Malerin der Toten

Prophezeiungen (Eske)

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In dem Moment, in dem Eske an die Theke ihrer Lieblingsschenke trat, flog die Tür auf und eine zierliche junge Frau stürmte herein. Sie war etwas größer als Eske selbst, doch schmaler. Die dunkelblonden Haare hatte sie zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden und die Kleidung war einfach aber sauber. Das eigentlich interessante an ihr waren die Grübchen in ihren Wangen und die wachen hellen Augen. Ein Gesicht, dass lächeln musste.

Nachdem die Dunkelblonde ihre Unterredung mit der Bedienung beendet hatte, begegnete sie Eskes Blick. „Äh, habe ich Kohl zwischen den Zähnen?“, fragte sie mit einem schiefen Grinsen.

Eske blinzelte und wurde sich bewusst, dass sie die Frau angestarrt hatte. „Oh, nein. Entschuldigung, Ihr habt nur ein sehr interessantes Gesicht.“ Sie grinste. Diese Frau hatte ein Gesicht, dass sie nur zu gerne malen würde, strahlend inmitten von Sonnenblumen oder einer Frühlingswiese.

„Habe ich das?“ Die Blonde kicherte und ihr Gesicht hellte sich auf. „Da seid Ihr aber die erste, die das bemerkt.“

„Ich habe einen Blick für so etwas“, meinte Eske, zwinkerte ihr zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Eske. Eske Lammfeld und …“ Doch weiter kam Eske nicht, denn die Augen ihres Gegenübers wurden plötzlich groß. „DIE Eske Lammfeld? Die Malerin und Baronin?“

Im ersten Moment fühlte sich Eske geschmeichelt und musste breit Grinsen. „Oh, Ihr habt von mir gehört?“ Dann fiel ihr etwas anderes auf. „Moment, wieso Baronin?“ Wie als ob sich der Hof, auf dem sie aufgewachsen war, als Baronie eignen würde …

„Dann seid Ihr noch keine?“ Die Blonde wippte plötzlich auf den Fußballen auf und ab. Immerhin behielt Eske recht, dieses Gesicht konnte strahlen, wenn auch vor falscher Aufregung. „Aber Eure Schwester hat sich schon umgebracht, oder?“, fragte die Dunkelblonde weiter und beantwortete sich die Frage gleich selbst. „Ja, klar, sonst hättet Ihr ja nicht den Anhänger mit dem heilenden Stein um!“ Die schlug sich gegen die Stirn, als sei das dass offensichtlichste der Welt.

Eske tastete nach dem Anhänger. Ein blauer Stein ruhte in ihm, halb verborgen von den kunstvollen Verzierungen, die Leyston ihr hatte anfertigen lassen. „Wer seid Ihr?“, fragte Eske und stellte fest, dass ihre Stimme plötzlich rau war. „Woher wisst Ihr von meiner Schwester?“

Plötzlich wurde die Blonde rot und hob die Hand vor den Mund. „Oho, da habe ich zu viel gesagt.“

Wut, Unglaube und Verzweiflung bahnte sich plötzlich den Weg aus ihrem tiefsten Innerem zurück an die Oberfläche. Sie quollen aus kleinen Rissen in dem Stein, in dem Eske all das verborgen hielt, was sie einfach nur vergessen wollte. „Woher wisst Ihr davon?!“ Niemand hier konnte davon wissen. Niemand hier konnte wissen, dass ihre Schwester verrückt geworden war und Selbstmord begangen hatte. Eske trat einen Schritt auf die Blonde zu, ihre Hände zitterten plötzlich.

Die Blonde wich zurück und hob beschwichtigend die Hände. „Äh, das darf ich nicht sagen. Tut mir Leid!“ Ihr Gesicht erstrahlte nun rot, berührt von Scham.

Eske ging auf sie zu, sie wich weiter zurück. „Wisst ihr, ich sollte besser gehen“, sagte sie und sah sich nach der Tür um.

Am liebsten wollte Eske sie schütteln um herauszufinden, was sie von ihrer Schwester wusste. Hatte sie vielleicht etwas damit zu tun? Wusste sie, wer oder was ihrer Schwester den Verstand geraubt hatte? Und weswegen sollte Eske eine Baronin sein? Ihr Kopf schwamm plötzlich von Fragen und machte ihn so schwer, dass Eske sich an die Stirn greifen musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Oder war das schon der Wein?

In dem Moment wandte die Blonde sich ab. „Nichts für ungut!“ Damit rannte sie zur Tür und verschwand nach draußen. Als Eske torkelnd die Tür erreichte war sie verschwunden. Doch die Flut in ihrem Kopf hielt an.

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5-Minuten-Abstecher: Mahnmal (Eske)

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Dass sie noch einmal vor den Trümmern dieses Anwesens stehen würde, hätte Eske niemals für möglich gehalten. Doch hier war sie, trug plötzlich einen Titel und fühlte sich elender als jemals zuvor. Die Ruine sah fast friedlich aus, überwuchert von Pflanzen. Wilder Wein schlängelte sich an den Maueresten hinauf, Moos bedeckte die Trümmer und Gräser ragten aus den Nischen hervor. Wie lange war es her, dass sie hier all ihre Probleme begonnen hatten? Zwei Jahre? Drei? Eske konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Seitdem war so viel passiert.
Unwillkürlich rieb sie sich den Nacken, nur um die mittlerweile gewohnte Konturen des Fokus unter der Haut zu spüren.
„Eske?“, fragte Leyston hinter ihr. Ihn hatte sie fast vergessen.
„Es ist so … “
„Unwirklich?“, beendete er ihren Satz, als ihr die Worte fehlten.
„Ja …“ Mehr wusste sie nicht zu sagen.
Eine Weile blieb es still. Nur das Zwitschern der Vögel und das Rascheln des Windes in den Wipfeln des nahen Waldes war zu vernehmen.
„Wirst du das Anwesen wieder aufbauen?“ Er flüsterte lediglich, dennoch schien seine Stimme die Stille zu durchschneiden.
Eske schüttelte den Kopf. Nein. Nein, das würde sie nicht. Es sollte bleiben wie es war; ein Mahnmal an sie, als Baronin mit allen Menschen so umzugehen, als wären sie Freunde. Ein Mahnmal für die Krankheit, die ihrer Schwester und letztlich auch ihrer Tante, der Baronin von Saalkenboem, das Leben gekostet hatte. Genauso, wie das wunderbare Herrenhaus lag nun auch ihr Leben in Trümmern. Vielleicht konnte sie wenigstens letztes wieder aufbauen. Doch dieses Mahnmal würde bleiben.

Nachtrag zu Eskes Charakterbild

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Und manchmal klappt es dann doch irgendwie; ein schlechter Film im Fernsehen und die Unzufriedenheit über die Möglichkeiten, ein Bild mit irgendeinem Tool zu erstellen, weil sie doch nie genau das zeigen, was mir so vorschwebt und schon kommt eine doch recht ansehnliche Skizze dabei heraus.
Hoffentlich verschandle ich es nicht bei der Ausarbeitung 😉

Skizze / Portrait von Eske
Skizze / Portrait von Eske

PS: Nein, ich habe keinen Scanner. Ich bin unmodern und zeichne viel zu wenig, als dass sich so etwas lohnen würde.

Erinnerungen (Eske)

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Ihre Augen waren müde, das fehlende Tageslicht machte es Eske nicht einfacher, sich auf Pinselstriche und die richtige Farbmischung zu konzentrieren. Die Tür zum Wintergarten knarrte, doch Eske sah kümmerte sich nicht drum. Sie kniff die Augen zusammen, setzte den Pinsel präzise an und vollendete das Funkeln in den Augen des Portraits. Schritte klangen hinter ihr und Jose seufzte. Sie wusste, es war Jose. Niemand anderes würde um diese Zeit in ihrem Atelier auftauchen.
„Kanu’um?“, stellte er fest, als er das Bild über ihre Schulter hinweg betrachtete. Eske antwortete nicht.
„Editha sagte mir, dieser Inspektor Leyston sei gestern Nachmittag hier gewesen“, fuhr Jose fort. „Danach seist du in deinem Atelier verschwunden. Du hast seit dem weder mit uns zusammen gegessen noch dich sonst im Haus blicken lassen.“ Er machte eine Pause. „Hast du seit dem überhaupt etwas zu dir genommen?“
Er musste das Tablett entdeckt haben, das Klara ihr vor ein paar Stunden gebracht hatte; Reste des Abendessens und alles unangetastet. „Mir geht es gut, Jose.“ Sie tauchte den Pinsel in die Farbe und verfeinerte ein Fältchen unter dem linken Auge.
„Oh, das sehe ich.“ Seine stimme klang beinahe belustigt. „Eske, wir machen uns Sorgen um dich.“
Eske seufzte, ließ den Pinsel sinken und drehte sich zu Jose um. „Mir geht es gut, Jose, wirklich. Ich habe auch etwas gegessen und getrunken. Klara bringt mir den ganzen Tag über fast jede Stunden frischen Tee als Vorwand, um zu sehen, ob ich noch auf den Beinen stehe.“ Bei den letzten Worten musste sie sogar lächeln.
Jose erwiderte das Lächelte. „Ja, das sieht ihr ähnlich.“ Doch dann schüttelte er den Kopf und deutete großspurig auf das Gemälde. „Aber was hat das zu bedeuten?“
Eske atmete tief durch, ehe sie antwortete. Ja, was sollte das? „Es ist nur, ich werde diese Bilder anders nicht los. Sie schwirren in meinem Kopf herum, bis ich sie auf Leinwand banne.“
„Und diese Bilder kommen …“
„Mit den Erinnerungen“, beendete sie einen Satz und schüttelte den Kopf. Es war schwer zu erklären, jemandem vernünftig zu verdeutlichen, warum sie das tat und sich keine Pause gönnen wollte. „Dieser Inspektor Leysten bohrt nach, immer und immer wieder. Wenn ich nicht an jeder Ecke eine lebende Leiche sehen möchte, muss ich diese Bilder loswerden. Besser ich schlafe ein oder zwei Nächte gar nicht, als jede Nacht schlecht.“
Nun erwiderte Jose ihren Blick ernst. Er wusste, sie spielte auf seine schlaflosen Nächte an. Auch sein Gemüht, sein Verstand rang mit den Erlebnissen. Doch er wurde auf andere Art und Weise damit fertig, er hatte Editha. Schließlich hob er ergeben beide Hände und trat den Rücktritt an. „Dann ist es wohl besser, ich lasse dich in deinen Erinnerungen schwelgen und … sage Editha, es sei alles in Ordnung.“
Eske lächelte dankbar, als Jose sich zurückzog und betrachtete das Portrait. Es waren keine schönen Erinnerungen, doch sie konnte sie nicht einfach auslöschen. Sie musste damit umgehen.

Malerin der Toten 24 (Ende)

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Stunden später saß Eske gemütlich in einem der bequemen Sessel im Salon, ein Glas Wein in der Hand und einen nur noch halbvollen Krug desselben neben sich auf einem kleinen Tisch. Es war ruhig im Haus, nur das Knistern des Feuers im Kamin war zu vernehmen. Das letzte Licht des Tages fiel durch die Fenster, dennoch gab es heute kein geschäftiges Treiben in der Küche, keine Gerüche, die durch das Haus schwebten. Editha hatte ihren Angestellten frei gegeben. Die Ruhe machte Eske schläfrig, doch sie wollte nicht schlafen. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, tauchten Bilder vor ihrem geistigen Auge auf; Erinnerungen an zerfledderte Leichen, die sie angriffen, vom irren Blick des Barons und Kanu’um, wie er sein unnatürliches Leben aushauchte. Nein, sie wollte das alles einfach vergessen.
Schritte neben sich, rissen sie aus den Gedanken. Alarmiert saß Eske plötzlich kerzengerade. Editha sah sie schuldbewusst an. „Ich wollte dich nicht erschrecken, verzeih“, meinte sie und setzte sich zu ihr. Sie drehte dabei einen versiegelten Brief in den Händen.
„Wie geht es ihm?“, fragte Eske.
„Den Umständen entsprechend.“ Ein schwaches Lächeln huschte auf ihre Lippen, vertrieb jedoch nicht die Soge in ihren Zügen. „Er fiebert noch und hat Albträume, doch der Medicus sagte, die Infektion der Toten sei gebannt. In wenigen Tagen ist er wieder gesund.“ Editha hielt inne und legte schließlich eine Hand auf Eskes Knie. „Und du? Wie geht es dir?“
Eske wandte den Blick ab und sah zum Feuer hin. „Gut, denke ich.“
Selbst wenn Editha ihr nicht glaubte, sie sagte dazu nichts. Eine Weile herrschte schweigen. Dann stand Editha wieder auf. „Geh‘ zu Bett. Auch du kannst den Schlaf gebrauchen. Du hast länger in dieser Sache gesteckt, als Jose.“ Dann streckte sie ihr den Brief entgegen. „Den gab mir jemand von der Behörde für dich.“
Eske nahm den Brief. Das Siegel zeigte Flammen, umrahmt von einem Kreis. Jeder kannte dieses Siegel und niemand wollte einen Brief mit diesem erhalten. Während Editha sich verabschiedete und den Raum verließ, öffnete Eske den Brief. Es war eine höfliche Aufforderung, sie möge am nächsten Mittag zur Behörde kommen und ihre Darstellung der Ereignisse darlegen. Seufzend ließ sich Eske wieder in den Sessel sinken. All das würde ihr noch länger nachhängen, als ihr lieb sein konnte.

ENDE

Malerin der Toten 23

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Sie kamen nur langsam voran. Die Morgensonne durchdrang den seichten Nebel, der über dem Wald lag und tauchte alles in ein warmes Licht. Fast hätte Eske den Wald als friedlich bezeichnen können, doch unten, zwischen den Blättern und Zweigen über den Boden, konnte sie noch immer dieses blaue Schimmern erkennen. Es war noch nicht vorbei, die Leichname lauerten hier irgendwo. Trotzdem entschied sie, den Trampelpfad zurück zur Straße zu nehmen. Eske kannte keinen anderen Weg aus dem Wald hinaus, keinen, der sie sicher zurück zum Anwesen bringen würde – oder zu dem, was davon noch übrig war.
Weder sie noch Jose sagten ein Wort, während sie sich voran schleppten. Tapfer versuchte Jose sich aufrecht zu halten, sich nicht so schwer auf sie zu stützten, doch mit jedem Schritt verlagerte er sein Gewicht mehr und mehr auf Eskes Schultern.
Eine ganze Weile passierte nichts. Die Vögel über ihnen zwitscherten unbeeindruckt, bei jedem Knacken und Rascheln zuckte Eske zusammen und versuchte die Richtung auszumachen. Die Härchen in ihrem Nacken standen ihr zu Berge und sie spürte überdies deutlich den Fokus zwischen ihren angespannten Muskeln. Dann entdeckte sie den Zugang zur Straße. „Wir sind gleich da“, flüsterte sie.
Jose hob den Kopf und sah nach vorne. „Am Anwesen?“
„Nein, aus dem …“ In dem Moment brach ein Ast hinter ihnen, es gurgelte und das schrille Kreischen eines Leichnams durchdrang den Wald. Über ihre Schulter hinweg konnte sie eine Gestalt ausmachen; blutüberströmt, Kleidung wie Eingeweide hingen in Fetzen und das blaue Licht funkelte tief in den toten Augen. „Der Baron!“ Kaum hatte sie das ausgesprochen, eilten sie los. Jose humpelte und hüpfte um ihr nicht zur Last zu fallen und nach wenigen Metern erreichten sie die Straße. Der Baron kreischte erneut hinter ihnen; nahe, sehr nahe. Eske wagte nicht, sich umzusehen. Ohne Vorwarnung warf sie sich mitsamt Jose zu Boden. Kurz darauf schoss der Leichnam an ihnen vorbei und kam vor ihnen zum Stehen. „Bleib liegen“, sagte Eske, griff nach dem nächsten Ast, den sie erreichen konnte, und sprang auf. Der Baron drehte sich hastig um, sein Blick schweifte unruhig umher, bis er Eske erneut fixierte. Eske hob den Ast und wartete auf den Moment, in dem der Baron sprang. Mit aller Wucht schlug sie den Ast gegen den Kopf des Barons, hörte Knochen krachen. Der Leichnam fiel neben ihr in eine Hecke aus weißen Blumen. Er zuckte, Eske holte aus, um noch einmal zuzuschlagen, doch sie hielt inne. Das blaue Licht zwischen den Pflanzen, das Glühen in den Augen des Barons wurde plötzlich grünlich und wandelte sich zu einem schillernden Gelb; dann erlosch es. Der Baron lag still da. War es vorbei?
„Eske, sind das Menschen oder Leichen?“, keuchte Jose. Er war nicht wieder auf die Beine gekommen, saß aber auf einen Arm gestützt. Allarmiert folgte sie seinem Blick die Straße hinauf. Der umgestürzte Baum blockierte die Straße nicht mehr, doch die Kutsche stand noch dort. Und daneben Menschen, lebende Menschen! Drei in der Uniform der Behörde für die Kontrolle unlauterer Magie, die anderen beiden trugen Mäntel, die sie als Magier auswiesen. „Die Magie-Kontrollbehörde.“ Eske schloss die Augen und ließ den Ast einfach fallen. Sie hörte, dass jemand auf sie zu lief und sie rief. Sie atmete tief durch und sah dem Mann und der Frau entgegen. Sie stellten Fragen über Fragen, einer nach der anderen; wer sie seien, wo sie herkamen, ob es ihnen gut ginge, ob sie noch mehr Leichname gesehen hatten. Doch alles, was Eske sagte war: „Er ist verletzt. Eine der Leichen hat ihn gekratzt.“
Die Magierin fackelte nicht lange und nahm sich Jose an. Der Bewaffnete, der nun noch bei Eske stand, stellte weiterhin Fragen. Eske beantwortete sie ohne nachzudenken, ließ den Blick schweifen, bis sie bei der Kutsche ein bekanntes Gesicht entdeckt. „Meister zu Lauenkamp!“ Das war der Moment, in dem sie endlich begriff, dass sie in Sicherheit sein mussten. Sie hörte nicht mehr zu, antwortete nicht mehr, sondern eilte zu dem alten Künstler. Ärgerlich folgte ihr der Bewaffnete. „Meister zu Lauenkamp, seid Ihr in Ordnung?“ Auch er sah mitgenommen aus. Ein Ärmel seiner Jacke war zerrissen und in seinen Haaren hingen Blätter und Kletten. Doch er war in weit besserem Zustand, als Eske befürchtet hatte.
„Fräulein Lammfeld“, begrüßte er sie. „Wie wunderbar, Ihr habt es geschafft!“ Seine Augen leuchteten vor Freude – oder waren es Tränen?
„Und ihr ebenfalls.“ Das erste Mal seit stunden – oder Tagen – fühlte sie sich unbeschwert, als könne sie dem Chaos einfach davonfliegen. Eske lachte. „Wir haben Euch gesucht. Ich hatte schon befürchtet, auch Euch nur noch als wandelnde Leiche vorzufinden.“
„Gesucht habt Ihr mich?“ Schuldbewusst drückte Meister zu Lauenkamp ihre Hände. „Das tut mir Leid. Als wir alle von den Leichen flüchteten, stürzte ich. Das verschaffte mir den klaren Gedanken, dass ich in die falsche Richtung lief. Auf dem Weg in die Stadt stieß ich auf die Magiefinder.“ Er nickte in Richtung des Bewaffneten. Dieser nickte und meinte: „Dank Meister zu Lauenkamp wussten wir, was auf uns zukam und konnten entsprechende Hilfe anfordern.“
Eske sah zu Jose und der Magierin hin. Ja, es war wirklich vorbei.

Malerin der Toten 22

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Zusammen rannten sie davon, Jose zog sie mit sich den schmalen Weg in den Wald hinein; ein Trampelpfad. Wurzeln ragten aus dem weichen Boden heraus und als Eske in eine Kuhle trat, wäre sie fast gestürzt. Die Leichen waren noch immer hinter ihnen, doch sie wurden durch das Gestrüpp und die Äste weit mehr behindert, als Jose und Eske.
„Da!“, schrie Jose vor ihr. Zwischen den Bäumen tat sich ein dunkler Schatten auf, der sich schnell als eine Hütte entpuppte. Jose war zuerst da und rüttelte an der Tür. Eske hob ihr Schwert und sah den Leichen entgegen. Eine der beiden Frauen war ihnen dicht auf den Fersen und setzte zum Sprung an. Eske überlegte nicht lange und warf sich zur Seite. Ihre Schulter prallte hart an die Wand der Hütte. Im selben Moment hatte Jose die Tür geöffnet und sie schlüpften hinein, schlug die Tür hinter ihnen zu. Der Leichnam kreischten schrill, als er sich von außen dagegen warf. Jose und Eske hielten dagegen. Mit einer unbändigen Kraft stieß die Frau gegen die Tür, versuchte ihre Klauen durch einen Spalt zu schieben.
Eske schlug auf die knöchernen Finger ein, die Klinge ihres Schwertes durchtrennte Sehnen und zerschlug einen Fingerknochen. Dann war die Tür zu und Eske verkeilte das Schwert zwischen dem Riegel und der Wand. Ein weiteres Mal warf sich der Leichnam gegen die Tür, doch die Improvisation hielt.
Atemlos sah Eske sich um und stürzte gleichzeitig mit Jose zu dem einzigen Fenster. Der Fensterladen war geschlossen, doch auch hier hörte Eske es bereits auf der anderen Seite kratzen. „Gib mir den Dolch“, forderte sie Jose auf und hieb die Spitzen der Dolchklinge in das Holz unter den Fensterläden, genau in die Mitte. Der Dolch würde die Läden blockieren, wenn die Leichname versuchten sie zu öffnen.
Neben ihr atmete Jose hörbar aus. Und erst jetzt bemerkte Eske, wie dunkel es in der Hütte war. Draußen hatten sie ihre Gegner wenigstens gesehen. Sollten sie es schaffen, einzudringen, würden sie gegen Schatten mit glühenden Augen kämpfen müssen.
„Jetzt haben wir keine Waffen mehr“, merkte Jose an, als habe er ihre Gedanken gelesen. Untermalt wurde diese Aussage von einem weiteren Donnern an der Tür.
Zwar gewöhnten sich Eskes Augen allmählich an das schummerige Licht in der Hütte, doch was sie sah stimmte sie keineswegs erfreulich. Hier gab es nichts, das ihnen gegen die lebenden Toten nützen könnte. An einer Wand stand eine Liege, auf der feinsäuberlich einige gefaltete Decken lagen. Daneben standen zwei Eimer ineinander gestapelt. Auf einem Regal neben der Tür lag lediglich Staub und in einer Kiste darunter fand Eske nur ein paar verschrumpelte Äpfel. Nicht einmal eine Feuerstelle gab es. Diese Hütte war bestenfalls dazu gedacht, Wanderern ein Dach über dem Kopf zu bieten. Aber es war mit Sicherheit nicht die Jagdhütte, zu der sie hatten laufen wollen.
Mutlos ließ Eske sich an der Wand einfach auf den Boden sacken und fuhr sich mit der Hand durch ihre Haare. Sie hatte Meister zu Lauenkamp helfen wollen, stattdessen hatten sie sich in eine ausweglose Situation gebracht.
„Wir können die Kiste auseinandernehmen.“ Jose hatte die Äpfel einfach auf den Boden fallen lassen und stellte die Kiste auf die schmale Seite. Dann setzte er seinen Fuß hinein und versuchte, die Bretter abzureißen. Es knackte, doch Eske konnte nicht einordnen, ob es das Geräusch der Kiste war oder der Leichen draußen. Letztlich stützte sie den Kopf in beide Hände. Knacken, kratzen, kreischen und Joses Versuche, die Kiste auseinanderzunehmen; all das floss durch ihre Ohren und blähte sich dort soweit auf, dass es ihren Schädel zu sprengen drohte. Wie in aller Welt war sie nur in diese Situation geraten?!
„Eske?“ Joses Hand auf ihrer Schulter riss sie aus der drohenden Verzweiflung. „Dort oben ist eine Luke.“ Sie blinzelte und folgte seinem Fingerzeig. Ja, er hatte Recht. „Wir haben keine Leiter, aber eine Kiste. Wenn dort oben ein Zwischenboden ist, können wir uns dort vielleicht verstecken.“
Eske schluckte hart. Selbst, wenn sie gerade am Ende war, sie war noch lange nicht bereit aufzugeben. Gemeinsam öffneten sie die Luke, begleitet von dem ewigen Rempeln an der Tür und mittlerweile auch am Fenster. Holz splitterte, als Jose Eske hinauf half und sie ihm die Hand reichte, um ihn hinaufzuziehen. „Beeil dich!“ Sie sah Jose die Angst ins Gesicht geschrieben, doch so viel Gewicht auf einmal hatte sie noch nie an ihren Arm gehangen. Sie zog, Jose sprang und die Kiste kippte zur Seite. Im selben Moment sprang einer der Fensterläden auf und ein erfreutes Lechzen erklang. Jose zog sich hoch, bis zu seinem Bauch und trat um sich, als es unter ihm polterte. Krallen bohrten sich in sein Bein, in seinen Stiefel. Jose trat auf die Frau ein, Eske schlug ebenfalls zu. Nach wenigen Augenblicken verlor die lebende Leiche den Halt, stürzte mitsamt Joses Stiefel hinunter und Eske schlug die Luke zu. Wieder knallte das Gewicht des Leichnams von unten an die Luke, doch er konnte dafür lange nicht so viel Kraft aufbringen, wie an der Tür. Rücken an Rücken setzten sich Eske und Jose auf die Luke. Unter ihnen wüteten die Leichen, nur eine Handbreit über ihnen war die Dachschräge und nur ein Haufen Stroh trennte sie noch von dem unheilverkündenden Licht des Waldes. Zwei Fenster, dicht über dem Boden, dort, wo sich die Dachschrägen über ihnen trafen, ließen etwas Licht herein.
„Glaubst du, sie sind schlau genug, über das Dach zu klettern?“ Seine Stimme war nicht mehr als ein Wispern und übertönte kaum das Rumoren und wütende Kreischen unter ihnen.
„Ich weiß es nicht“, war alles, was Eske sagen konnte. Dann schwiegen sie beide. Lange Zeit blieben die Geräusche unter ihnen, lange Zeit versuchte Eske an etwas anderes zu denken, versuchte sich vorzustellen, wie schön es sein würde, einfach wieder zuhause zu sein, in ihrem eigenen Bett – und dort aufzuwachen, nur um festzustellen, dass all das nur ein böser Traum gewesen war. Selbst Mamsell Faunhauf würde sie nun mit einer Umarmung begrüßen. Doch das war ein Traum. Oder doch?
Joses schnarchen riss sie aus ihrem Halbschlaf. Sie blinzelte, trübes Tageslicht fiel durch die Fenster. Unter ihnen herrschte Stille. Die Sonne war aufgegangen, sie hörte sogar Vogelgezwitscher. Von dem unheimlichen Licht war jedoch nichts zu sehen, doch das mochte auch am Sonnenlicht liegen. War es vorbei?
Sie stupste Jose an. „Oh, was?“, murmelte er und zuckte plötzlich in eine aufrechte Position. „Bin ich eingeschlafen?“
„Ja.“ Eske musste dabei sogar lächeln.
„Sind sie fort?“
„Ich weiß es nicht. Ich höre nichts mehr.“ Sie krabbelte auf allen Vieren zu einem der kleinen Fenster und spähte hinaus. „Vielleicht ist der Spuk endlich vorbei.“ Draußen war alles ruhig. Eske konnte die Vögel in den Zweigen der Bäume sogar sehen. „Sieht aus, als seien sie nicht mehr dort.“
Jose stöhnte und rutschte zur Luke hin. Vorsichtig hob er sie an und sah hinunter. Kurz darauf öffnete er sie ganz. Licht durchflutete die Hütte unter ihnen. Die Tür lag zersplittert auf dem Boden. „Ich geh zuerst“, sagte Eske und ließ ich nach unten fallen. Die Fensterläden hingen schief in den Angeln, das Regal war an einer Seite von der Wand gerissen und Liege und Decken zerrissen. Doch die Leichname waren fort.
„Ich komme runter.“ Kurz darauf landete Jose neben ihr und keuchte auf. Erst jetzt sah Eske, dass er verletzt war. Der Leichnam hatte ihm nicht nur den Stiefel vom Bein gerissen, er hatte auch tiefe Striemen in seinem Fleisch hinterlassen; Striemen, die bereits eine ungesunde, dunkle Farbe angenommen hatten. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen und seine Augen glänzten glasig. Beunruhigt kniete sich Eske neben ihn und legte eine Hand auf seine Stirn. „Du glühst ja! Warum hast du nichts gesagt?“
Doch Jose schüttelte den Kopf. Sogar jetzt war sein Lächeln noch charmant. „Der wahre Recke jammert nicht. Außerdem …“ Er hielt inne, als er versuchte aufzustehen. Eske legte seinen Arm um ihre Schulter und half ihm hoch. Erst dann sprach er aus, was er begonnen hatte: „Außerdem waren wir von lebenden Leichen umzingelt. Ich hätte dich kaum schicken können, einen Medicus zu holen.“
Eske seufzte. Er hatte Recht. Dennoch gäbe es auch eine andere Lösung. „Du könntest hier warten. Ich laufe zum Anwesen zurück und …“
„Und was?“, unterbracht Jose sie. „Und kommst mit einer Armee zurück, um mich zu retten?“
„Nein, aber ich bin alleine schneller und könnte Hilfe holen. Du kannst kaum laufen. Außerdem möchte ich dich wohlbehalten und an einem Stück zu Editha zurückbringen.“
Jose sah hinauf zu der Luke und schüttelte den Kopf. „Liebste Eske, ich fürchte, ich schaffe es nicht mehr hinauf. Und hier unten werden ich ganz sicher nicht alleine bleiben.“ Er brauchte nicht sagen, weswegen. Sollte dieser Fluch nicht vorbei sein, wäre er hier unten schon den kleinsten toten Nager ausgeliefert, von den Frauenleichen oder dem Baron gar nicht zu sprechen.
„Na schön, gehen wir“, schloss Eske das Gespräch und half Jose hinaus.