Heimsuchung, Kapitel 18: Rettung

Sananka folgte Najesa durch den Garten und streifte sich ihr Tuch über den Kopf, um Haare und Gesicht zu verbergen. Das Gras war irgendwann die letzten Tage gemäht worden, aber Bäume und Büsche wucherten und boten Deckung. Hier, hinter dem Haus, waren nicht viele Menschen. Die meisten trieben sich auf dem Hof herum, dort, wo das Feuer gelöscht, die Verletzen und die Kinder versorgt wurden. Niemand sah sie, als sie über die Einfriedung kletterten und Najesa sie auf die Dächer hinauf führte.
Auf dem gegenüberliegenden Dach blieb Sananka sitzen und betrachtete das niederbrennende Haus. Hier und dort sah sie noch Flammen. Das obere Geschoss war bereits zusammengebrochen, doch die Magier der Feuerwache hielten mit Wasserzaubern den Brand in Schach. Zwischen all dem Getümmel auf dem Hof sah Sananka einen Schatten, der um das Gebäude schlich und versuchte sich ungesehen davonzumachen. Kyle taumelte und hustete. Sie beobachtete, wie er ungelenk einen Baum erklomm, um vom Grundstück zu entkommen. Bei seinem Anblick setzte sich etwas schwer auf ihre Seele. Da gab es keine Wut mehr, keinen Hass. All das war angesichts ihres Scheiterns versickert und nichts war zurückgeblieben. Ihr Herz war plötzlich so leer.
„Komm!“ Najesa klang streng und Sananka wandte sich ab. Ihre Meisterin schwieg, sah sie nicht einmal an während sie ihren Weg über die Dächer nahmen. Sie sagte auch nichts, als sie in eine Gasse hinabstieg und demonstrativ die weite Schärpe, die ihr Gesicht verhüllt hatte, um ihre Hüften drapierte; die Illusion eines Rocks. Aus Gewohnheit tat Sananka es ihr gleich, zog sich ihr Tuch von den Haaren und legte es sich um die Schultern.
Lange sagte Najesa kein Wort, führte sie nur durch die Straßen. Wie enttäuscht musste sie sein? Dabei hatte Sananka ihre Aufgabe nicht vergessen, sie hatte nur zuvor endlich diesen Dämon aus Pelas, nein, aus ihren Gedanken vertreiben wollen. Die Kinder waren gerettet, Kyle war der Held, der er sein sollte. Niemand außer ihm und Dennet konnte eine Beschreibung von ihr abgeben. Auch wenn Sananka sich bewusst war, dass sie besser ruhig sein sollte, so nagte eine Frage an ihr, die die Leere mit Kälte zu füllen begann: „Meint Ihr das ernst? Dass ich nicht zur Meuchlerin tauge?“
Najesa packte unvermittelt ihren Arm und beförderte sie grob in die nächste Seitengasse. Instinktiv drehte sich Sananka und entwand sich ihrem Griff. Nur wenig Licht drang von den magischen Laternen hier herunter, doch einer der Monde strahlte weit über ihnen und tauchte Najesas Gesicht in seinen kühlen blauen Schein. Als sie sprach, war ihre Stimme ruhig und beherrscht. „Du magst eine gute Schneiderin sein, nur zu mehr taugst du nicht. Was glaubst du, wer hinter dem Junghaus Waisenhaus stand?“ Die letzten Worte waren ein Zischen und Najesa trat näher an Sananka heran.
Die Antwort schwebte so klar vor ihr, aber obwohl Sananka den Mund öffnete, sie bekam kein Wort heraus. Es waren die gleichen skrupellosen Menschen, die Meuchler beauftragten, andere zu töten. Meuchler, wie sie eine werden wollte.
„Ein Meuchler darf nicht urteilen“, fuhr Najesa fort. „Ein Meuchler tötet seinem Auftrag gemäß, nicht nach eigenem Ermessen.“
„Aber“, wollte Sananka einwenden, doch Najesa schnitt ihr abermals das Wort ab.
„Wir richten nicht! Auch nicht über Kinderschänder.“ Najesa sah sie scharf an.
Sananka spürte den Widerhall in der Leere ihres Inneren. „Ihr wusstet es“, flüsterte sie.
„Alle wussten es.“
Mit der Erkenntnis breitete sich die Leere weiter aus, erreichte ihre Arme und Beine und ließ ihre Hände genauso taub werden wie ihr Herz. Aber nein, es war nicht taub. Er war immer noch da, dieser Hass – und er hatte Gesellschaft. Angst legte seine klammen Finger um ihre Kehle, Verzweiflung hämmerte auf ihr Herz ein, Wut und Trauer ließen sie zittern und Pelas Klage trieb ihr Tränen in die Augen. Wie konnte das sein? Wie konnten alle davon wissen und niemand etwas tun?
„Doch für dich und deine Stimme gibt es andere Pläne.“
„Was?“ In all dem Chaos, das sie erfüllte, wirkte ihre Frage hohl statt überrascht.
„Mein Auftrag ist es, dich auszubilden. Deine Besonderheit hatte er mir allerdings nicht verraten.“
Das Gesicht ihrer Meisterin spiegelte nicht wieder, was sie darüber dachte und Sananka brachte nur ein ersticktes: „Er …“, hervor.
Ein Lächeln schob sich auf Najesas Lippen, kalt und berechnend. „Für deinen Freund tut es mir Leid, Zeugen können wir nicht gebrauchen.“
Najesas Worte drangen wie ein Echo zu ihr durch und brachten all die Gefühle in ihr zur Explosion. Kyle, schoss es ihr durch den Kopf. Ohne zu überlegen warf sich Sananka gegen ihre Meisterin. Überrascht taumelte diese zurück und sprang zur Seite, als Sananka nachsetzte. Najesa zog ein Messer, doch Sananka dachte nicht daran, auszuweichen. Mit ihrem ganzen Gewicht prallte sie auf ihre Meisterin und griff dabei nach dem Arm mit der Klinge. Es war nur ein Augenblick, den sie Najesa ins Gesicht sah. „Nicht Kyle!“, zischte sie und sang.

Als Kyle zum Tatort beordert wurde, hatten die Gardisten die Leiche bereits aus dem Ereden gezogen. Sie musste seit Tagen im Wasser gelegen haben, versteckt unter Tang und Schmutz. Ihre Haut war weiß und aufgedunsen, ihre Kleidung zerfetzt.
„Kyle!“ Hauptfrau Gonner winkte ihn zu sich. Sie stand neben der Toten. Mit einem tiefen Seufzer gesellte er sich zu ihr, ließ den Blick über die Schaulustigen schweifen – und hielt inne. In der Menge verschwand ein blonder Haarschopf. Er hatte Sananka seit dem Brand nicht mehr gesehen. Sie kam nicht mehr zur Akademie und er war nicht in die Ermittlungen involviert. Doch Hauptfrau Gonner hielt ihn auf dem Laufenden: Dennet hatte man tot hinter dem Haus gefunden, übel zugerichtet durch die Flammen. Kyle war sich sicher, er war nicht freiwillig in das Feuer zurückgerannt. Das aber behielt er für sich. Vier der Übeltäter hatten überlebt, ihnen wurde aufgrund der Aussagen der Kinder der Prozess gemacht. Am meisten nagte jedoch an ihm, dass zwei der Waisenkinder an den Folgen des Feuers gestorben waren. Ob Sananka das wusste?
„Kyle?“
Die Hauptfrau riss ihn aus den Gedanken und er trat zu ihr neben die Leiche. Das Gesicht der Toten war zerschunden und verquollen. Dennoch erkannte Kyle die Frau; das enge Leder und die Reste eines roten Tuchs verriet sie. Ihr Augen starrten in den bewölkten Himmel.
Mit tauben Fingern nahm er das Schreibbrett entgegen.

 

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Heimsuchung, Kapitel 18: Zerstört

Kyle stieß die Tür zum Keller zu und verschloss sie hastig hinter sich. Der Qualm schwelte durch die Ritzen herein und verteilte sich in dem feuchten Raum. Dunkelheit umfing ihn, er hörte die Rufe der Helfer von weiter oben. An ihnen hatte er sich vorbeistehlen müssen, als er hierher geeilt war. Sananka musste hier sein. Dennet Schafherr war ihr Ziel und in all den Jahren, die sie hier verbracht hatten, gab es nur einen Ort, den sie alle gefürchtet hatten. Er war sich sicher, sie hatte ihn ins Schreckenszimmer gebracht. Und er war sich sicher, sie wollte, dass er sie aufhielt. Aus welchem anderen Grund hätte sie diesen Gossenkerl sonst zu ihm schicken sollen?
Hinter einem der Regale drang ein schwacher Lichtschimmer hervor. Ohne zu überlegen, zog Kyle es nach vorne. Es war fest mit einer Tür verbunden – und diese war nicht verschlossen.
Was er erwartet hatte, wusste Kyle nicht. Doch der Anblick ließ ihn erneut erstarren. Dennet Schafherr saß mitten im Raum, gefesselt an einen Stuhl. Blut benetzte sein Gesicht, seine Brust und seine Arme und Sananka stand hinter ihm, einen Dolch in der Hand. Eine einzelne Lampe auf einem Spiegeltisch tauchte das Zimmer in gelbliches Licht und verschärften den Eindruck, dass all dies nur ein Kinderspiel war. Puppen saßen auf Brettern an den Wänden, ein großes Himmelbett mit blauen und weißen Laken stand in einer Ecke und auf dem Teppich um Dennet herum lag Spielzeug. Es sah aus, als sei das Kind, dem diese Kammer gehörte, nur kurz fortgegangen.
Dennets Wimmern riss ihn aus der Überraschung. Kyle begegnete erst seinem flehenden Blick, dann prallte ihm Sanankas Hass entgegen. „Verschwinde! Kümmere dich um die Kinder!“
Doch Kyle dachte nicht daran und ging auf den Gefesselten zu. „Die Kinder sind in Sicherheit. Nur der hier fehlt noch. Verflucht, Sananka …“ Weiter kam Kyle nicht. Sananka schlug ihm ins Gesicht.
Während Kyle seine Nase betastete, zischte sie: „Ich sage es dir nur noch ein einziges Mal: Verschwinde!“
„Nein.“ Mehr konnte Kyle nicht antworten. Hätte Sananka nicht eben bereits zugeschlagen, hätte ihr Angriff Erfolg gehabt. Sie schnellte vorwärts. „Selbst schuld!“ Als sie nicht traf, setzte sie ihm mit einen Tritt nach. Kyle wich zurück und kassierte einen Stoß gegen den Oberschenkel statt in den Bauch. Dennoch, Sananka war stärker, als er erwartet hatte. Sie war schnell und wendig. Doch auch wenn Kyle geahnt hatte, dass sie irgendetwas verbarg, ihre Kampftechnik und Geschwindigkeit hatte er deutlich unterschätzt.
Mehrere Schläge nahm er hin, ohne selbst ernsthaft zuzuschlagen. Seine Nase blutete, das Atmen fiel ihm schwer dank des Rauchs im Haus und sie hatte noch keinen Kratzer. Aber sie stieß nicht mit der Klinge nach ihm, sie attackierte ihn mit dem Knauf, mit Hieben und Tritten. Kyle änderte die Taktik. Zurückhaltung war fehl am Platz. Dennet sollte seine gerechte Strafe erhalten, jedoch nicht durch Sananka. Das würde sie zerstören. Vor langer Zeit hatte er einen Fehler begangen und dieser Fehler hatte zu all dem geführt. Die Wut auf sich selbst, auf Sananka, auf einfach alles spornte ihn an. Er drang auf Sananka ein. Sie wich seinen Angriffen aus, dann erwischte er sie mit der flachen Hand direkt unter dem Halsansatz. Sie taumelte, stolperte, stützte sich ab und warf den Dolch nach ihm. Sie verfehlte ihn, doch Kyle hörte ihn vibrieren.
Kyle vergaß, weswegen sie kämpften. Seine Lungen brannten, als sei der Qualm darin plötzlich in Brand geraten. Er sah nur noch eine Gegnerin, die er besiegen musste, bevor es ihm nicht mehr möglich war. Diese Gegnerin aber wurde immer einfallsreicher. Mit einem Stoß löste sie ein Brett von der Wand. Spielzeug kullerte herunter und das Holz wurde zur Waffe. Kyle fing den ersten Angriff ab und riss es ihr aus den Händen. Ein Satz nach hinten folgte, um Sanankas Knie auszuweichen. Darauf flog eine Puppe auf ihn zu und Kyle nutzte das Brett als Schild. Im nächsten Augenblick war Sananka wieder vor ihm und zielte auf seinen Bauch. Kyle spannte die Muskeln an, und verhinderte, dass er keuchend zusammenzuckte. Sananka hielt nicht inne; ihre Fäuste und Füße prasselten weiter auf ihn ein. Er benutzte das Brett, um sie auf Abstand zu halten und die Hiebe abzufangen, während jeder Luftzug den Hustenreiz stärker werden ließ. Dann schlug er zurück. Behände sprang sie über das Brett hinüber und Kyle holte mit dem Holz aus. Er traf sie mitten ins Gesicht, es knackte verdächtig. Ein weites Mal setzte er hinterher. Sie wich nach hinten, doch sie war plötzlich unsicher auf den Beinen. Schwer atmend und mit einer Wunde an der Stirn stieß sie gegen die Wand in ihrem Rücken. Kyle stützte sich ab und hustete. Dennoch beobachtete er sie. Sie sah ihm entgegen, ihre Augen waren starr und funkelten ihn an. „Egal, was du tust, ich werde ihm den Schädel einschlagen“, zischte sie.
„Warum hast du mich dann hergeholt?“ Kyle konnte kaum sprechen. Es war, als presse er die Worte zwischen trockenem Pergament hindurch.
„Wegen der Kinder!“, brüllte sie. „Geh mir aus dem Weg, du verdammter Held!“
Kyle schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was sie hiermit beweisen wollte. Er wusste nicht, weswegen sie all das tat. Doch in Einem war er sicher: Hätte sie ihn umbringen wollen, hätte sie es bereits getan. „Nein.“
Erneut griff Sananka an und Kyle parierte, ohne zurückzuschlagen, das Regalbrett fest in den Händen. Ihre Wut gab ihr Kraft, die Verzweiflung Schnelligkeit. Zwei Mal drang sie durch seine Verteidigung, beide Male traf sie ihn an der Seite und Kyle ließ sich zurücktreiben. Unendlich lange benötigte er, bis er den Dolch endlich entdeckt hatte; es steckte in einem der hinteren Pfosten des Himmelbettes. Kyle wusste nicht, wie er ihn erreichen sollte, aber um Sananka wieder zur Vernunft zu bringen, musste er Dennet befreien.
Ein Faustschlag erschütterte seinen improvisierten Schild, ein zweiter folgte, dann ein Tritt. Diesen nutzt Kyle, ließ das Brett fallen und tauchte darunter durch, um sich in Richtung des Bettes zu schieben. Seine Taktik ging auf. Sananka setzte nach, er wich weiter zurück. Nun registrierte auch sie den Dolch. Die Erkenntnis jedoch flackerte zu spät in ihren blauen Augen auf. Kyle zog die Klinge mit einem Ruck aus der Wand.
Einen kurzen Augenblick hielt Sananka inne. Verzweiflung verzerrte ihr Gesicht; sie wusste, sie war zu weit gegangen und schlug jetzt blind auf ihn ein. Er bekam ihren Arm zu fassen und schleudern sie von sich fort. „Sananka, hör auf!“
„Nein!“ Als Sananka erneut auf ihn zu stürmte, drehte er sich zur Seite. Aber anscheinend hatte Sananka damit gerechnet, verlagerte ihr Gewicht und riss ihn mit. Kyle stolperte, fing sich an einem der Bettpfosten ab und blieb auf den Beinen. Zum Glück, denn Sananka wusste, wie sie den Schwung nutzte, um sich von der Wand abzustoßen und ihn mit einem gezielten Tritt zu attackieren. Kyle wich aus, sie traf den Pfosten. Das Holz splitterte und die feinen Stoffe, die das Himmelbett säumten, erzitterten unter der Wucht. Ohne innezuhalten, prügelte sie weiter auf ihn ein, doch auch, wenn sie schnell war, sie wurde unpräzise. Sie sah hinauf zu den Stoffbahnen und Kyle ahnte, was sie im Sinn hatte. Gerade, als sie eine Hand heben wollte, um nach dem Tuch zu greifen, packte er ihr Bein, mit dem sie gleichzeitig zutrat. Sie griff ins Leere, rutschte ab und fiel zu Boden. Ihr Kopf schlug gegen die Holzkante des Bettes.
Als sie erneut aufstand, schwankte sie. Kyle nutzt die Gelegenheit, warf das Messer auf die Kissen, drehte ihr die Arme auf den Rücken und drückte sie gegen den gesplitterten Bettpfosten.
Zuerst versuchte sie, sich zu wehren, doch sie merkte schnell, weswegen er der derzeit beste Gardeschüler war; er wusste, wie er jemanden festhalten musste.
„Warum tust du das?! Warum beschützt du diesen Dreckskerl?“
„Ich bin nicht hier, um ihm zu helfen.“ Auch in ihm kochte es mittlerweile. Er war nicht so ruhig, wie er gerne wäre. Jeder Atemzug schmerzte und führte den Schmerz weiter in seine Glieder. Er wollte nur hier heraus, mit Sananka, und Dennet seinem Schicksal überlassen. „Komm“, sagte Kyle, um sie nicht zur Tür zerren zu müssen, da lachte Sananka auf – und summte eine Melodie. Kyle kannte sie, es war die Heldensage, eine berühmtes Weise aus … doch plötzlich verlor er diesen unwichtigen Gedanken. Etwas anderes tauchte mit ihrem Gesang auf, etwas grauenhaftes. Es kroch ihm in den Nacken und quetschte Schweiß aus seinen Poren. Erschrocken ließ er Sananka los. Die Furcht warf ihr Netz aus und webte es dicht um ihn, dass er sich nicht mehr regen konnte. Er wusste, er stand noch immer mit Sananka im Schreckenszimmer. Es war ein klarer Gedanke in der Starre, glockenhell, aber er zitterte in dem Lied. Bis dieses verstummte. Die Furcht verpuffte und Kyle blinzelte. Was hatte sie gerade getan?
„Nein …“, kam es erstickt aus Sanankas Kehle. Kyle schluckte und zwang sich, nicht Sananka anzustarren, sondern ihrem Blick zu folgen. Dennet war fort. Die Fesseln lagen zerschnitten am Boden und die Luke in den Garten stand offen. Kyle konnte sich nicht erklären, wie Dennet hatte entkommen können. Der Dolch lag nach wie vor auf dem Bett.
Stimmen drangen von oben heran; die Feuerwache. Lange würde sie nicht mehr brauchen, ehe sie auch das Schreckenszimmer entdeckten. Wahrscheinlich hatte sie bereits erfahren, dass Dennet entführt worden war, und stellten das ganze Haus auf den Kopf. Wenn sie ihn fanden, wäre Sananka geliefert.
Kyle griff abermals nach ihrem Arm. Dieses Mal nicht, um sie festzuhalten, sondern um sie zu sich zu bringen. „Sananka!“
Nur zögernd drehte sie den Kopf und starrte ihn an. Kyle konnte förmlich sehen, wie sich ihr Blick veränderte und der Hass erneut aufflammte. Und dieses Mal richtete er sich gegen Kyle. Ohne Vorwarnung stieß sie ihn mit den flachen Händen hart vor die Brust. Kyle taumelte zurück und fing sich am Bettpfosten ab. In Erwartung eines weiteren Angriffs sah er sie an. Doch in ihren Augen glänzten Tränen und sie ballte wütend die Hände. „Du verdammter Held! Der Kerl ist es nicht wert, am Leben zu bleiben. Und ich war noch gnädig, er hätte viel mehr Leid verdient als ein paar Schnitte!“
Langsam nickte Kyle. „Du hast Recht.“
Sananka schüttelte den Kopf, dass ihre blonden Locken einen wilden Tanz aufführte. „Mich kannst du nicht mehr retten, du Idiot! Du hättest es damals gekonnt, aber du hast es nicht!“
Weswegen er es nicht getan hatte, weswegen er damals nicht zurück ins Haus gegangen war und sie geholt hatte, wusste er nicht. Die Panik hatte ihn übermannt. Er erinnerte sich an das Blut, das aus dem Schädel des Aufsehers gesickert war. Der angetrunkene Mann, der die Schafherr für die zierliche Blonde mit den Goldlocken bezahlen wollte. Kyle erinnerte sich an die Wut, die seine Hand mit dem Stein geführt hatte. Einmal, zweimal. Wie oft er zugeschlagen hatte, konnte Kyle nicht sagen. Der Schädel war nur noch eine Masse aus Blut, Knochen und Gehirn. Und zum ersten Mal in seinem Leben war Kyle davongerannt und hatte das Mädchen mit den Goldlocken alleine in diesem Dämonenhaus gelassen. „Ich wollte es“, murmelte er.
„Du hast es nicht!“, schrie Sananka ihn an. „Jetzt passe ich auf mich selbst auf! Jetzt bin ich diejenige, die in der Lage ist, Menschen zu töten.“
„Das bist du nicht.“
Kyle fuhr herum. Ein vermummtes Gesicht sah durch die Luke zu ihnen hinunter. Kurz darauf sprang die Gestalt behände in den Raum hinein, gehüllt in stabiles dunkles Leder. Tücher in dunklem Rot und Grau gaben dem Ganzen die Illusion eines Hemdes mit Schärpe und verhüllten auch das Gesicht. Ihre Bewegungen waren weich, ihre Stimme rau. Wären ihre Rundungen nicht deutlich zu sehen gewesen, hätte Kyle sie für einen Mann halten können. Und so, wie Sananka sie ansah, ahnte Kyle, wer das sein musste.
„Was?“, entfuhr es Sananka überrascht.
„Du hast deinen Auftrag nicht erfüllt“, sagte die Fremde kühl. „Stattdessen hast du dich in Rachegedanken verrannt.“
„Aber …“
„Er hat bekommen, was er verdient.“ Kyle lief es bei den Worten kalt den Rücken hinunter und Sananka stand der Unglaube ins Gesicht geschrieben. Sie wollte etwas sagen, öffnete den Mund, doch die Fremde fordere sie auf, zu gehen. „Sofort!“
Und Sananka gehorchte. Sie trat unter die Luke, sprang hinauf und zog sich behände nach oben. Ihre Mentorin warf Kyle noch einen Blick zu, dann folgte sie ihr und er stand alleine im Spielzimmer, während es draußen von Helfern wimmeln musste.

 

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Heimsuchung, Kapitel 17: Sanankas Hilfe

Spielzimmer hatte er es genannt. Nur ein einziges Mal hatte sich Sananka hier hineingeschlichen und deswegen die schlimmste Tracht Prügel eingesteckt, die sie hier je bekommen hatte: Eine ganze Woche hatte es gedauert, bis sie ihren Arm wieder hatte bewegen können und noch länger, bis alle Blessuren verheilt waren. Oder fast alle. Ihrer Nase sah man den einstigen Bruch noch immer an. Für sie war es damals ebenso das Schreckenszimmer geworden, wenn auch anders als für Pela. Doch sie, das Wieselgesicht, war niemals dafür vorgesehen, hierher geholt zu werden. Selbst eine gerade Nase hätte sie nie so hübsch werden lassen wie Pela.
Sananka erinnerte sich an die Abscheu, den Ekel und den Stolz Pelas. Unter den Kindern hatte sie ihr Privileg genossen. Dennoch war dieser Raum ihr Schrecken gewesen. Sananka hatte gesehen, was Pela geplagt hatte, hatte es gefühlt. Das Spielzimmer war ihr so vertraut; mit weiß gekalkten Wänden, Stuckverzierungen in Blau, Blumenmalereien und eleganten Möbeln war dieses Zimmer der Traum eines jeden kleinen Mädchens. Sogar Spielsachen und Bücher lagen in Regalen und ein dicker Teppich vor dem Bett stellte eine große rote Blume dar. Auf einem niedrigen Tisch ruhte eine Schale mit süßem Konfekt. Ein Spiegeltisch mit Rouge, Lippenrot und Haarspangen rundete das Bild ab. Leider hatte es nie ein kleines Mädchen gegeben, dessen Kinderzimmer es gewesen wäre. Nein, hatte es nur die Mädchen gegeben, die sich wie Puppen herrichten mussten und an denen sich der Dreck dieser Stadt erfreut hatte. Jedes Mal war das Wispern um Pela lauter geworden und auch Sananka hörte es leise hinter ihrem eindringlichen Flüstern. Pela hatte Angst gehabt, jedes Mal, wenn sie hatte herkommen müssen – die gleiche Angst, die nun Dennet verspürte.
Diesen Widerling dazu zu zwingen, hier herunterzugehen, fiel Sananka so leicht. Ihre Stimme hatte dafür gesorgt, dass niemand sie kommen sah, ehe sie jeden Einzelnen von ihnen überwältigte. Die dicke Köchin und die Schafherrs waren bereits zu Bett gegangen. Auch drei der Aufseher hatte sie in den Kammern schlafend gefunden. Nur einer hatte versucht, sich zu wehren, und war nach einem kräftigen Schlag gegen die Kehle an der Treppe liegengeblieben.
Allen hatte sie befohlen, still ins Schlafzimmer zu gehen und sich fesseln zu lassen. Angesichts ihres Dolches und mehreren Schrägen in empfindliche Körperregionen, folgte einer nach dem anderen der Anweisung. Erst nachdem sie allesamt gefesselt und geknebelt hatte, war sie zufrieden. Das Jammer und Wegklagen drang nicht zu ihr durch. Sie spürte kein Mitleid. Sie fühlte nur den Rausch der Überlegenheit.
Während das Feuer im Nebenraum zu lodern begann, erlöste sie Dennet von dem Schicksal mit den anderen ersticken zu müssen. Sie band ihm die Arme auf den Rücken und stopfte ihm seine eigene Unterwäsche in den Mund. Ihr Gesang schürte seine Angst. Sie machte ihn genauso gefügig, wie seine Drohungen und Schläge die Waisenkinder.
Sananka hatte ihn aus dem Schlafzimmer gezerrt. Weinen und Schluchzen begleitete jeden seiner Schritte. Doch es war ihr egal; wie ihm, wenn die Kinder weinten. Weswegen also sollte sie nun daran Anteil nehmen?
Noch hatte Sananka nicht ganz verstanden, was sie mit ihrer Magie alles anstellen konnte, welche Gefühle sie in den Menschen auslösen konnte. Aber der brennende Hass in ihr leitete ihre Stimme und ließ ihn fühlen, was er entzündet hatte: Angst umklammerte ihn so unbändig, wie das dürre kleine Mädchen in Sanankas inneren. Scham durchflutete jeden seiner Gedanken, wie einst Pelas.
Zitternd ging er die Nebentreppe in den Keller hinunter. Dort gab es einen Zugang in das Schreckenszimmer. Sananka kannte ihn nicht, doch Dennet war er vertraut. Den Kindern war der Keller verboten gewesen. Vorräte, Kleidung und Dinge, die schnell für eine weitere Waise gebraucht wurden, lagerten darin. Sananka wusste nur von der Luke im Garten, die sie damals durch Zufall entdeckt hatte.
Im Schein ihrer Lampe entriegelte er ein Regal von der Wand und ließ es beiseite gleiten. Sananka roch den süßlichen Duft, der das Zimmer erfüllte. Ein Kontrast zu dem stechenden Rauch, der das ganze Haus durchzog. Hinter sich schloss sie die Tür des Spielzimmers, stetig eine Melodie summend – seine Melodie. Er hatte sie gesungen, wann immer er Pela geholt hatte. Es war auch das Lied, das Sananka gesummt hatte. Dann, wenn sie sich die Decke über den Kopf gezogen hatte und ihr die Angst zugebrüllt hatte, sie solle sich so tief wie möglich verkriechen. Sie alle hatten sich verkrochen und sich gewünscht, er möge wieder Pela mitnehmen. Jetzt wusste Sananka, diese simple Tonfolge hatte sie beschützt und Pela vor Furcht erstarren lassen.
Sananka schüttelte den Gedanken an Pelas Erinnerungen ab. Wie Flöhe sprangen sie auf und ab und bissen ihr ins Gedächtnis.
Einen Augenblick stockte ihr Gesang, verlor an Kraft und Dennet wurde sich gewahr, wo er sich befand. Er drehte sich um und sah Sananka erstaunt an, bevor er begriff. Als sich seine Augen vor Wut zusammenzogen, hieb Sananka ihm direkt ins Gesicht. Er taumelte, stolperte über den Teppich und schlug sich den Kopf an dem niedrigen Tisch. Die Konfektschale schepperte.
Sananka lächelte, trat zu ihm und griff nach seinem Kragen. Er war zu schwer, als dass sie ihn alleine auf die Beine ziehen konnte. Erneut summte sie. Unter Angst war er formbar, wie eine bewegliche Puppe. Sie zog ihn hoch, er stand auf. Sie dirigierte ihn zu einem Stuhl, er ging zitternd Schritt um Schritt voran. Als er auf dem Sitz saß, verschnürte sie seine Hand- und Fußgelenke fest mit den Armlehnen und Stuhlbeinen. Erst dann beendete sie den Gesang. Wieder dauerte es einige Herzschläge, bis sich seine Trance gelegt hatte und er sich erinnerte. Dieses Mal trat keine Wut in sein Blick. Voller Panik rüttelte er an den Stricken. Doch Sananka wusste, was sie tat. Sie war eine angehende Meuchlerin, jemanden zu fesseln war eine leichte Übung. Lächelnd zückte sie ihren Dolch. „Was? Hast du heute keine Lust, zu spielen? Oder bin ich dir schon zu alt, hmm?“, fragte sie leichthin und lachte. Der bittere Geschmack auf ihrer Zunge erfüllte ihr Gelächter. „Mit Pela hast du früher gerne gespielt.“ Sie stützte sich auf seine Knie und sah ihn scharf an. Dass diese kalten Augen echte Gefühle zeigen konnten, hatte sie nicht erwartet. Aber Angst gab es immer. Jeder hatte Angst. Auch ein solcher Sadist wie er. „Ich weiß, was du mit Pela gemacht hast.“ Nun hob sie die Klinge direkt vor seine Augen. „Ihre Seele hatte unzählige kleine, schmerzende Schnitte, die sie ganz langsam umgebracht haben. Wollen wir austesten, wie lange es braucht, bis dein Körper keine Schnitte mehr verkraftet?“
Sein Wimmern drang tief in sie ein. Es versuchte, die Flammen zu durchbrechen, die ihr Herz ummantelten. Doch der Hass loderte nur noch heißer und verbrannte es zu Asche. Nein, er hatte nie Mitleid gehabt. Er hatte Pela nie gefragt, ob ihr all das gefiel. Er hatte sie nie gefragt, ob sie verkauft werden wollte. Im Gegenteil: Er hatte sich an ihrem Leid geweidet.
Mit dem Gedanken setzte sie die Dolchspitze an seine Wange.

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Heimsuchung, Kapitel 16: Heldentat

Tage waren mittlerweile vergangen, seit Kyle von Pelas Verbannung gehört hatte. Cathlyn nahm bereits wieder an sämtlichen Stunden in der Akademie teil, doch sie war ungewohnt friedlich. Kyle wusste nicht genau, was geschehen war. Selbst Hauptfrau Gonner hatte ihm bei seinem Regeltag in der Westwache nicht viel erzählen können. Der Geist sei gebannt worden, als er sich auf zwei Mädchen hatte stürzen wollen und die Magiergarde war rechtzeitig zur Stelle gewesen, um Schlimmeres zu verhindern. Wie es Sananka ging, wusste Kyle nicht. Er hatte sie gesehen, durch das Fenster ihrer Kammer. Er wusste, sie war wieder auf den Beinen. Aber er hatte es nicht über sich gebracht, sie zu besuchen oder wenigstens mit ihrer Mentorin zu sprechen.
Jeden Tag nach dem Abendessen, wenn die Prüflinge Ausgang hatten, wanderte Kyle durch die Straßen. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er den Weg zur Brücke in die Oststadt und zur Schneiderei einschlug. Auch heute war er dort gewesen, doch das Haus lag im Dunkeln. Dennoch war Kyle als Letzter in die Akademie zurückgekehrt. Er ging durch leere Flure zu seinem Zimmer. Selbst die Wochen, die er nicht mehr im Schlafsaal schlief, hatte er sich nicht an die Ruhe der Kammer gewöhnt. Sie war klein. Außer dem Bett war lediglich Platz für eine Kiste, direkt unter den Kleiderhaken neben der Tür. Aber das erste Mal in seinem Leben musste er diesen Raum mit niemandem teilen.
Um so ärgerlicher, dass jemand mitten auf dem Bett saß, als Kyle die Tür öffnete. Er kannte den Mann nicht, er grinste ihm jedoch im Licht einer Öllampe entgegen. „Ich hatte es mir schwerer vorgestellt, hier ungesehen reinzukommen.“
Kyle unterdrückte den Impuls, den Eindringling am Kragen zu packen und hinauszuwerfen. „Wer in Elehis Wissen bist du!?“
Grinsend stand der Fremde auf und sah ihn aus wachen Augen hinter wirren Haaren an. Er konnte lediglich ein paar Jahre älter sein als Kyle selbst, wirkte drahtig und bewegte sich mit einer lässigen Selbstverständlichkeit. Seine Antwort fiel ebenfalls in einem gelasseneren Tonfall: „Das tut nichts zur Sache. Aber ich habe eine Nachricht für dich, eine sehr wichtige.“
Als der Kerl nicht weiter sprach, wurde Kyle ungeduldig. „Und?“
„Oh, ihr Gardisten seid so weltfremd“, sagte er und verdrehte die Augen. „Informationen werden getauscht.“
Ärgerlich trat Kyle ganz ein, schlug die Tür zu und griff nach dem Eindringling. Innerhalb von wenigen Augenblicken hatte Kyle ihn an der Wand festgenagelt, einen Arm an seiner Kehle. So flink er auch war, in dem kleinen Zimmer gab es keine Ausweichmöglichkeiten.
„So hatte ich mir das nicht vorgestellt!“, krächzte er und versuchte Kyles Arm zu lösen.
„Noch mal“, forderte Kyle mit Nachdruck, „Sag mir, was du mir zu sagen hast, und dann verschwinde.“
Die Antwort bestand nur noch aus einem heiseren „Na schön!“ Jetzt erst lockerte Kyle den Druck, hielt ihn jedoch weiter fest.
„Ich soll dir ausrichten, dass ein paar Kinder dringend einen Helden brauchen.“
Kyle runzelte die Stirn. Kam er nun auch noch mit einem Rätsel an? „Was soll das heißen?“
Er bekam bereitwillig eine Erklärung. „Die Nachricht ist von Sananka.“
Ohne Vorwarnung ließ Kyle den Kerl los. Der rieb sich den Hals und meinte mit einem schiefen Grinsen. „Du solltest dich beeilen.“
Wortlos wandte sich Kyle erneut der Tür zu. Er hatte geahnt, dass Sananka etwas Dummes anstellen würde. Diese ganze Sache mit Pela, wie hatte er nur hoffen können, dass das an ihr spurlos vorbei ging? Kyle fiel los, schenkte dem Eindringling keine Beachtung mehr und verließ die Akademie. Sein schritte wurde schneller, kaum dass er die Straße betrat und er rannte.

Eine hohe Mauer umgab das Junghaus-Weisenhaus. Erst dort verharrte Kyle schwer atmend. Er sah Licht in einigen Fenstern des Gebäudes, das Tor war verschlossen. Es war immer verschlossen gewesen. Der Anblick des gepflegten Hofes trieb Kyle einen Schauer den Rücken hinunter. Der schöne äußere Schein ließ nicht darauf schließen, was im Inneren vor sich ging.
Kyle nahm sich zusammen und kletterte über das Tor, genauso, wie er es damals auch getan hatte. Die Eisenstangen endeten in Spitzen, aber Kyle kümmerten die Kratzer nicht. Noch schien im Haus alles ruhig zu sein. Der penibel von Gras befreite Innenhof lag still dort, nichts regte sich. Nur die Eingangstüren standen weit geöffnet. Ein Mädchen im Nachthemd kam herausgelaufen, an der Hand ein jüngeres Kind, das kaum mithalten konnte. Das ältere Mädchen bemerkte Kyle, kreischte auf und wollte schon davon laufen, doch das kleinere Mädchen stolperte. „Warte! Was ist passiert?“, rief Kyle ihr hinterher. Aber die Ältere schluchzte nur noch und zerrte das andere auf die Beine, um vor ihm und gleichzeitig vom Waisenhaus wegzurennen.
Mehr Kinder kamen aus dem Gebäude, dann biss der Gestank nach Qualm Kyle in die Nase. Das Flackern hinter den oberen Fenstern wurde heller. Ein Junge brüllte: „Feuer!“, und die Kinder rannten in alle Richtungen davon.
Ohne weiter zu überlegen, griff Kyle sich einen der größeren Jungen: „Sorg dafür, dass sich alle hinten am Tor sammeln! Und schick jemanden zum Düsterturm, die Feuerwache muss alarmiert werden!“
Zuerst schien der Junge nicht zu wissen, was Kyle sagte. Doch als er ihn schüttelte und nachhakte, nickte er.
„Wiederhole es!“
„S-sammeln am Tor und die Feuerwache alarmieren …“
Kyle klopfte ihm auf die Schulter. „Gut.“ Schon wollte er ihn loslassen, etwas jedoch hallte in ihm nach; die Worte der Hauptfrau. „Noch was: Sobald das vorbei ist, erzählt, was sie hier mit euch machen. Geht zur Westwache und erzählt Hauptfrau Gonner von dem Schreckenszimmer. Verstanden?“ Der Junge stand einen Moment da und starrte Kyle an, ehe er zögernd nickte. „Hauptfrau Gonner.“
„Sie wird euch helfen. Aber ihr müsst reden!“ Kyle sah zum Waisenhaus. Aus dem oberen Stockwerk drang Rauch, eines der Fenster war geborsten. „Und jetzt los! Sammel die Kinder!“
Der Junge gab sich einen Ruck und brüllte den Anderen zu: „Alle zum Tor!“
Einen Augenblick sah Kyle ihm nach, dann wandte er sich dem Haus zu. Immer wieder ballte er die Hände zu Fäusten. Unendlich langsam schien die Zeit zu vergehen, bis er die Stufen zum Eingang gemeistert hatte und in der Diele stand. Die Narben an seinen Armen schmerzten plötzlich, als Schuld und Furcht aus ihnen sickerte. Die Rauchschwaden ließen den Hausflur und den Treppenaufgang unwirklich erscheinen.
Kyle hustete und presste sich den Ärmel seines Hemdes auf Mund und Nase. Der Qualm biss ihm in Lunge und Augen. Er atmete flach und blinzelte, um das Brennen zu vertreiben. Das Feuer loderte in den oberen Zimmern, dort, wo die Aufseher wohnten. Kein Kind hatte es jemals gewagt hinauf zu gehen und auch jetzt spannte die Furcht ein klebriges Netz, das seine Füße festhalten wollte. Doch Kyle kannte sie, er wusste, wie er sie abschüttelte. Das Wissen, dass Menschen sterben würden, wenn er es nicht tat, machte das Geflecht aus Angst porös.
Gerade wollte er die Treppe hinaufgehen, als ihn ein Husten und Wimmern innehalten ließ. Er fluchte leise und folgte dem Geräusch. Ein Junge lag auf dem Boden, unweit des Speiseaufzugs. Da im Aufzugsschacht hatten sich des Nachts immer Kinder versteckt. Er wusste, dass es eines der wenigen sicheren Verstecke für die Kleinen war, und er verfluchte Sananka dafür, dass sie all die Waisenkinder in Gefahr brachte.
Im Schacht des Aufzugs fand Kyle ein Mädchen, zusammengekauert und die Arme um die Beine geschlungen. Lange wirre Haare umrahmten die großen Augen, aus denen es zu ihm hinaufsah. Die Erinnerung an Sanankas Anblick schob sich an dem schützenden Felsen in seinem Inneren vorbei; wie er sie nach der Ankunft im Waisenhaus damals im Schacht entdeckt hatte. Sie war genauso verängstigt gewesen, wie das Mädchen, das ihm entgegenblickte. „Ich bringe euch hier raus“, versicherte Kyle und hielt ihr eine Hand hin. Sie zögerte, doch als der Rauch auch sie zum Keuchen brachte, griff sie danach. Kyle trug beide Kinder auf den Arm in den Hof. Die frische Luft füllte seine Lungen und wollte den Qualm mit kräftigem Bellen vertreiben. Sobald er ein Wort durch seine Kehle zwängen konnte, befahl er dem Mädchen, zum Tor zu gehen und auf die Feuerwache zu warten. Der Junge war bereits bewusstlos. Geschüttelt vom Husten presste Kyle den Kleinen an sich und brachte ihn zu den anderen Kindern. Zwei der Älteren nahmen sich seiner an. Nur langsam beruhigte sich sein Atem und Kyle stützt sich mit den Händen auf den Kien ab. „Sind alle da?“, fragte er und richtete sich wieder auf, um die Waisen zu betrachten.
Sie sahen einander an und ein Mädchen schüttelte den Kopf. „Die Zwillinge fehlen.“
Das Mädchen, dass ihm zuerst entgegengekommen war, bestätigte: „Melanie und Feline.“
Gerade da kündigte ein lautes Horn den Wagen der Feuerwache an. Schaulustige hatten sich bereits vor dem Tor versammelt, einige versuchten, das Tor aufzustemmen. Kyle ließ den Blick über die Menschen schweifen, doch Sananka war nicht unter den Gaffern. Sie sah nicht zu, nicht von hier. Aber wo war sie dann? In wenigen Augenblicken würde auch die Feuerwache hier eintreffen und sich um die Kinder kümmerte – und sie würden die Zwillinge retten. Sananka jedoch hatte sicherlich mehr vor.
Kyle bat eines der Mädchen um ein Halstuch, dass sie trug, und rannte zurück ins Waisenhaus. Hinter ihm krachte das Tor, als die Gitter geöffnet wurde. Der dicke Rauch drücke auf sein Bewusstsein, Furcht und Schuld versuchten erneut ihn aufzuhalten; mit zäheren Gewebe als zuvor ketteten sie sein Gewissen an seine Beine. Es waren noch Kinder im Haus. Doch er musste Sananka finden.
Mit wackeligen Knien stieg er die Treppe hinauf. Beinahe wäre Kyle über einen Mann mit kurzgeschorenen Haaren gestolpert. Der Dunst machte es unmöglich, bis zum Ende des Flurs zu sehen, allein ein grelles Flackern durchdrang dort die Rauchschwaden. Der Aufseher zu seinen Füßen rührte sich nicht mehr.
Kyle trat über ihn hinweg und inspizierte die Zimmer, in denen die Peiniger der Waisen schliefen. Alle standen offen und alle waren sie leer. Kyles Augen tränten, aber er ging weiter, näherte sich dem Schlafzimmer der Schafherrs. Diese Tür war geschlossen. Kyles Hand zitterte, als er sie aufzog. Er wagte nicht, darüber nachzudenken, was ihn dahinter erwartete.
Fünf Erwachsene fand er in dem Raum. Alle fünf saßen geknebelt an die Pfosten des großen Bettes gefesselt. Rauch drängte sich hinter Kyle herein, doch der konnte sich nicht bewegen, konnte die Tür nicht schließen. Das Tosen des Feuers tönte in seinen Ohren, seine Lungen weigerten sich, noch mehr Qualm aufzunehmen, und ihm wurde schummerig. Kyle sackte gegen den Türrahmen, versuchte, nicht zu atmen, und drängte die Luftnot beiseite, die sich seiner Sinne bemächtigen wollte. Sananka war nicht hier. Aber drei der Gefesselten erkannte Kyle auf Anhieb. Jenina Schafherr, die die Mädchen für ihren Mann ausgesucht hatte, einen Aufseher, der ständig betrunken gewesen war und die älteren Jungen verprügelt hatte, und die dicke Köchin, die den kleinen Kindern mit Vorliebe auf die Finger hieb, wenn sie eine Portion mehr des Abendessens verlangten. Letztere war bereits bewusstlos. Die anderen sahen ihn mit angsterfüllten Blicken an. Trotz der Knebel verstand Kyle, dass sie ihn darum anflehten, sie zu befreien. Seine Lungen drängten ihn zu Husten und sprengten die Ketten, die ihn gelähmt hatten. Vor seinen Augen flimmerte es, als er hinter sich tastete und die Tür endlich schloss. Auch er spürte den Hass, der wie Gift aus seinen Erinnerungen sickerte und den Felsen zum Bersten brachte, mit dem er sie weggesperrt hatte. Aber er kannte ihn, den Hass. Er hatte ihn schon einmal dazu verleitet, jemanden zu töten – und einfach davonzulaufen.
Alles in ihm sträubte sich diesem Abschaum zu helfen. Sie hatten es alle verdient, hier liegen zu bleiben und zu ersticken. Trotzdem konnte er das nicht tun. Mit dem Ellenbogen schlug Kyle das Glas eines großen Spiegelschranks ein, zog eines der Laken vom Bett und hob eine der Scherben auf. Er schnitt das Seil an den Händen eines der zwei Männer durch, die er nicht kannte. Dann warf er den Splitter vor dessen Füße. „Befreit die anderen“, brachte er hervor. Sein Hals war so rau wie die Flammen heiß und er wandte sich ab. Hinter ihm heulte die Schafherr auf, doch weder ihr Mann noch Sananka waren hier.
Kyle sah nicht zurück und unterdrückte den Husten, bis er auf der Treppe war. Diesen Menschen war er nichts schuldig. Er war nicht gekommen, um Abschaum zu retten. Aber er würde Sananka nicht noch einmal im Stich lassen.

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Heimsuchung, Kapitel 15: Aufbruch

Sanankas Strafe bestand darin, dass sie die nächsten Tage nicht zur Akademie gehen durfte. Stattdessen schrubbte sie die Küche, entrümpelte den Laden und musste nach dem Schließen am Abend in ihrer Kammer auf dem Boden sitzen und meditieren. Was Najesa damit bezweckte, wusste Sananka nicht. Weder einen Tadel noch ein Lob hatte sie von ihr erhalten. Es war, als wolle sie, dass Sananka viel Zeit hatte, um über ihren Fehler nachzudenken. Doch Pelas Echo in ihr wurde stetig lauter und der Hass, der die Angst aus ihrem Hort vertrieben hatte, raunte mit Pelas Stimme. Die wispernden Wände waren nicht das einzige, was Sanankas ungenutzte Magie hervorgebracht hatte. So lange hatte sie es übersehen, so lange hatte sie nie darüber nachgedacht, aber ihr Gesang war ein weiterer Auswuchs.
Die Stunden der Meditation gaben Sananka die Gelegenheit, ihre Gedanken mit Pelas Flüstern tanzen zu lassen. Wenn Magie so verschieden war, konnte sie noch mehr bewirken, als nur sämtliche Aufmerksamkeit von ihr ablenken?
Sie summte vor sich hin, immer und immer wieder, und nutzte ihre Melodie als Anker für ihre Empfindungen. Sie schickte die leise Tonfolge hinaus zu den Kunden, zu Najesa. Ein Pärchen verließ den Laden mit einer unbegründeten Angst, ein Mann fauchte Najesa ohne Grund an und diese ging in die Küche, um ihrem plötzlichen Verlangen nach Wein nachzugeben. Sananka konnte mit ihrem Gesang spielen und niemand bemerkte es. Ihre Magie war farblos, sie kam ohne Funken, ohne Lichtblitze. Sie schien völlig anders zu sein als die allseits präsente Zauberei der Magier. Niemand nahm Notiz von dem dürren blonden Mädchen, das bei der Arbeit vor sich hin sang.
Sechs Tage später betrat Najesa endlich ihre Kammer und erlöste sie von der Strafe. Sananka saß im Schneidersitz auf dem Boden, sah auf und beendete ihr Lied. Najesa blieb strengen Blickes vor ihr stehen. Nichts an ihr deutete darauf hin, dass sie bemerkt hatte, was Sananka in der letzten Woche geübt hatte.
„Wie willst du deine Aufgabe lösen?“
„Meine Aufgabe?“ Zu spät erst ging Sananka auf, dass Najesa die Feuerprobe in der Anstalt meinte. Doch da blitze es bereits in ihren Augen auf. Ohne Vorwarnung schlug sie nach Sananka. Nur das Zucken der Muskeln kündigte den Schlag an. Trotzdem ließ sich Sananka zurückfallen, rollte sich über die Schulter ab, nur um unmittelbar an der Wand auf die Füße zu kommen. Sie war dem Hieb nur knapp entgangen.
Najesa tat einen Schritt auf sie zu und fragte noch einmal: „Wie willst du deine Aufgabe lösen?“
„Ein Unfall“, antwortete Sananka und wich einem Tritt aus.
„Weiter!“, kommandierte Najesa und holte erneut aus.
Sananka machte einen Satz zur Seite und landete auf ihrem Bett. Mit plötzlicher Klarheit schoss es ihr durch den Kopf: Lieferte sie Najesa keine Antworten, würde diese ihr hier und jetzt in die ewige Schwärze schicken. Unfähigen Meuchlern blieb nur der Tod.
Um Zeit zu gewinnen, sprang Sananka an ihr vorbei und war mit zwei Schritten am anderen Ende ihrer Schlafkammer. „Ich werde ein Messer stehlen, dass beim Essen benutzt wird und jemanden damit in der Zelle die Pulsadern aufschneiden. Es wird nach einem Selbstmord aussehen!“, improvisierte sie. Najesa wurde schneller. Sananka tauchte unter ihren Angriffen hindurch und hechtete zu dem Stuhl an der Wand neben dem Fenster.
„Wen?“
Das dreckige Lachen des einen Insassen schob sich in ihr Gedächtnis und sie biss die Zähne zusammen. „Einen Dreckskerl, der es verdient hat.“ Sananka sprang. Der Stuhl wankte, als sie auf der Sitzfläche landete. „Zelle sieben!“
Nur mit Mühe hielt sie das Gleichgewicht, doch Najesas beendete ihre Lektion. Ihre dunklen Augen funkelten kühl. „Drei Tage“, sagte sie und wandte sich ab, um das Zimmer wieder zu verlassen. „Du weißt, was dir blüht, wenn du dich nicht bewährst.“
Sananka blieb schwer atmend zurück und starrte die Tür an, hinter der Najesa verschwunden war. Ihr Herz hämmerte heftig an ihre Brust. Drei Tage. Bis zum Elehistag hatte sie Zeit zu beweisen, dass sie in der Lage war, einen Auftrag auszuführen und einen Menschen zu töten. Drei Tage, die über ihr eigenes Leben entschieden. Das war genug Zeit, raunte Pela in ihrem Inneren. Zuerst würde sie erledigen, was Pela nicht vermocht hatte. Danach konnte sie sich ihrer Feuerprobe widmen. Mit ihrer Stimme würde sie dem Dreckskerl so viel Angst machen, dass er sich nicht wehrte. Aber Pela hatte Vorrang.
Lächelnd zog sich Sananka um, kleidete sich in Grau und Dunkelblau und nahm das große Schultertuch, mit dem sie ihre Haare und ihr Gesicht verbarg, wenn sie nachts unterwegs war. Nein, sie hatte keine Angst mehr.
Die Gasse neben der Schneiderei war leer und düster. Behutsam stieg sie aus dem Fenster und hangelte sich hinunter auf die Nebenstraße. Sie atmete durch, schloss die Augen und besann sich darauf, sämtliche Aufmerksamkeit von sich abgleiten zu lassen. Ihre Stimme formte eine Melodie daraus und Sananka summte. Als sie auf die Handwerksstraße hinaus trat, beachtete sie niemand.
Erst, als Sananka die Oststadt verließ und nach Düsterturm ging, beendete sie ihr Lied. Sie kletterte am Markt auf eines der Dächer, hockte sich an den Rand und wartete. Bald war Mitternacht, dennoch kreuzten immer wieder Passanten den Platz; Schemen, von den magischen Lampen in buntes Licht getaucht. Sananka konnte die Westwache sehen. Zwei Betrunkene wurden hineingebracht und eine Patrouille brach auf. Doch kein Mensch hob den Blick zu ihr; sie schauten niemals hinauf.
Es dauerte nicht lang, ehe sie Gesellschaft bekam. Kep war nicht sehr geschickt darin, auf Häuser zu klettern. Sie hörte ihn bereits, noch ehe er ganz oben war.
„Sie an, mein Lieblingsinformant.“
Kep richtete sich zu seiner vollen Größe auf und lachte trocken. „Sie an, meine Lieblingsmeuchlerin.“
„Ich dachte mir, dass du mich beobachten lässt.“ Sanankas lächelte, dafür runzelte er die Stirn. „Überrascht?“, fragte sie. „Ich weiß auch so einiges, Kep. Ich weiß, dass du nicht alleine in der Stadt herumstromerst und Informationen sammelst. Ich weiß, dass du eine ganze Straßenbande hinter dir hast und viele Augen in der Stadt; und, dass sie mich beobachten. Die Information, was eine Meuchlerschülerin anstellt, ist sicherlich viel wert, wenn sie so viel Mist baut wie ich, hmm?“
Er wollte etwas entgegnen, doch sie hob eine Hand und schüttelte den Kopf. „Ich gebe dir jetzt eine Information. Und ich erwarte, dass du sie an der richtigen Stelle abgibst.“
Es war das erste Mal, dass sie Verblüffung ins Keps Gesicht sehen konnte. Trotzdem wurde seine Körperhaltung betont lässig, als er näher trat. „Das Überbringen von Information kostet dich aber was.“
„Sag meinem blonden Gardisten, da werden ein paar Kinder einen Helden brauchen.“
Kep wollte etwas sagen, doch Sananka versetzte ihm einen Stoß mit der flachen Hand vor die Brust. „Verhandelt wird später! Jetzt geh und mach deine Arbeit.“
Sie hatte nicht genug Kraft in den Schubs gelegt, um Kep ins Stolpern zu bringen, er verstand die Aufforderung jedoch und ging einen Schritt zurück. Einen Augenblick sah er sie schweigend an. Sie konnte förmlich sehen, wie er versuchte, diese Botschaft zu verstehen. Sananka wartete nicht und nahm Anlauf.
Mit einem Sprung an die gegenüberliegende Wand federte sie sich ab und landete mit einer Drehung in der Gasse unter ihr. Dann lief sie los. Sie vertraute Kep nicht, aber sie war sich sicher, die Aussicht, bei den Verhandlungen um den Preis in der besseren Position zu sein, genügte. Kep würde Kyle benachrichtigen und Kyle, Held der er nun mal war, würde endlich einsehen, dass er sie nicht mehr zu beschützen brauchte.

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Heimsuchung, Kapitel 14: Erwachen

Ein dunkles Meer umgab Sananka. Sie konnte nicht schwimmen und versuchte hektisch, an die Oberfläche zu kommen. Sie ruderte mit Armen und Beinen und sah einen Lichtschimmer in der Dunkelheit. Dann tauchte sie auf. Ein pochender Schmerz erfüllte ihren Schädel und holte sie in die Gegenwart zurück. Kaum hob sie die Lider, stach ihr das Licht in die Augen und bohrte sich wie Nadeln in ihre Stirn. Doch statt die Augen wieder zu schließen, drehte sie den Kopf. Sie war in ihrer Kammer über der Schneiderei. Und sie hatte Besuch. Kep saß auf einem Stuhl an der Wand gegenüber und grinste ihr entgegen. Neben ihm brannte die Lampe, die die glühenden Spitzen warf. „Na Schlafmütze?“
Sananka seufzte. „Was hast du hier verloren?“
Kep zuckte mit den Schultern. „Ach weißt du, da dein blonder Gardeschüler nur vor dem Haus herumlungert, statt nach dir zu sehen, dachte ich, wenigstens ich sollte nachschauen, wie es meiner Lieblingsschneiderin so geht.“
Freuen konnte sich Sananka über seine Anwesenheit nicht. „Aha“, meinte sie trocken und setzte sich möglichst langsam auf. In ihren Kopf schwamm Pudding und der piesackte sie bei jeder Berührung mit ihrem Schädelinneren. „Und was willst du?“
„Naja, Gerüchte verbreiten sich schnell. Ich habe gehört, dass eine Schneiderin und eine Gardeschülerin daran beteiligt waren, den Geist zu bannen.“
Sananka stellte vorsichtig die Füße auf den Boden. Sie spürte ihre Zehen kaum, ihre Finger waren ebenso taub. Allein ihr rechter Knöchel pochte und war angeschwollen.
„Außerdem habe ich die Information, die du haben wolltest.“
Sie riss den Blick von ihren Füßen los und sah Kep fragend an. „Schon?“
„Ich bin eben gut“, amüsierte sich Kep, beugte sich nach vorne und stützte die Ellenbogen auf seine Beine. „Willst du es nicht wissen?“
Behutsam nickte Sananka, trotzdem stachelte es den Pudding an, sie noch mehr zu piksen. Sie schloss die Augen und hörte Kep zu.
„Ich habe jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Er sagte, es könnte eine Art magische Wahrnehmung sein. Wenn ein magisches Potential, so hat er es genannt, nicht geschult wird, sucht es sich einen anderen Weg.“ Sananka sah förmlich, wie er mit den Schultern zuckte. „Manche Leute sehen Feenwesen, andere hören Wispern. Das scheint es sogar häufig zu geben, weil wir, wie drückte er sich aus? ‚Umgeben von Emotionen sind, die ihre Spuren in dem natürlichen Gefüge unserer Welt hinterlassen‘. Oder so in der Art. Menschen, die am gleichen Ort aufgewachsen sind, entwickeln oft ein ähnliches Gespür.“
Sananka atmete tief ein. Kep sprach weiter, aber mehr Erklärung brauchte sie nicht. Sie besaß Magie. Irgendwo verborgen in sich drin hatte sie es gewusst, doch sie hatte es nicht geglaubt. Deswegen hörte sie das Flüstern; all das Leid. Diese Klarheit schwoll in ihrer Kehle zu einem Klumpen an. Die Wände der Anstalt wisperten, weil sie von all der Pein durchtränkt waren. Genauso wie das Waisenhaus. Und sie war nicht die Einzige, die all das wahrgenommen hatte. Tränen krochen ihre Hals hinauf und Sananka schluckte.
„Sananka?“
Kep hatte seine Ausführungen beendet. Als sie die Augen wieder öffnete, sah er sie mit gerunzelter Stirn an. Seinem Blick fehlte jedoch jede Sorge.
„Was?“, fragte sie und kämpfte das Gefühl der Hilflosigkeit nieder. Keine Schwäche zeigen. Nicht vor jemandem, der seinen Lebensunterhalt mit Informationen über andere Menschen verdiente. Kep war nicht ihr Freund.
„Das sollte ich dich fragen.“ Kep lehnte sich mit verschränkten Armen im Stuhl zurück und beobachtete sie. Sananka blinzelte die Tränen fort, war sich aber sicher, dass er sie bemerkt hatte. Vorsichtig stieg sie aus dem Bett und ging zum Fenster. Das Pochen in ihrem Fuß wurde schmerzhaft.
„Wenn ich dich so ansehe, denke ich, die Gerüchte über deine Geisterjagd stimmen.“
„Das kommt drauf an, was sie sagen“, entgegnete sie, ohne Kep anzusehen. Stattdessen warf sie einen Blick durch die Scheibe, hinunter in die dunklen Straßen. Tatsächlich konnte sie dort jemanden stehen sehen, doch das Glas war zu dick, die Gestalt zu verschwommen. War das wirklich Kyle? Machte er sich Sorgen um sie? Oder wollte er nur sichergehen, dass sie nicht noch mehr anstellte? Was auch immer sein Grund war, der Gedanke an Kyles Anwesenheit tröstete sie weit eher als Keps. Gleichzeitig versetzte ihr diese Einsicht einen Stich.
„Habe ich doch gesagt.“
Sananka zuckte zusammen, als Keps Stimme direkt hinter ihr erklang und sie fuhr herum; zu schnell. Der Pudding waberte und wurde zugleich mit den Nadeln des Lampenlichts gespickt. Sananka schloss die Augen und lehnte sich gegen die Wand neben dem Fenster, bis sich ihr Schädel beruhigt hatte.
„Er lungert schon den ganzen Tag dort herum“, fuhr Kep fort. „Auch er hat gehört, dass der Geist gebannt wurde und du daran beteiligt gewesen sein sollst.“
„Pela ist also keine Gefahr mehr?“, fragte Sananka langsam. Erst dann öffnete sie die Augen wieder und sah Kep an.
„Pela?“
Sananka wollte schon nicken, behalf sich dann jedoch mit einem knappen „Ja.“
Auch wenn Kep grinste, hätte Sananka schwören können, in seinem Gesicht einen Anflug von Ärger zu erkennen. Sein sonst ungezwungen Ton wurde von diesem Unmut verfärbt. „Die Gardemagier waren dem Geist – Pela – schon seit Tagen auf der Spur. Sie haben sie nur nicht finden können. Wie man hört, hast du es geschafft, dich gegen ihren Willen zu wehren, und deine Freundin nur niedergeschlagen, statt sie richtig zu verprügeln.“
„Sie ist nicht meine Freundin“, murmelte Sananka und sah an Kep vorbei. Also hatte Pela nicht getan, weswegen sie eigentlich zum Geist wurde. Sie hatte Sananka nicht benutzt, um Dennet zur Rechenschaft zu ziehen. Die Magiergarde hatte es verhindert. Bedächtig ging Sananka ein paar Schritte der Tür entgegen.
„Du weißt, warum sie die Stadt heimgesucht hat?“
Lag da ein lauernder Tonfall in seinen Worten? Sananka musterte ihn. Er wusste es nicht, er hatte gerade geraten. Sie grinste. „Oh, der Herr Informant ist also nicht ganz so gut informiert.“
Keps Gesicht wurde mit einem Mal finster.
„Bist du deshalb hier? Weil du noch mehr herausfinden willst?“
„Und wenn es so wäre? Immerhin habe ich dich gerade über deine wispernden Wände aufgeklärt. Du schuldest mir Informationen.“
„Dann gebe ich dir jetzt eine Information: Halt dich da raus!“ Sie öffnete die Tür, doch Kep war mit einem Satz bei ihr und drückte sie wieder zu. „Dann ist es noch nicht vorbei?“
Sananka sah ihn scharf an. „Der Geist ist gebannt. Es ist also vorbei.“
„Aber da steckt noch mehr dahinter“, stellte Kep nüchtern fest und lehnte sich gegen die Tür.
„Das geht dich nichts an. Ich schulde dir Informationen über Najesas Geschäfte, nicht über meine. Und jetzt lass mich raus, ich brauche was für meinen Schädel.“
Er kam der Aufforderung nicht gleich nach. Mehrere Herzschläge vergingen, ehe er beschwichtigend beide Hände hob und einen Schritt zurücktrat. Sananka öffnete die Tür.
„Du kommst auch aus dem Junghaus-Weisenhaus, richtig? Du hast deinen Namen geändert.“
Die Frage ließ sie innehalten, doch sie gedachte nicht, darauf zu antworten und verließ die Kammer. Bedächtig machte sie sich auf den Weg, die Treppe hinunter und ging in die Küche. Mühsam bewegte sie sich, als wäre sie hunderte Jahre alt. Ihre Muskeln waren schlaff, ihre Finger prickelten. Es dauerte unendlich lang, ehe sie Wasser für einen Tee aufgesetzt hatte und die Kiste mit Najesas Hausmittelchen aus dem Versteck unter dem Küchenschrank hervorgeholt hatte. Sie durchstöberte die Phiolen und Kräuter, bis sie gefunden hatte, was sie suchte. Das Fläschchen war blau und auf dem Zettel prangte die Aufschrift „Sydrinfarn“. Ein paar Tropfen in ihren Tee und es würde dafür sorgen, dass die Schmerzen verschwanden.
Während Sananka den Tee ziehen ließ, gesellte sich Najesa zu ihr. „Ich habe dich hier rumoren gehört“, sagte sie und setzte sich ihr gegenüber. Ihre Augen musterten sie, als suche sie nach etwas. Sie fragte nicht, wie es ihr ging, sie wirkte aber immerhin nicht verärgert.
Sananka seufzte in die Stille hinein und sah auf ihren Tee. „Warum habt Ihr Kep zu mir gelassen?“, fragte sie leise.
„Er bat mich darum.“
Jetzt runzelte Sananka die Stirn. „Warum?“
„Ich habe ihn nicht gefragt.“ Auch Najesas Besorgnis schien sich in Grenzen zu halten.
Sananka nickte langsam und nippte schweigend an ihrem Tee. Die neuerliche Stille hielt nicht lange an. Najesas dunkle Augen ruhten auf ihr, versuchten sich einen Weg in ihre Gedanken zu Boren. „Weswegen warst du in der Rebgasse?“, fragte Najesa.
Sananka seufzte erneut. Sie hatte noch gar nicht daran gedacht, dass sie sich eine Erklärung für ihre Mentorin würde einfallen lassen müssen. „Ich musste Cathlyn abschütteln. Sie misstraut mir.“
Najesas Blick wurde scharf. „Dann war deine Tarnung nachlässig.“
Fast hätte sich Sananka an ihrem Tee verschluckt, doch Najesa stand bereits auf. „Du wirst zurück in deine Kammer gehen und schlafen. Deine Strafe erhältst du danach.“
„Meine Strafe?“ Najesa antwortete ihr nicht mehr, sondern verließ die Küche. „Aber ich …“, begann Sananka und wollte aufstehen. Ihr schmerzender Kopf war dagegen. Überrumpelt sackte sie in den Stuhl und starrte auf den Boden. Najesa hatte recht: Sie war nachlässig. Sie hatte Cathlyn zu viel gezeigt. Trotzdem, Sananka bedauerte es nicht. Sie war diesen Weg gegangen, damit sie sich nicht wieder herumschubsen zu lassen. Und sie wusste, wie sie ihre Feuerprobe angehen würde. Aber es gab jemanden, der um Hilfe geschrien hatte und Sananka war die Einzige, die es verstanden hatte. Das Echo von Pelas Gefühlen nagten an ihr. Das musste sie zuerst erledigen.

 

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Heimsuchung, Kapitel 13: Geteilter Hass

Drei Nächte lang hatte Sananka versucht, herauszufinden, wie sie Pelas Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Drei Nächte lang war sie nicht dahintergekommen. Sie hatte sich der Erscheinung genähert, hatte mit ihr gesprochen und direkt vor ihr gestanden. Sie hatte in sie hineingegriffen und beim letzten Mal sogar gesungen. Doch Pela hatte nicht auf sie reagiert. Sie war an Sananka vorbeigezogen und hatte sich jemand anderem zuwenden wollen; einem eng umschlungenem Pärchen in einer Wohnung. Allein Sanankas beherztes Klopfen am Fensterladen hatte dafür gesorgt, dass die beiden aufgeschreckt waren und der Geist sie nicht erreicht hatte. Pela war noch durch die Wand in das Zimmer eingedrungen, danach wat sie verblasst und hatte sich so schnell verflüchtigt wie Wasserdampf. Das stetige Flüstern war mit ihr vergangen. Sananka hatte sich grübelnd auf einen gegenüberliegenden Steg gekauert und in die leeren Räume gestarrt. Erst als die Stadtgarde erschien, hatte sie es vorgezogen zu gehen.
Jetzt hockte Sananka erneut dort im Schatten und wartete. Sie hatte herausgefunden, dass Pela immer da auftauchte, wo sie verschwunden war. Nur wenige Minuten streifte der Geist durch die Stadt – ein kurzes Zeitfenster zum Handeln. Doch es war genau die Zeit des Einbruchs in die Anstalt, bis Pelas Hilferuf das Wispern des Hauses und den Glockenschlag des Düsterturms übertönt hatte.
Bei dem Gedanken wurde Sananka schlecht. Sie hatte wieder das Bild der Leiche vor Augen. Zum Glück trug der Geist ihre Engelszüge.
Sananka ignorierte die Übelkeit und konzentrierte sich auf ihr Vorhaben. Irgendwie musste sie zu Pela durchdringen. „Na schön, Pela“, sagte sie zu sich selbst, als sich die durchscheinende Gestalt in dem nun leeren Zimmer manifestierte. „Ich weiß, was du willst. Ich weiß nur nicht, wie ich dir helfen soll, wenn du mich ignorierst.“
Sananka nahm Anlauf und sprang beherzt über die schmale Gasse hinweg, bekam den Fensterladen zu greifen und federte sich gleichzeitig mit den Füßen an der Wand ab. Dann zischte etwas knapp an ihr vorbei und Sananka zog fluchend den Kopf ein. Ohne hinzusehen erkannte sie, dass es der Bolzen einer Armbrust gewesen war. Doch die Stadtgarde war noch nicht wieder hier aufgetaucht. Sananka sah über die Schulter hinab. Der einsame Schütze stand unter ihr. Oder eher die Schützin. Cathlyn warf die Armbrust beiseite und zückte ein Schwert. „Ich wusste, dass du was im Schilde führst, du Aas!“
Sananka schüttelte die erste Verblüffung ab. Die Schülerin trug keine Gardejacke, also war nicht ihr Regeltag bei der Wache. Sie war demnach auf eigene Faust hier. Und sie hatte Sananka nicht treffen wollen. Cathlyn konnte weit besser zielen, sie hätte Sananka nicht verfehlt. Aber warum musste sie ausgerechnet jetzt hier auftauchen? Ärger brachte den Gedanken mit sich, einfach zu verschwinden und Cathlyn ihrem Schicksal zu überlassen. Vielleicht war sie sie dann endlich los. „Du hast dir einen verdammt schlechten Zeitpunkt ausgesucht, Cathlyn“, rief Sananka hinab und warf einen Blick zurück ins Zimmer. Pela hatte ihr bis eben den Rücken zugewandt, nun drehte sie sich um.
„Komm runter! Ich habe dich gestern hier gesehen und ich werde dich bei der Stadtgarde abliefern, für was auch immer du hier getan hast.“
Sananka beachtete Cathlyns Worte nicht, auch wenn es ihr schwerfiel. Sie versuchte die Wut auf das andere Mädchen herunterzuschlucken und sich auf den Geist zu konzentrieren. Pelas große dunkle Augen blickten sie an, nicht durch sie hindurch. Pela sah sie.
„Hör auf, mich zu ignorieren, du Miststück!“
Plötzlich veränderte sich Pelas das Gesicht. Die Ausdruckslosigkeit entschwand, und wich einer Maske aus Blut und zerbrochenen Knochen. Gleichzeitig wurde das Wispern um sie herum lauter. Wortfetzen, Flüche und Verwünschungen zischten durch die Luft – und Sananka verstand.
Cathlyn rief erneut etwas zu ihr herauf, doch Sananka konnte die Worte nicht verstehen. Die Wut gefror, als sie vor der Erkenntnis floh und die Angst schoss aus ihrem Hinterhalt. Es war Wut, die Pela anzog; Wut und Hass.
„Cathlyn, du musst sofort verschwinden!“ Ihre Stimme zitterte genauso, wie Sanankas ganzer Körper.
„Von wegen! Deinen Beutezug werde ich dir vermiesen!“
Aber Sananka hörte ihr kaum zu. Mit all ihrem Willen zwang sie ihre Glieder, ihr zu gehorchen, und ließ sich hinunter in die Gasse fallen. Zu spät rollte sie sich ab und kam mit einem schmerzenden Fuß wieder auf die Beine. Die Angst stolperte und ließ Sananka los. „Hau endlich ab!“, rief sie, als sie auf Cathlyn zulief und auf das Fenster zeigte.
Cathlyn folgte ihrem Fingerzeig und wurde bleich. „Ist das …“, stammelte sie, doch zu mehr kam sie nicht. Sananka hatte beobachtet, wie schnell der Geist sich bewegen konnte, wie rasch er einen Menschen in Besitz nahm. Ohne darüber nachzudenken, sprang sie und rammte Cathlyn den schmerzenden Fuß in den Bauch. Noch während diese zusammensackte, schlug ihr Sananka gezielter in den Nacken, um das andere Mädchen ganz außer Gefecht zu setzten. Dann rannte Sananka weiter. Zwei Schritte, drei Schritte von Cathlyn fort. Schon passierte es.
Ein harscher Eishauch durchfuhr sie und drang in jede ihrer Poren ein. Die Kälte lähmte Sananka. Sie spürte ihren Körper nicht mehr. Dafür überflutete Pela ihre Sinne; Bilder und Gefühle schossen durch ihr Bewusstsein. Sie sah verzerrte Gestalten, hörte unbestimmtes Wispern und fühlte Schmerzen in ihrem Unterleib. Nur ein Gesicht wurde plötzlich deutlich: Dennet Schafherr. Sananka hob ihre Hände, sie waren blutig. Es war ihr eigenes Blut. Das Blut wandelte sich in Trauer, Ekel und Hass. Sananka wollte schreien, doch sie hatte keine Kehle. Sie war wie das Flüstern um sie herum; stimmenlos. Aber sie hatte Fäuste, mit denen sie auf diese boshafte, verhasste Grimasse einschlagen konnte. Sie wusste, was er war. Sein hämisches Grinsen verändert sich. Hörner wuchsen aus den Wangen, die Zähne zu Hauern und die Augen glühten gelb. Noch immer stach ihr Leib, als habe jemand eine heiße Klinge direkt hineingestoßen. Noch immer sickerte Blut hervor. Doch je mehr Blut floss, desto mehr brannte der Zorn auf dieses Monster – und Sananka schlug zu. Sie wollte Dennet das Grinsen aus der Visage schlagen, sie wollte den Dämon vernichten, sie wollte ihren Frieden haben und nie wieder solch einen gierigen Blick ertragen müssen.
Aber kaum holte sie erneut aus, gehorchten ihre Fäuste ihr nicht mehr. Ihre Arme wurden eingezwängt und ihr auf den Rücken gerissen. Etwas hielt sie fest, sie konnte sich nicht bewegen. Ihr Verstand wurde aufgerissen, ein fremder Wille zwängte sich in ihren Kopf und versuchte, sie mit gelben Gleißen aufzuhalten. Der Schmerz in ihrem Schädel maß sich mit dem in ihrem Unterleib und Sananka schrie. Hass und Verzweiflung krallten sich an ihrem Herzen fest, durchfluteten den Hort der Angst. Plötzlich wurde sich Sananka ihrer selbst wieder bewusst – und dessen, was gerade geschehen war. Die Magiergarde war erschienen.
Nur langsam nahm Sananka ihren eigenen Körper wieder wahr; sie spürte die Kälte in ihren Gliedern. Einzig ihr Herz brannte noch vor Hass. Sie teilte Pelas Zorn und Ekel. Pela hatte Dennet weit mehr verabscheut als sie selbst. Er war für sie zu einem Monster geworden. Er hatte sie ihr Leben lang gequält, hatte ihr ganzes Denken vereinnahmt. Sogar ihr Verschwinden war sein Werk. Er hatte sie verkauft, aber Pela hatte immer nur ihn gesehen und niemanden sonst. Kein Wunder, dass man sie in die Irrenanstalt gesteckt hatte.
Stimmen wurden um Sananka laut und sie erkannte verschwommen die Menschen um sie herum. Magier in roten und grauen Mänteln. Eine weiße Gestalt schwebte direkt neben ihr. Dann schimmerte die Luft von blauer und gelber Magie und Pela verschwand. Jemand sah Sananka ins Gesicht und erst jetzt wurde ihr klar, dass sie auf dem Boden lag. Der Jemand sagte etwas, doch in ihren Ohren wurde das Rauschen ihres Blutes lauter. Mit dem Rauschen kam die Schwärze, die sich über sie legte und sie auch endlich die Kälte vergessen ließ.

 

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