5-Minuten-Abstecher: little nightmares (Sananka)

Und wieder stand er da, öffnete die Tür und blickte in das Zimmer hinein. Seine gierigen Augen suchten, das wussten sie alle. Sananka zog die Decke bis unter ihr Kinn und drückte sich so tief wie möglich in ihr Kissen. Doch während die anderen Mädchen kaum zu atmen wagten, kniff Sananka die Augen fest zusammen, presste sich die Hände auf die Ohren und summte. Sie fing die Melodie auf, die eine sonore Stimme mit jedem Schritt näher trug, vereinnte sie mit der ihren und wünschte sich, er würde einfach wieder jenes Mädchen wählen, dass er immer mitnahm.
Die Schritte trugen ihn an ihr vorbei, übertönten das leise Schluchzen neben Sananka. Ein Harsches: „Komm mit, Zuckerstück“, unterbrach das sonore Summen und auch Sananka hielt die Luft an. Sie hörte die Bettdecke rascheln und nackte Füße auf dem Boden, ehe sein Summen wieder durch den Saal hallte. Und wieder schloss sie sich an, stellte sich vor, wie sehr Pela wohl strahlte, weil sie wieder in das Spielzimmer gehen durfte – dann fiel die Tür zu und Sananka verstummte. Nur noch das Schluchzen des Mädchens im Bett neben ihr war zu vernehmen.

Advertisements

5-Minuten-Abstecher: Auftraggeber (Sananka / Florin)

„Sananka!“, erklang es hinter ihr aus der Dunkelheit der Straßen. Doch Sananka kannte die Stimme und wandte sich um.
„Na endlich“, gab sie von sich, als sich die Gestalt Florins vor ihr aus der Dunkelheit abzeichnete. Sie sah in ein lächelndes Gesicht mit wachen Augen und Sommersprossen um die Nase. Schon immer hatte sie sich gefragt, wo Florin diese gedankenlose gute Laune hernahm. Ihr schien nie bewusst geworden zu sein, dass die Wächter Menschen die Spielfiguren einsetzten.
Nervös lachte Florin und zog ein Notizbuch aus ihrer Umhängetasche. „Ich habe erst andere Optionen geprüft. Alena sagte deutlich, ich soll dich nicht behelligen.“
„Und doch hast du es getan.“ Sanankas Stimme spiegelte die nicht vorhandene Begeisterung darüber wider. „Was denkst du dir eigentlich dabei?“
Florin sah von ihrem Büchlein auf und lächelte entschuldigend, ehe sie in einer unsicheren Geste Schultern und Hände hob. „Du hast doch so viel Erfahrung, also dachte ich …“
„Was? Das ich dir dabei helfe?“, fuhr Sananka sie an und verschränkte die Arme. „Es gibt einen guten Grund, dass Alena dir sagte, du sollst mich da raus lassen, Florin.“
Jetzt wurde Florins Blick schuldbewusst. „Ja, ich weiß. Verzeihung!“ Doch die Entschuldigung konnte nicht ernst gemeint sein, denn gleich darauf wurde Florins Ton rechtfertigend und nörgelig: „Aber das ist mein erster Auftrag und du hast so was schon oft gemacht. Und Alena hat gesagt, dass du deine Meinung geändert hast.“
„Nein“, entgegnete Sananka scharf. „Habe ich nicht. Und ich werde ihn nicht erledigen.“ Einen Moment hielt sie inne und schluckte ihren Ärger herunter. „Aber eventuell kenne ich jemanden, dem du den Auftrag erteilen kannst. Trotzdem muss ich zuerst wissen, worum es geht.“

Heimsuchung, Kapitel 18: Rettung

Sananka folgte Najesa durch den Garten und streifte sich ihr Tuch über den Kopf, um Haare und Gesicht zu verbergen. Das Gras war irgendwann die letzten Tage gemäht worden, aber Bäume und Büsche wucherten und boten Deckung. Hier, hinter dem Haus, waren nicht viele Menschen. Die meisten trieben sich auf dem Hof herum, dort, wo das Feuer gelöscht, die Verletzen und die Kinder versorgt wurden. Niemand sah sie, als sie über die Einfriedung kletterten und Najesa sie auf die Dächer hinauf führte.
Auf dem gegenüberliegenden Dach blieb Sananka sitzen und betrachtete das niederbrennende Haus. Hier und dort sah sie noch Flammen. Das obere Geschoss war bereits zusammengebrochen, doch die Magier der Feuerwache hielten mit Wasserzaubern den Brand in Schach. Zwischen all dem Getümmel auf dem Hof sah Sananka einen Schatten, der um das Gebäude schlich und versuchte sich ungesehen davonzumachen. Kyle taumelte und hustete. Sie beobachtete, wie er ungelenk einen Baum erklomm, um vom Grundstück zu entkommen. Bei seinem Anblick setzte sich etwas schwer auf ihre Seele. Da gab es keine Wut mehr, keinen Hass. All das war angesichts ihres Scheiterns versickert und nichts war zurückgeblieben. Ihr Herz war plötzlich so leer.
„Komm!“ Najesa klang streng und Sananka wandte sich ab. Ihre Meisterin schwieg, sah sie nicht einmal an während sie ihren Weg über die Dächer nahmen. Sie sagte auch nichts, als sie in eine Gasse hinabstieg und demonstrativ die weite Schärpe, die ihr Gesicht verhüllt hatte, um ihre Hüften drapierte; die Illusion eines Rocks. Aus Gewohnheit tat Sananka es ihr gleich, zog sich ihr Tuch von den Haaren und legte es sich um die Schultern.
Lange sagte Najesa kein Wort, führte sie nur durch die Straßen. Wie enttäuscht musste sie sein? Dabei hatte Sananka ihre Aufgabe nicht vergessen, sie hatte nur zuvor endlich diesen Dämon aus Pelas, nein, aus ihren Gedanken vertreiben wollen. Die Kinder waren gerettet, Kyle war der Held, der er sein sollte. Niemand außer ihm und Dennet konnte eine Beschreibung von ihr abgeben. Auch wenn Sananka sich bewusst war, dass sie besser ruhig sein sollte, so nagte eine Frage an ihr, die die Leere mit Kälte zu füllen begann: „Meint Ihr das ernst? Dass ich nicht zur Meuchlerin tauge?“
Najesa packte unvermittelt ihren Arm und beförderte sie grob in die nächste Seitengasse. Instinktiv drehte sich Sananka und entwand sich ihrem Griff. Nur wenig Licht drang von den magischen Laternen hier herunter, doch einer der Monde strahlte weit über ihnen und tauchte Najesas Gesicht in seinen kühlen blauen Schein. Als sie sprach, war ihre Stimme ruhig und beherrscht. „Du magst eine gute Schneiderin sein, nur zu mehr taugst du nicht. Was glaubst du, wer hinter dem Junghaus Waisenhaus stand?“ Die letzten Worte waren ein Zischen und Najesa trat näher an Sananka heran.
Die Antwort schwebte so klar vor ihr, aber obwohl Sananka den Mund öffnete, sie bekam kein Wort heraus. Es waren die gleichen skrupellosen Menschen, die Meuchler beauftragten, andere zu töten. Meuchler, wie sie eine werden wollte.
„Ein Meuchler darf nicht urteilen“, fuhr Najesa fort. „Ein Meuchler tötet seinem Auftrag gemäß, nicht nach eigenem Ermessen.“
„Aber“, wollte Sananka einwenden, doch Najesa schnitt ihr abermals das Wort ab.
„Wir richten nicht! Auch nicht über Kinderschänder.“ Najesa sah sie scharf an.
Sananka spürte den Widerhall in der Leere ihres Inneren. „Ihr wusstet es“, flüsterte sie.
„Alle wussten es.“
Mit der Erkenntnis breitete sich die Leere weiter aus, erreichte ihre Arme und Beine und ließ ihre Hände genauso taub werden wie ihr Herz. Aber nein, es war nicht taub. Er war immer noch da, dieser Hass – und er hatte Gesellschaft. Angst legte seine klammen Finger um ihre Kehle, Verzweiflung hämmerte auf ihr Herz ein, Wut und Trauer ließen sie zittern und Pelas Klage trieb ihr Tränen in die Augen. Wie konnte das sein? Wie konnten alle davon wissen und niemand etwas tun?
„Doch für dich und deine Stimme gibt es andere Pläne.“
„Was?“ In all dem Chaos, das sie erfüllte, wirkte ihre Frage hohl statt überrascht.
„Mein Auftrag ist es, dich auszubilden. Deine Besonderheit hatte er mir allerdings nicht verraten.“
Das Gesicht ihrer Meisterin spiegelte nicht wieder, was sie darüber dachte und Sananka brachte nur ein ersticktes: „Er …“, hervor.
Ein Lächeln schob sich auf Najesas Lippen, kalt und berechnend. „Für deinen Freund tut es mir Leid, Zeugen können wir nicht gebrauchen.“
Najesas Worte drangen wie ein Echo zu ihr durch und brachten all die Gefühle in ihr zur Explosion. Kyle, schoss es ihr durch den Kopf. Ohne zu überlegen warf sich Sananka gegen ihre Meisterin. Überrascht taumelte diese zurück und sprang zur Seite, als Sananka nachsetzte. Najesa zog ein Messer, doch Sananka dachte nicht daran, auszuweichen. Mit ihrem ganzen Gewicht prallte sie auf ihre Meisterin und griff dabei nach dem Arm mit der Klinge. Es war nur ein Augenblick, den sie Najesa ins Gesicht sah. „Nicht Kyle!“, zischte sie und sang.

Als Kyle zum Tatort beordert wurde, hatten die Gardisten die Leiche bereits aus dem Ereden gezogen. Sie musste seit Tagen im Wasser gelegen haben, versteckt unter Tang und Schmutz. Ihre Haut war weiß und aufgedunsen, ihre Kleidung zerfetzt.
„Kyle!“ Hauptfrau Gonner winkte ihn zu sich. Sie stand neben der Toten. Mit einem tiefen Seufzer gesellte er sich zu ihr, ließ den Blick über die Schaulustigen schweifen – und hielt inne. In der Menge verschwand ein blonder Haarschopf. Er hatte Sananka seit dem Brand nicht mehr gesehen. Sie kam nicht mehr zur Akademie und er war nicht in die Ermittlungen involviert. Doch Hauptfrau Gonner hielt ihn auf dem Laufenden: Dennet hatte man tot hinter dem Haus gefunden, übel zugerichtet durch die Flammen. Kyle war sich sicher, er war nicht freiwillig in das Feuer zurückgerannt. Das aber behielt er für sich. Vier der Übeltäter hatten überlebt, ihnen wurde aufgrund der Aussagen der Kinder der Prozess gemacht. Am meisten nagte jedoch an ihm, dass zwei der Waisenkinder an den Folgen des Feuers gestorben waren. Ob Sananka das wusste?
„Kyle?“
Die Hauptfrau riss ihn aus den Gedanken und er trat zu ihr neben die Leiche. Das Gesicht der Toten war zerschunden und verquollen. Dennoch erkannte Kyle die Frau; das enge Leder und die Reste eines roten Tuchs verriet sie. Ihr Augen starrten in den bewölkten Himmel.
Mit tauben Fingern nahm er das Schreibbrett entgegen.

 

Zur Kapitelübersicht

Heimsuchung, Kapitel 17: Sanankas Hilfe

Spielzimmer hatte er es genannt. Nur ein einziges Mal hatte sich Sananka hier hineingeschlichen und deswegen die schlimmste Tracht Prügel eingesteckt, die sie hier je bekommen hatte: Eine ganze Woche hatte es gedauert, bis sie ihren Arm wieder hatte bewegen können und noch länger, bis alle Blessuren verheilt waren. Oder fast alle. Ihrer Nase sah man den einstigen Bruch noch immer an. Für sie war es damals ebenso das Schreckenszimmer geworden, wenn auch anders als für Pela. Doch sie, das Wieselgesicht, war niemals dafür vorgesehen, hierher geholt zu werden. Selbst eine gerade Nase hätte sie nie so hübsch werden lassen wie Pela.
Sananka erinnerte sich an die Abscheu, den Ekel und den Stolz Pelas. Unter den Kindern hatte sie ihr Privileg genossen. Dennoch war dieser Raum ihr Schrecken gewesen. Sananka hatte gesehen, was Pela geplagt hatte, hatte es gefühlt. Das Spielzimmer war ihr so vertraut; mit weiß gekalkten Wänden, Stuckverzierungen in Blau, Blumenmalereien und eleganten Möbeln war dieses Zimmer der Traum eines jeden kleinen Mädchens. Sogar Spielsachen und Bücher lagen in Regalen und ein dicker Teppich vor dem Bett stellte eine große rote Blume dar. Auf einem niedrigen Tisch ruhte eine Schale mit süßem Konfekt. Ein Spiegeltisch mit Rouge, Lippenrot und Haarspangen rundete das Bild ab. Leider hatte es nie ein kleines Mädchen gegeben, dessen Kinderzimmer es gewesen wäre. Nein, hatte es nur die Mädchen gegeben, die sich wie Puppen herrichten mussten und an denen sich der Dreck dieser Stadt erfreut hatte. Jedes Mal war das Wispern um Pela lauter geworden und auch Sananka hörte es leise hinter ihrem eindringlichen Flüstern. Pela hatte Angst gehabt, jedes Mal, wenn sie hatte herkommen müssen – die gleiche Angst, die nun Dennet verspürte.
Diesen Widerling dazu zu zwingen, hier herunterzugehen, fiel Sananka so leicht. Ihre Stimme hatte dafür gesorgt, dass niemand sie kommen sah, ehe sie jeden Einzelnen von ihnen überwältigte. Die dicke Köchin und die Schafherrs waren bereits zu Bett gegangen. Auch drei der Aufseher hatte sie in den Kammern schlafend gefunden. Nur einer hatte versucht, sich zu wehren, und war nach einem kräftigen Schlag gegen die Kehle an der Treppe liegengeblieben.
Allen hatte sie befohlen, still ins Schlafzimmer zu gehen und sich fesseln zu lassen. Angesichts ihres Dolches und mehreren Schrägen in empfindliche Körperregionen, folgte einer nach dem anderen der Anweisung. Erst nachdem sie allesamt gefesselt und geknebelt hatte, war sie zufrieden. Das Jammer und Wegklagen drang nicht zu ihr durch. Sie spürte kein Mitleid. Sie fühlte nur den Rausch der Überlegenheit.
Während das Feuer im Nebenraum zu lodern begann, erlöste sie Dennet von dem Schicksal mit den anderen ersticken zu müssen. Sie band ihm die Arme auf den Rücken und stopfte ihm seine eigene Unterwäsche in den Mund. Ihr Gesang schürte seine Angst. Sie machte ihn genauso gefügig, wie seine Drohungen und Schläge die Waisenkinder.
Sananka hatte ihn aus dem Schlafzimmer gezerrt. Weinen und Schluchzen begleitete jeden seiner Schritte. Doch es war ihr egal; wie ihm, wenn die Kinder weinten. Weswegen also sollte sie nun daran Anteil nehmen?
Noch hatte Sananka nicht ganz verstanden, was sie mit ihrer Magie alles anstellen konnte, welche Gefühle sie in den Menschen auslösen konnte. Aber der brennende Hass in ihr leitete ihre Stimme und ließ ihn fühlen, was er entzündet hatte: Angst umklammerte ihn so unbändig, wie das dürre kleine Mädchen in Sanankas inneren. Scham durchflutete jeden seiner Gedanken, wie einst Pelas.
Zitternd ging er die Nebentreppe in den Keller hinunter. Dort gab es einen Zugang in das Schreckenszimmer. Sananka kannte ihn nicht, doch Dennet war er vertraut. Den Kindern war der Keller verboten gewesen. Vorräte, Kleidung und Dinge, die schnell für eine weitere Waise gebraucht wurden, lagerten darin. Sananka wusste nur von der Luke im Garten, die sie damals durch Zufall entdeckt hatte.
Im Schein ihrer Lampe entriegelte er ein Regal von der Wand und ließ es beiseite gleiten. Sananka roch den süßlichen Duft, der das Zimmer erfüllte. Ein Kontrast zu dem stechenden Rauch, der das ganze Haus durchzog. Hinter sich schloss sie die Tür des Spielzimmers, stetig eine Melodie summend – seine Melodie. Er hatte sie gesungen, wann immer er Pela geholt hatte. Es war auch das Lied, das Sananka gesummt hatte. Dann, wenn sie sich die Decke über den Kopf gezogen hatte und ihr die Angst zugebrüllt hatte, sie solle sich so tief wie möglich verkriechen. Sie alle hatten sich verkrochen und sich gewünscht, er möge wieder Pela mitnehmen. Jetzt wusste Sananka, diese simple Tonfolge hatte sie beschützt und Pela vor Furcht erstarren lassen.
Sananka schüttelte den Gedanken an Pelas Erinnerungen ab. Wie Flöhe sprangen sie auf und ab und bissen ihr ins Gedächtnis.
Einen Augenblick stockte ihr Gesang, verlor an Kraft und Dennet wurde sich gewahr, wo er sich befand. Er drehte sich um und sah Sananka erstaunt an, bevor er begriff. Als sich seine Augen vor Wut zusammenzogen, hieb Sananka ihm direkt ins Gesicht. Er taumelte, stolperte über den Teppich und schlug sich den Kopf an dem niedrigen Tisch. Die Konfektschale schepperte.
Sananka lächelte, trat zu ihm und griff nach seinem Kragen. Er war zu schwer, als dass sie ihn alleine auf die Beine ziehen konnte. Erneut summte sie. Unter Angst war er formbar, wie eine bewegliche Puppe. Sie zog ihn hoch, er stand auf. Sie dirigierte ihn zu einem Stuhl, er ging zitternd Schritt um Schritt voran. Als er auf dem Sitz saß, verschnürte sie seine Hand- und Fußgelenke fest mit den Armlehnen und Stuhlbeinen. Erst dann beendete sie den Gesang. Wieder dauerte es einige Herzschläge, bis sich seine Trance gelegt hatte und er sich erinnerte. Dieses Mal trat keine Wut in sein Blick. Voller Panik rüttelte er an den Stricken. Doch Sananka wusste, was sie tat. Sie war eine angehende Meuchlerin, jemanden zu fesseln war eine leichte Übung. Lächelnd zückte sie ihren Dolch. „Was? Hast du heute keine Lust, zu spielen? Oder bin ich dir schon zu alt, hmm?“, fragte sie leichthin und lachte. Der bittere Geschmack auf ihrer Zunge erfüllte ihr Gelächter. „Mit Pela hast du früher gerne gespielt.“ Sie stützte sich auf seine Knie und sah ihn scharf an. Dass diese kalten Augen echte Gefühle zeigen konnten, hatte sie nicht erwartet. Aber Angst gab es immer. Jeder hatte Angst. Auch ein solcher Sadist wie er. „Ich weiß, was du mit Pela gemacht hast.“ Nun hob sie die Klinge direkt vor seine Augen. „Ihre Seele hatte unzählige kleine, schmerzende Schnitte, die sie ganz langsam umgebracht haben. Wollen wir austesten, wie lange es braucht, bis dein Körper keine Schnitte mehr verkraftet?“
Sein Wimmern drang tief in sie ein. Es versuchte, die Flammen zu durchbrechen, die ihr Herz ummantelten. Doch der Hass loderte nur noch heißer und verbrannte es zu Asche. Nein, er hatte nie Mitleid gehabt. Er hatte Pela nie gefragt, ob ihr all das gefiel. Er hatte sie nie gefragt, ob sie verkauft werden wollte. Im Gegenteil: Er hatte sich an ihrem Leid geweidet.
Mit dem Gedanken setzte sie die Dolchspitze an seine Wange.

Zur Kapitelübersicht

Heimsuchung, Kapitel 15: Aufbruch

Sanankas Strafe bestand darin, dass sie die nächsten Tage nicht zur Akademie gehen durfte. Stattdessen schrubbte sie die Küche, entrümpelte den Laden und musste nach dem Schließen am Abend in ihrer Kammer auf dem Boden sitzen und meditieren. Was Najesa damit bezweckte, wusste Sananka nicht. Weder einen Tadel noch ein Lob hatte sie von ihr erhalten. Es war, als wolle sie, dass Sananka viel Zeit hatte, um über ihren Fehler nachzudenken. Doch Pelas Echo in ihr wurde stetig lauter und der Hass, der die Angst aus ihrem Hort vertrieben hatte, raunte mit Pelas Stimme. Die wispernden Wände waren nicht das einzige, was Sanankas ungenutzte Magie hervorgebracht hatte. So lange hatte sie es übersehen, so lange hatte sie nie darüber nachgedacht, aber ihr Gesang war ein weiterer Auswuchs.
Die Stunden der Meditation gaben Sananka die Gelegenheit, ihre Gedanken mit Pelas Flüstern tanzen zu lassen. Wenn Magie so verschieden war, konnte sie noch mehr bewirken, als nur sämtliche Aufmerksamkeit von ihr ablenken?
Sie summte vor sich hin, immer und immer wieder, und nutzte ihre Melodie als Anker für ihre Empfindungen. Sie schickte die leise Tonfolge hinaus zu den Kunden, zu Najesa. Ein Pärchen verließ den Laden mit einer unbegründeten Angst, ein Mann fauchte Najesa ohne Grund an und diese ging in die Küche, um ihrem plötzlichen Verlangen nach Wein nachzugeben. Sananka konnte mit ihrem Gesang spielen und niemand bemerkte es. Ihre Magie war farblos, sie kam ohne Funken, ohne Lichtblitze. Sie schien völlig anders zu sein als die allseits präsente Zauberei der Magier. Niemand nahm Notiz von dem dürren blonden Mädchen, das bei der Arbeit vor sich hin sang.
Sechs Tage später betrat Najesa endlich ihre Kammer und erlöste sie von der Strafe. Sananka saß im Schneidersitz auf dem Boden, sah auf und beendete ihr Lied. Najesa blieb strengen Blickes vor ihr stehen. Nichts an ihr deutete darauf hin, dass sie bemerkt hatte, was Sananka in der letzten Woche geübt hatte.
„Wie willst du deine Aufgabe lösen?“
„Meine Aufgabe?“ Zu spät erst ging Sananka auf, dass Najesa die Feuerprobe in der Anstalt meinte. Doch da blitze es bereits in ihren Augen auf. Ohne Vorwarnung schlug sie nach Sananka. Nur das Zucken der Muskeln kündigte den Schlag an. Trotzdem ließ sich Sananka zurückfallen, rollte sich über die Schulter ab, nur um unmittelbar an der Wand auf die Füße zu kommen. Sie war dem Hieb nur knapp entgangen.
Najesa tat einen Schritt auf sie zu und fragte noch einmal: „Wie willst du deine Aufgabe lösen?“
„Ein Unfall“, antwortete Sananka und wich einem Tritt aus.
„Weiter!“, kommandierte Najesa und holte erneut aus.
Sananka machte einen Satz zur Seite und landete auf ihrem Bett. Mit plötzlicher Klarheit schoss es ihr durch den Kopf: Lieferte sie Najesa keine Antworten, würde diese ihr hier und jetzt in die ewige Schwärze schicken. Unfähigen Meuchlern blieb nur der Tod.
Um Zeit zu gewinnen, sprang Sananka an ihr vorbei und war mit zwei Schritten am anderen Ende ihrer Schlafkammer. „Ich werde ein Messer stehlen, dass beim Essen benutzt wird und jemanden damit in der Zelle die Pulsadern aufschneiden. Es wird nach einem Selbstmord aussehen!“, improvisierte sie. Najesa wurde schneller. Sananka tauchte unter ihren Angriffen hindurch und hechtete zu dem Stuhl an der Wand neben dem Fenster.
„Wen?“
Das dreckige Lachen des einen Insassen schob sich in ihr Gedächtnis und sie biss die Zähne zusammen. „Einen Dreckskerl, der es verdient hat.“ Sananka sprang. Der Stuhl wankte, als sie auf der Sitzfläche landete. „Zelle sieben!“
Nur mit Mühe hielt sie das Gleichgewicht, doch Najesas beendete ihre Lektion. Ihre dunklen Augen funkelten kühl. „Drei Tage“, sagte sie und wandte sich ab, um das Zimmer wieder zu verlassen. „Du weißt, was dir blüht, wenn du dich nicht bewährst.“
Sananka blieb schwer atmend zurück und starrte die Tür an, hinter der Najesa verschwunden war. Ihr Herz hämmerte heftig an ihre Brust. Drei Tage. Bis zum Elehistag hatte sie Zeit zu beweisen, dass sie in der Lage war, einen Auftrag auszuführen und einen Menschen zu töten. Drei Tage, die über ihr eigenes Leben entschieden. Das war genug Zeit, raunte Pela in ihrem Inneren. Zuerst würde sie erledigen, was Pela nicht vermocht hatte. Danach konnte sie sich ihrer Feuerprobe widmen. Mit ihrer Stimme würde sie dem Dreckskerl so viel Angst machen, dass er sich nicht wehrte. Aber Pela hatte Vorrang.
Lächelnd zog sich Sananka um, kleidete sich in Grau und Dunkelblau und nahm das große Schultertuch, mit dem sie ihre Haare und ihr Gesicht verbarg, wenn sie nachts unterwegs war. Nein, sie hatte keine Angst mehr.
Die Gasse neben der Schneiderei war leer und düster. Behutsam stieg sie aus dem Fenster und hangelte sich hinunter auf die Nebenstraße. Sie atmete durch, schloss die Augen und besann sich darauf, sämtliche Aufmerksamkeit von sich abgleiten zu lassen. Ihre Stimme formte eine Melodie daraus und Sananka summte. Als sie auf die Handwerksstraße hinaus trat, beachtete sie niemand.
Erst, als Sananka die Oststadt verließ und nach Düsterturm ging, beendete sie ihr Lied. Sie kletterte am Markt auf eines der Dächer, hockte sich an den Rand und wartete. Bald war Mitternacht, dennoch kreuzten immer wieder Passanten den Platz; Schemen, von den magischen Lampen in buntes Licht getaucht. Sananka konnte die Westwache sehen. Zwei Betrunkene wurden hineingebracht und eine Patrouille brach auf. Doch kein Mensch hob den Blick zu ihr; sie schauten niemals hinauf.
Es dauerte nicht lang, ehe sie Gesellschaft bekam. Kep war nicht sehr geschickt darin, auf Häuser zu klettern. Sie hörte ihn bereits, noch ehe er ganz oben war.
„Sie an, mein Lieblingsinformant.“
Kep richtete sich zu seiner vollen Größe auf und lachte trocken. „Sie an, meine Lieblingsmeuchlerin.“
„Ich dachte mir, dass du mich beobachten lässt.“ Sanankas lächelte, dafür runzelte er die Stirn. „Überrascht?“, fragte sie. „Ich weiß auch so einiges, Kep. Ich weiß, dass du nicht alleine in der Stadt herumstromerst und Informationen sammelst. Ich weiß, dass du eine ganze Straßenbande hinter dir hast und viele Augen in der Stadt; und, dass sie mich beobachten. Die Information, was eine Meuchlerschülerin anstellt, ist sicherlich viel wert, wenn sie so viel Mist baut wie ich, hmm?“
Er wollte etwas entgegnen, doch sie hob eine Hand und schüttelte den Kopf. „Ich gebe dir jetzt eine Information. Und ich erwarte, dass du sie an der richtigen Stelle abgibst.“
Es war das erste Mal, dass sie Verblüffung ins Keps Gesicht sehen konnte. Trotzdem wurde seine Körperhaltung betont lässig, als er näher trat. „Das Überbringen von Information kostet dich aber was.“
„Sag meinem blonden Gardisten, da werden ein paar Kinder einen Helden brauchen.“
Kep wollte etwas sagen, doch Sananka versetzte ihm einen Stoß mit der flachen Hand vor die Brust. „Verhandelt wird später! Jetzt geh und mach deine Arbeit.“
Sie hatte nicht genug Kraft in den Schubs gelegt, um Kep ins Stolpern zu bringen, er verstand die Aufforderung jedoch und ging einen Schritt zurück. Einen Augenblick sah er sie schweigend an. Sie konnte förmlich sehen, wie er versuchte, diese Botschaft zu verstehen. Sananka wartete nicht und nahm Anlauf.
Mit einem Sprung an die gegenüberliegende Wand federte sie sich ab und landete mit einer Drehung in der Gasse unter ihr. Dann lief sie los. Sie vertraute Kep nicht, aber sie war sich sicher, die Aussicht, bei den Verhandlungen um den Preis in der besseren Position zu sein, genügte. Kep würde Kyle benachrichtigen und Kyle, Held der er nun mal war, würde endlich einsehen, dass er sie nicht mehr zu beschützen brauchte.

Zur Kapitelübersicht

 

Heimsuchung, Kapitel 14: Erwachen

Ein dunkles Meer umgab Sananka. Sie konnte nicht schwimmen und versuchte hektisch, an die Oberfläche zu kommen. Sie ruderte mit Armen und Beinen und sah einen Lichtschimmer in der Dunkelheit. Dann tauchte sie auf. Ein pochender Schmerz erfüllte ihren Schädel und holte sie in die Gegenwart zurück. Kaum hob sie die Lider, stach ihr das Licht in die Augen und bohrte sich wie Nadeln in ihre Stirn. Doch statt die Augen wieder zu schließen, drehte sie den Kopf. Sie war in ihrer Kammer über der Schneiderei. Und sie hatte Besuch. Kep saß auf einem Stuhl an der Wand gegenüber und grinste ihr entgegen. Neben ihm brannte die Lampe, die die glühenden Spitzen warf. „Na Schlafmütze?“
Sananka seufzte. „Was hast du hier verloren?“
Kep zuckte mit den Schultern. „Ach weißt du, da dein blonder Gardeschüler nur vor dem Haus herumlungert, statt nach dir zu sehen, dachte ich, wenigstens ich sollte nachschauen, wie es meiner Lieblingsschneiderin so geht.“
Freuen konnte sich Sananka über seine Anwesenheit nicht. „Aha“, meinte sie trocken und setzte sich möglichst langsam auf. In ihren Kopf schwamm Pudding und der piesackte sie bei jeder Berührung mit ihrem Schädelinneren. „Und was willst du?“
„Naja, Gerüchte verbreiten sich schnell. Ich habe gehört, dass eine Schneiderin und eine Gardeschülerin daran beteiligt waren, den Geist zu bannen.“
Sananka stellte vorsichtig die Füße auf den Boden. Sie spürte ihre Zehen kaum, ihre Finger waren ebenso taub. Allein ihr rechter Knöchel pochte und war angeschwollen.
„Außerdem habe ich die Information, die du haben wolltest.“
Sie riss den Blick von ihren Füßen los und sah Kep fragend an. „Schon?“
„Ich bin eben gut“, amüsierte sich Kep, beugte sich nach vorne und stützte die Ellenbogen auf seine Beine. „Willst du es nicht wissen?“
Behutsam nickte Sananka, trotzdem stachelte es den Pudding an, sie noch mehr zu piksen. Sie schloss die Augen und hörte Kep zu.
„Ich habe jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Er sagte, es könnte eine Art magische Wahrnehmung sein. Wenn ein magisches Potential, so hat er es genannt, nicht geschult wird, sucht es sich einen anderen Weg.“ Sananka sah förmlich, wie er mit den Schultern zuckte. „Manche Leute sehen Feenwesen, andere hören Wispern. Das scheint es sogar häufig zu geben, weil wir, wie drückte er sich aus? ‚Umgeben von Emotionen sind, die ihre Spuren in dem natürlichen Gefüge unserer Welt hinterlassen‘. Oder so in der Art. Menschen, die am gleichen Ort aufgewachsen sind, entwickeln oft ein ähnliches Gespür.“
Sananka atmete tief ein. Kep sprach weiter, aber mehr Erklärung brauchte sie nicht. Sie besaß Magie. Irgendwo verborgen in sich drin hatte sie es gewusst, doch sie hatte es nicht geglaubt. Deswegen hörte sie das Flüstern; all das Leid. Diese Klarheit schwoll in ihrer Kehle zu einem Klumpen an. Die Wände der Anstalt wisperten, weil sie von all der Pein durchtränkt waren. Genauso wie das Waisenhaus. Und sie war nicht die Einzige, die all das wahrgenommen hatte. Tränen krochen ihre Hals hinauf und Sananka schluckte.
„Sananka?“
Kep hatte seine Ausführungen beendet. Als sie die Augen wieder öffnete, sah er sie mit gerunzelter Stirn an. Seinem Blick fehlte jedoch jede Sorge.
„Was?“, fragte sie und kämpfte das Gefühl der Hilflosigkeit nieder. Keine Schwäche zeigen. Nicht vor jemandem, der seinen Lebensunterhalt mit Informationen über andere Menschen verdiente. Kep war nicht ihr Freund.
„Das sollte ich dich fragen.“ Kep lehnte sich mit verschränkten Armen im Stuhl zurück und beobachtete sie. Sananka blinzelte die Tränen fort, war sich aber sicher, dass er sie bemerkt hatte. Vorsichtig stieg sie aus dem Bett und ging zum Fenster. Das Pochen in ihrem Fuß wurde schmerzhaft.
„Wenn ich dich so ansehe, denke ich, die Gerüchte über deine Geisterjagd stimmen.“
„Das kommt drauf an, was sie sagen“, entgegnete sie, ohne Kep anzusehen. Stattdessen warf sie einen Blick durch die Scheibe, hinunter in die dunklen Straßen. Tatsächlich konnte sie dort jemanden stehen sehen, doch das Glas war zu dick, die Gestalt zu verschwommen. War das wirklich Kyle? Machte er sich Sorgen um sie? Oder wollte er nur sichergehen, dass sie nicht noch mehr anstellte? Was auch immer sein Grund war, der Gedanke an Kyles Anwesenheit tröstete sie weit eher als Keps. Gleichzeitig versetzte ihr diese Einsicht einen Stich.
„Habe ich doch gesagt.“
Sananka zuckte zusammen, als Keps Stimme direkt hinter ihr erklang und sie fuhr herum; zu schnell. Der Pudding waberte und wurde zugleich mit den Nadeln des Lampenlichts gespickt. Sananka schloss die Augen und lehnte sich gegen die Wand neben dem Fenster, bis sich ihr Schädel beruhigt hatte.
„Er lungert schon den ganzen Tag dort herum“, fuhr Kep fort. „Auch er hat gehört, dass der Geist gebannt wurde und du daran beteiligt gewesen sein sollst.“
„Pela ist also keine Gefahr mehr?“, fragte Sananka langsam. Erst dann öffnete sie die Augen wieder und sah Kep an.
„Pela?“
Sananka wollte schon nicken, behalf sich dann jedoch mit einem knappen „Ja.“
Auch wenn Kep grinste, hätte Sananka schwören können, in seinem Gesicht einen Anflug von Ärger zu erkennen. Sein sonst ungezwungen Ton wurde von diesem Unmut verfärbt. „Die Gardemagier waren dem Geist – Pela – schon seit Tagen auf der Spur. Sie haben sie nur nicht finden können. Wie man hört, hast du es geschafft, dich gegen ihren Willen zu wehren, und deine Freundin nur niedergeschlagen, statt sie richtig zu verprügeln.“
„Sie ist nicht meine Freundin“, murmelte Sananka und sah an Kep vorbei. Also hatte Pela nicht getan, weswegen sie eigentlich zum Geist wurde. Sie hatte Sananka nicht benutzt, um Dennet zur Rechenschaft zu ziehen. Die Magiergarde hatte es verhindert. Bedächtig ging Sananka ein paar Schritte der Tür entgegen.
„Du weißt, warum sie die Stadt heimgesucht hat?“
Lag da ein lauernder Tonfall in seinen Worten? Sananka musterte ihn. Er wusste es nicht, er hatte gerade geraten. Sie grinste. „Oh, der Herr Informant ist also nicht ganz so gut informiert.“
Keps Gesicht wurde mit einem Mal finster.
„Bist du deshalb hier? Weil du noch mehr herausfinden willst?“
„Und wenn es so wäre? Immerhin habe ich dich gerade über deine wispernden Wände aufgeklärt. Du schuldest mir Informationen.“
„Dann gebe ich dir jetzt eine Information: Halt dich da raus!“ Sie öffnete die Tür, doch Kep war mit einem Satz bei ihr und drückte sie wieder zu. „Dann ist es noch nicht vorbei?“
Sananka sah ihn scharf an. „Der Geist ist gebannt. Es ist also vorbei.“
„Aber da steckt noch mehr dahinter“, stellte Kep nüchtern fest und lehnte sich gegen die Tür.
„Das geht dich nichts an. Ich schulde dir Informationen über Najesas Geschäfte, nicht über meine. Und jetzt lass mich raus, ich brauche was für meinen Schädel.“
Er kam der Aufforderung nicht gleich nach. Mehrere Herzschläge vergingen, ehe er beschwichtigend beide Hände hob und einen Schritt zurücktrat. Sananka öffnete die Tür.
„Du kommst auch aus dem Junghaus-Weisenhaus, richtig? Du hast deinen Namen geändert.“
Die Frage ließ sie innehalten, doch sie gedachte nicht, darauf zu antworten und verließ die Kammer. Bedächtig machte sie sich auf den Weg, die Treppe hinunter und ging in die Küche. Mühsam bewegte sie sich, als wäre sie hunderte Jahre alt. Ihre Muskeln waren schlaff, ihre Finger prickelten. Es dauerte unendlich lang, ehe sie Wasser für einen Tee aufgesetzt hatte und die Kiste mit Najesas Hausmittelchen aus dem Versteck unter dem Küchenschrank hervorgeholt hatte. Sie durchstöberte die Phiolen und Kräuter, bis sie gefunden hatte, was sie suchte. Das Fläschchen war blau und auf dem Zettel prangte die Aufschrift „Sydrinfarn“. Ein paar Tropfen in ihren Tee und es würde dafür sorgen, dass die Schmerzen verschwanden.
Während Sananka den Tee ziehen ließ, gesellte sich Najesa zu ihr. „Ich habe dich hier rumoren gehört“, sagte sie und setzte sich ihr gegenüber. Ihre Augen musterten sie, als suche sie nach etwas. Sie fragte nicht, wie es ihr ging, sie wirkte aber immerhin nicht verärgert.
Sananka seufzte in die Stille hinein und sah auf ihren Tee. „Warum habt Ihr Kep zu mir gelassen?“, fragte sie leise.
„Er bat mich darum.“
Jetzt runzelte Sananka die Stirn. „Warum?“
„Ich habe ihn nicht gefragt.“ Auch Najesas Besorgnis schien sich in Grenzen zu halten.
Sananka nickte langsam und nippte schweigend an ihrem Tee. Die neuerliche Stille hielt nicht lange an. Najesas dunkle Augen ruhten auf ihr, versuchten sich einen Weg in ihre Gedanken zu Boren. „Weswegen warst du in der Rebgasse?“, fragte Najesa.
Sananka seufzte erneut. Sie hatte noch gar nicht daran gedacht, dass sie sich eine Erklärung für ihre Mentorin würde einfallen lassen müssen. „Ich musste Cathlyn abschütteln. Sie misstraut mir.“
Najesas Blick wurde scharf. „Dann war deine Tarnung nachlässig.“
Fast hätte sich Sananka an ihrem Tee verschluckt, doch Najesa stand bereits auf. „Du wirst zurück in deine Kammer gehen und schlafen. Deine Strafe erhältst du danach.“
„Meine Strafe?“ Najesa antwortete ihr nicht mehr, sondern verließ die Küche. „Aber ich …“, begann Sananka und wollte aufstehen. Ihr schmerzender Kopf war dagegen. Überrumpelt sackte sie in den Stuhl und starrte auf den Boden. Najesa hatte recht: Sie war nachlässig. Sie hatte Cathlyn zu viel gezeigt. Trotzdem, Sananka bedauerte es nicht. Sie war diesen Weg gegangen, damit sie sich nicht wieder herumschubsen zu lassen. Und sie wusste, wie sie ihre Feuerprobe angehen würde. Aber es gab jemanden, der um Hilfe geschrien hatte und Sananka war die Einzige, die es verstanden hatte. Das Echo von Pelas Gefühlen nagten an ihr. Das musste sie zuerst erledigen.

 

Zur Kapitelübersicht