Sananka

Heimsuchung, Kapitel 18: Rettung

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Sananka folgte Najesa durch den Garten und streifte sich ihr Tuch über den Kopf, um Haare und Gesicht zu verbergen. Das Gras war irgendwann die letzten Tage gemäht worden, aber Bäume und Büsche wucherten und boten Deckung. Hier, hinter dem Haus, waren nicht viele Menschen. Die meisten trieben sich auf dem Hof herum, dort, wo das Feuer gelöscht, die Verletzen und die Kinder versorgt wurden. Niemand sah sie, als sie über die Einfriedung kletterten und Najesa sie auf die Dächer hinauf führte.
Auf dem gegenüberliegenden Dach blieb Sananka sitzen und betrachtete das niederbrennende Haus. Hier und dort sah sie noch Flammen. Das obere Geschoss war bereits zusammengebrochen, doch die Magier der Feuerwache hielten mit Wasserzaubern den Brand in Schach. Zwischen all dem Getümmel auf dem Hof sah Sananka einen Schatten, der um das Gebäude schlich und versuchte sich ungesehen davonzumachen. Kyle taumelte und hustete. Sie beobachtete, wie er ungelenk einen Baum erklomm, um vom Grundstück zu entkommen. Bei seinem Anblick setzte sich etwas schwer auf ihre Seele. Da gab es keine Wut mehr, keinen Hass. All das war angesichts ihres Scheiterns versickert und nichts war zurückgeblieben. Ihr Herz war plötzlich so leer.
„Komm!“ Najesa klang streng und Sananka wandte sich ab. Ihre Meisterin schwieg, sah sie nicht einmal an während sie ihren Weg über die Dächer nahmen. Sie sagte auch nichts, als sie in eine Gasse hinabstieg und demonstrativ die weite Schärpe, die ihr Gesicht verhüllt hatte, um ihre Hüften drapierte; die Illusion eines Rocks. Aus Gewohnheit tat Sananka es ihr gleich, zog sich ihr Tuch von den Haaren und legte es sich um die Schultern.
Lange sagte Najesa kein Wort, führte sie nur durch die Straßen. Wie enttäuscht musste sie sein? Dabei hatte Sananka ihre Aufgabe nicht vergessen, sie hatte nur zuvor endlich diesen Dämon aus Pelas, nein, aus ihren Gedanken vertreiben wollen. Die Kinder waren gerettet, Kyle war der Held, der er sein sollte. Niemand außer ihm und Dennet konnte eine Beschreibung von ihr abgeben. Auch wenn Sananka sich bewusst war, dass sie besser ruhig sein sollte, so nagte eine Frage an ihr, die die Leere mit Kälte zu füllen begann: „Meint Ihr das ernst? Dass ich nicht zur Meuchlerin tauge?“
Najesa packte unvermittelt ihren Arm und beförderte sie grob in die nächste Seitengasse. Instinktiv drehte sich Sananka und entwand sich ihrem Griff. Nur wenig Licht drang von den magischen Laternen hier herunter, doch einer der Monde strahlte weit über ihnen und tauchte Najesas Gesicht in seinen kühlen blauen Schein. Als sie sprach, war ihre Stimme ruhig und beherrscht. „Du magst eine gute Schneiderin sein, nur zu mehr taugst du nicht. Was glaubst du, wer hinter dem Junghaus Waisenhaus stand?“ Die letzten Worte waren ein Zischen und Najesa trat näher an Sananka heran.
Die Antwort schwebte so klar vor ihr, aber obwohl Sananka den Mund öffnete, sie bekam kein Wort heraus. Es waren die gleichen skrupellosen Menschen, die Meuchler beauftragten, andere zu töten. Meuchler, wie sie eine werden wollte.
„Ein Meuchler darf nicht urteilen“, fuhr Najesa fort. „Ein Meuchler tötet seinem Auftrag gemäß, nicht nach eigenem Ermessen.“
„Aber“, wollte Sananka einwenden, doch Najesa schnitt ihr abermals das Wort ab.
„Wir richten nicht! Auch nicht über Kinderschänder.“ Najesa sah sie scharf an.
Sananka spürte den Widerhall in der Leere ihres Inneren. „Ihr wusstet es“, flüsterte sie.
„Alle wussten es.“
Mit der Erkenntnis breitete sich die Leere weiter aus, erreichte ihre Arme und Beine und ließ ihre Hände genauso taub werden wie ihr Herz. Aber nein, es war nicht taub. Er war immer noch da, dieser Hass – und er hatte Gesellschaft. Angst legte seine klammen Finger um ihre Kehle, Verzweiflung hämmerte auf ihr Herz ein, Wut und Trauer ließen sie zittern und Pelas Klage trieb ihr Tränen in die Augen. Wie konnte das sein? Wie konnten alle davon wissen und niemand etwas tun?
„Doch für dich und deine Stimme gibt es andere Pläne.“
„Was?“ In all dem Chaos, das sie erfüllte, wirkte ihre Frage hohl statt überrascht.
„Mein Auftrag ist es, dich auszubilden. Deine Besonderheit hatte er mir allerdings nicht verraten.“
Das Gesicht ihrer Meisterin spiegelte nicht wieder, was sie darüber dachte und Sananka brachte nur ein ersticktes: „Er …“, hervor.
Ein Lächeln schob sich auf Najesas Lippen, kalt und berechnend. „Für deinen Freund tut es mir Leid, Zeugen können wir nicht gebrauchen.“
Najesas Worte drangen wie ein Echo zu ihr durch und brachten all die Gefühle in ihr zur Explosion. Kyle, schoss es ihr durch den Kopf. Ohne zu überlegen warf sich Sananka gegen ihre Meisterin. Überrascht taumelte diese zurück und sprang zur Seite, als Sananka nachsetzte. Najesa zog ein Messer, doch Sananka dachte nicht daran, auszuweichen. Mit ihrem ganzen Gewicht prallte sie auf ihre Meisterin und griff dabei nach dem Arm mit der Klinge. Es war nur ein Augenblick, den sie Najesa ins Gesicht sah. „Nicht Kyle!“, zischte sie und sang.

Als Kyle zum Tatort beordert wurde, hatten die Gardisten die Leiche bereits aus dem Ereden gezogen. Sie musste seit Tagen im Wasser gelegen haben, versteckt unter Tang und Schmutz. Ihre Haut war weiß und aufgedunsen, ihre Kleidung zerfetzt.
„Kyle!“ Hauptfrau Gonner winkte ihn zu sich. Sie stand neben der Toten. Mit einem tiefen Seufzer gesellte er sich zu ihr, ließ den Blick über die Schaulustigen schweifen – und hielt inne. In der Menge verschwand ein blonder Haarschopf. Er hatte Sananka seit dem Brand nicht mehr gesehen. Sie kam nicht mehr zur Akademie und er war nicht in die Ermittlungen involviert. Doch Hauptfrau Gonner hielt ihn auf dem Laufenden: Dennet hatte man tot hinter dem Haus gefunden, übel zugerichtet durch die Flammen. Kyle war sich sicher, er war nicht freiwillig in das Feuer zurückgerannt. Das aber behielt er für sich. Vier der Übeltäter hatten überlebt, ihnen wurde aufgrund der Aussagen der Kinder der Prozess gemacht. Am meisten nagte jedoch an ihm, dass zwei der Waisenkinder an den Folgen des Feuers gestorben waren. Ob Sananka das wusste?
„Kyle?“
Die Hauptfrau riss ihn aus den Gedanken und er trat zu ihr neben die Leiche. Das Gesicht der Toten war zerschunden und verquollen. Dennoch erkannte Kyle die Frau; das enge Leder und die Reste eines roten Tuchs verriet sie. Ihr Augen starrten in den bewölkten Himmel.
Mit tauben Fingern nahm er das Schreibbrett entgegen.

 

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Inspiration: Evanescence – „Imperfection“

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Und weil hier wieder alles an Krankheiten angesagt ist, heute nur ein Inspirationspost: Evanescence mit „Imperfection“.
Ich liebe es einfach!

Heimsuchung, Kapitel 17: Sanankas Hilfe

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Spielzimmer hatte er es genannt. Nur ein einziges Mal hatte sich Sananka hier hineingeschlichen und deswegen die schlimmste Tracht Prügel eingesteckt, die sie hier je bekommen hatte: Eine ganze Woche hatte es gedauert, bis sie ihren Arm wieder hatte bewegen können und noch länger, bis alle Blessuren verheilt waren. Oder fast alle. Ihrer Nase sah man den einstigen Bruch noch immer an. Für sie war es damals ebenso das Schreckenszimmer geworden, wenn auch anders als für Pela. Doch sie, das Wieselgesicht, war niemals dafür vorgesehen, hierher geholt zu werden. Selbst eine gerade Nase hätte sie nie so hübsch werden lassen wie Pela.
Sananka erinnerte sich an die Abscheu, den Ekel und den Stolz Pelas. Unter den Kindern hatte sie ihr Privileg genossen. Dennoch war dieser Raum ihr Schrecken gewesen. Sananka hatte gesehen, was Pela geplagt hatte, hatte es gefühlt. Das Spielzimmer war ihr so vertraut; mit weiß gekalkten Wänden, Stuckverzierungen in Blau, Blumenmalereien und eleganten Möbeln war dieses Zimmer der Traum eines jeden kleinen Mädchens. Sogar Spielsachen und Bücher lagen in Regalen und ein dicker Teppich vor dem Bett stellte eine große rote Blume dar. Auf einem niedrigen Tisch ruhte eine Schale mit süßem Konfekt. Ein Spiegeltisch mit Rouge, Lippenrot und Haarspangen rundete das Bild ab. Leider hatte es nie ein kleines Mädchen gegeben, dessen Kinderzimmer es gewesen wäre. Nein, hatte es nur die Mädchen gegeben, die sich wie Puppen herrichten mussten und an denen sich der Dreck dieser Stadt erfreut hatte. Jedes Mal war das Wispern um Pela lauter geworden und auch Sananka hörte es leise hinter ihrem eindringlichen Flüstern. Pela hatte Angst gehabt, jedes Mal, wenn sie hatte herkommen müssen – die gleiche Angst, die nun Dennet verspürte.
Diesen Widerling dazu zu zwingen, hier herunterzugehen, fiel Sananka so leicht. Ihre Stimme hatte dafür gesorgt, dass niemand sie kommen sah, ehe sie jeden Einzelnen von ihnen überwältigte. Die dicke Köchin und die Schafherrs waren bereits zu Bett gegangen. Auch drei der Aufseher hatte sie in den Kammern schlafend gefunden. Nur einer hatte versucht, sich zu wehren, und war nach einem kräftigen Schlag gegen die Kehle an der Treppe liegengeblieben.
Allen hatte sie befohlen, still ins Schlafzimmer zu gehen und sich fesseln zu lassen. Angesichts ihres Dolches und mehreren Schrägen in empfindliche Körperregionen, folgte einer nach dem anderen der Anweisung. Erst nachdem sie allesamt gefesselt und geknebelt hatte, war sie zufrieden. Das Jammer und Wegklagen drang nicht zu ihr durch. Sie spürte kein Mitleid. Sie fühlte nur den Rausch der Überlegenheit.
Während das Feuer im Nebenraum zu lodern begann, erlöste sie Dennet von dem Schicksal mit den anderen ersticken zu müssen. Sie band ihm die Arme auf den Rücken und stopfte ihm seine eigene Unterwäsche in den Mund. Ihr Gesang schürte seine Angst. Sie machte ihn genauso gefügig, wie seine Drohungen und Schläge die Waisenkinder.
Sananka hatte ihn aus dem Schlafzimmer gezerrt. Weinen und Schluchzen begleitete jeden seiner Schritte. Doch es war ihr egal; wie ihm, wenn die Kinder weinten. Weswegen also sollte sie nun daran Anteil nehmen?
Noch hatte Sananka nicht ganz verstanden, was sie mit ihrer Magie alles anstellen konnte, welche Gefühle sie in den Menschen auslösen konnte. Aber der brennende Hass in ihr leitete ihre Stimme und ließ ihn fühlen, was er entzündet hatte: Angst umklammerte ihn so unbändig, wie das dürre kleine Mädchen in Sanankas inneren. Scham durchflutete jeden seiner Gedanken, wie einst Pelas.
Zitternd ging er die Nebentreppe in den Keller hinunter. Dort gab es einen Zugang in das Schreckenszimmer. Sananka kannte ihn nicht, doch Dennet war er vertraut. Den Kindern war der Keller verboten gewesen. Vorräte, Kleidung und Dinge, die schnell für eine weitere Waise gebraucht wurden, lagerten darin. Sananka wusste nur von der Luke im Garten, die sie damals durch Zufall entdeckt hatte.
Im Schein ihrer Lampe entriegelte er ein Regal von der Wand und ließ es beiseite gleiten. Sananka roch den süßlichen Duft, der das Zimmer erfüllte. Ein Kontrast zu dem stechenden Rauch, der das ganze Haus durchzog. Hinter sich schloss sie die Tür des Spielzimmers, stetig eine Melodie summend – seine Melodie. Er hatte sie gesungen, wann immer er Pela geholt hatte. Es war auch das Lied, das Sananka gesummt hatte. Dann, wenn sie sich die Decke über den Kopf gezogen hatte und ihr die Angst zugebrüllt hatte, sie solle sich so tief wie möglich verkriechen. Sie alle hatten sich verkrochen und sich gewünscht, er möge wieder Pela mitnehmen. Jetzt wusste Sananka, diese simple Tonfolge hatte sie beschützt und Pela vor Furcht erstarren lassen.
Sananka schüttelte den Gedanken an Pelas Erinnerungen ab. Wie Flöhe sprangen sie auf und ab und bissen ihr ins Gedächtnis.
Einen Augenblick stockte ihr Gesang, verlor an Kraft und Dennet wurde sich gewahr, wo er sich befand. Er drehte sich um und sah Sananka erstaunt an, bevor er begriff. Als sich seine Augen vor Wut zusammenzogen, hieb Sananka ihm direkt ins Gesicht. Er taumelte, stolperte über den Teppich und schlug sich den Kopf an dem niedrigen Tisch. Die Konfektschale schepperte.
Sananka lächelte, trat zu ihm und griff nach seinem Kragen. Er war zu schwer, als dass sie ihn alleine auf die Beine ziehen konnte. Erneut summte sie. Unter Angst war er formbar, wie eine bewegliche Puppe. Sie zog ihn hoch, er stand auf. Sie dirigierte ihn zu einem Stuhl, er ging zitternd Schritt um Schritt voran. Als er auf dem Sitz saß, verschnürte sie seine Hand- und Fußgelenke fest mit den Armlehnen und Stuhlbeinen. Erst dann beendete sie den Gesang. Wieder dauerte es einige Herzschläge, bis sich seine Trance gelegt hatte und er sich erinnerte. Dieses Mal trat keine Wut in sein Blick. Voller Panik rüttelte er an den Stricken. Doch Sananka wusste, was sie tat. Sie war eine angehende Meuchlerin, jemanden zu fesseln war eine leichte Übung. Lächelnd zückte sie ihren Dolch. „Was? Hast du heute keine Lust, zu spielen? Oder bin ich dir schon zu alt, hmm?“, fragte sie leichthin und lachte. Der bittere Geschmack auf ihrer Zunge erfüllte ihr Gelächter. „Mit Pela hast du früher gerne gespielt.“ Sie stützte sich auf seine Knie und sah ihn scharf an. Dass diese kalten Augen echte Gefühle zeigen konnten, hatte sie nicht erwartet. Aber Angst gab es immer. Jeder hatte Angst. Auch ein solcher Sadist wie er. „Ich weiß, was du mit Pela gemacht hast.“ Nun hob sie die Klinge direkt vor seine Augen. „Ihre Seele hatte unzählige kleine, schmerzende Schnitte, die sie ganz langsam umgebracht haben. Wollen wir austesten, wie lange es braucht, bis dein Körper keine Schnitte mehr verkraftet?“
Sein Wimmern drang tief in sie ein. Es versuchte, die Flammen zu durchbrechen, die ihr Herz ummantelten. Doch der Hass loderte nur noch heißer und verbrannte es zu Asche. Nein, er hatte nie Mitleid gehabt. Er hatte Pela nie gefragt, ob ihr all das gefiel. Er hatte sie nie gefragt, ob sie verkauft werden wollte. Im Gegenteil: Er hatte sich an ihrem Leid geweidet.
Mit dem Gedanken setzte sie die Dolchspitze an seine Wange.

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Heimsuchung, Kapitel 15: Aufbruch

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Sanankas Strafe bestand darin, dass sie die nächsten Tage nicht zur Akademie gehen durfte. Stattdessen schrubbte sie die Küche, entrümpelte den Laden und musste nach dem Schließen am Abend in ihrer Kammer auf dem Boden sitzen und meditieren. Was Najesa damit bezweckte, wusste Sananka nicht. Weder einen Tadel noch ein Lob hatte sie von ihr erhalten. Es war, als wolle sie, dass Sananka viel Zeit hatte, um über ihren Fehler nachzudenken. Doch Pelas Echo in ihr wurde stetig lauter und der Hass, der die Angst aus ihrem Hort vertrieben hatte, raunte mit Pelas Stimme. Die wispernden Wände waren nicht das einzige, was Sanankas ungenutzte Magie hervorgebracht hatte. So lange hatte sie es übersehen, so lange hatte sie nie darüber nachgedacht, aber ihr Gesang war ein weiterer Auswuchs.
Die Stunden der Meditation gaben Sananka die Gelegenheit, ihre Gedanken mit Pelas Flüstern tanzen zu lassen. Wenn Magie so verschieden war, konnte sie noch mehr bewirken, als nur sämtliche Aufmerksamkeit von ihr ablenken?
Sie summte vor sich hin, immer und immer wieder, und nutzte ihre Melodie als Anker für ihre Empfindungen. Sie schickte die leise Tonfolge hinaus zu den Kunden, zu Najesa. Ein Pärchen verließ den Laden mit einer unbegründeten Angst, ein Mann fauchte Najesa ohne Grund an und diese ging in die Küche, um ihrem plötzlichen Verlangen nach Wein nachzugeben. Sananka konnte mit ihrem Gesang spielen und niemand bemerkte es. Ihre Magie war farblos, sie kam ohne Funken, ohne Lichtblitze. Sie schien völlig anders zu sein als die allseits präsente Zauberei der Magier. Niemand nahm Notiz von dem dürren blonden Mädchen, das bei der Arbeit vor sich hin sang.
Sechs Tage später betrat Najesa endlich ihre Kammer und erlöste sie von der Strafe. Sananka saß im Schneidersitz auf dem Boden, sah auf und beendete ihr Lied. Najesa blieb strengen Blickes vor ihr stehen. Nichts an ihr deutete darauf hin, dass sie bemerkt hatte, was Sananka in der letzten Woche geübt hatte.
„Wie willst du deine Aufgabe lösen?“
„Meine Aufgabe?“ Zu spät erst ging Sananka auf, dass Najesa die Feuerprobe in der Anstalt meinte. Doch da blitze es bereits in ihren Augen auf. Ohne Vorwarnung schlug sie nach Sananka. Nur das Zucken der Muskeln kündigte den Schlag an. Trotzdem ließ sich Sananka zurückfallen, rollte sich über die Schulter ab, nur um unmittelbar an der Wand auf die Füße zu kommen. Sie war dem Hieb nur knapp entgangen.
Najesa tat einen Schritt auf sie zu und fragte noch einmal: „Wie willst du deine Aufgabe lösen?“
„Ein Unfall“, antwortete Sananka und wich einem Tritt aus.
„Weiter!“, kommandierte Najesa und holte erneut aus.
Sananka machte einen Satz zur Seite und landete auf ihrem Bett. Mit plötzlicher Klarheit schoss es ihr durch den Kopf: Lieferte sie Najesa keine Antworten, würde diese ihr hier und jetzt in die ewige Schwärze schicken. Unfähigen Meuchlern blieb nur der Tod.
Um Zeit zu gewinnen, sprang Sananka an ihr vorbei und war mit zwei Schritten am anderen Ende ihrer Schlafkammer. „Ich werde ein Messer stehlen, dass beim Essen benutzt wird und jemanden damit in der Zelle die Pulsadern aufschneiden. Es wird nach einem Selbstmord aussehen!“, improvisierte sie. Najesa wurde schneller. Sananka tauchte unter ihren Angriffen hindurch und hechtete zu dem Stuhl an der Wand neben dem Fenster.
„Wen?“
Das dreckige Lachen des einen Insassen schob sich in ihr Gedächtnis und sie biss die Zähne zusammen. „Einen Dreckskerl, der es verdient hat.“ Sananka sprang. Der Stuhl wankte, als sie auf der Sitzfläche landete. „Zelle sieben!“
Nur mit Mühe hielt sie das Gleichgewicht, doch Najesas beendete ihre Lektion. Ihre dunklen Augen funkelten kühl. „Drei Tage“, sagte sie und wandte sich ab, um das Zimmer wieder zu verlassen. „Du weißt, was dir blüht, wenn du dich nicht bewährst.“
Sananka blieb schwer atmend zurück und starrte die Tür an, hinter der Najesa verschwunden war. Ihr Herz hämmerte heftig an ihre Brust. Drei Tage. Bis zum Elehistag hatte sie Zeit zu beweisen, dass sie in der Lage war, einen Auftrag auszuführen und einen Menschen zu töten. Drei Tage, die über ihr eigenes Leben entschieden. Das war genug Zeit, raunte Pela in ihrem Inneren. Zuerst würde sie erledigen, was Pela nicht vermocht hatte. Danach konnte sie sich ihrer Feuerprobe widmen. Mit ihrer Stimme würde sie dem Dreckskerl so viel Angst machen, dass er sich nicht wehrte. Aber Pela hatte Vorrang.
Lächelnd zog sich Sananka um, kleidete sich in Grau und Dunkelblau und nahm das große Schultertuch, mit dem sie ihre Haare und ihr Gesicht verbarg, wenn sie nachts unterwegs war. Nein, sie hatte keine Angst mehr.
Die Gasse neben der Schneiderei war leer und düster. Behutsam stieg sie aus dem Fenster und hangelte sich hinunter auf die Nebenstraße. Sie atmete durch, schloss die Augen und besann sich darauf, sämtliche Aufmerksamkeit von sich abgleiten zu lassen. Ihre Stimme formte eine Melodie daraus und Sananka summte. Als sie auf die Handwerksstraße hinaus trat, beachtete sie niemand.
Erst, als Sananka die Oststadt verließ und nach Düsterturm ging, beendete sie ihr Lied. Sie kletterte am Markt auf eines der Dächer, hockte sich an den Rand und wartete. Bald war Mitternacht, dennoch kreuzten immer wieder Passanten den Platz; Schemen, von den magischen Lampen in buntes Licht getaucht. Sananka konnte die Westwache sehen. Zwei Betrunkene wurden hineingebracht und eine Patrouille brach auf. Doch kein Mensch hob den Blick zu ihr; sie schauten niemals hinauf.
Es dauerte nicht lang, ehe sie Gesellschaft bekam. Kep war nicht sehr geschickt darin, auf Häuser zu klettern. Sie hörte ihn bereits, noch ehe er ganz oben war.
„Sie an, mein Lieblingsinformant.“
Kep richtete sich zu seiner vollen Größe auf und lachte trocken. „Sie an, meine Lieblingsmeuchlerin.“
„Ich dachte mir, dass du mich beobachten lässt.“ Sanankas lächelte, dafür runzelte er die Stirn. „Überrascht?“, fragte sie. „Ich weiß auch so einiges, Kep. Ich weiß, dass du nicht alleine in der Stadt herumstromerst und Informationen sammelst. Ich weiß, dass du eine ganze Straßenbande hinter dir hast und viele Augen in der Stadt; und, dass sie mich beobachten. Die Information, was eine Meuchlerschülerin anstellt, ist sicherlich viel wert, wenn sie so viel Mist baut wie ich, hmm?“
Er wollte etwas entgegnen, doch sie hob eine Hand und schüttelte den Kopf. „Ich gebe dir jetzt eine Information. Und ich erwarte, dass du sie an der richtigen Stelle abgibst.“
Es war das erste Mal, dass sie Verblüffung ins Keps Gesicht sehen konnte. Trotzdem wurde seine Körperhaltung betont lässig, als er näher trat. „Das Überbringen von Information kostet dich aber was.“
„Sag meinem blonden Gardisten, da werden ein paar Kinder einen Helden brauchen.“
Kep wollte etwas sagen, doch Sananka versetzte ihm einen Stoß mit der flachen Hand vor die Brust. „Verhandelt wird später! Jetzt geh und mach deine Arbeit.“
Sie hatte nicht genug Kraft in den Schubs gelegt, um Kep ins Stolpern zu bringen, er verstand die Aufforderung jedoch und ging einen Schritt zurück. Einen Augenblick sah er sie schweigend an. Sie konnte förmlich sehen, wie er versuchte, diese Botschaft zu verstehen. Sananka wartete nicht und nahm Anlauf.
Mit einem Sprung an die gegenüberliegende Wand federte sie sich ab und landete mit einer Drehung in der Gasse unter ihr. Dann lief sie los. Sie vertraute Kep nicht, aber sie war sich sicher, die Aussicht, bei den Verhandlungen um den Preis in der besseren Position zu sein, genügte. Kep würde Kyle benachrichtigen und Kyle, Held der er nun mal war, würde endlich einsehen, dass er sie nicht mehr zu beschützen brauchte.

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Heimsuchung, Kapitel 14: Erwachen

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Ein dunkles Meer umgab Sananka. Sie konnte nicht schwimmen und versuchte hektisch, an die Oberfläche zu kommen. Sie ruderte mit Armen und Beinen und sah einen Lichtschimmer in der Dunkelheit. Dann tauchte sie auf. Ein pochender Schmerz erfüllte ihren Schädel und holte sie in die Gegenwart zurück. Kaum hob sie die Lider, stach ihr das Licht in die Augen und bohrte sich wie Nadeln in ihre Stirn. Doch statt die Augen wieder zu schließen, drehte sie den Kopf. Sie war in ihrer Kammer über der Schneiderei. Und sie hatte Besuch. Kep saß auf einem Stuhl an der Wand gegenüber und grinste ihr entgegen. Neben ihm brannte die Lampe, die die glühenden Spitzen warf. „Na Schlafmütze?“
Sananka seufzte. „Was hast du hier verloren?“
Kep zuckte mit den Schultern. „Ach weißt du, da dein blonder Gardeschüler nur vor dem Haus herumlungert, statt nach dir zu sehen, dachte ich, wenigstens ich sollte nachschauen, wie es meiner Lieblingsschneiderin so geht.“
Freuen konnte sich Sananka über seine Anwesenheit nicht. „Aha“, meinte sie trocken und setzte sich möglichst langsam auf. In ihren Kopf schwamm Pudding und der piesackte sie bei jeder Berührung mit ihrem Schädelinneren. „Und was willst du?“
„Naja, Gerüchte verbreiten sich schnell. Ich habe gehört, dass eine Schneiderin und eine Gardeschülerin daran beteiligt waren, den Geist zu bannen.“
Sananka stellte vorsichtig die Füße auf den Boden. Sie spürte ihre Zehen kaum, ihre Finger waren ebenso taub. Allein ihr rechter Knöchel pochte und war angeschwollen.
„Außerdem habe ich die Information, die du haben wolltest.“
Sie riss den Blick von ihren Füßen los und sah Kep fragend an. „Schon?“
„Ich bin eben gut“, amüsierte sich Kep, beugte sich nach vorne und stützte die Ellenbogen auf seine Beine. „Willst du es nicht wissen?“
Behutsam nickte Sananka, trotzdem stachelte es den Pudding an, sie noch mehr zu piksen. Sie schloss die Augen und hörte Kep zu.
„Ich habe jemanden gefragt, der sich damit auskennt. Er sagte, es könnte eine Art magische Wahrnehmung sein. Wenn ein magisches Potential, so hat er es genannt, nicht geschult wird, sucht es sich einen anderen Weg.“ Sananka sah förmlich, wie er mit den Schultern zuckte. „Manche Leute sehen Feenwesen, andere hören Wispern. Das scheint es sogar häufig zu geben, weil wir, wie drückte er sich aus? ‚Umgeben von Emotionen sind, die ihre Spuren in dem natürlichen Gefüge unserer Welt hinterlassen‘. Oder so in der Art. Menschen, die am gleichen Ort aufgewachsen sind, entwickeln oft ein ähnliches Gespür.“
Sananka atmete tief ein. Kep sprach weiter, aber mehr Erklärung brauchte sie nicht. Sie besaß Magie. Irgendwo verborgen in sich drin hatte sie es gewusst, doch sie hatte es nicht geglaubt. Deswegen hörte sie das Flüstern; all das Leid. Diese Klarheit schwoll in ihrer Kehle zu einem Klumpen an. Die Wände der Anstalt wisperten, weil sie von all der Pein durchtränkt waren. Genauso wie das Waisenhaus. Und sie war nicht die Einzige, die all das wahrgenommen hatte. Tränen krochen ihre Hals hinauf und Sananka schluckte.
„Sananka?“
Kep hatte seine Ausführungen beendet. Als sie die Augen wieder öffnete, sah er sie mit gerunzelter Stirn an. Seinem Blick fehlte jedoch jede Sorge.
„Was?“, fragte sie und kämpfte das Gefühl der Hilflosigkeit nieder. Keine Schwäche zeigen. Nicht vor jemandem, der seinen Lebensunterhalt mit Informationen über andere Menschen verdiente. Kep war nicht ihr Freund.
„Das sollte ich dich fragen.“ Kep lehnte sich mit verschränkten Armen im Stuhl zurück und beobachtete sie. Sananka blinzelte die Tränen fort, war sich aber sicher, dass er sie bemerkt hatte. Vorsichtig stieg sie aus dem Bett und ging zum Fenster. Das Pochen in ihrem Fuß wurde schmerzhaft.
„Wenn ich dich so ansehe, denke ich, die Gerüchte über deine Geisterjagd stimmen.“
„Das kommt drauf an, was sie sagen“, entgegnete sie, ohne Kep anzusehen. Stattdessen warf sie einen Blick durch die Scheibe, hinunter in die dunklen Straßen. Tatsächlich konnte sie dort jemanden stehen sehen, doch das Glas war zu dick, die Gestalt zu verschwommen. War das wirklich Kyle? Machte er sich Sorgen um sie? Oder wollte er nur sichergehen, dass sie nicht noch mehr anstellte? Was auch immer sein Grund war, der Gedanke an Kyles Anwesenheit tröstete sie weit eher als Keps. Gleichzeitig versetzte ihr diese Einsicht einen Stich.
„Habe ich doch gesagt.“
Sananka zuckte zusammen, als Keps Stimme direkt hinter ihr erklang und sie fuhr herum; zu schnell. Der Pudding waberte und wurde zugleich mit den Nadeln des Lampenlichts gespickt. Sananka schloss die Augen und lehnte sich gegen die Wand neben dem Fenster, bis sich ihr Schädel beruhigt hatte.
„Er lungert schon den ganzen Tag dort herum“, fuhr Kep fort. „Auch er hat gehört, dass der Geist gebannt wurde und du daran beteiligt gewesen sein sollst.“
„Pela ist also keine Gefahr mehr?“, fragte Sananka langsam. Erst dann öffnete sie die Augen wieder und sah Kep an.
„Pela?“
Sananka wollte schon nicken, behalf sich dann jedoch mit einem knappen „Ja.“
Auch wenn Kep grinste, hätte Sananka schwören können, in seinem Gesicht einen Anflug von Ärger zu erkennen. Sein sonst ungezwungen Ton wurde von diesem Unmut verfärbt. „Die Gardemagier waren dem Geist – Pela – schon seit Tagen auf der Spur. Sie haben sie nur nicht finden können. Wie man hört, hast du es geschafft, dich gegen ihren Willen zu wehren, und deine Freundin nur niedergeschlagen, statt sie richtig zu verprügeln.“
„Sie ist nicht meine Freundin“, murmelte Sananka und sah an Kep vorbei. Also hatte Pela nicht getan, weswegen sie eigentlich zum Geist wurde. Sie hatte Sananka nicht benutzt, um Dennet zur Rechenschaft zu ziehen. Die Magiergarde hatte es verhindert. Bedächtig ging Sananka ein paar Schritte der Tür entgegen.
„Du weißt, warum sie die Stadt heimgesucht hat?“
Lag da ein lauernder Tonfall in seinen Worten? Sananka musterte ihn. Er wusste es nicht, er hatte gerade geraten. Sie grinste. „Oh, der Herr Informant ist also nicht ganz so gut informiert.“
Keps Gesicht wurde mit einem Mal finster.
„Bist du deshalb hier? Weil du noch mehr herausfinden willst?“
„Und wenn es so wäre? Immerhin habe ich dich gerade über deine wispernden Wände aufgeklärt. Du schuldest mir Informationen.“
„Dann gebe ich dir jetzt eine Information: Halt dich da raus!“ Sie öffnete die Tür, doch Kep war mit einem Satz bei ihr und drückte sie wieder zu. „Dann ist es noch nicht vorbei?“
Sananka sah ihn scharf an. „Der Geist ist gebannt. Es ist also vorbei.“
„Aber da steckt noch mehr dahinter“, stellte Kep nüchtern fest und lehnte sich gegen die Tür.
„Das geht dich nichts an. Ich schulde dir Informationen über Najesas Geschäfte, nicht über meine. Und jetzt lass mich raus, ich brauche was für meinen Schädel.“
Er kam der Aufforderung nicht gleich nach. Mehrere Herzschläge vergingen, ehe er beschwichtigend beide Hände hob und einen Schritt zurücktrat. Sananka öffnete die Tür.
„Du kommst auch aus dem Junghaus-Weisenhaus, richtig? Du hast deinen Namen geändert.“
Die Frage ließ sie innehalten, doch sie gedachte nicht, darauf zu antworten und verließ die Kammer. Bedächtig machte sie sich auf den Weg, die Treppe hinunter und ging in die Küche. Mühsam bewegte sie sich, als wäre sie hunderte Jahre alt. Ihre Muskeln waren schlaff, ihre Finger prickelten. Es dauerte unendlich lang, ehe sie Wasser für einen Tee aufgesetzt hatte und die Kiste mit Najesas Hausmittelchen aus dem Versteck unter dem Küchenschrank hervorgeholt hatte. Sie durchstöberte die Phiolen und Kräuter, bis sie gefunden hatte, was sie suchte. Das Fläschchen war blau und auf dem Zettel prangte die Aufschrift „Sydrinfarn“. Ein paar Tropfen in ihren Tee und es würde dafür sorgen, dass die Schmerzen verschwanden.
Während Sananka den Tee ziehen ließ, gesellte sich Najesa zu ihr. „Ich habe dich hier rumoren gehört“, sagte sie und setzte sich ihr gegenüber. Ihre Augen musterten sie, als suche sie nach etwas. Sie fragte nicht, wie es ihr ging, sie wirkte aber immerhin nicht verärgert.
Sananka seufzte in die Stille hinein und sah auf ihren Tee. „Warum habt Ihr Kep zu mir gelassen?“, fragte sie leise.
„Er bat mich darum.“
Jetzt runzelte Sananka die Stirn. „Warum?“
„Ich habe ihn nicht gefragt.“ Auch Najesas Besorgnis schien sich in Grenzen zu halten.
Sananka nickte langsam und nippte schweigend an ihrem Tee. Die neuerliche Stille hielt nicht lange an. Najesas dunkle Augen ruhten auf ihr, versuchten sich einen Weg in ihre Gedanken zu Boren. „Weswegen warst du in der Rebgasse?“, fragte Najesa.
Sananka seufzte erneut. Sie hatte noch gar nicht daran gedacht, dass sie sich eine Erklärung für ihre Mentorin würde einfallen lassen müssen. „Ich musste Cathlyn abschütteln. Sie misstraut mir.“
Najesas Blick wurde scharf. „Dann war deine Tarnung nachlässig.“
Fast hätte sich Sananka an ihrem Tee verschluckt, doch Najesa stand bereits auf. „Du wirst zurück in deine Kammer gehen und schlafen. Deine Strafe erhältst du danach.“
„Meine Strafe?“ Najesa antwortete ihr nicht mehr, sondern verließ die Küche. „Aber ich …“, begann Sananka und wollte aufstehen. Ihr schmerzender Kopf war dagegen. Überrumpelt sackte sie in den Stuhl und starrte auf den Boden. Najesa hatte recht: Sie war nachlässig. Sie hatte Cathlyn zu viel gezeigt. Trotzdem, Sananka bedauerte es nicht. Sie war diesen Weg gegangen, damit sie sich nicht wieder herumschubsen zu lassen. Und sie wusste, wie sie ihre Feuerprobe angehen würde. Aber es gab jemanden, der um Hilfe geschrien hatte und Sananka war die Einzige, die es verstanden hatte. Das Echo von Pelas Gefühlen nagten an ihr. Das musste sie zuerst erledigen.

 

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Heimsuchung, Kapitel 13: Geteilter Hass

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Drei Nächte lang hatte Sananka versucht, herauszufinden, wie sie Pelas Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Drei Nächte lang war sie nicht dahintergekommen. Sie hatte sich der Erscheinung genähert, hatte mit ihr gesprochen und direkt vor ihr gestanden. Sie hatte in sie hineingegriffen und beim letzten Mal sogar gesungen. Doch Pela hatte nicht auf sie reagiert. Sie war an Sananka vorbeigezogen und hatte sich jemand anderem zuwenden wollen; einem eng umschlungenem Pärchen in einer Wohnung. Allein Sanankas beherztes Klopfen am Fensterladen hatte dafür gesorgt, dass die beiden aufgeschreckt waren und der Geist sie nicht erreicht hatte. Pela war noch durch die Wand in das Zimmer eingedrungen, danach wat sie verblasst und hatte sich so schnell verflüchtigt wie Wasserdampf. Das stetige Flüstern war mit ihr vergangen. Sananka hatte sich grübelnd auf einen gegenüberliegenden Steg gekauert und in die leeren Räume gestarrt. Erst als die Stadtgarde erschien, hatte sie es vorgezogen zu gehen.
Jetzt hockte Sananka erneut dort im Schatten und wartete. Sie hatte herausgefunden, dass Pela immer da auftauchte, wo sie verschwunden war. Nur wenige Minuten streifte der Geist durch die Stadt – ein kurzes Zeitfenster zum Handeln. Doch es war genau die Zeit des Einbruchs in die Anstalt, bis Pelas Hilferuf das Wispern des Hauses und den Glockenschlag des Düsterturms übertönt hatte.
Bei dem Gedanken wurde Sananka schlecht. Sie hatte wieder das Bild der Leiche vor Augen. Zum Glück trug der Geist ihre Engelszüge.
Sananka ignorierte die Übelkeit und konzentrierte sich auf ihr Vorhaben. Irgendwie musste sie zu Pela durchdringen. „Na schön, Pela“, sagte sie zu sich selbst, als sich die durchscheinende Gestalt in dem nun leeren Zimmer manifestierte. „Ich weiß, was du willst. Ich weiß nur nicht, wie ich dir helfen soll, wenn du mich ignorierst.“
Sananka nahm Anlauf und sprang beherzt über die schmale Gasse hinweg, bekam den Fensterladen zu greifen und federte sich gleichzeitig mit den Füßen an der Wand ab. Dann zischte etwas knapp an ihr vorbei und Sananka zog fluchend den Kopf ein. Ohne hinzusehen erkannte sie, dass es der Bolzen einer Armbrust gewesen war. Doch die Stadtgarde war noch nicht wieder hier aufgetaucht. Sananka sah über die Schulter hinab. Der einsame Schütze stand unter ihr. Oder eher die Schützin. Cathlyn warf die Armbrust beiseite und zückte ein Schwert. „Ich wusste, dass du was im Schilde führst, du Aas!“
Sananka schüttelte die erste Verblüffung ab. Die Schülerin trug keine Gardejacke, also war nicht ihr Regeltag bei der Wache. Sie war demnach auf eigene Faust hier. Und sie hatte Sananka nicht treffen wollen. Cathlyn konnte weit besser zielen, sie hätte Sananka nicht verfehlt. Aber warum musste sie ausgerechnet jetzt hier auftauchen? Ärger brachte den Gedanken mit sich, einfach zu verschwinden und Cathlyn ihrem Schicksal zu überlassen. Vielleicht war sie sie dann endlich los. „Du hast dir einen verdammt schlechten Zeitpunkt ausgesucht, Cathlyn“, rief Sananka hinab und warf einen Blick zurück ins Zimmer. Pela hatte ihr bis eben den Rücken zugewandt, nun drehte sie sich um.
„Komm runter! Ich habe dich gestern hier gesehen und ich werde dich bei der Stadtgarde abliefern, für was auch immer du hier getan hast.“
Sananka beachtete Cathlyns Worte nicht, auch wenn es ihr schwerfiel. Sie versuchte die Wut auf das andere Mädchen herunterzuschlucken und sich auf den Geist zu konzentrieren. Pelas große dunkle Augen blickten sie an, nicht durch sie hindurch. Pela sah sie.
„Hör auf, mich zu ignorieren, du Miststück!“
Plötzlich veränderte sich Pelas das Gesicht. Die Ausdruckslosigkeit entschwand, und wich einer Maske aus Blut und zerbrochenen Knochen. Gleichzeitig wurde das Wispern um sie herum lauter. Wortfetzen, Flüche und Verwünschungen zischten durch die Luft – und Sananka verstand.
Cathlyn rief erneut etwas zu ihr herauf, doch Sananka konnte die Worte nicht verstehen. Die Wut gefror, als sie vor der Erkenntnis floh und die Angst schoss aus ihrem Hinterhalt. Es war Wut, die Pela anzog; Wut und Hass.
„Cathlyn, du musst sofort verschwinden!“ Ihre Stimme zitterte genauso, wie Sanankas ganzer Körper.
„Von wegen! Deinen Beutezug werde ich dir vermiesen!“
Aber Sananka hörte ihr kaum zu. Mit all ihrem Willen zwang sie ihre Glieder, ihr zu gehorchen, und ließ sich hinunter in die Gasse fallen. Zu spät rollte sie sich ab und kam mit einem schmerzenden Fuß wieder auf die Beine. Die Angst stolperte und ließ Sananka los. „Hau endlich ab!“, rief sie, als sie auf Cathlyn zulief und auf das Fenster zeigte.
Cathlyn folgte ihrem Fingerzeig und wurde bleich. „Ist das …“, stammelte sie, doch zu mehr kam sie nicht. Sananka hatte beobachtet, wie schnell der Geist sich bewegen konnte, wie rasch er einen Menschen in Besitz nahm. Ohne darüber nachzudenken, sprang sie und rammte Cathlyn den schmerzenden Fuß in den Bauch. Noch während diese zusammensackte, schlug ihr Sananka gezielter in den Nacken, um das andere Mädchen ganz außer Gefecht zu setzten. Dann rannte Sananka weiter. Zwei Schritte, drei Schritte von Cathlyn fort. Schon passierte es.
Ein harscher Eishauch durchfuhr sie und drang in jede ihrer Poren ein. Die Kälte lähmte Sananka. Sie spürte ihren Körper nicht mehr. Dafür überflutete Pela ihre Sinne; Bilder und Gefühle schossen durch ihr Bewusstsein. Sie sah verzerrte Gestalten, hörte unbestimmtes Wispern und fühlte Schmerzen in ihrem Unterleib. Nur ein Gesicht wurde plötzlich deutlich: Dennet Schafherr. Sananka hob ihre Hände, sie waren blutig. Es war ihr eigenes Blut. Das Blut wandelte sich in Trauer, Ekel und Hass. Sananka wollte schreien, doch sie hatte keine Kehle. Sie war wie das Flüstern um sie herum; stimmenlos. Aber sie hatte Fäuste, mit denen sie auf diese boshafte, verhasste Grimasse einschlagen konnte. Sie wusste, was er war. Sein hämisches Grinsen verändert sich. Hörner wuchsen aus den Wangen, die Zähne zu Hauern und die Augen glühten gelb. Noch immer stach ihr Leib, als habe jemand eine heiße Klinge direkt hineingestoßen. Noch immer sickerte Blut hervor. Doch je mehr Blut floss, desto mehr brannte der Zorn auf dieses Monster – und Sananka schlug zu. Sie wollte Dennet das Grinsen aus der Visage schlagen, sie wollte den Dämon vernichten, sie wollte ihren Frieden haben und nie wieder solch einen gierigen Blick ertragen müssen.
Aber kaum holte sie erneut aus, gehorchten ihre Fäuste ihr nicht mehr. Ihre Arme wurden eingezwängt und ihr auf den Rücken gerissen. Etwas hielt sie fest, sie konnte sich nicht bewegen. Ihr Verstand wurde aufgerissen, ein fremder Wille zwängte sich in ihren Kopf und versuchte, sie mit gelben Gleißen aufzuhalten. Der Schmerz in ihrem Schädel maß sich mit dem in ihrem Unterleib und Sananka schrie. Hass und Verzweiflung krallten sich an ihrem Herzen fest, durchfluteten den Hort der Angst. Plötzlich wurde sich Sananka ihrer selbst wieder bewusst – und dessen, was gerade geschehen war. Die Magiergarde war erschienen.
Nur langsam nahm Sananka ihren eigenen Körper wieder wahr; sie spürte die Kälte in ihren Gliedern. Einzig ihr Herz brannte noch vor Hass. Sie teilte Pelas Zorn und Ekel. Pela hatte Dennet weit mehr verabscheut als sie selbst. Er war für sie zu einem Monster geworden. Er hatte sie ihr Leben lang gequält, hatte ihr ganzes Denken vereinnahmt. Sogar ihr Verschwinden war sein Werk. Er hatte sie verkauft, aber Pela hatte immer nur ihn gesehen und niemanden sonst. Kein Wunder, dass man sie in die Irrenanstalt gesteckt hatte.
Stimmen wurden um Sananka laut und sie erkannte verschwommen die Menschen um sie herum. Magier in roten und grauen Mänteln. Eine weiße Gestalt schwebte direkt neben ihr. Dann schimmerte die Luft von blauer und gelber Magie und Pela verschwand. Jemand sah Sananka ins Gesicht und erst jetzt wurde ihr klar, dass sie auf dem Boden lag. Der Jemand sagte etwas, doch in ihren Ohren wurde das Rauschen ihres Blutes lauter. Mit dem Rauschen kam die Schwärze, die sich über sie legte und sie auch endlich die Kälte vergessen ließ.

 

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Heimsuchung, Kapitel 11: Konfrontation

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Sananka betrat die Akademie erst kurz nach der Mittagszeit. Zwei Stunden würde sie gleich an den Schwertübungen teilnehmen, danach hatte sie etwas Zeit, Kleidung zu flicken. Ein ordentlich gefalteter Stapel lag auf dem Tisch bereit. Gerade hängte Sananka ihre Nähtasche über eine Stuhllehne in der Zeugkammer, da kam Cathlyn herein. Mit ärgerlichem Blick langte sie nach Sanankas Kragen. Sananka reagierte rasch genug, zog einen Arm aus ihrer Jacke und entwand sich dem Griff. Verblüfft stand Cathlyn mit der Jacke in der Hand dort und Sananka grinste. „Das war nicht nur Glück.“
Der Blick, mit dem Cathlyn sie maß, war eine Mischung aus Verständnislosigkeit und unverhohlenem Hass. Sananka lachte trocken und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich lass dich nicht mehr auf mir herumtrampeln.“
Dass Cathlyn nicht die schnellste Denkerin war, wusste Sananka schon lange. Sie war nicht dumm, aber nicht in der Lage mit Überraschungen umzugehen. Und genau das konnte Sananka ausnutzen; das war Cathlyns größte Schwäche.
„Das werden wir ja sehen!“, stieß Cathlyn zwischen den Zähnen hervor und warf die Jacke zu Boden. Erneut ging sie auf Sananka los und holte aus. Doch Sananka wich nicht zurück, sondern trat einen Schritt auf die Gardeschülerin zu. Sie bückt sich, hob ihre Kleidung auf und tauchte gleichzeitig unter dem Schlag hindurch. In einer fließenden Bewegung legte sie die Jacke zu ihrer Tasche auf den Stuhl und wandte sich wieder Cathlyn zu. Die Tür hatte sie nun im Rücken. „Ich hoffe, du hast viel Ärger wegen des zerrissenen Hemdes bekommen.“ Sananka grinste zynisch, drehte sich um und ließ Cathlyn stehen. Kaum war sie im Flur, lief sie schneller und war bereits an der nächsten Ecke, als Cathlyn wütend aus der Zeugkammer platzte. Hier kamen Sananka schon andere Gardeschüler entgegen. Und hier würde sich Cathlyn keine Blöße geben.
Die Hände in den Hosentaschen schlenderte Sananka hinaus auf den Platz und grüßte ein paar Schüler. Kurz danach stapfte Cathlyn hinterher. Sananka sah sich die Übungsschwerter auf dem Waffenständer an. „Das … du kleines Miststück!“, war das erste, was Cathlyn von sich gab.
Sananka drehte sich zu ihr um und tat, als wisse sie nicht, wovon sie sprach. „Äh, meinst du mich?“
„Klar meine ich dich! Du bist ein hinterhältiges Miststück!“
Sananka schüttelte unwissend den Kopf. „Was habe ich gemacht?“
„Das weißt du ganz genau!“
„Ach ja?“
Cathlyn kam drohend auf sie zu und Sananka wich an den Waffenständer zurück. Die Gardeschülerin ragte vor ihr auf, zwischen ihnen war nur das Übungsschwert, das Sananka in den Händen hielt. Doch wie erwartet, hielt jemand Cathlyn ab. Einer der besseren Schüler griff nach Cathlyns Schulter und Sananka hatte Mühe, nicht zu feixen. „Komm Cathlyn, wir wissen alle, dass du sie nicht leiden kannst und du ihr die Gedärme aus dem Leib prügeln könntest.“ Es war Jeydon, der Prüfling, den sie neulich noch auf dem Markt getroffen hatte.
„Und alles nur wegen einem Jungen“, kicherte Haje.
Cathlyn riss sich los und funkelte die anderen Gardeschüler an. „Ihr habt keine Ahnung! Sie ist nicht das, was sie vorgibt, zu sein.“
„Sie ist eine Schneiderin, die kämpfen will“, lachte jemand. Die Tatsache, dass Sananka sich bei den Übungen nicht besonders gut anstellte, hatte immer schon für Belustigung unter den Schülern gesorgt. Jetzt würde es ihr helfen, Cathlyn in die Schranken zu weisen.
Endlich schien auch Cathlyn zu verstehen, was hier vor sich ging. Fassungslos sah sie zwischen den Anwesenden hin und her. Sananka hob die Schultern und grinste schief.
Verärgert schrie Cathlyn ihren Frust heraus, stapfte zu dem Waffenständer und nahm eines der Schwerter. Mit der Spitze deutete sie auf Sananka. „Ich möchte heute mit ihr üben!“
„Das wird Meisterin Ituren nie zulassen“, sagte Jeydon. Einige andere nickten und sogar Enyo meldete sich nun zu Wort. „Ituren lässt dich nicht mal gegen mich antreten.“
„Das ist mir egal!“ Sie blicke Sananka ärgerlich an. „Komm schon! Drückst du dich jetzt?“
Sananka sah sich zwischen den Gardeschülern um, als wisse sie nicht, was das zu bedeuten hatte. Sollte sie nun wirklich Prügel einstecken, nur um Cathlyn dumm dastehen zu lassen? Najesas Tarnung funktionierte bestens, aber ab und zu durfte sie gewinnen. Zwar war sie im fairen Schwertkampf Cathlyn sicherlich nicht gewachsen. Doch mit kleinen Tricks konnte sie siegen, ohne ihre wahren Fähigkeiten zur Schau zu stellen. Und wenn Cathlyn wütend war, machte sie Fehler.
Der Gedanke gefiel Sananka und sie wischte sich mit einer Hand über das Gesicht, um ein Lächeln zu verbergen. Stattdessen sah sie Cathlyn mürrisch entgegen. „Du hast einen verdammt schlechten Tag, hmm? Was ist passiert? Hat Kyle wieder den Helden gespielt und dir gesagt, dass du aufhören sollst, auf mir herumzuhacken?“, höhnte sie und verdrehte die Augen.
„Es geht nicht um Kyle!“, hielt Cathlyn dagegen.
„Klar.“ Sananka schüttelte die blonden Locken. Zustimmendes Kichern unter den Schülern bestätigte Sanankas Worte. „Es ging ja nie um Kyle. Aber weißt du was? Ich habe ihn nie darum gebeten, sich als Beschützer aufzuspielen. Im Gegenteil: Du kannst ihn haben.“
In Cathlyns Blick funkelte es. Sie wütend zu machen, war so einfach.
„Aber ich glaube, er will dich nicht. Er ist nämlich einer von den Guten, du nicht.“
„Du Aas!“ Hätte Jeydon nicht noch bei ihnen gestanden, hätte sich Cathlyn bestimmt sofort auf Sananka gestürzt. „Du weißt ganz genau, dass das nichts mit Kyle zu tun hat!“, blaffte sie und gab Jeydon einen Stoß.
„Ach nein?“
„Schneiderlein, hör auf!“, warnte nun auch Jaydon und griff nach Cathlyns Arm.
„Warum?“, fragt Sananka und ließ prüfend ihr Schwert durch die Luft sausen. „Besser, sie verprügelt mich hier, als irgendwo in einer Gasse.“ Auffordernd sah sie Cathlyn an. „Na schön, aber hau nicht zu fest zu, ja?“
Cathlyn riss sich mit einem Ruck von Jeydon los und folgte ihr auf das Feld. Sananka verkniff sich das Lächeln.
„Hältst du das für eine gute Idee?“ Enyos sah sie mit großen Augen an.
Sananka hob die Schultern und nahm ihre Kampfposition ein. „Na, mehr als ein paar Knochen brechen kann sie mir hier ja nicht, oder?“
Doch zu einem Angriff kam es nicht. Jeydon und Haje stellten sich Cathlyn in den Weg. „Was willst du damit beweisen?“, fragte er Cathlyn.
„Ich will euch zeigen, dass sie mehr kann, als sie zugibt. Sie ist nicht das hilflose Schneiderlein!“
„Nein, bin ich nicht.“ Sananka schob sich zwischen den beiden Schülern vorbei. „Und ich will auch nicht, dass mich jemand beschützt, verdammt noch mal.“
„Deswegen ist sie hier“, hallte Meisterin Iturens dunkle Stimme über den Platz. Die hochgewachsene Schwertkämpferin musste bereits eine Weile zugesehen haben und maß Sananka mit einem scharfen Blick, ehe sie sich Cathlyn zuwandte. „Sie ist hier, um zu lernen, sich zu verteidigen. Du bist Gardeschülerin und Prüfling noch dazu. Du wirst ausgebildet, die Stadt zu beschützen. Menschen wie sie. Du wirst nicht gegen sie antreten. Cathlyn, dein Partner für heute wird Enyo sein. Lerne zu respektieren, dass es nicht jedem so leicht fällt wie dir. Sananka, du übst mit Belyn.“
Cathlyn warf Sananka einen Blick zu. Wäre er ein Dolch, hätte er mehrfach auf sie eingestochen und ihr danach die Kehle durchgeschnitten. Auch, wenn Sananka Cathlyn lieber vor aller Augen vorgeführt hätte, sie hatte zumindest einen Teilsieg errungen.
Die Schwertübungen mit Belyn, einem breiten und kräftigen aber dafür langsamen Jungen, erwiesen sich als einfacher, als Sananka gedacht hatte. Mit dem Versuch, seine Schläge zu parieren, ließ sie sich mehrmals zu Boden drängen. Die zwei Stunden vergingen rasch und die Schüler wurden zu Leibesübungen verdonnert, während Sananka sich mit schmerzenden Armen auf den Weg in die Zeugkammer machte.
Nach einer Begutachtung der Kleidung wählte sie eine Handvoll aus, die sie erledigen konnte, bevor die Gardeschüler zum Abendessen gingen. Cathlyn würde garantiert noch einmal hier auftauchen und hoffentlich vor Wut in Flammen aufgehen, wenn Sananka fort war. Stich um Stich setzte Sananka und malte sich aus, wie sehr sie Cathlyn damit wohl reizte. Den ersten Ärmel hatte sie bereits in eine wieder ansehnliche Form gebracht, da erschien jemand in der Tür. Kyle blieb im Türrahmen stehen und sah sie an, ohne etwas zu sagen. Was er wollte, konnte sie nur vermuten. Sie hätte ihn nicht am Tatort ansprechen und zulassen sollen, dass er von ihrer Anwesenheit erfuhr. Im Nachhinein ärgerte sie sich über sich selbst. „Was?“, fragte sie.
Kyle schloss die Tür hinter sich. „Warum warst du gestern da?“
Also hatte sie recht. Sananka grinste, auch wenn ihr nicht danach zumute war. „Weil ich gerne abends durch die Stadt stromere und ab und zu sogar mal in eine Taverne gehe.“
„Und warum warst du so lange beim Tatort?“
Sananka hob die Schultern und nahm die Schere zur Hand. „Da ist eine Taverne in der Nähe, da war ich drin, nachdem ich Pela gesehen hatte.“ Mit einem Schnitt war der Faden durchgetrennt und Sananka legte das Hemd zur Seite. „Dann kam jemand aufgeregt reingerannt und hat davon erzählt, dass was passiert sei und, naja, ich war neugierig.“ Sie sah von der Hose auf, die sie nun auf dem Schoß liegen hatte. „Sonst noch was, Herr Inspektor?“
Kyles Kiefer bewegte sich, als knirsche er mit den Zähnen. Da hatte sie also einen Nerv getroffen. Hatte er gehofft, sie würde nicht merken, dass er sie befragte? Dennoch seufzte sie. Auch, wenn sie ihn ansonsten belog, zumindest konnte sie in Einem die Wahrheit sagen: „Hör mal, ich war ganz schön durch den Wind, als ich Pela gesehen habe. Ich wollte einfach nur, keine Ahnung, ich habe mich setzen wollen und irgendwas trinken. Das ist alles.“
Langsam nickte Kyle und fand endlich seine Sprache wieder. „Also bist du dir sicher, dass es Pela ist?“
„Ja, bin ich“, presste sie den Satz an einem Pfropfen in ihrer Kehle vorbei, der ihn lang und dünn machte – selbst in ihren Ohren klangen die Worte verloren. Sie schluckte. Natürlich war sie sich sicher. Sie beobachtete den Geist mittlerweile seit mehreren Nächten. Trotzdem saß jedes Mal ein Bienenschwarm in ihrem Magen, der von dem kalten Wispern davon schwirren wollte und ihr mit Stichen befahl, das gleiche zu tun. „Leider. Es ist Pela.“
Erst, als Kyle sich bewegte, wurde Sananka klar, wie steif er die ganze Zeit dagestanden hatte. Erneut nickte er und tat einen Schritt auf sie zu. Was immer er zu sagen hatte, es fiel ihm schwer. „Wärst du bereit, Pela auf der Westwache zu identifizieren?“
„Was?“ Mit Vielem hatte sie gerechnet, doch nicht mit dieser Bitte.
„So lange nicht klar ist, wessen Geist die Stadt heimsucht, kann sie nicht aufgehalten werden.“
Eine Vorstellung davon, wie das aussehen mochte, hatte Sananka. Geister wurden verbannt und Verbannung bedeutete Vernichtung. „Und du meinst, es würde helfen, wenn denen jemand sagt, dass es Pela ist?“
Erneut nickte Kyle, musterte den Boden und murmelte sogar ein „Bitte“.
Sananka öffnete den Mund, wusste aber im ersten Moment nicht, was sie dazu sagen sollte. Pela hatte um Hilfe gerufen, ehe sie gestorben war. Sie rief noch immer um Hilfe. Jedes Mal, wenn sie erschien, drang das verzweifelte Flüstern zu ihr durch und zerrte an ihrem Verstand. Sie wollte diesen Dämon zur Verantwortung ziehen, sie suchte Dennet. Also schüttelte Sananka den Kopf. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Sag du es ihnen doch einfach.“
„Ich habe sie nicht selbst gesehen.“
„Gibt es nicht noch andere Zeugen? Ich meine, sie wimmert die ganze Zeit, das muss doch jemand gehört haben.“
Kyles Blick traf den ihren. „Vielleicht. Das werde ich jetzt herausfinden“, sagte er zögern.
Es war nur eine flüchtige Falte auf seiner Stirn und dieser Tonfall, der Sanankas Befürchtung bestätigte: Pela sprach zu niemand anderem. Die nächsten Worte wählte Sananka mit Bedacht. „Ich werde es mir überlegen, ja? Ich habe nämlich keine Lust, mich über das Waisenhaus ausquetschen zu lassen.“
„Danke.“ Mehr sagte Kyle nicht, ehe er ging und Sananka mit einem wirbelnden Gedanken zurückließ. Sie hätte Kyle nicht sagen dürfen, dass es Pela war. Sie hatte nicht über Konsequenzen nachgedacht und dem Drang nachgegeben, es jemandem zu erzählen. Nun blieb ihr keine Zeit. Kyle hatte ihr etwas Wichtiges verraten. Als sie die Erkenntnis festhielt, leuchtete sie so klar wie die magischen Lampen: Allein sie schien Pelas Hilfeschrei zu vernehmen. Und allein sie konnte ihr helfen.

 

 

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