mich reizt.

Mein eigener Beitrag rangt sich um einen der vielen Punkte, die in der Realität schief laufen: Unser Konsumdenken und Fantasy. Konsum und Fantasy sind für mich im Grunde zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Konsum bedeutet, immer mehr, immer schneller, immer neues und alles ohne Wertschätzung, für das Ding oder die Menschen, die dafür gearbeitet haben.

Fantasy hingegen ist der Zufluchtsort, in dem es genau darum nicht geht, in dem oft kleine Dinge ihren Wert haben, etwas bedeuten, und wo man eine Geschichte fernab des heutigen Konsumdenkens erleben kann.

Doch mittlerweile gibt so viele Unterarten der Fantasy, dass es dieses einfache Prinzip nicht mehr überall greift. Urban-Fantasy zum Beispiel spielt in der Gegenwart auf der Erde und für gewöhnlich in einem der Industrieländer. Steampunk beruht auf den Anfängen der Industrialisierung und Dystrophien spielen mit dem Gedanken, was aus unserer Konsumgesellschaft einmal werden kann. Das Genre Fantasy hat sich weiterentwickelt und hat wirklich viele Facetten.

Von kritische Gedanken

Am meisten Spaß machen mir die Romane, bei deren Lektüre ich unweigerlich beginne nachzudenken und Punkte zu finden, die kritisch beäugt werden. Auch unser Konsumverhalten spielt des Öfteren eine Rolle. Ein paar Beispiele gefällig?

Terry Pratchett: Trucker

Sehr kritisch in seinen Werken ist einer meiner Lieblingsautoren: Terry Pratchett. Das erste thematisch passende Buch, das mir in den Sinn kommt ist Trucker, der erste Roman der Nomen-Trilogie. Auch hier ist eines der Themen der ewige Konsum.
Die Nomen – oder auch Gnome – leben in einem Kaufhaus im Überfluss, denn von all dem, was die, in Nomenaugen wenig intelligenten, Menschen dort anbieten, kaufen und zurücklassen können sie wunderbar leben. Sie haben alles, bekommen alles und streiten natürlich auch um Dinge. Denn, auch wer im Grunde alles hat, findet noch etwas, das er trotzdem besitzen will. Und in diesem bequemen Leben meiden sie die Vorstellung, es könnte einmal anders gewesen sein oder sogar mehr geben, als das Kaufhaus. Sie glauben einfach nicht daran und leben, wie sie seit Generationen gelebt haben.

Michael Ende: Momo

Auch für die moderne zeitfressende Gesellschaft gibt es einen Roman, dessen Aussage ich nach wie vor sehr beeindruckend finde: Momo von Michael Ende.
Die Antagonisten der Geschichte sind die grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen – und das durch Konsum. Nach und nach nehmen sie der kleinen Momo ihre Freunde. Weil deren Eltern keine Zeit mehr für sie haben, schicken sie ihre Kinder in Betreuungseinrichtungen. Auf der Straße herumlungern und dort spielen sollen sie nicht mehr. Und niemand außer Momo begreift den Wert von Zeit, von Ruhe und von Freude an kleinen Dingen. Prägend für den Gedanken dahinter ist meiner Meinung der Satz einer Puppe, die Momo von den grauen Herren als Ersatz für ihre Freunde geschenkt bekommt: „Ich will noch mehr Sachen haben!“, fordert diese immer wieder. Denn wenn Momo langweilig mit der Puppe wird, braucht sie nur neue Sachen für sie; kaufen macht schließlich glücklich.

Suzanne Collins: Die Tribute von Panem

Ein etwas moderneres Beispiel ist die Reihe Die Tribute von Panem von Suzanne Collins. Für die „Hungerspiele“ werden jedes Jahr Kinder aus allen zwölf Distrikten Panems in eine Arena geschickt, um bis zum Tod gegeneinander zu kämpfen. Es gewinnt der letzte Überlebende. Die Hungerspiele wurden nach einer fehlgeschlagenen Revolution eingeführt, in dem sich der dreizehnten Distrikt gegen die Ausbeutung und Ungerechtigkeit auflehnte. Und sie werden als großes Event vermarktet. Die Menschen Panems schauen live zu, können ihre Favoriten mit Geld unterstützen oder anderweitig wetten. Dass dieses Spiel grausam ist, ist vielen Zuschauern durch die Aufmachung als Show nicht mehr bewusst. Sie lieben die Spannung und haben ihren Spaß an den blutigen Spielen.

Von Wirklichkeit und Fiktion

Diese Bücher haben wie so viele Fantasyromane etwas gemeinsam: am Ende geht alles gut aus. Die Nomen müssen das Kaufhaus verlassen und finden ein neues Zuhause. Momo besiegt die grauen Herren und gibt den Menschen ihre Zeit zurück. Und Katniss leitet eine Revolution ein, die das System stürzt und die Hungerspiele beendet.
Im Fantasy geht es oft um den Umbruch ganzer Welten. Sie zeigen, wie etwas, dass einfach nicht richtig ist, geändert werden kann. Der Konsum ist in allen Beispielen nicht das Hauptthema, aber ein Gedanke am Rande. Ein Gedanke, den ich für sehr wichtig halte und der sich auch ich meinen eigenen Geschichten widerspiegelt. Ich bin Anhängerin kleiner Heldentaten. Es muss nicht gleich die Rettung der Welt sein. Aber meine Ideen hängen oft mit dem zusammen, was mich in dieser Welt stört. Der ewige Konsum ist eines dieser Dinge.

Stellt euch ein Szenario in einem Buch vor, in dem die Helden einem Eingeborenenstamm helfen müssen, dem die strahlende große Stadt, die am Horizont so verheißungsvoll glänzt, das Wasser stielt. In einem Roman würden die Helden eine Lösung finden und den Eingeborenenstamm retten. Es ist das, was man lesen möchte; was ich lesen möchte.
Dem Leser geht es um Spannung, Lesevergnügen und nicht zuletzt um Gerechtigkeit. Welcher Leser würde es mit sich machen lassen, wenn die Helden der Geschichte nicht gegen die glänzende Stadt ankämen? Oder noch schlimmer: Selbst von ihr verschluckt würden und das, was sie wissen einfach ignorieren? Das wäre ein sehr kritisches Ende, jedoch eines, dass die Sprache der Realität spricht.

In der Realität stehlen große Konzerne Menschen ihr Wasser und füllen es in Flaschen, um es gewinnbringend bei uns in Europa zu verkaufen. Aber wer hilft diesen Menschen? Wer sind die Helden, die in der Realität etwas bewirken können? Hier gibt es keine Katniss, die in die Rolle der Befreierein gedrängt wird, keine Momo, die uns wachrüttelt und niemanden von „Draußen“, der die Dinge sieht, wie sie sind und nicht, wie wir sie gerne hätten. Hier gibt es nur uns, die wir es uns in all dem Konsum bequem machen und die Augen weiterhin verschließen. Wir wissen so viel über die Ungerechtigkeit dieser Welt und ignorieren sie trotzdem. Es muss uns nur ein hübsches glitzerndes Etwas angeboten werden, das uns blendet, und wir vergessen alles. Wir vergessen die in Armut lebenden Bauern der Entwicklungsländer, die für einen Hungerlohn unser Bedürfnis nach Waren stillen und die Menschen, deren Kinder bei der Ernste unseres Kaffees oder Kakaos helfe müssen, anstatt zur Schule zu gehen oder wenigstens ihre Kindheit genießen zu können. Wir vergessen die skandalösen Berichte über eingestürzte Fabriken in Bangladesh, über die Ausbeutung von so vielen Näherinnen durch namenhafte Modelables und dass in Afrika ganze Kriege um die raren Ressourcen der Erde entfacht werden, nur um uns letztlich mit einem neuen Handy glücklich zu machen.
All das vergessen wir, wenn der Konsum lockt. All das ist nicht mehr wichtig, wenn die wunderbar billige Jeans nur verheißungsvoll glitzert.

Aber wenn das Gedankengut der Realität Einzug in die Fantasy hält, was hält die Gedanken der Fantasy davon ab, in die Realität vorzudringen? Niemand wir in dieser Welt als Held die „bösen“ Konzerne stürzen, niemand wird ernsthaft einen Umsturz all dieser verzahnten Systeme auf dieser Erde herbeiführen können. Trotzdem kann jeder in seinen Möglichkeiten ein klein wenig mehr Gerechtigkeit in diese Welt bringen. Jeder kann sich entscheiden, dem Glitzer nicht nachzugeben. Wie bereits gesagt: Ich bin Anhängerin der kleinen Heldentaten.